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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 04, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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Der Kämmerer stellte dann dem
Tribun einen Sklaven zur Verfü
gung und entfernte sich mit der Be-
merkung, es würde die Königin sehr
freuen, den Knaben zu sehen, von dem
der Tribun so fesselnd erzählt habe.
Lucius schickte also einen Boten an
den Tekurio Martins, daß er ihm
seine beiden Gefährten unverzüglich
bringe.
Froh, endlich einige Augenblicke
für sich zu haben, setzte er sich dann
an das offene Fenster und schaute
nach dem Getriebe des nahen Hafens
und auf das ruhige blaue Meer hin
aus. Ein weißer Segel steuerte west
wärts Griechenland oder Italien zu.
Mit ihm zogen seine Gedanken nach
der Siebenhügelstadt am gelben Tiber
und suchten in dem prunklosen, aber
trauten Hause in den Gärten an der
Appischen Straße die liebe Mutter
mid die traute Schwester. Wie freute
er sich, sie wiederzusehen, und zwar
als Tribun, in ehrenvoller Sendung,
die ilim leicht die Wege zu noch höhe
rcn Würden ösfitcn konnte! Mit den
warmen Farben der Liebe malte er
sich die Freude des Wiedersehens aus
und dankte dem Geschicke, das ihm aus
der dunklen Urne so freundliche Lose
spielend in den Schoß warf. Ta drü
ben im Hafen sah er die stattliche
Trireme mit dem Zeichen des Kastor
und Pollux am Buge, die ihn nach
wenigen Tagen an die Küste des
heimatlichen Italien tragen sollte.
Unwillkürlich summte er die schönen
Verse des Horaz vor sich hin:
Zyperns Göttin geleite dich
Und das helle Gestirn, Helenas
Brüderpaar.
Da aus einmal, während sein Geist
in die gewohnten Vorstellungen der
heidnischen Götterwelt zurückglitt, trat
dem ehrgeizigen Manne das dornen
gekrönte Bild vor die Seele, vor wel
chem er noch vorgestern tieferschüttert
mit Thamar gekniet hatte. Und so
sollten denn vor dem Blicke dieses
ernsten, gekreuzigten Gottes die Ge
stalten, die er von Jugend an ver
ehrt, die von den Dichtern verklärt
wurden, als Trugbilder der Hölle
weichen? In der Tat, das fühlte er,
sie hatten keinen Platz neben Ihm,
der Leid und Entbehrung an die
Stelle der Sinnenlust setzte. Aber
seine stolze Natur bäumte sich dagegen
auf.
Weshalb sollte er ihnen als den
Symbolen der Schönheit, der Natur,
der (Staatsgewalt nicht einen gereinig
ten Dienst widmen und so die üblichen
Opfer spenden dürfen, während seine
Seele die eigentliche Anbetung dem
unbegreiflich erhabenen Wesen, dem
einzig wirklichen und wahren Gotte
darbrachte, den ihm Eusebius verkün
det hatte? Wohl rief ihm die Stimme
des Gewissens das Grundgebot zu:
„Ich bin der Herr, dein Gott. Tu
sollst keine fremden Götter haben
neben mir!" Aber er suchte diese
Stimme zum Schweigen zu bringen
und ein Abkommen zu schließen. Die
Bemerkung des Pomponius Papilio,
als er dem Jupiter Capitolinus den
üblichen Weihrauch nicht streute, und
mehr noch die fcorte des Legaten, daß
er einen Christen nie nach Rom
schicken würde, tönten ihm in den
Ohren nach. Er sagte zu sich: „Ein
Glück, daß ich noch kein Christ bin!
So verpflichten mich auch die Gebote
des Christenglaubens noch nicht.
Uebrigens will ich die Götteropfer so
gut als möglich vermeiden oder doch
nur nun, wie soll ich sagen?
als eine bedeutungslose Form und
nicht als einen Akt. der Anbetung
üben. Jedenfalls will ich mich und die
lieben Meinigen um einer solchen
Kleinigkeit willen nicht des Glückes
eines frohen Wiedersehens berauben
und noch viel weniger mir den Weg
zu den höchsten Stellen im Heere oder
Historischer Roman
Tagen Jerusalems
(Fortsetzung)
Am meisten aber freute Lucius das
Schwert, dessen blanke Klinge den
Namen Hephaistos', des berühinte
sten alexandrinischen Wasfenschmie
des, zeigte und dessen elfenbeinerner
Griff kunstreich mit Gold ausgelegt
war.
„Ich werde mich mit diesen Waffen
vor meinen Kameraden gar nicht
zeigen können, ohne ihren Neid zu
erwecken," sagte mit befriedigtem
Stolze der Tribun. „Sie wären eines
Imperators würdig!"
„Mögen sie also ein günstige? Vor
zeichen sein!" entgegnete der geschmei
dige Asiate. „Meine königliche Herriv
denkt: dem schönsten Manne die
schönste Rüstung."
Aua den
Von JOSEPH SPILLMANN, S.J.
letzten
im Staate versperren. Ein Tor, wer
das täte! Und das erste Gebot für den
Menschen ist doch, seiner Vernunft ge
mäß zu handeln."
Mit solchen Trugschlüssen suchte der
Ehrgeiz des Lucius die Stimme des
Gewissens zu übertäuben, und doch
konnte er zu feiner rechten Ruhe kom
men. Es war ihm daher ganz an
genehm, als Paulinus mit Benjamin
eintrat und der Knabe ihm in seiner
munteren Weise erzählte, was er in
Cäsarea schon alles gesehen hatte. Der
Tekurio Martius, mit dem er bald
gut Freund geworden war, hatte ihn
sogar an den Hafen hinabgeführt, und
er hatte das Meer gesehen.
„Es ist gerade so, wie ich es mir
vorstellte, so groß und sehr blau, oder
eigentlich fast grün. Aber die großen
Wellen habe ich nicht gesehen und die
großen Fische auch nicht. Ich wollte
gerne den sehen, der den Jonas ver
schluckt hat. Allein Martins, der nichts
von dieser schönen Geschichte wußte,
behauptete, diese ganz großen Fische
hielten sich weit, weit draußen auf
und könnten nicht ans Land kommen,
was ganz falsch ist. Tenn wie hätte
sonst der große Fisch den Jonas ans
Land gespien? Der Schiffer, mit dem
ich Freundschaft schloß, versprach mir,
mich einmal weit mit ins Meer hin
aus zu nehmen. Paulinus jedoch
wollte nichts davon wissen, auch nicht
davon, daß der Martius mich morgen
ins Amphitheater führe, wo einige
Gladiatoren auf Leben und Tod mit
einander kämpfen sollen. Paulinus
sagt, das sei eine Sünde und deshalb
kein geziemendes Schauspiels Hat er
recht?"
»Ich glaube wohl/ mein junger
Freund," antwortete Lucius, „Euse
bius würde dasselbe sagen. Leuten
aber, die du nicht kennst, darfst du dich
nicht Anvertrauen. Wie leicht könnte
der Schiffer dich mit über Meer
nehmen und in Aegypten als Sklaven
verkaufen!"
„O das wäre so schlimm noch lange
nicht! Das ist dem Joseph auch ge
schehen, und nachher wurde er der
Erste nach dem Könige in Aegypten.
So erginge es mir am Ende auch.
Und wenn ich König wäre, so ließe ich
Thamar und dich und den Paulinus
und den Martius dahin kommen, und
Thamar würde Königin, und du
Feldherr, und Paulinus Hoherprie
ster was sagst du dazu?"
„Und deinen Vater würdest du
ihn nicht auch kommen lassen?"
„Ach, der arme Vater, der ist ja
schon lange tot und in Abrahams
Schoß, das weißt du ja."
„Es ist schon oft vorgekommen, daß
jemand, den man für tot gehalten hat/
noch lebte," entgegnete Lucius. „Ich
bin heute einem Manne begegnet, der
deinem VVater sehr ähnlich sah
«Und du meinst, es war der Vater?
O wenn das Thamar wüßte! Ja, ja,
er war es! Ich sehe es deinen Augen
an. O wo ist er?"
„Du mußt dich etwas gedulden. Er
wird um Sonnenuntergang hierher
kommen und siehe, die Sonne be
rührt schon fast das Meer. Geh' ein
Paar Augenblicke hier in das Neben
zimmer und schaue nach den Leuten,
die in das Portal des Palastes tre
ten. Vielleicht siehst du ihn, wenn er
kommt, und kannst es uns melden."
Jubelnd eilte der Knabe nach dem
Fenster, das einen Blick in die Straße
gewährte, und verschlang mit seinen
lebhaften Augen alle Männer, die
von rechts und links deS Weges
kamen.
Inzwischen sagte Paulinus, Euse
bius habe halb und halb erwartet, daß
der Knabe in Cäsarea mit seinem
Vater zusammentreffen werde, wenn
derselbe sich nämlich aus der Stadt
habe retten können. „Möge das Wie
dersehen dem Seelenheile des Kindel
nicht gefährlich sein!" fügte Paulinus
bekümmert bei. „Aber der Knabe
konnte in Jerusalem unmöglich ver
borgen bleiben. Zudem hofft Euse
bius, der Same des wahren Glau
bens, der in die Seele des Rabbi
tsadof gestreut wurde, möge doch noch
aufgehen. Vielleicht trifft das jetzt ein,
da die Wolfe des Mißtrauens weichen
muß, das ihn damals aus dem Diako
nenhause verscheuchte. Auch begleiten
Eusebius, meine Mutter und Thamar
den Knaben mit ihren Gebten."
Jetzt stürmte Benjamin in das Zun
mer und rief: „Kommt und seht! Ich
glaube, es muß der Vater sein, obschon
der Mann einen ganz ergrauten Bart
hat und viel hagerer ist, als es der
Vater sonst war."
„Du wirst recht gesehen haben,"
antwortete der Tribun. „Krankheit
und Sorge um dich und beine Schwe
r^ v'.
ster ließen sein Haar vor der Zei^
ergrauen. So warte nun hier und
begrüße den Vater. Paulinus und ich
wollen in das Nebenzimmer gehen,
daß ihr zwei ungestört euch ausspre
che it könnt."
Aber der Knabe hatte nicht Sic Ge
duld, die Ankunft des Vaters im Zim
mer zu erwarten: er stürmte die
Treppe hinab bis ins Atrium und
flog daselbst dem Rabbi in die Arme.
Drusilla, die gerade des Weges kam/
war Zeugin der ersten, stürmischen
Freude und erzählte nachher ihrer
Schwester, wie der Vater sich an eine
Marmorsäule lehnen mußte gleich
iiiem Betrunkenen, um sich aufrecht
halten zu können, und wie ihm die
Tränen in den Bart liefen, während
seine Lippen nur das eine Wort fan
den „Mein Kind, n^ein Sohn, mein
Benjamin!"
Endlich waren Vater und Sohn im
Zimmer des Tribuns, und nach dem
ersten Sturm der Freude konnte Ben
jamin, von vielen Fragen des Rabbi
unterbrochen, seine Erlebnisse er
zählen. Da hörte Sadok die Bestäti
gung des Einverständnisses zwischen
Ben Kaiphas und Ben Gioras. „Die
churken hatten es also doch auf mein
Leben und mein Vermögen abgesehen!
Und so verdanke ich in der Tat Leben
und Habe diesem edlen jungen Ro
nicr!" rief der Rabbi. Als dann Ben
jamin von dem wahnsinnigen Kai-«
phas und dessen Zeugnis von der Un
schuld und Auferstehung Christi be
richtete, stellte er viele Fragen und
gestand sich endlich wider Willen, der
Nazarener müsse ein Prophet und
vielleicht der Vorläufer des Messias
gewesen sein.
„Er war ein Gerechter, Horst.du,
und wir wollen ihn nicht mehr
lästern," sagte der Rabbi-zu Benja
min. „Aber der Messias kann er nicht
gewesen sein, weil unser Volk noch
heute, ein Menschenalter nach seinem
Tode, unter der Herrschaft Roms
seufzt, anstatt daß die Tochter Sions
die Königin- aller Volker ist."
„Vater, er muß doch der Messias
sein, weil er es selbst gesagt hat. Ein
Gerechter lügt nicht," antwortete der
Knabe.
Diese einfache Bemerkung machte
den Rabbi stutzig. Allein mit seiner
gewohnten Hartnäckigkeit antwortete
er: „Kind, das verstehst du nicht
erzähle weiter!"
Benjamin erzählte nun von dem
schönen Zenturio und wie Thamar
denselben mit seiner Hilfe befreite.
5ie liebt ihn, es ist fein Zweifel, sie
liebt ihn," Brummte der Rabbi, „und
sie soll ihn als Gemahl haben, wenn
er einwilligt, ein Jude zu werden.
Und warum soll er das nicht? Sind
ja schon Taufende vornehmer Römer
Proselyten unseres Glaubens gewor
den."
Schließlich berichtete der Knabe von
dem Unfälle Thamar» und von der
Liebe, mit der sie im Häuschen Pau
linas aufgenommen und verpflegt
wurden. „Ja, ja, ich muß diesen Nika
iior und Eusebius um Verzeihung bit
ten. Es sind edle Menschen! Wenn sie
nur keinen Götzendienst mit Bildern
trieben! Aber wie, sie haben wohl
meine Thamar und dich am Ende auch
zu Nazarenern gemacht?"
„Thamar glaubt, daß Jesus von
Nazareth der Sohn Gottes, der Mes
sias ist und ich glaube es auch,"
antwortete Benjamin.
„O weh! Aber ich kann euch nicht
zürnen: ich wäre ja beinahe selbst in
die Falle gegangen," sagte der Rabbi.
„Nun, dich habe ich jetzt in meiner
Gewalt und will dir die Flausei^schon
aus deinem kleinen Krauskopfe ver
treiben. Und auch meiner klugen Tha
mar wenn sie nur erst wieder bei mir
wäre! Wir müssen sie aus Jerusalem
herausbringen, und wenn es mich die
Hälfte meines Vermögens kosten
sollte! Aber wo ist denn der edle
Römer, dem ich so viel Dank schulde?"
„Hier ist er und der gute Pauli
nus," sagte Benjamin, indem er die
Türe des Nebengemaches öffnete.
Abermals fiel der Rabbi dem Römer
zu Füßen und küßte den Saum seines
Gewandes. Dann strömten von seinen
Lippen die vielen und schönen Worte,
mit denen der Orientale seinem Tanke
Ausdruck verleiht, und daß sie dem
Rabbi von Herzen kamen, zeigte der
Glanz seiner Augen. Nachdem er auch
Paulinus gedankt hatte, zog er den
Tribun in die Fensternische und sagte:
„Ich schulde dir mein Leben, mein
Vermögen, die Ehre meiner Tochter
und die Freiheit meines Sohnes!
Was konnte ich für solche Wohltaten
dir anbieten? Und doch, ich glaube
den Edelstein zu kennen, der dir ge
nügen wird! Sagt doch der Weise, daß
Gold und Juwelen und alles, was der
Mann hat, ihm nichts scheint vergli
chen mit seiner Liebe! Nun denn, ich
bin bereit, dich als Sohn anzunehmen
und dir meine Thamar zugleich mit
einer fürstlichen Mitgift zu geben
unter der einen Bedingung, daß du,
wie schon so viele Heiden, unsere Reli
gion annimmst."
„Du bietest mir dein Liebstes und
Teuerstes, und auch die beigefügte Be
dingung hat nach deiner Auffassung
nur Segensreiches," antwortete der
Tribun. „Ich kann sie aber nicht an
nehmen, so sehr ich deine Tochter
schätze."
I ^k\ &
omo-WAttatiwimuMt)
«O du hast wohl ein Vorurteil
gegen die Beschneidung und die Be
obachtung des ganzes Gesetzes? Dazu
sind aber nur die,Proselyten der Ge
rechtigkeit' verbunden. Ich begnüge
mich damit, wenn du ein ,Proselyt
des Tores' wirst, der nur zur An
betung des wahren Gottes und zur
Vermeidung jedes Götzendienstes ver
pflichtet ist."
„Wenn ich meinen Glauben ändern
wollte, so würde ich Christ werden.
Und auch deine Tochter beabsichtigt,
ihre Religion mit der christlichen zu
vertauschen, die eine Vollendung der
jüdischen ist, soviel ich davon verstehe.
Vielleicht werde ich dich eines Tages
unt die Hand deiner Tochter bitten.
Doch jetzt ist nicht die Zeit zum
Freien. Mich ruft die Pflicht nach
Rom, und ich weiß nicht, ob ich von
dort jemals nach Jndäa zurückkehren
werde. Deine Tochter aber weilt in
großer Gefahr zu Jerusalem. Welches
wird ihr Los sein, wenn die Stadt
in Feuer und Flammen untergeht,
was ihr nicht nur die ergrimmte»
Römer, sondern der Himmel selbst
durch die schrecklichsten Vorzeichen an
deutet?"
„Tu hast recht. Meine erste Pflicht
ist es, meiner armen Thamar beizu
bringen," sagte der Rabbi. „Aber
wie kann ich das? In Jerusalem
herrscht jetzt ein Schreckensregiment.
ie haben ein ,Synedrium des Krie
ges' gewählt, in welchem die verzwei
feltsten Blutmenschen sitzen. Die alte
aristokratische Regierung der adeligen
und hohenpriesterlichen Familien ist
vollständig gestürzt. Das Los ent
scheidet jetzt, wer unter allen Söhnen
Levis zum Hohenpriester berufen sei.
Es fiel auf den unwürdigen Phanta»,
einen ganz ungebildeten Menschen,
der nicht einmal ordentlich lesen kann.
Trotzdem haben sie den, Widerstre
benden auf den Stuhl Moses' erhoben
und zum Nachfolger Aarons gemacht.
Wer irgendwie verdächtig ist, als sei
er ein Gegner dieses gottlosen
Regiments, wird sofort hingerichtet.
Joseph Ben Matthias, den du kennst,
der den Profurator vor dem Legaten
anklagte und deshalb beim Volke in.
Gnaden steht, hat sich als Kriegsober,
sten nach Galiläa schicken lassen, nur
um aus dem Bereiche dieses Syne
driums fortzukommen. Er hat uns
das alles geschrieben denn der Mann
hat immer auf beiden Schultern ge
tragen und hofft mit den Römern
unter günstigen Bedingungen feinen
Frieden machen zu können. Ich bin
in Jerusalem als Freund der Römer
bekannt und würde unter dem Tore
schon ergriffen und von Eleazar zum
Tode verdammt werden. Wenn du
deinen jungen Freund bestimmen
könntest, daß er sich in die Stadt zu
rückwagte und mir meine Tochter her
ausbrächte, sobald ihr Fuß es gestat
tet: beim Gott meiner Väter ich
würde es ihm königlich lohnen!"
Paulinus wurde herbeigerufen und
hörte den Vorschlag des Rabbi. Aber
er erklärte, der Gehorsam verpflichte
ihn, mit dem nächsten Schiffe nach
Rom zu segeln, und kein Mammon
der Erde sei imstande, ihn von seiner
Pflicht abzuhalten. Gerne wolle er
aber dem Rabbi den Weg angeben,
mit Eusebius in Verbindung zu tre
ten, und gewiß werde derselbe Tha
mar in irgendeiner Weise aus der
tadt forthelfen, sobald er erfahre,
daß ihr Vater gefunden fei und der
Zustand ihres Fußes die Reise nach
Cäsarea erlaube.
Damit mußte sich Rabbi Sadok für
jetzt begnügen. Der kleine Benjamin
erklärte sich freilich bereit, auch ganz
allein nach Jerusalem zurückzukehren,
um die liebe Schwester zu holen. „Ich
schleiche mich leicht durchs Tor, wenn
eine Kamel- oder Maultierkarawane
einzieht, und ich will mich schon in
acht nehmen, daß mich Eleazar nicht
erwischt. Und naher läßt mich der
gute Eusebius mit Thamar zusammen
in einem und demselben Korbe über
die Mauer, 's ist nichts leichter als
das," sagte er. Aber der Rabbi hatte
keine Lust, seinen lieben Benjamin
noch einmal, aufs Spiel zu setzen, und
entschloß sich daher, die Hilfe anderer
zu suchen.
e i i s e s K a i e
Bei der Aegypterm
An einem der nächsten Abende lud
Berenice den Legaten und die vor
nehmsten Offiziere zu einem Fest
mahle, das sie zu Ehren der Rettung
des Lucius Flavus und seiner Be
förderung zum Tribun gab.
Das Triklinium (Speisesaal) war
mit aller Pracht ausgestattet. Bronze
ftgureit trugen vielarmige goldene
Leuchter, die, mit wohlriechendem Oel
gefüllt, ein sanftes und reiches Licht
durch den Raum gössen. Von Säule
zu Säule schlangen sich irische Blu
men- und Fruchtkränze kostbare Ge
hänge aus indischen Stoffen fielen in
kunstreichen Falten vor den Fenstern
nieder. Aber der Hauptschmuck des
Saales bildete ein Wandgemälde in
Mosaik, welches die Mahlzeit der
Olympischen darstellte, denen Gany
meS und die Grazien Nektar und
Ambrosia darboten.
„Ich kann meinen lieben Gästen
leider mir irdische Speisen reichen,"
I S
v
^i.w-s /-%**•T.^-.,^.''.i^f^^
sagte Berenice^ die mit Drusilla den
Speisesaal betrat, zu den dieses Mei
sterstück italienischer Mosaikbildnerei
bewundernden Gästen.
„Von deiner Hand geboten werden
sie süßer als Nektar und Ambrosia,"
schmeichelte Pomponius Papilio. Sie
warf ihm aber nur einen spöttischen
Blick zu und wandte sich sofort an
Lucius Flavus, den neuen Tribun
als ihren „besonderen Schützling" der
Gesellschaft vorstellend.
Eupolemor wies nun an den drei
Tischen den einzelnen Gästen die
Plätze an. Die Männer legten sich auf
Polster, den linken Arm als Stütze
brauchend, während die Damen auf
recht saßen. Am mittleren Tische hatte
der Legat den Ehrenplatz ihm zur
Seite saß der neue Tribun, so daß
dieser seinen Platz unmittelbar neben
der Königin Berenice erhielt, welche
die eine der Seiten des hufeisenför
migen Tisches einnahm. Papilio, der
bis jetzt wiederholt diesen bevorzugten
Platz innegehabt hatte, wurde an
einen der Nebentische verwiesen, von
wo er Lucius unverhohlen neidische
Blicke zuwarf.
Jetzt traten geschmückte Sklaven
ein und verteilten Kränze frischer
Rosen. Berenice selbst setzte dem neuen
Tribun einen besonders schonen auf
fein blondes Haupt. Dann schöpften
die Diener kostbaren Wein aus den
großen Mischkrügen in die goldenen
Schalen, und Gallus erhob sich, um
Bacchus ein paar Tropfen zu spenden.
Papilio gab wohl acht, ob Lucius
diesen heidnischen Brauch erfülle.
Doch, er tauchte seinen Finger in den
Wein aber was für ein saures Ge
sicht er dabei machte!
Die Unterhaltung wandte sich
natürlich sofort Jerusalem zu. Lucius
mußte seine Erlebnisse wieder erzäh
len, und Berenice verstand es, durch
ihre Fragen die Erzählung so zu ge
stalten, daß er sich selbst ins beste Licht
setzen mußte. Ueberhaupt konnte er
sich nicht genug wundern, welche Auf
merksamkeit ihm die schone und ehr
geizige Fürstin widmete. Aber er wäre
mehr als ein Mensch ohne übernatür
liche Gnade gewesen, wenn ihm diese
Auszeichnung nicht geschmeichelt hätte.
Mit immer größerer Bewunderung
blickte er auf die königliche Gestalt an
feiner Seite, und immer mehr ver
blaßte in seinem Innern, wie von
bösem Zauber verwischt, das reine
und fromme Bild Thamars.
»Tu wunderst dich, daß ich dir ge
wogen bin," flüsterte ihm Berenice
zu, als die Aufmerksamkeit der Tisch
gefellfchaft einmal von ihnen abgelenkt
war. „Allein ich wir dir zeigen, daß
das Schicksal uns zwei zu einem hohen
Lose bestimmt hat, das uns eng ver
knüpfen muß. Kurz bevor ich deine
Bekanntschaft machte, habe ich eine in
die Kunst der Jfispriester tief ein
geweihte ägyptische Sibylle über
meine Zukunft befragt, und sie ließ
mich ein Bild sehen, das sie auch dir
heute noch zeigen soll. Denn sie.weilt
in Cäsarea, und ich habe ihr für Mit
ternacht meinen Besuch angesagt du
wirst mich begleiten."
Sänger und Zitherspieler traten
jetzt ein und sangen anakreontische
Lieder, welche den Wein und die
Freude und den süßen Genuß des
rasch dahinschwindenden Lebens feter
ten. Viele der Tischgenossen, die dem
Becher eifrig Zugesprochen hatten, san
gen die bekannten griechischen Lieder
mit, nicht in sehr reinen Tönen, und
stimmten endlich das horazische
Nunc et btbendum, nunc pede
litoeno
Pulsanda tellus!
Jetzt gilt's zu trinken, flüchtigen
Fußes jetzt
Im Tanz zu wirbeln!
mit vollen Kehlen an. Lesbische Tän
zerinnen traten nun ein und führten
einen mimischen 'Reigen auf,, frische
Kränze den Zechern reichend. Denn
eine
compotatio,
ein Trinkgelage,
sollte nun das Festmahl frönen. Man
wollte Lucius zum Könige desselben
ausrufen aber er entschuldigte sich
mit feiner Müdigkeit, da er mehrere
Nächte des Schlafes entbehrt habe,
und folgte den beiden Fürstinnen, die
sich jetzt erhoben.
„Er zieht Cytherea dem Bacchus
vor!" rief ihm Pomponius Papilio
mit lallender Stimme nach, und der
schale Witz wurde mit schallendem
Gelächter aufgenommen.
Im Atrium standen zwei Sänften
bereit, und nachdem Berenice und
Lucius ihre Festkleider mit dunklen
Ueberwürfen verhüllt hatten, bestiegen
sie dieselben.
„Willst du UNS nicht begleiten,
Drusilla?" fragte die Königin. Da
aber diese ablehnte, winkte Berenice
den Sklaven, und hinaus ging's im
Laufschritte durch ein Gewirr von
Gassen. In einem abgelegenen Teile
der Stdt hielt man vor einem ein
samen, mit Mauern umgebenen Haus,
dessen Türe sich den nächtlichen Be
stich ern geheimnisvoll wie von selbst
öffnete, sobald Eupolemos in die
Hände klatschte und den Namen seiner
Herrin nannte. Der Kämmerer unh
Elpis blieben im Garten «die Zofe
A w n. ****.
-t
A
zitterte an allen Gliedern und sagte,
sie würde vor Angst sterben, wenn fit':
die schreckliche Behausung der Unter
irdischen betreten müßte.
In der Tat hatte die Zauberin
K i k e e s a u e n a e n e n u u
sich vereint, daß auch Mutige erschüt
tert wurden, die während der Stun
den der Nacht sie besuchten. Kaunf.
hatten Lucius und Berenice die dunkle
Schwelle überschritten, da erhoben siH
wie aus dem Boden heraufsteigend
Zwei riesengroße Nubier, schwarz wih
die Nacht, vor ihnen. Sie trüget»
eigentümlich flackernde Lampen, der
eft
blaues, hüpfendes Sicht einen gespen
stischen Schein auf die seltsamen Göt
tergestalten in der Halle warf und'
sie zu beleben schien: ihre Hunds- unfr
Vogelköpfe schienen sich zu recken und
zu strecken, und die Augen funkeltet*'
rot und grün.
„Avertmit dii!"
mur­
melte Lucius erschrocken, während
Berenice unwillkürlich seinen Arm er
griff und sich an ihn drängte.
Die beiden schwarzen Gesellen wink
ten schweigend und schritten voraus.
Sie schlugen einen dunklen, mit kab
balistischen Zeichen bedeckten Vorhang
auseinander und stiegen eine Treppe^
hinab. Rechts und links flackerte^
auf eisernen Ständern schwefelgelb^
Flammen, deren schwelender Qualm'
nicht nach oben stieg, sondern in eigen»
artig ringelnden Strähnen zur Erde
sank. „Sie brennen nicht für die
Himmlischen, sondern für die Götter
der Unterwelt," flüsterte Berenice.
Man erreichte jetzt ein niedriges
Portal, vor dessen Türsturz ein zün
gelndes Schlangenpaar hernieder«
drohte. Lucius zauderte aber die
Nubier hielten dem giftigen Gewürm
ihre Lampen entgegen da flüchtete
es sich in eine Höhle in der Mauer
zurück, und die beiden Besucher schnt
ten sich bückend darunter durch. Der
eine der Nubier schlug nun mit der
Jsisschleife Tet an das verschlossene
Tor, das eigentümlich seufzend sich
langsam öffnete. Jetzt sah man in eine
tiefe, nur sehr schwach von Flammen
erleuchtete Halle. Wie Irrlichter schie
nen dieselben zu hüpfen und die Plätze
zu wechseln.
„Tochter des großen Herodes, des
Tischgenossen meiner Götter, tritt
ein!" rief eine Stimme aus dem fer
nen Dunkel. Wie aber Berenice an
der Hand des Tribuns die Halle be
treten wollte, fuhren mit heiserem
Gebell von beiden Seiten zwei schwär
ze Wolfshunde an glühenden Ketten
auf sie los. Berenice stieß einett
Schrei des Schreckens aus, und LuciuS
wollte mit dem Schwerte nach den
Tieren schlagen. Aber die Stimme
aus dem Dunkel rief: „Zurück!
Faßan, Haltfest, meine Kinder. Kennt
ihr fo wenig die Freundin meiner
Götter? Oder wittert ihr an ihrem
Begleiter etwas, was euch nicht be
hagt?"
Knurrend wichen die Bestien zu
rück, und Berenice betrat mit LuciuK
die Halle, deren Türe sich hinter ihnes
seufzend schloß. Irgendwo hob jetzt
eine eigenartige Musik an mit wim
mernden Dissonanzen, rasch zu einer
wilden Weise anschwellend, die in eine1
Siegesfanfare mit Trommelnwirbelk
und Posaunenstößen ausklang. Dif
Nubier hatten inzwischen die beiden*,'
Besucher zu dreifüßigen, von Löwen
beuten gestützten Sitzen geführt und
waren dann vor ihren Augen, wie
von der Erde verschlungen, plötzlich'
verschwunden.
„Seid ihr bereit, die großen Ge
hemmtste zu sehen, welche die Unter
irdischen nur widerwillig, aber doch
dem Worte Mächtigerer gehorsam,
enthüllen Die Zeit ist gut gewählt.
Der Mond und die Erde treten in die
untere Konjunktion, und alle Him
melszeichen sind günstig. So verlas^
eure Sitze nicht, was auch geschehen
möge!"
Da flammte ein blaues Licht auf
und zeigte den Erschreckenden unmit
telbar vor ihnen ein Weib, das auf
dem Rücken eines Krokodils saß, wel
ches sich träge in einem von schwarzen
Lavablöcken umgebenen Wasserbecken
zu bewegen schien. Das Weib reckG
seine hageren Arme und schüttelte die
schmutzigweißen, von einer züngelnden
Uräusschlange wie mit einem Stirn
reifen umzirkelten Haare, daß sie auf
die spitzen Schultern niederfielen.
Dann stand sie auf, raffte das fchwar*
ze Kleid, welches ein breiter Gürtel
mit kabbalistischen Zeichen um die
Lenden zusammenhielt, und setzte den
nackten Fuß auf den Kopf des Kroki»
foils, von ihm aus im Sprunge dey
festen Boden erreichend. Mit etneiU
Zepter, dessen Ende die Jsisschleiße
Tet bildete, beschrieb sie dann runb
um die beiden einen Kreis, der auf
dem Boden leuchtende Spuren zu
rückließ, und kehrte wieder auf den
Rücken des Krokodils zurück.
Jetzt begann sie die Beschwörung.
Leise singend und den Zauberstab, aP
schriebe sie in die Lüfte, in sonder
baren Winkeln und Schnörkelnd be
wegend, rief sie Isis und Osiris,
Anubis, Horns und die Horuskinde?/
Hope, den Nilgott, und die schrech
lichen Drei an. Wiederum ertönte dje
unsichtbare Musik unheimlich, wfe
wenn sie von tief unten aus der ErÄi
käme, klang sie näher und näher. „Sie
nahen, sie nahen!" rief die Zauberih.
(Fortsetzung folgt)

Sic tie diva patens Cypri,
81c fratres Helena, lucida
sidera
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