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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 25, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 6

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I
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£UCM& 'ptawu
(Fortsetzung)
„Nein, Mutter, ein solches würde
ich dem lieben Schwesterchen nicht an
bieten, das ich nur mit freundlichen
Erinnerungen anschauen mag," ant
wortete der Tribun. „Und auch ge
kauft habe ich es. nicht. Es ist eigent
lich auch gar nicht mein Geschenk, son
dern die Gabe eines unschuldigen
Judenmädchens. das mir dieses
Kleinod ausdrücklich für dich über
gab, Lucilla."
Mutter und Tochter machten große
Augen.
Lucius lachte und sagte: „Da denkt
ihr natürlich gleich wieder an eine
Heirat? Das ist doch bei euch Frauen
immer das erste und letzte. Nun, es
hätte vielleicht auch dazu kommen kön
nen. Aber jetzt ist nicht mehr daran
zu denken. Thamar, welche übrigens
wirklich große Aehnlichkeit mit dir
hat, Lucilla, nur das ihre Augen
schwarz sind, ist nämlich zu der Sekte
der Christen übergetreten, die bei den
Juden wie bei den Römern verhaßt
ist. Heute abend hosfe ich Zeit zu fin
den, euch die ganze Geschichte zu er
zählen. Jetzt muß ich in die Stadt und
die allernotwendigsten Besuche itia
chen. Auf Wiedersehen also, wenn
Hcjper seine Fackel anzündet."
Dann kleidete sich der Tribun sorg
fältig an, um einer ganzen Reihe ein
flußreicher Männer nach der herr
schenden Sitte als Klient seine Auf
Wartung zu machen. Ungern sah ihn
die Mutter gehen. Sie bat ihn, wenig
stens bei Tigellinus und einigen ande
ren, die sie nannte, keine Einladungen
anzunehmen. „Tu würdest es dir sei
ber nachher nicht verzeihen, in solcher
[Gesellschaft
gewesen zu sein," sagte sie.
Aber Tigellinus war der Präfekt der
"Irfttöfianer, der kaiserlichen Garde
und der Günstling Neros! Lucius
sagte also nur im allgemeinen, er
werde sehen, wie er sich losmachen
könne, und ging.
Und welche Erfahrungen machte
Lucius in den nächsten Tagen! Um
sonst drängte er bei Tigellinus, bei
den Konsuln, bei den angesehensten
Senatoren, beim Prätor und Präsek
ten der Stadt, daß der Prozeß gegen
Gessius Florus beschleunigt werde,
damit er wieder zum Heere nach Palä
stina gehen könne. Man sagte: gewiß,
bei den nächsten Kalenden bann hieß
es, es seien noch so viele andere Pro
zesse zu verhandeln und endlich er
klärte ihm TigellinW, der Kaiser habe
ausdrücklich geboten, daß die Sache
bis zu seiner Rückkehr aus Griechen
land verschoben werde. So ging Woche
auf Woche und Monat auf Monat.
Inzwischen mußte Lucius, mit Rück
sicht auf die hohen Pläne, die seinem
Geiste vorschwebten und an die ihn
in den ersten Monaten glühende
Briefe Berenices erinnerten, seine
vielen Besuche wiederholen und ließ
sich bewegen, manche Einladungen zu
Festen und Mahlzeiten anzunehmen,
die er, ohne schamrot zu werden,
seiner Mutter und Schwester nicht
schildern konnte.
So kam der Frühling und mit ihm
die Nachricht von der Rückkehr Neros
nach Rom. Gleichzeitig hörte Lucius,
Cestins Gallus sei in Ungnade seines
Amtes entlassen, und der Kaiser habe
Vespasian, dem Besieger Britanniens,
und dessen Sohn Titus Flavius den
Krieg gegen die Juden und die
Niederwerfung Jerusalems übertra
gen. Da sehnte er sich doppelt nach
Judäa zurück, um unter dem berühm
testen Feldherrn, den Rom damals
hatte, kämpfen und sich auszeichnen
zu können. Aber er mußte warten und
den Kelch des Ekels, den der Umgang
mit Wüstlingen, wie dieser Tigellinus
war, seiner edleren Natur aufnötigte,
noch weiter trinken, ohne auch nur
eine Miene zu verziehen.
Endlich zog Nero in Rom ein, als
ein Triumphator im Reiche der schö
nen Künste. Die Hunderte von golde
nen und silbernen Lorbeerkränzen, die
er durch seinen „göttlichen Gesang"
und fein Zitherspiel, um das ihn
Orpheus beneidete, in allen Theatern
Griechenlands errungen hatte, wurden
ihm mit großem Gepränge boran
getragen. Er selbst folgte als Apollo,
die Zither in. der Linken, auf dem
Triumphwagen des Augustus. Eine
mit goldenen Sternen geschmückte
Purpurchlämt)» wallte von seinen
Schultern, und auf dem Haupte trug
er die olympische, in der Rechten die
pythische Siegeskrone. Und der vor
nehme und geringe Pöbel Roms lief
ihm entgegen und klatschte ihm Bei
fall und schrie dem niederträchtigsten
Menschen, dem verabscheuungswürdi
gen Mutter- und Gattenmörder zu:
*en,Ait, ein Wir
Historischer Roman aus den letzten
Tagen Jerusalems
Von JOSEPH SPILLMANN, S.J.
Lucius, der mit Tigellinus und
dem Senat dem Herrscher entgegen
gezogen war, klatschte auch Beifall
und schämte sich über sich selbst, wie
seine Mutter mit Recht gesagt hatte.
Aber wer dem Stolz dient, muß sich
verdemütigen, und zwar viel tiefer
als der demütigste Diener der mensch
gewordenen Demut. Zum Lohne da
für wurde dann Lucius am Abende
zur kaiserlichen Tafel gezogen und
hatte die Ehre, sich vor dem kaiser
lichen Scheusale noch tiefer in den
Staub beugen zu dürfen. Die 1808
Kränze und Preise, die Nero aus
Griechenland mitgebracht hatte, waren
ausgestellt ein Konsulat begrüßte ihn
als „Allsieger", schlug vor, daß die
Statuen aller früheren Sieger ge
stürzt und in die Kloaken geworfen
und dafür dem göttlichen Nero über
all Tempel und Altäre errichtet wür
den. da in ihm Rom die Kunst Grie
chenlands besiegt habe und alles
jubelte Beifall. Auch Lucius mußte
klatschen.
Es gelang ihm doch nicht, so viel
Freude und Bewunderung zu heu
cheln. wie den übrigen, und Nero las
in seinem Gesichte, daß ihn dieses
Treiben anekle. Er fragte Tigellinus,
der den Ehrenplatz neben dem Kaiser
hatte, wer der junge Tribun sei, und
sagte dann, er gedenke demnächst nach
Jerusalem zu ziehen und das wider
spenstige Volk der Juden durch die
Macht seines göttlichen Gesanges zu
bändigen. Was Lucius zu diesem
Plane sage?
Der Tribun sagte, das wäre jeden
falls mehr, als was der göttliche
Orpheus vollbracht habe, dessen Wei
sen nur wilde Tiere Besiegt hätten.
„Und du glaubst nicht, daß mir das
möglich sei?" fragte Nero, den der
etwas zurückhaltende Ton des Tri
buns ärgerte.
„Oh, einem Gotte ist alles mög
lich!" entgegnete Lucius, sich tief ver
neigend.
Aber auch diese Antwort war dem
Tyrannen noch viel zu wenig sklavisch,
wie Tigellinus aus Neros Blick erriet.
Doch drängte der Kaiser den Tribun
für den Augenblick nicht weiter, da
jetzt Sängerinnen und Tänzerinnen
auftraten und die neun schönsten der
selben als die neun Musen den Kaiser
als Musagetes begrüßten, der selbst
den Gott von Delphi in den Schatten
stelle. Sofort ließ sich Nero feine gol
dene Leier reichen und stellte sich an
die Spitze der neun schamlosen Wei
ber. Singend und springend und mit
zierlichem Plektron die Saiten schla
gen führte er vor feinen Gästen den
Reigen. Ein wahnsinniger Beifalls
sturm feierte den kaiserlichen Komö
dianten.
Voll Ekel und Lebensüberdruß saß
Lucius am folgenden Nachmittag in
dem Garten hinter dem Hause der
Mutter. War es der Mühe wert, über
ein solches Volk von Sklavenseelen zu
herrschen, wie es die Römer seit Augu
stus geworden? Pfui! Nein, hier in
Rom hielt er es nicht länger aus.
Jetzt, da der Kaiser in Rom war,
wollte er auf die Beendigung des
Prozesses gegen Florus dringen und
dann mit dem nächsten Schiffe zum
Heere zurückkehren. Wenn er wirklich
zur Herrschaft bestimmt war, sollte
das Schwert und nicht Schmeichelei
vor diesen Senatoren und diesem gan
zen niederträchtigen Gesindel im zum
Zepter verhelfen. Und wie wollte er
breinfahren und diesen Augiasstall
säubern, wenn er einmal die ihm vom
Schicksal versprochene Krone trüge!
Tie Einfachheit der alten römischen
Sitten sollte wieder eingeführt wer
den. Berenice war freilich auch prunk
liebend aber er wollte sie bereden,
ihren Stolz darein zu setzen, die Wie
derherstellen« der alten römischen
Frauensitte zu sein. Sie hatte seinen
letzten Brief noch nicht beantwortet
und doch hatte sie früher so fleißig ge
schrieben, und er war, wie sie wissen
mußte, so begierig, die Ereignisse in
Palästina zu verfolgen. Sogar daß
Vespasian und Titus ihr großes Heer
bei Ptolemais zusammenzögen, und
daß der alte, vorsichtige Feldherr be
schlossen habe, erst die Provinzen zu
unterwerfen, bevor er gegen die
Hauptstadt ziehe, hatte er nicht von
Berenice, sondern von anderer Seite
erfahren. Wie war das?
In solchen Gedanken saß Lucius im
Garten an dem von blühenden Flie
derbüschen beschatteten Brunnen, als
seine Schwester zu ihm trat. Lächelnd
reichte er ihr die Hand und zog sie zu
sich auf die Steinbank nieder. Mehr
als je fiel ihm die große Aehnlichkeit
Lucillas mit Thamar auf.
„Wie bleich und übernächtig du
aussiehst!" begann die Schwester.
„Wirklich, du schadest deiner Gesund
h«t, LuciuS. Und kränkst die Mutter
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1 VT»,'
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K
und mich durch das Leben, das du in
jüngster Zeit.hier mitmachst/'
..Du magst recht haben, Schwester
chen. Und ich habe mir auch eben vor
genommen, so bald als möglich ein
anderes Leben anzufangen. Aber ich
muß fort von hier. Es ist kaum mög
lich, unter diesen römischen Wölfen
nicht mitzuheulen."
„O ich kenne aber manche, die nicht
mitheulen. Da ist zum Beispiel dein
lieber Reisebegleiter Paulinus
«Ja, ja, ich weiß es. Der ist ein
Christ wie du und die Mutter, und
ihr wünschet, daß auch ich den frem
den Glauben annehmen möchte. Aber
ich halte eo für besser, dem vaterlän
dischen Glauben treu zu sein und ihn
höchstens von seinen Unarten und
Auswüchsen zu befreien. Er hat ja
doch manches Schone und Gute. Hier
zum Beispiel murmelte in den Tagen
meiner Kindheit der Brunnen aus der
Ihne einer Nymphe. Weshalb mußte
die hübsche Figur entfernt werden,
um diesem unförmlichen Löwenkopfe
Platz zu machen, der jetzt das Wasser
in das Becken speit? Und dann weißt
du ja, daß der Kaiser eure Religion
mit dem Tode bedroht. Ich zittere für
dich und die Mutter, namentlich weil
Paulinus, wie ich wohl weiß, mit den
Häuptern eurer Sekte verkehrt und
am Ende die Spürhunde des Präsek
ten der Stadt in unser friedliches
Haus lockt. Ja, mache nur große
Augen! Ich weiß ganz genau, daß der
Alte, den ihr Petrus nennt, und den
ich jetzt schon öfter, als mir lieb ist,
hier im Hause traf, Pontifex, oder so
etwas, der Christen ist."
Lucilla wollte antworten. Da bogen
sich die Zweige des Flieders ausein
ander, und zum größten Schrecken
des Tribuns stand Tigellinus vor den
Geschwistern.
„Verzeihung, edle Dame," sagte
der Wüstling, die Jungfrau mit fre
chen Blicken betrachtend. „Verzeih
ung der Dienst des Kaifers leidet
keinen Aufschub! So kam ich, ohne
mich melden zu lassen, an den Brun
nen, wo ich den tapferen Tribun allein
zu finden glaubte, wie mir der Gärt
ner gesagt hat. Ich bitte dich, schönes
Kind, entziehe uns deine holde Gegen
wart nicht!" Dann teilte er dem Tri
bun mit, der Prozeß gegen Florus
solle an den Jdus des Mai vor dem
Kaiser selbst verhandelt werden.
„Welch ein Glück, in Gegenwart
des göttlichen Nero sprechen zu dür
fen! Du Haft nicht mehr viele Tage,
dich vorzubereiten. Deshalb eilte ich
her, um dir als guter Freund sofort
die erwünschte Kunde zu überbringen.
Leider Habe ich eine Schäferstunde
„Tu irrst, Präfekt Tigellinus, es
ist meine Schwester, mit der ich Hier
plauderte," unterbrach Lucius unwil
lig den Günstling des Kaisers.
„O deine Schwester!" rief Tigel
linus, das errötende Mädchen noch
frecher mit den Blicken verschlingend.
„Tann ist es aber wirklich nicht schön
von dir, diese holde Blume so eifer
süchtig zu verbergen. Bei den Chari
tinnen, welch ein himmlisches Ge
schöpf! Und sie war nicht unter den
Frauen und Töchtern der Senatoren,
die gestern den göttlichen Nero be
grüßten. Ich Hab eein Auge für so
etwas und müßte dieses Juwel be
merkt haben. Ei, ei, und du weißt
doch, wie sehr der Kaiser die Schön
Heit schätzt!"
Tas wußte Lucius nur zu gut, und
in berechtigter Angst um das Schick
sal der Schwester überlegte er, ob
er Tigellinus nicht am besten das
Schwert durch den Leib renne, bevor
derselbe das Auge Neros auf Lucilla
lenken könne. Mit Mühe unterdrückte
er feinen Grimm und suchte des un
lieben Besuchers loszuwerden. Mit
einem bösen Blicke auf den Tribun
schied endlich Tigellinus, nachdem er
umsonst versucht hatte, von der schö
nen Lucilla ein anderes Wort als den
Ausdruck gerechten Unmutes zu er
haschen.
„Dieser Kuppler und Schandbube?"
knirschte der Tribun, als Tigellinus
endlich gegangen war. „Ich möchte
nur wissen, ob er am Ende auch noch
unser Gespräch belauscht hat, in dem
ich dir vorwarf, du seiest eine Chri
stin."
„Und der Besuche des ehrwürdigen
Petrus so unvorsichtig gedachtest!"
klagte die Schwester.
„Verwünscht! Das gäbe ihm einen
netten Vorwand, dich in seine Klauen
zu bringen. Aber einerlei, auch wenn
er uns nicht belauscht hat, bist du hier
keine Stunde mehr sicher. Sofort
komm mit zur Mutter. Wir müssen
rasch handeln, um diesem Elenden zu
entgehen."
Alsdald war die edle Matrone ent
schlossen, mit Lucilla in die Sabiner
berge auf ein kleines Landgut, das
ihnen gehörte, zu flüchten, und rasch
wurde das Notwendigste an Kleidern
eingepackt. Als die Sänfte bereit
stand, sagte sie zu ihrem Sohne:
„Lucius, mein Kind, es ist feine Zeit
zu vielen Reden. So befehle ich dich
Gott und Seinem guten Engel. Nur
das eine möchte ich noch sagen: Du
hast dich vielleicht gewundert, daß ich
die ganze Zeit hindurch niemals du
dir über den christlichen Glauben
redete, obgleich du wohl weißt, daß es
mein innigster Wunsch ist, du möchtest
unser Glück teilen. Ich unterließ es,
weil ich dich nicht in der richtigen
Stimmung sah, dem Rufe der Wahr
heit zu folgen, und weil ich so fürch
tete, deine Schuld zu vermehren. Jetzt
aber, da ich scheide und nicht weiß, ob
ich dich jemals auf Erden wiedersehe,
bitte ich dich, das eine zu bedenken:
wie kurz dieses Leben ist und wie un
endlich die Ewigkeit. Was du dir auch
hienieden erträumst und Gott weiß
es, daß ich dir das Beste wünsche —,
du kannst es doch nicht länger ge
nießen als die paar kurzen Jahre des
Lebens. Lebe so, daß du in Ewigkeir
glücklich seiest du weißt, was ich
meine!"
„Gewiß, Mutter, gräme dich mei
netwegen nicht! Bevor ich Italien
verlasse, besuche ich euch in den Sabi
nerbergen." Damit umarmte er die
Mutter und hob sie zu Lucilla, in die
Sänfte. Schon wollten die Träger
aufbrechen, da rief die Matrone ihren
Sohn noch einmal zu sich und sagte:
»Daß ich das vergessen konnte!" Dann
flüsterte sie ihm leise ins Ohr, Petrus,
Linus und andere ehrwürdige Män
ner wollten sich heute nacht hier zu
einer gemeinsamen Beratung einfin
den, da mit der Rückkehr des Kaisers
die Verfolgung sicher wieder zu
nehmen werde. Nun möge er ihr doch
die Liebe erweisen, möglichst bald
Paulinus von dem Vorgefallenen zu
unterrichten oder selbst in das Haus
des Senators Pudentius und an Fla
vius Clemens eine Warnung zu über
bringen, damit die Verfolgten nicht
etwa in die Hände der Häscher fielen.
Gerne versprach Lucius das der Mut
ter. Mit den Worten: „Kind, ich bete
für dich!" „Bruder, folge der Mut
ter!" schieden die beiden.
Kaum war die Sänfte fort, so et»
kannte Lucius, der jetzt ruhiger die
Lage überblickte, wie gefährlich es für
ihn fei, wenn die Verhaftung des
Oberhauptes der christlichen Sekte in
seinem väterlichen Haufe erfolge. Er
beschloß also, die Rückkehr des Pauli
nus nicht abzuwarten, sondern gleich
selbst nach dem Hause des Pudentius
zu eilen. So ließ er bei Karpophorus,
dem er das Gartentor zu schließen
gebot, auf einem Wachstäfelchen ein
paar Zeilen ait Paulinus zurück, wel
che in allgemeinen Worten eine War
nung enthielten, und eilte fort.
Lange mußte er in der Halle des
Pudentius warten. Man traute offen
bar dem Tribun nicht, den man in
Gesellschaft des Kaisers, des Tigelli
nus und anderer erklärter Feinde des
Christentums gesehen hatte. Und als
er gar nach Petrus fragte, traute
man ihm erst recht nicht. Lucius sah
ein, daß er eine Unklugheit beging,
indem er die Rückkehr des Paulinus
nichts erwartet hatte, den man im
Haufe kannte. Endlich kam Pudentius
und erschrak, als er hörte, um was
es sich handle. Petrus habe Gefangene
und St ranke besucht, und es sei nur
zu wahrscheinlich, daß derselbe auf
dem Rückwege am Haufe Lucinas vor
sprechen werde. Sofort sandte der
Senator Diener in verschiedener Rich
tung aus und machte sich selbst auf
den SSeg zu Flavius Clemens, um
Linus und andere zu warnen, die er
dort wußte.
Im Vorgefühl eines Unheils ging
der Tribun nach Haufe. Es war in
zwischen Nacht geworden, und dunkles
Gewölk, aus dem von Zeit zu Zeit die
noch schmale Mondsichel hervorbrach,
bedeckte den Himmel. In dem Garten
war es noch ganz finster auf der
Appifchen Straße kamen ihm viele
Wagen und Sänften entgegen, welche
da- und dorthin Gäste brachten.
Fackeltragende Sklaven liefen neben
ihnen her, und das rote Licht, das
rasch vorüberhuschte, ließ das Dunkel
noch undurchdringlicher erscheinen.
Jetzt war Lucius ganz nahe an seinem
Hause. Er lauschte. Alles schien ruhig,
kein Fenster war erleuchtet. Das Gar
tentor war nur angelehnt, und doch
hatte er Karpophorus befohlen, es zu
schließen. Das kam ihm verdächtig
vor. Aber der alte Karpophorus war
etwas vergeßlich.
Nachdem der Tribun nochmals ge
lauscht, trat er in den Garten und
wollte hinter sich das Tor abschließen,
als er sich Plötzlich von starken Armen
gefaßt fühlte und ihm gleichzeitig ein
Tuch in den Mund gepreßt wurde,
das ihm Stimme und Atem benahm.
Er rang umsonst. Die beiden Bur
schen waren offenbar geübte Häscher,
die ihr Handwerk verstanden.
„So," sagte der eine von ihnen,
„den hätten wir auch! Paß auf. Käme
rai),\wir kriegen ihrer noch mehr. Und
für leben zehn Sefterzieri!"
„Ja, wenn uns nur durch deine
Dummheit der kleine Jude nicht ent
wischt wäre!" antwortete der andere,
„der wird uns die Vögel aus dem
Game vertreiben."
Die Häscher brachten den Tribun in
das Haus, wo er in einem von der
Straße abgelegenen Zimmer Karpo
phorus und die übrigen Diener ge
bunden vorfand. Und auf den ersten
Blick erkannte er den Greis, den seine
Mutter Petrus genannt hatte. Er
stand mit schweren Ketten beladen da
und blickte ganz freudig den Tribun
«m, als wollte er sagen, daß er keinen
2W'.. *,W|P! S M. .«H*
V* €,
vy«
afamo-wAispigBBiJiife v'~ V" .r .'J.r \t .' ."t.
Schmuck der Welt höher achte als
diese Ketten. Jetzt wandte sich Tigel
linus, der bisher einen Schrank durch
forfcht hatte, dem Tribun zu und vre
zog fein Gesicht zu einem häßlichen
Grinsen. Doch ließ er Lucius das
Tuch aus dem Munde entfernen,x so
daß dieser ihn fragen konnte, auf wes
sen Befehl man in fein Haus ein
dringe und ihn also behandle?
„Auf den Befehl des göttlichen Kai
sers. Und ich kann dir sagen, daß
Nero regelrecht böse ist, in einem
seiner Tischgenossen einen Hehler von
Christen oder am Ende einen verkapp
ten Genossen dieser gottlosen Bande
zu finden. Daß deine Mutter und die
schöne Schwester Christen sind, das
hat meine Haussuchung bereits er
geben. Du wirst jagen müssen, wo wir
sie finden können Ueberdies beweist
dieses Täfelchen, das du dem Pfört
ner übergäbest, daß du die Feinde
der Götter und des Kaisers der Ge
rechtigkeit entziehen wolltest. Nun,
einen recht guten Fang glaube ich doch
an dem Alten gemacht zu haben, auf
den wir schon lange fahndeten. Und
daß das alles recht nette Folgen für
dich haben wird, sollst du Halb er*
fahren."
e i u n e i z i s e s
K a i e
Im Zirkus des Ners
Als der Morgen graute, wurden
die Gefangenen nach dem Zirkus des
Nero geführt, in dessen Unterbauten
Raum für viele Hunderte von Kerker
zelten war. Zum Aerg er des Tigel»
linus war ihm kein weiteres Opfer in
sein Garn gegangen, und Lucius hatte
die Befriedigung, nach dem Wunsche
seiner Mutter viele ihrer Glaubens
genossen gewarnt und gerettet zu
haben.
Trotzdem schritt er in einer ver
zweifelten Stimmung mit auf den
Rücken gebundenen Händen neben
Petrus einher und seufzte laut, als
es über den Pons triumphalis zum
Vatikan hinausging, wo der große,
von Caligula und Nero erbaute Zir
kus stand. Er hatte sich in seinen
Träumen einen ganz anderen Zug
durch die Via Appia vorgegaukelt!
„Mut, mein Sohn!" suchte ihn der
ehrwürdige Greis an seiner Seite zu
trösten. „Mut, wir sind auf dem Wege
des Triumphes! Noch begreifst du es
nicht aber du wirst dereinst Gott dan
ken, daß Er dich diesen Pfad führte.
.Durch Kreuz zum Heil!' „Hier in
diesen Gärten der Agrippina und in
dem Zirkus, zu dem man uns führt,
find vor bald drei Jahren viele Hun
derte für meinen Herrn Jesus des
grausamsten Todes gestorben," fuhr
Petrus nach einer Weile wie in be
trachtendem Selbstgespräch fort, „Den
Obelisken dort, der aus der Arena
aufragt, sah ich vom Lichte der schreck
lichen ,lebendigen Fackeln' beleuchtet.
Ihm zu Füßen fielen ungezählte
Opfer. Aber nach wenigen Stunden
der Leiden gingen fie ein in die ewige
Freude und Herrlichkeit. Jetzt jubeln
sie schon fast drei Jahre das Hai
leluja, und ihr Jubel wird kein Ende
nehmen. Wie recht schrieb doch mein
Bruder Paulus: ,Was nur einen
Augenblick dauert und nicht der Rede
wert ist, bewirkt in uns ein ewiges
Uebermaß der Herrlichkeit!' O Herr,
würdige mich, mit Dir und für Dich
zu sterben, der Du für mich am
Kreuze gestorben bist!"
Dann bewegte er in leisem Gebete
die Lippen und sagte nach einer Weile
mit einem dankbaren Blicke nach
oben: „Jetzt erfüllt sich das Wort des
Herrn: ,Wemt du alt geworden bist,
wird dich ein anderer gürten und hin
führen, wohin du nicht willst.' In der
Tat. das Fleisch zagt und will nicht
aber der Geist siegt in der Kraft des
Herrn!"
Als eben die ersten Sonnenstrahlen
den Obelisken trafen, erreichte man
den Zirkus. Tigellinus, der voran
schritt, sagte höhnisch zu Lucius Fla
vus: „Nun, Tribun, sieh dir die
Sonne und den Himmel und die blü
henden Gärten ringsum noch einmal
an! Es dürfte eine Zeitlang dauern,
bis du wieder von Sonnenschein und
frischer Lust und ähnlichen Dingen
behelligt wirst falls du dich nicht
vernünftigerweise entschließest, dem
göttlichen Nero dein kleines Schwe
sterchen auszuliefern, wodurch du ihr
und dein Glück gründen würdest.
Nicht? Nun, des Menschen Wille ist
sein Himmelreich. Und das Mädchen
werden wir schon aufzutreiben wis
sen."
Ein Blick der tiefsten Verachtung
war die einzige Antwort, deren der
Tribun den Präfekten der Prätoria
ner würdigte. Dann trat er durch
eines der Tore in die gewölbte Halle,
die als Wachtstube diente. Nachdem
Tigellinus dem Kerkermeister einige
Worte gesagt hatte, schied er mit einer
höhnischen Verbeugung. Der Kerker
meister Tigrinus, ein breitschulterig
ger, mürrischer Gesell, der als Gla
diator im Kampfe mit einem germa
nischen Kriegsgefangenen das linke
Auge verloren hatte und deshalb den
Spitznamen Zyklop trug, erhob sich
knurrend von dem Frühtrunke, den er
eben mit seinen Kameraden einnahm.
„Diese Hunde von Christen lassen
einem weder bei Tag noch bei Nacht
1,.
'*i• V *^i ^v
Ruhe!" schimpfte er. „Bald ist fei#
Platz mehr für irgendeinen ehrliches
Räuber oder Halsabschneider. Gam».'
rtio, reich' mir den Krug noch einrnaif
Ihr Kerle sauft ihn mir sonst au3yy
bevor ich wiederkomme." Damit fetzte',
er ihn an seine breiten Lippen unb"
trank ihn selber leer. 'r
Dann trat der Kerkermeister an die
Gefangenen heran und musterte sie
mit seinem einzigen Auge. „Gewöhn#'
liehe» Christengelichter!" sagte er 31t
den paar Dienern. „Kaum gut genügt
den Numidiern vorgeworfen zu wer
den. Das also soll der Oberste der
Eselsanbeter sein? Nun, wir wollen
ihn mit einer eigenen Zelle ehren.
Das Knochengerüst mag seinerzeit gut
gewesen sein, ist jetzt aber viel zu
morsch für einen Kampf in der
Arena."
»Zum Tode am Kreuze wird ei
doch noch halten, Freund," antwortete
freundlich der Greis.
„Ha, gelüstet dich danach? Nun, ich
muß sagen, daß ich das Kreuz noch
immer für den niederträchtigsten Tod
halte, den der Kakodämon. erfunden
hat. Und ich habe einige Erfahrung
in dem Punkte. Von einem Löwen
zerrissen werden, das ist nichts!
Knicks, knacks dann ist's vorbei.
Und selbst das Verbrennen dauert
nicht so lange. Aber die Geißelung,
daß die Fetzeit fliegen, dann das An
nageln und erst das verwünschte Han
gen und manchmal dauert es Tage
und Nächte! Na, ich danke dafür!
Aber wenn es nach deinem Gefchmacke
ist, Alter gut, ich will daran den
ken. Man foil nicht sagen, daß der
Zyklop einem seiner Klienten einen
solchen Spaß mißgönnte/'
Jetzt betrachtete der Einäugige den
Tribun. „Beim Herkules ein feiner
Gesell! Den möchte ich einem Gladia
tor gegenübersehen! Auch Christ?"
„Nein," antwortete Lucius, „du
siehst ja, daß ich Tribuns bin. Ich ver
lange vor den Prätor geführt zu wer
den. Ich bin durch einen ganz nieder
trächtigen Streich dieses Schurken von
Tigellinus in meinem Hause überfal
len worden. Und wenn es auch auf
Befehl des Kaifers geschehen wäre, ich
will doch sehen, ob es in Rom keine
Gerechtigkeit
„Nun, dann spare deine Lunge, tap
ferer Tribun, bis du auf dent Forum
zu den Quiriten redest, wenn es über
Haupt noch solche Wesen gibt. Aber
ich fürchte sehr, man wird dich dieser
Mühe überheben, da du den allmäch
tigen Präfekten der Prätorianer und
den göttlichen Cäsar zu Gegnern hast.
Es versteht sich jedoch von selbst, daß
man einem solchen feingefiederten
Vogel auch einen besonders feinen
Käfig gibt. Gannio, zünde die Fackeln
an! Voran!
Tigrinus schritt durch die gewölb
ten Gänge, welche sich in mehreren
Stockwerken unter den gemauerten
Sitzreihen des Zirkus hinzogen, mit
seiner Fackel den Gefangenen voran,
und Gannio machte den Schluß. „Wir
wollen diesen Christen doch zuerst die
Numidier und die anderen süßen
Bestien zeigen,", sagte der Zyklop.
„Tie Tiere wittern ihre Beute, und
den Christen gibt es angenehme/
Träume."
Er führte sie also in die Keller
räume, wo die Behälter der wilden
Tiere waren, und leuchtete mit seiner
Fackel zwischen den Eisenstangen in
die Käfige hinein. Unter Knurren
verkrochen sich ein paar Panther, das
Licht scheuend brummend erhob sich
ein gewaltiger Bär aus dem norischen
Gebirge auf feine Hinterbeine und
zeigte fein weißes Gebiß ein wilder
llr wetzte fein Horn am Boden und
machte Miene, auf die Schranken los
zurennen. Für jede dieser Bestien
hatte Tigrinus ein Schmeichelwort,
während er ihnen die Gefangenen als
künftige Gegner in der Arena vor
stellte. Bei den Löwen aus Numidien
aber wurde er geradzu zärtlich. Als
Antwort schüttelte der größte unter
ihnen seine Mähne und stieß ein
markdurchdringendes Gebrüll aus.
„Gut, mein Junge, wacker gebrüllt!"
lachte der Zyklop, während Petrus an
den „brüllenden Löwen" dachte, vor
dessen Wut und Wachsamkeit er die
Gläubigen so eindringlich gewarnt
hat.
Nicht weit von den Behältern der
wilden Tiere stieß der Kerkermeister
die Tiener des Lucius in ein finsteres
Gewölbe. Der Tribun wollte ihnen
Hoffnung auf baldige Befreiung
machen sie dankten ihm, schienen aber
mehr getröstet zu sein durch ein Wort
des greisen Petrus, der ihnen Christi
Beistand zum ewigen Siege versprach.
Petrus selbst wurde in eine andere
dunfle Zelle gesperrt. „Nur einst
weilen," sagte der Zyklop, „man wird
dich bald in den mamertimfchen Ker
ker abholen, wie mir der Präfeft der
Prätorianer sagte."
Als er mit diesen Worten dem
Greise die Hände losgebunden hatte,
legte Petrus feint Rechte segnend auf
die Stirne des Tribuns und sagte:
..Lebewohl, mein Sohn! Ich bete für
dich und bin sicher, daß du um deiner
heiligen Mutter willen von Gott
Gnade erhalten wirst. Vergilt sie
dann durch Liebe gegen die Brüder.
Der Friede sei mir dir!"
(Fortsetzung folgt)
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