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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 04, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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M. Jahrgang
Die „Friedensoffensive
Noch immer bestehen berekWgte
Zweifel darüber, ob die äußerlich ge
mäßigtere Haltung des neuen Re
girnes in Moskau eine neue Varia
tion der Stalin'schen Bemühungen
ist, während man aggressive Akte vor
bereitet, die Wachsamkeit der Welt
durch Friedensillusionen zu täuschen,
oder ob nicht doch ein neues Kapitel
in den Beziehungen der beiden mäch
tigsten Staaten der Welt, der So
wjet-Union und den Ver. Staaten,
Beginnt.
Nicht die Worte, sondern die Taten
werden diese Frage entscheiden. Nach
den bisherigen Erfahrungen wird
man kaum zu hoffen wagen, daß die
Männer im Kreml nun plötzlich bereit
sein werden, die Sowjet-Union und
die ihr hörigen Staaten abzurüsten,
daß sie freien Wahlen in Deutschland
zustimmen, den so lange verschobenen
Vertrag mit Oesterreich unterzeichnen
und ihre Bemühungen einstellen wer
den, im Mittelosten immer neue ^Be
unruhigung zu schaffen. Werden die
Männer um Malenkow im Gegensatz
zu Stalin ehrlich darauf hinarbeiten,
den Angriffskriegen des Kommunis
mus in Korea, Jndo-China und Ma
laha ein Ende zu machen?
Die Friedensschalmeien, mit denen
tie Sowjet-Union im Jahre 1932 in
den Völkerbund eintrat und 1939 den
Freundschaftspakt mit Hitler schloß,
bedeuteten wahrlich keine wirkliche
Wandlungen der Sowjet-Gesinnung,
sondern lediglich der Sowjet-Taktik.
Bei allem Wechsel ihrer Methoden ha
ben die Machthaber im Kreml unent
toegt ihre Absicht verfolgt, das bol
schewistische System nach West und Ost
auszudehnen, um ihm schließlich die
Alleinherrschaft auf dem Erdball zu
sichern. So lange das Sowjet-System
in Rußland und den gleichgeschalteten
Staaten seine Bürger in dieser Den
kungsart schult, haben wir allen
Grund, den Friedeustönen aus dem
Kreml äußerstes Mißtrauen entgegen
zubringen und gewissenhaft zu prü
"fen, welche Motive und Absichten hin
ier der neuen Sprache Moskaus ste
hen.
Wochenkhsu
Gerade in diesen Tagen erschien ein
recht pessimistisches Buch von James
Burnham, das die Probleme der ame
rikanischen Sowjet-Politik untersucht,
unter dem Titel „Containment and
Liberation?" (New Aork, The John
Day Company). Das Buch legt dar,
welche -gefährliche Stärke, besonders
nach der in Amerika in ihrer Trag
weite noch immer unterschätzten Bol
schewisierung Chinas, der Kreml be
reits heute in der Weltpolitik gewon
nen hat. „Die Sicherheit der Ver.
Staaten und aller Nationen, die sich
noch ihrer Unabhängigkeit erfreuen
ist in emster Gefahr," so versichert der
Autor. „Die Gefährdung ist bereits
eine Wirklichkeit der Gegenwart, nicht
erst eine vage Möglichkeit der Zu
fünft." Das ist in Burnhams Augen
der Grund, warum ein Burgfrieden
mit den Russen aus der Basis des
status quo ein höchst wagehalsiges Ri
fiko darstellt, denn die Konsolidierung
feiner noch unverdauten letzten Erobe
rungen würde den Bolschewismus
weiter erstarken lassen und zu einer
noch größeren Gefahr für den Westen
machen. Der Verfasser mag vielleicht
zu schwarz sehen und mit dem Gedan
ken eines Präventivkrieges spielen,
aber seine Ausführungen verdienen,
soweit sie sachlich sind, Beachtung.
Ruhige Prüfung
Andererseits aber darf auch nicht
Hrußer Acht gelassen werden, daß es
innerhalb der westlichen Welt nicht
wenige gibt, die so stark von der Un-
Versöhnlichkeit der weltpolitischen Ge
gensätze überzeugt sind, daß sie die
Auseinandersetzung mit den Waffen
für unvermeidlich halten. Dieser Fa
talismus hat eine lähmende Wirkung.
Statt von unabänderlichen, unweiger
lich eines Tages zum Kriege führen
den Gesetzen zu sprechen, sollten alle,
die irgendwie Einfluß auf die öffent
liche Meinung haben, lieber die tat
sächlichen 'Ereignisse der jüngsten Ver
gangenheit genauer Prüfen. Vielleicht
hätte im Juli 1914 ein wenig mehr
Unbefangenheit, ein wenig mehr Ent
schlossenheit Entschlossenheit zum
Frieden und ein wenig mehr
Staatskunst das Unheil verhüten kön
nen. Wer einmal die Vorgeschichte des
ersten Weltkrieges genau studiert hat,
sollte von der lebensgefährlichen Mei
nung geheilt fein, Gegensätze zwischen
den Mächten würden eines Tages so
groß, daß sie sich im Kriege entladen
„müssen". Der erste Weltkrieg ist ent
standen, weil man in allen Haupt­
städten zu wenig davon wußte, was in
den anderen Staaten gedacht wurde
„Unabänderliches" war nicht dabei.
Moskau'er Hetze
Allerdings machen es die Abge
schlossenheit und die undurchsichtige
und stets wechselnde Taktik des
Kremls ungemein schwierig, einen kla
ren Ueb'erblick über die Lage zu gewin
nen. Das gilt auch von der gegenwär
tigen Haltung der neuen Machthaber
in Moskau. So drehte letzte Woche der
Moskau'er Rundfunk plötzlich feine
Friedenspropaganda ab und erklärte
in der altgewohnten Weise, die ge
plante westeuropäische Armee sei das
Werkzeug amerikanischer Imperiali
sten.
Der in deutscher Sprache gehaltene
Rundfunkbericht aus Moskau war
diesmal für die Zuhörer in West
Deutschland bestimmt, wo der Bun
destag den Armeevertrag angenom
men hatte. Der Angriff erfolgte durch
Boris Leontyew, den gleichen Rund
funk-Kommentator, der drei Tage zu
vor in den friedlichsten Tonnen das
Nebeneinander von Kommunismus
und Kapitalismus gefeiert hatte. Nun
aber redete er in ganz anderer Ton
art und sagte, es sei klar, daß jene
europäischen Staatsmänner, die für
die Schaffung einer europäischen Ar
mee eintreten, des Landesverrats
schuldig seien. Er war besonders
schlecht auf die Regierung des west
deutschen Kanzlers Konrad Adenauer
zu sprechen und sagte, Adenauer habe
die Annahme des europäischen Ar
meevertrags damit rechtfertigen wol
len, daß die Ver. Staaten darauf
drängten. Er habe sich dabei von der
amerikanischen Propaganda die of
fensichtliche Lüge ausgeborgt, daß
West-Deutschland vom Osten her be
droht sei, aber dabei vergessen, daß
diese Luge durch die Tatsachen der
russischen Friedenspolitik aufs Be
stimmteste widerlegt worden sei.
Leontyew behauptete, die Bonner
und Pariser Verträge, also der Frie
densvertrag der Alliierten mit West
Deutschland und der europäische
Sechsländer-Arrneevertrag, gälten
nicht dem Schutz vor einer eingebil
beten Gefahr vom Osten her, sondern
sie hätten überhaupt nichts mit Ver
teidigung zu tun, seien vielmehr zum
Angriff bestimmt.
Er nahm den Standpunkt ein, die
Annahme der Verträge sei nicht bin
dend, weil sie nicht vom deutschen
Volk ratifiziert worden feien. Auch die
Franzosen seien gegen den „Kriegs
vertrag" und gegen die europäische
Armee und ebenso die Bevökerung
von Italien, Belgien, Holland und
von ganz Europa.
Die Europäer wünschten keinen
neuen miitärischen Angriff gegen die
SoÄjet-Union und die Länder der
Voksdemokratien in Ost-Europa, setz
te Leontyew auseinander, und mit
Unterstützung aller sriediebenden
Mächte in Europa könne das deutsche
Vok diese Angriffspäne tiereiten, wenn
es die Sache des Friedens und seine
nationale Selbständigkeit selber .in
die Hand nehme.
Solche wetterwendische Hetze ist
selbstverständlich der Sache "des Frie
dens nicht förderlich und stärkt den
Verdacht, daß das Friedensmanöver
Malönkows ebenso wenig ernst ge
nommen werden kann wie vordem die
zahlreichen Friedensmanöver Stalins.
Mehrfach hat dieser den Friedenswil
Ien der Sowjet-Union angekündigt
und sogar einen kostenlosen Propa
ganda-Effekt in der westlichen Presse
erzielt, da diese in ihrem Streben
nach objektiver Berichterstattung die
Elaborate der Moskau'er Propagan
da nebst sämtlichen Ausfällen gegen
die westlichen Regierungen getreulich
wiedergab. Aber als es darauf an
kam, wenigstens in Korea den Kämp
fen ein Ende zu setzen, versagte der
gute Willen der Kommunisten völ
lig. Die langen Verhandlungen von
Panmunjom haben infolge der kom
munistischen Absicht, die Kämpfe in
Korea fortzuführen, nur zu unserer
systematischen Verleumdung mit infa
men Verdächtigungen geführt, aber
keinen praktischen Weg zur Beendi
gung der Kämpfe eröffnet.
Neues Waffenstillstands- und Frie
deusgerede
Es wäre zu begrüßen, wenn dieses
scharfe Urteil über die bisher geübte
kommunistische Unehrlichkeit auf die
neuesten Friedensgesten nicht zuträ
fe. Aus Tokio wurde am Sonntag
gemeldet:
„General Mark Clark kündigte ge
stern abend an, das Oberkommando
An Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe des »Wunderer'
sei für die Wiederaufnahme der Waf
fenstillstandsverhandlungen, wenn sich
die Kommunisten wirklich äuf einen
Austausch der erkrankten und ver
wundeten Kriegsgefangenen vor dem
Ende des Krieges einlassen wollen.
„In einer gestern in Panmunjom
überreichten Note haben sie diesen von
General Clark ant 22. Februar ge
machten Vorschlag bedingungslos an
genommen und damit den Vorschlag
verbunden, auch die Waffenstillstands
Verhandlungen, die am 5. Oktober
abgebrochen wurden, wieder aufzu
nehmen.
„Die Note mag mit den Friedens
gesten des neuen Regimes in Moskau
in Zusammenhang stehen, obwohl sie
nicht recht mit der Entwicklung der
Lage an der koreanischen Front in
Einklang zu bringen ist, wo die Ro
ten die größten Angriffe in den letzten
fünf Monaten unternommen haben."
Aus Washington kam dazu der op
timistische Kommentar:
Die Ver. Staaten sind damit ein
verstanden, daß erkrankte und ver
wundete Kriegsgefangene in Korea
sofort ausgetauscht werden, und in
amtlichen Kreisen hält man es nicht
für ausgeschlossen, daß der Krieg bald
beendigt werden kann.
Im Staatsdepartement wurde er
klärt, daß General Mark Clark die
Vorbereitungen für den Austausch
auf der Stelle beginnen kann und
daß dem Austausch nichts im Wege
steht, wenn das Angebot der Kommu
nisten ernst gemeint ist.
Die Verbreitung des Angebots
durch den Rundfunk in Tokio und
Pyongyang wurde hier ausnahms
weise nicht als Propagandamanöver
hingestellt, sondern so ernst genom
men, daß sofort Konferenzen zwischen
Staats- und Wehrdepartements er
folgten. Staatssekretär Dulles sagte,
die Ver. Staaten hofften, „daß dieser
Austausch von Gefangenen sofort er
folgen und jenen, die leiden, und ih*
reit Angehörigen und besorgten
Freunden Erleichterung verschaffen
wird".
Und vorher hatte das Wehrdeparte
ment die Erklärung ausgegeben, daß
„die kommunistische Botschaft eine be*
dingungslose Annahme des am 22.
Februar von General Mark Clark ge
machten Vorschlags ist, die kranken
und verwundeten Gefangenen, die
reisefähig sind, im Einklang mit dem
Artikel 109 der Genfer Konvention
auszutauschen.
An der Gefangenenfrage sind be
kanntlich die Waffenstillstandsver
handlungen gescheitert. Man ist da
her darauf gespannt, ob sie mit der
Aussicht auf eine Einigung wieder
aufgenommen werden können.
Ansichten über die Lage in Moskau
Wie am Samstag aus Bonn ge
meldet wurde, erklärte Kanzler Aden
auer in einer Ansprache, die politi
schen Erben. Stalins machen „ohne
Zweifel eine Periode innerer Unrast
in Rußland durch". Doch warnte er
die freie Welt, sich nicht zu sehr auf
eine Atempause zu verlassen und den
Verteidigungsaufbau einzustellen.
Bezugnehmend auf friedliche Ge
sten Moskaus sagte er: „Meiner An
sicht nach gibt es nur eine einzige
mögliche Politik Rußland gegenüber.
Sie besteht darin: Erstens, jeder ech
te Friedensfühler muß beachtet und
geprüft werden. Zweitens, wir müs
fen uns bewußt werden, daß die Ver
suchung für die Sowjet-Politik, etwas
anderes zu unternehmen, als den
Frieden zu suchen d. h., sich in ein
neues Abenteuer zu stürzen —, so
groß ist, daß der Westen unerschütter
lich den Aufbau feiner Verteidigung
fortsetzen muß. Dies ist der einzige
Weg, den wir gehen können.
„Und die Europäische Verteidi
gungs-Gemeinschaft ist ein Teil dieses
Verteidigungseinsatzes. Sie ist ein
Instrument, um den Frieden zu si
chern. Indern wir Teutschland und
Frankreich in einer europäischen Ar
mee zusammenbringen, würden wir
auch irgendeinen zukünftigen Krieg
zwischen.unseren beiden Ländern ver
meiden ein Krieg, der Europa für
alle Zeiten zerstören würde."
In einer andern Ansprache einige
Tage zuvor führte Dr. Adenauer aus,
daß die neuen Herren in Moskau
darauf spekulieren, daß die Pläne für
die Zusammenarbeit der westlichen
Welt scheitern würden und daß damit
die Sowjet-Union „ihr Ziel der Welt
herrschaft ohne Kampf" erreichen
könne. „Der Westen darf nicht zulas
sen, daß so etwas geschieht," sagte Dr.
Adenauer.
Adenauer erbat die Unterstützung
ganz Europas für die Verträge, mit
denen eine starke europäische Armee
geschaffen und West-Deutschland pM?
(enxffeielei Ii« PDMiche» Iii tmn .tefentme* *s* Heftes let Priesterzöali-g^ -7 Preis fit eis Zshr i» de» Ver. Stmtte» |8j00, i» tuili ss tBe* e**crei **a»m1 $346.
tisch ein Alliierter der westlichen Welt
werden soll, und sagte: „Diese Ver
träge sind dazu bestimmt, den gesam
ten, freien Westen zum Siege der
Freiheit und der Gerechtigkeit zu füh
ren." Wenn Moskau eines Tages er
kennen werde, daß es seine Ziele nicht
mit kriegerischen Mitteln erreichen
kann, dann könnten Verhandlungen
erfolgversprechend sein.
Adenauer sprach aus der Jahres
versammlung von Christlichen Demo
kraten, die aus dem von Kommunisten
beherrschten Ost-Deutschland geflohen
sind. Er erklärte, daß „das Recht letz
ten Endes über das Unrecht trium
phieren wird", und knüpfte daran die
Mahnung: „Wir müssen Geduld ha
ben, denn es soll und kann nicht Ge
walt angewendet werden, um die Ost
Deutschen zu befreien. Deutschland hat
heute wieder mächtige Freunde, und
am Ende des Weges winkt die Eini
gung Deutschlands in Frieden und
Freiheit."
Auf der gleichen Versammlung
sprach Jakob Kaiser, der Minister für
gesamtdeutsche Angelegenheiten. Die
ser erklärte, jetzt habe Frankreich das
Wort, um darüber zu entscheiden, ob
es eine europäische Armee und ein ge
eintes Europa geben soll, „welches
stark genug ist, dieses Atomzeitalter
zu überleben".
Kaiser machte Frankreich den Vor
wurf, daß es Deutschland des reichen
Industriegebietes an der Saar berau
ben wolle. Er verlangte die Wieder
vereinigung Deutschlands und die
Rückgabe der verlorenen Gebiete im
Osten, aber auch er bestand darauf,
daß dies mit friedlichen Mitteln ge
schehe.
Moskauer Borgänge
Die Machthaber im Kreml selbst ha
ben erkannt, daß sie im Interesse ih
res inneren und äußeren Prestiges be
strebt sein mußten, den Uebergang des
Regimes nach dem Tode Stalins mög
lichst rasch und reibungslos zu voll
ziehen. Das ist ihnen offenbar gelun
gen. Aber es ist doch bemerkenswert,
daß Malenkow und seine Mitarbeiter
schon in den ersten Wochen der Macht
übernahme die Struktur des Stalin'
scheu Staates nicht unwesentlich an
derten. Das Präsidium des Zentral
komitees, die oberste Instanz der Par
tei, wurde von fünfundzwanzig Mit
gliedern und elf Vertretern, die es
unter Stalin hatte, auf zehn Vollmit
glieder und vier Vertreter reduziert.
Darf man daraus schließen, daß ein
Teil der früheren Mitglieder nicht
hinter Malenkow stand und daß er sie
ausschaltete, um nur mit solchen Per
sonen zu arbeiten, deren Loyalität
ihm gewiß erscheint? Ebenso ist die
Zahl der Mitglieder des Sowjet-Ka
binetts vermindert worden, sowie die
des Sekretariats der Kommunistischen
Partei. Kein Zweifel, daß dies ge
schah, mn die Reihen der derzeitigen
Machthaber enger zu schließen und es
ist sehr wohl möglich, daß diese Be
schränkung des Personenkreises, auf
dem die Diktatur steht, ihren tatsäch
lichen Einfluß gefestigt hat.
Tann aber kam vor etwa zwei Wo
chen ein neues Ereignis, das die Be
obachter im Westen nachdenklich
stimmte. Während Stalin trotz seines
Alters keine Bedenken hatte, zu glei
eher Zeit als Ministerpräsident der
Sowjet-Union, als Vorsitzender des
Parteipräsidiums und als ihr Gene
ralsekretär tätig zu sein, hat der
fünfzigjährige Malenkow, laut Mos
kau'er Nachrichten, 'gebeten, ihn von
dem dritten Posten zu entlasten. Ist
es wirklich dem Diktator selbst vor
allzuviel Machtfülle bange oder hat
er seinen Mitarbeitern eine Konzes
sion machen müssen, indem er von
einem seiner Aemter zurücktrat? Und
mißtrauisch fragen die Auguren:
Wird der Kampf um Stalins Erbe,
dessen Austrag offenbar jetzt vermie
den worden ist, zu einem späteren
Zeitpunkt doch noch ausbrechen?
Die Europäische Verteidigung^
Gemeinschaft
Die Vertreter von sechs europäi
l'chen Nationen, die einen Vertrag für
die Europäische Verteidigungs-Ge
meinschaft unterzeichnet, aber noch
nicht ratifiziert haben, nahmen letzte
Woche in Paris die neue Formulie
rung der umstrittenen französischen
Zusatzprotokolle zu dem Pakt an.
Der EVG-Jnterimsausschuß leitete
die Protokolle in ihrer jetzigen Form
den Regierungen zur Beschlußfassung
zu. Frankreich hatte die neue Version
vorgeschlagen, um die Protokolle den
fünf anderen Ländern West
Teutschland, Italien, Belgien, Lu
xemburg und Holland schmackhaf
ter zu machen.
Die Annahme der geheimgehalte
nen ersten fünf Protokolle auf der im
Palais de Chaillot stattfindenden Sit
zung erfolgte rasch, wie ein Gewährs
mann erläuterte. Tie Diskussion dreh
te sich in erster Linie um das am
stärksten umstrittene sechste Protokoll,
das Frankreich ermächtigen würde,
seine Truppen aus der Europa-Ar
mee abzulösen und sie nach gefährde
ten Ueberseegebieten, wie Jndo-China
und Nord-Afrika, zu entsenden.
Ohne die Protokolle würde die
französische Regierung in der Natio
nalversammlung auf starken Wider
stand der Sozialisten und der Rechts
parteien stoßen, und die Ratifizierung
wäre äußerst fraglich. Ter deutsche
Bundestag ratifizierte den Armeever
trag als erstes Parlament am 19.
März. ... .....
Die Frage ist noch offen, oV^ die
Bonner Bundesregierung die Pro to*
kelle in der von den Experten gebil
ligten Form annehmen wird.
Die deutsch-alliierten Vertrage vor
dem Bundesrat
Bundeskanzler Dr. Adenauer traf
vor seiner Abreise nach den Ver.
Staaten noch mit den Ministerpräsi
dritten der westdeutschen Bundeslän
der zusammen, um mit ihnen die in
ternationale Lage zu erörtern. Dieses
Treffen war deshalb wichtig, weil
kurz nach Ostern die deutsch-alliierten
Verträge dem Bundesrat (Länder
famnter) zur Stellungnahme zugelei
tet werden. Politische Beobachter in
Bonn find zuversichtlich, daß der Bun
desrat der Inkraftsetzung dieser Ver
träge zustimmen wird. Sie erinnern
daran, daß der Bundesrat den Ver
trag über die Montan-Union einstim
mig annahm, obwohl die sozialdemo
kratische Opposition diesen Vertrag im
Bundestag leidenschaftlich abgelehnt
hatte.
Sozialdemokraten gegen Wehrvertrag
Sozialdemokratische Mitglieder des
Bundestags haben sich an das Gericht
gewandt, um zu verhindern, daß Prä
sident Theodor Heuß den vom Bun
destag ratifizierten Wehrvertrag un
Verzeichnen kann, solange die Verfas
sungsfrage nicht entschiedenworden ist.
Sie stellten sich auf den Stand
punkt, daß unter der Verfassung für
die Ratifizierung eine Zweidrittel
Mehrheit nötig gewesen sei. Im Bun
destag ist der Vertrag am 19. März
mit einer einfachen Mehrheit ange
nommen worden und das Oberhaus,
der Bundesrat» muß dazu noch Stel
lung nehmen.
Die Sozialisten haben ihren An
trag im höchsten Gerichtshof in Karls­
(ftomnorgett
Von kmannel titribrl
59 ie Lerche steigt am Ostermorgen
Zur klaren Himmelsau empor
Und stimmet, noch im Blau verborge«,
Dort an den Auferstehungschor.
Und wie sie jubelt, wiederklingen
Biel tausend Stimmen aus dem Feld:
Wach' auf, um freudig mitzusingen,
Wach' auf, du froh verjüngte Welt!
Wacht auf und rauscht durchs Tal ihr Bronnen,
Und lobt den Herrn mit frohem Schall!
Wacht auf, im Frühlingsglanz der Sonnen,
Ihr grünen Au'n und Wiesen all!
Ihr Veilchen in den Waldes gründen,
Ihr Primeln weiß, ihr Blüten rot,
Ihr sollt es alle mit verkünden:
Die Lieb' ist stärker als der Tob!
Wacht auf, ihr Geister, deren Sehne«
Gebrochen an den Gräbern steht,
Klärt euch, ihr Augen, die vor Träne«
Ihr nicht des Frühlings Blüten seht:
Ihr Grübler, die ihr fern verloren
Traumwandelnd irrt auf falscher Bah»
Wacht auf! Tie Welt ist neugeboren
Es ist durch Gottes Kraft getan!
Ihr dürft euch «un des Heils erfreuen,
Das über euch ergossen ward,
Das sich als inniges Erneuern
Im Bild des Frühlings offenbart.
Was dürr war, grünt im Weh'n der Lüfte,
Jung wird das Alte fern und nah.
Der Odem Gottes sprengt die Grüfte
Wacht auf, der Ostertag ist da!
Nr. 49
ruhe eingereicht und um ein Verbot
der Unterzeichnung des Vertrags
durch den Bundespräsidenten ersucht
bis diese Verfassungsfrage entschieden
ist.
Es ist ein neues Manöver der Op
position, den Vertrag zu vereiteln,
und es ist das fünfte Mal, daß die
Vertragsfrage vor das Verfassungs
gericht gekommen ist. Drei Anträge
wurden vom Gericht abgelehnt, und
der vierte Antrag wurde von dem
Bundespräsidenten wieder Zurückgezo
gen.
Ostdeutsche Kommunist?« gegen die
Verträge
Nach der Ratifizierung des Deutsch
land- und des Wehrvertrages durch
den Bundestag traten die Volks- und
die Länderkammer der Sowjet-Zonen
Republik in Ost-Berlin zu einer ge
nieinsamen Sondersitzung zusammen.
An der Sitzung nahmen neben Mi
nisterpräsident Otto Grotewohl die
stellvertretenden Ministerpräsidenten
Ulbricht, Nuschke, Rau und Scholz
teil. Als Gaste saßen in der ersten
Reihe der Abgeordneten als westdeut
sche Delegierte die Vorsitzenden der
sogenannten „Deutschen Sammlung",
der frühere Reichskanzler Dr. Josef
Wirth und der ehemalige Ober
bürgermeister von München-Glad
bach, Tr. Elfes. Die Diplomatenloge
war vollbesetzt mit Vertretern der
„Volksdemokratien" und der Sowjet
Union, an ihrer Spitze Sowjet-Bot
schafter Jljitschow.
Volkskammerpräsident Dr. Johan
nes Dieckmann begann mit einem Ge
denken an das Ableben Stalins und
Gottwalds. Wirth und Elfes kündig
ten dann vor der Volkskammer die
Fortsetzung des kommunistisch gelenk
ten „Friedenskampfes" gegen die Po
litik der Bundesregierung nach der
Ratifizierung der Vertragswerke
durch den Bundestag an. Für die
Führung dieses Kampfes komme es
nimmehr darauf an, ob und wie der
Osten auf die Ratifizierung reagieren
wird, sagte Elfes. Die Verabschiedung
der Verträge durch den Bundestag
bezeichnete er als „nicht einmal das
letzte deutsche Wort in dieser Sache".
Wirth und Elfes propagierten ihr
Programm für gesamtdeutsche Wah
len und einen Friedensvertrag. Sie
forderten die Sowjet-Zonen-Regie
rung auf, nach der Ratifizierung des
Deutschland- und des EVG-Vertrages
sich neuen Möglichkeiten für die Wie
dervereinigung Deutschlands zuzu
wenden.
(Fortsetzung auf S.

Samstag, den 4. April 1953

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