OCR Interpretation


Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 25, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn91069201/1953-04-25/ed-1/seq-7/

What is OCR?


Thumbnail for

*1*, ',4?,
w ,.,
W,'t ^'H^' 8$. 'Aivm
li 'F
ifj,-! ',aw,v. ,
£•.
'F.
,*V' $~,
IL*
u
*1*' I
,' jb'-r
17\
tesfy
l-Z
V
n(
h1
V
A,S'
i
$U:
sf
t'-,/
A*
I' dt
u
S
«7 "T^lt ""f jf K^
^.-.v'.-i" .- /ijy,-v'k .• !*.£.*• ww*o.::?: ,r.* .?- .*• .:
1
\i ir
y
Dieser Großmutter nun wollte er
sein Vorhaben deuten, damit sie ihn
nicht eines Tages zufällig vermisse
und sich innerlich kränke, als sei er
gestorben.
Und so an einem frühen Mor
gen stand er neben den Eltern reise
fertig vor der Tür, sein dürftig Lin
nenkleid an, den breiten Hut auf dem
Haupte, den Wacholderstab in der
Hand, umgehängt den Heidesack, in
welchem zwei Hemden waren und
Käse und Brot. Eingenäht in die
Brusttasche hatte er das wenige Geld,
welches das Haus vermochte.
Die Großmutter, immer die erste
wach, kniete bereits nach ihrer Sitte
inmitten der Wiese an ihrem Holz
scheme!, den sie dahin getragen, und
betete. Der Knabe warf einen Blick
auf den Heiderand, welcher schwarz
den lichten Himmel schnitt dann
trat er zu der Großmutter und sagte:
„Liebe Mutter, ich gehe jetzt lebet
wohl und betet für mich!"
«.Kind, du mußt der Schafe achten
bei Tau ist zu früh und zu kühl!"
„Nicht auf die Heide gehe ich,
Großmutter, sondern weit fort in das
Land, um zu lernen und tüchtig zu
werden, wie ich es Euch ja gestern
gesagt habe."
„Ja, du sagtest es," erwiderte sie,
„du sagtest es, mein Kind ich habe
dich mit Schmerzen geboren, aber dir
auch Gaben gegeben, zu werden wie
einer der Propheten und Seher. Ziehe
mit Gott, aber komm wieder, Jako
bus!"
Jakobus hatte ihr Sohn geheißen,
der auch einmal fortgegangen, vor
mehr als sechzig Jahren, aber nie
wieder zurückgekehrt war.
„Mutter," sagte er noch einmal,
„gebt mir Eure Hand!"
Sie gab sie ihm er schüttelte sie
und sagte: „Lebt wohl, lebt wohl!"
„Amen, Amen," sagte sie, als horte
fie zu beten auf.
Dann wandte sich der Knabe gegen
die Eltern das Herz war ihm so sehr
ömporgeschwollen er sagte nichts,
sondern mit eins hing er am Halse
der Mutter, und sie, heiß weinend,
küßte ihn auf beide Wangen und
schob ihm noch ein Geldstück zu, das
sie einst als Patengeschenk empfangen
und immer aufgehoben hatte allein
er nahm es nicht. Dem Vater reichte
-er bloß die Hand, weil er sich nicht
-getraute, ihn zu umarmen. Dieser
machte ihm ein Kreuz auf die Stirne,
auf den Mund und die Brust, und
als hierbei seine rauhe Hand zitterte
-und um den harten Mund ein hef
tiges Zucken ging, da hielt sich der
Kttabe nicht mehr. Mit einem Tränen
gusse warf er sich an die Brust des
Vaters, und dessen linker Arm um
krampste ihn eine Sekunde, dann ließ
er ihn los und schob ihn wortlos gegen
die Heide. Die Mutter aber rief ihn
noch einmal und sagte, er möge doch
auch das kleine Schwesterchen geseg
nen, die man in ihrem Bettlein ganz
vergessen habe. Drei Kreuze machte er
über den schlafenden Engel, dann
V
1 »S
*. ..- -i" w -. ., -*.-1 v -'. -.v'V.'fj^.Vv .•' vj '.
DAS HEIDEDORF
von
A A E S I E
(Fortsetzung)
Das alte Weib hatte in ihrem gan
zen Leben voll harter Arbeiten nur ein
einziges Buch gelesen, die Bibel aber
in diesem Buche las und dichtete sie
siebzig Jahre. Jetzt tat sie es zwar
nicht mehr, verlangte auch nicht mehr,
daß man ihr vorlese aber ganze Pro
phetenstellen sagte sie oft laut her,
und in ihrem Wesen waren Art und
Weise jenes Buches ausgeprägt, so
daß selbst zuletzt ihre gewöhnliche
Redeweise etwas Fremdes und gleich
sam Morgenländisches zeigte. Dem
Knaben erzählte sie die heiligen Ge
schichten. Da saß er nun oft an Sonn
tagnachmittagen gekauert an dem
.Holunderstrauch und wenn die
Wunder und die Helden kamen und
die fürchterlichen Schlachten und die
Gottesgerichte und wenn sich dann
die Großmutter in die Begeisterung
geredet und der alte Geist die Ohn
macht seines Körpers überwunden
hatte und wenn sie nun anfing,
zurückgesunken in die Tage ihrer Ju
gend, mit dem welken Munde zärtlich
und schwärmerisch zu reden, mit
einem Wesen, das er nicht sah, und
in Worten, die er nicht verstand, aber
tief ergriffen instinktmäßig nachfühlte,
und wenn sie um sich alle Helden der
Erzählung versammelte und ihre eige
iten Verstorbenen einmischte und nun
alles durcheinander reden ließ: da
graute er sich innerlich entsetzlich ab,
und um so mehr, wenn er sie gar nicht
mehr verstand. Allein er schloß alle
Tore seiner Seele weit auf und ließ
den phantastischen Zllg eingehen und
nahm des anderen Tags das ganze
Getümmel mit auf die Heide, wo er
alles wieder nachspielte.
,V
••.*• ti
-•. •_.
schritt er schnell hinaus und ging
trotzig vorwärts gegen die Heide.
So ziehe mit Gott, du unschuldiger
Mensch, und bringe nur das Kleinod
wieder, was du so leichtsinnig fort
trägst!
Als er an den Roßberg gekommen,
ging die Sonne auf und schaute in
zwei treuherzige, zuversichtliche, aber
rotgeweinte Augen. Am Heidehause
spiegelte sie sich in den Fenstern und
an der Sense des Vaters, der mähen
ging.
3. Das HeidedW
*•'..•»?,'
k
Des ersten Abends war es öde und
verladen, 'und den beiden Eltern tat
das Herz weh, als sie in der Dämme
rung des Sommers zu Bette gingen
und auf seine leere Schlafstelle sahen.
Um denselben Menschen, der vielleicht
eben jetzt noch auf dürrer Heerstraße
wanderte und von keinem beachtet, ja
von den meisten verachtet wurde, bra
chen fast zwei naturrohe Herzen im
entlegenen Heidehause, daß sie ihn von
nun an, vielleicht auf immer ent
behren sollten aber sie drückten den
Schmerz in sich, und jedes trug ihn
einsam, weil es zu schamhaft und un
beholfen war, sich zu äußern.
Aber es kam ein zweiter Tag und
ein dritter und ein vierter, und jeder
spannte denselben glänzenden Him
melsbogen über die Heide und fun
feite nieder auf die Fenster und das
altergraue Dach des Hauses ebenso
freundlich und lieblich, wie als er noch
da gewesen war.
Und dann kamen wieder Tage und
wieder.
Die Arbeit und Freude des Land
mannes, durch Jahrtausende einför
mig und durch Jahrtausende noch un
erschöpft, zog auch hier geräuschlos
und magisch ein Stück ihrer uralten
Kette durch die Hütte, und an jedem
ihrer Glieder hing ein Tröpflein Ver
gessenheit.
Die Großmutter trug nach wie vor
ihren Holzschemel auf die Wiese und
betete daran, und sie und klein Marthe
fragten täglich, wann der Felix kom
me. Der Vater mähte Roggen und
Gerste die Mutter machte Käse
und band Garben und der fremde
Ziegenbube trieb täglich auf die Heide.
Von Felix wußte man nichts.
Die Sonne ging auf und unter, die
Heide wurde weiß und wurde grün,
der Holunderbaum und der Apfel
bäum blühten vielmal klein Mar
ths war groß geworden und ging mit,
um zu heuen und zu ernten, aber sie
fragte nicht mehr und die Groß
mutter, ewig und unbegreiflich hin
auslebend wie ein vom Tode verges
jener Mensch, fragte auch nicht mehr,
weil er ihr entfallen war oder sich
zu ihren heimlichen Phantasiegestalten
gesellt hatte.
Die Felder des Heidebauers besser
ten sich nachgerade, als ob der Him
mel seine Einsamkeit segnen und ihm
vergelten wollte, und es wurde ihm so
gut, daß er schon manchen Getreide
sack aufladen und mit schönen Ochsen
fortführen konnte, wofür er dann
einige Taler Geldes und Neuigkeiten
von der Welt draußen heimbrachte.
Einmal kam auch ein Schreinergeselle
mit seinem Wanderpacke zu Vater
Niklas, dem Heidebauern, und brachte
einen Gruß und einen Brief von
Felix und sagte, daß derselbe in der
großen, weit entfernten Hauptstadt
ein schmucker, fleißiger Student sei,
daß ihn alles liebe, und daß er gar
eines Tages Kaplan in der großen
Doinkirche werden konnte. Der Schrei
nergeselle wurde über Nacht im Heide
hause gut gehalten und ließ eitel
Freude zurück, als er den anderen
Tages ill 'entgegengesetzter Richtung
von dannen zog. So kam es, daß
jedes Jahr ein- oder zweimal ein
Wanders mann den Umweg über die
Heide machte, dem schönen, freund
lichen Jüngling zuliebe, der gern
einen Gruß an sein liebes Mütterchen
schicken wollte. Ja sogar einsmal kam
einer geschritten und konterfeite das
Häuschen samt dem Brunnen und
Flieder- und Apfelbaume.
Auch andere Veränderungen began
nen auf der Heide. Es kamen einmal
viele Herren und vermaßen ein Stück
Heideland, das feit Menschengedenken
keines Herrn Eigentum gewesen war,
und es kam ein alter Bauersmann
und zimmerte mit vielen Söhnen und
Leuten ein Haus darauf und fing an,
den vermessenen Fleck urbar zu ma
chen. Er hatte fremdes Korn mitge
bracht, das auf dem Heideboden gut
anschlug, und im nächsten Jahre wogte
ein grüner Aehrenwald zunächst an
Vater Niklas' Besitzungen, wo noch
im vorigen Frühlinge nur Schlehen
und Liebfrauenschuh geblüht hatten.
Der alte Bauer war ein freundlicher
Mann, ein Mann vieler Kenntnisse,
-o-fj ,:v.: ."t
"-•'••-P
und teilte gerne feinen Rat und sein
Wissen und seine Hilfe an die frühe
ren Heidebewohner und hielt gute
Nachbarschaft mit Vater Niklas. Sie
fuhren nun beide gar in die Stadt,
verkauften dort ihr Getreide weit bes
ser, und am Getreidemarkt im „Gol
denen Rosse" waren die Heidebauern
wohl gekannt und wohl gelitten.
Nach und nach kamen neue Ansied
ler auch eine Straße wurde von der
(Erlittdherrschaft über die Heide ge
bahnt, so daß nun manchmal des
Weges ein vornehmer Wagen kam,
desgleichen man noch nie auf der
Heide gesehen. Auch des alten Bauers
Sohne bauten sich an, und einer, sagte
man sich ins Ohr, werde wohl schön
Marthens Bräutigam werden. Und
so, ehe sieben Jahre ins Land gegan
gen, standen schon fünf Häuser mit
Ställen und Scheunen, mit Giebeln
und Dächern um das kleine, alte,
graue Heidehaus, und Felder und
Wiesen und Wege und Zäune gingen
fast bis auf eine Viertelstunde Weges
gegen den Roßberg, der aber noch
immer so einsam war wie sonst und
anl Pankratiustage (12. Mai) hatte
Vater Niklas die Freude, zum Richter
des Heidedorfes gewählt zu werden:
er der erste seit der Erschaffung der
Welt, der solch Amt und Würde auf
diesem Flecke bekleidete.
Wieder waren Jahre um Iahte
vergangen, die Obstbaumsetzlinge,
zarte Stangen, wie sie der alte Nach
barsbauer gebracht und an Niklas
mitgeteilt hatte, standen nun schon als
wirtliche Bäume da und brachten
reiche Frucht und manchen Sonntags
trunk an Obstwein. Marthe war
an Nachbars Benedikt verheiratet,
und sie trieben eine eigene Wirt
schaft. Die Heide war weiß und
wieder grün geworden aber des
Vaters Haare blieben weiß, und die
Mutter fing bereits an, der Großmut
ter ähnlich zu werden, welche Groß
mutter allein unverwüstlich und un
veränderlich blieb, immer und ewig
am Hause sitzend, ein träumerisches
Ueberbleibsel, gleichsam als warte sie
auf Felixens Rückkehr. Aber Felix
schien, wie einst Jakobus, verschollen
zu sein auf der Heide. Seit drei
Jahren kam keine Kunde und kein
Wandersmann. In der Haupt
stadt, wohin gar Benedikt gegangen,
um ihn zu suchen, war er nicht zu
finden, und im Amte sagten ihm die
Kanzleiherren aus einem großen
Buche, er sei außer Landes gegangen,
vielleicht gar über das Meer. Der
Vater hörte schon auf, von ihm zu
reden Marthe hatte ein Kindlein und
dachte nicht an ihn die Heidedörfler
kannten ihn nicht irnd liebten ihn auch
nicht, als einen, der da einmal davon
gegangen die Großmutter fragte nur
bisweilen nach Jakobus aber das
Mutterherz trug ihn unverwischt und
schmerzhaft in sich seit dem Tage, als
er von dannen gezogen und an ihrem
Busen geweint hatte und das Mut
terherz trug ihn abends in das Haus
und morgens auf die Felder und
das Mutterherz war es auch allein,
das ihn erkannte, als einmal am
Pfingstsamstage durch die Abendröte
ein wildfremder, sonnverbrannter
Mann gewandert kam, den Stab in
der Hand, das Ränzlein auf dem
Rücken, und stehen blieb vor dem
Heidehause.
„Felix!" „Mutter!"
Ein Schrei und ein Sturz an das
Herz.
Das Mutterherz ist der schönste und
unverlierbarste Platz des Sohnes,
selbst wenn er schon graue Haare
trägt und jeder hat im ganzen
Weltall nur ein einziges solches Herz.
Das alte Weib brach an ihm fast
nieder vor Schluchzen, und er, viel
leicht seit Jahren keiner Träne mehr
gewohnt, ließ den Bach seiner Augen
strömen und hob sie zu sich auf und
drückte sie und streichelte ihre grauen
Haare, nicht sehend, daß Vater und
Schwester und das halbe Dorf um sie
beide standen.
„Felix, mein Felix, wo kommst du
denn her?" fragte sie endlich.
„Von Jerusalem, Mutter, und von
der Heide des Jordans. Gott grüß'
Euch, Vater, und Gott grüße Euch,
Großmutter! Jetzt bleib' ich lange bei
euch, und geliebt es Gott, auf immer."
Er schloß den zitternden Vater ans
Herz und dann die alte Großmutter,
die fast schamhaft und demütig bei
feite stand und dann noch einmal
den Vater, den schönen, alten, brau
nen Mann mit den schneeweißen
Haaren, den er mit noch dichten, dunk
len Locken verlassen hatte, und der
doppelt liebenswert dastand durch die
unbehilfliche Verlegenheit, in die er
Som r+Af+ftrficm aprrpttitfipr (1P
riet das Mutterherz aber, sich ihres
immer unverjährbaren Ranges be
wüßt, zeigte nichts dem Aehnliches
sie sah nicht seine Gestalt und seine
Kleider, sondern ihr Auge hing die
ganze Zeit über an seinem Angesichte,
und es glänzte und funkelte und
schäumte fast über vor Freude und
vor Stolz, daß Felix so schön gewor
den und so herrlich.
Endlich, als sich fein Herz etwas
gesättigt, siel ihm klein Marthe bei
er fragte nach ihr, und sein Auge
suchte am Boden umher allein die
Mutter führte ihm ein blühendes
Weib vor, mit hellen, blauen Augen,
A'
5
*V V •. W
y}* v -•. .• .-'r^'y.' --r v -.^ ••-.
ÖWÖ-TPÄlSlÜNVllElifll!)
m**»^ ,--,*
ein Kind auf dem Arme, wie eine
Madonna, deren er in Welschlanb auf
Bildern gesehen. Er erkannte im
Kinde klein Marthe die Mutier des
Kindes getraute er sich aber nicht zu
küssen, und auch sie stand blöde vor
ihm und sah ihn bloß liebreich an.
Endlich grüßten und küßten sie sich
herzinnig als Geschwister, und der
ehrliche Benedikt reichte ihm die Hand
und sagte, wie er ihn vor zwei Jahren
so emsig in der ungeheuersten Entfer
nung gesucht habe.
„Dar war ich im Lande Aegypten,"
sagte Felix, „und ihr hättet mich auch
dort kaum erfragt denn ich war in
der Wüste."
Auch die Bauern und ihre Weiber
und Kinder, die sich vor Niklas' Hause
eingesunden hatten und ehrbar-neu
gierig herumstanden, grüßte er alle
freundlich, lüftete den Reisehut und
reichte ihnen, obwohl unbekannt, die
Hand.
Endlich ging man in das Haus,
und nach Heidesitte gingen viele Nach
born mit und waren dabei, wie er
Geschenke und Berichte auspackte. Auf
der Gasse wurde es stille, die Men
scheu suchten nach dortigem Gebrauche
zeitig ihre Schlafstellen, und die roten
Pfingstwolken leuchteten noch lange
über dem Dorfe.
4. Der Heidebewohner
Und als des anderen Tages die
ersten Sonnenstrahlen glänzten und
die Heidedorfbewohner bereits im
Festputze gerüstet waren, um zur fer
nen Kirche zu gehen, so war einer der
Bewohner mehr und einer der Kir
chengänger mehr. Tie Nacht -hatte es
manchem verwischt, daß er gekom
men aber der Morgen brachte ihnen
wieder neu den neuen Besitz, damit sie
sich daran ergötzten: die einen mir
ihrer Neugierde, die anderen mit ihrer
Liebe aber alle hatten eine un
sichere Scheu, selbst die Eltern, was
es denn wäre, das ihnen an ihm zu
rückgebracht worden sei, und ob er
nicht ein fremdes Ding in der übrigen
Gleichheit und Einerleiheit des Dor
fes wäre.
Er aber stand fchon angekleidet,
und zwar in dem leinenen Heidekleide
und dem breiten Hute, im Freien und
schaute mit den großen, glänzenden,
sanften Augen um sich, als die Mut
ter zu ihm trat und ihn fragte, ob er
auch in die Kirche gehen werde, oder
ob er müde sei und Gott zu Hause
verehren wolle.
„Ich bin nicht müde," antwortete
er freundlich, „und ich werde mit euch
gehen" denn er sah, daß die Mutter
zum Kirchengehen angezogen war,
und daß auch der Vater in seinem
Sonntagsrocke aus dem Hause komme.
Festliche Gruppen zeigten sich hie
und da auf dem Anger des Torfes
manche traten naher und grüßten,
andere hielten sich verschämt zurück,
besonders die Mädchen, und wieder
andere, welche zu Hause blieben und
in der Festtagseinsamkeit das Dorf
hüten mußten, standen unter den
Haustüren oder sonstwo und schau
ten zu.
Und als noch Pfingsttan auf den
Heidegräsern funkelte und glänzte,
und als die Morgenkühle wehte, setzte
sich schon alles in Bewegung, um zu
rechter Zeit anzulangen und so
führte denn Felix das alte Weib an
seiner Hand und leitete sie so zärtlich
um den sanften Heidebühel (Bühel:
kleiner Hügel) hinan, wie sie einstens
ihn, da er noch ein schwacher Knabe
war und Sonntag vormittags die
Ziegen und Schafe zu Hause lassen
durfte, damit er hinausgehe und das
Wort Gottes höre. Ter Vater ging
innerlich erfreut daneben, die anderen
teils voran, teils hinten. Endlich war
die letzte Gruppe hinter dem Bühel
verschwunden, die Nachschauenden tra
ten in ihre Häuser zurück, und kurz
darauf war jene funkelnde Einsam
feit über den Dächern, die so gern an
heiteren Sonntagvormittagen in den
verlassenen Dörfern ist die Stunden
rückten trockener und heißer vor, eine
dünne blaue Rauchsäule stieg hie und
da auf. und mitten in dem Garten
des Heidehauses kniete die hagere
Großmutter und betete. Und wie
endlich nach stundenlanger Stille
durch die dünne, weiche, ruhende Luft,
wie es sich bisweilen an ganz beson
ders schweigenden Tagen zutrug, der
ferne feine Ton eines Glockleins kam.
da kniete manche Gestalt auf dem
Rasen nieder und klopfte an die
Brust dann war es wieder stille und
blieb stille die Sonnenstrahlen san
ken auf die Häuser nieder, mehr und
mehr senkrecht.
Sann
Bh
1
V
wieder schräge,
daß die Schatten auf der anderen
Seite waren. Endlich kam der Nach
mittag mit ihm alle Kirchengänger
sie legten die schönsten Kleider und
Tücher von dem erhitzten Körper,
taten leichtere an, und jedes Haus
verzehrte sein vorgerichtetes Pfingst
rnahl.
Und was war es denn, was ihnen
an Felix zurückgebracht worden war,
und warum ist er denn so lange nicht
gekommen, und wo ist er denn ge
wesen
Sie wußten es nicht.
In der Kirche war er mit gewesen.
Fast so kindlich andächtig wie einst
hatte er auf die Worte des Priesters
1
i
-•...
gehorcht sanftmütig war er neben
der Mutter nach Haufe gekehrt, und
wenn dann bei Tische der Vater das
Wort nahm, so brach Felix das seine
aufmerksam ab und hörte zu und
gegen Abend saß er mit der Groß
mutter im Schatten des Holunder
busches und redete mit ihr, die ihm
ganz sonderbare und unverständliche
Geschichten vorlallte. Und wenn dann
so den Tag über die Neugier der
Mutter in sein Auge blickte, halb selig,
halb schilierzenreich, wenn, sie nach den
einstigen weichen Zügen forschte
ihren ehemaligen heiteren, treuher
zigen, schönen Heideknaben suchte
sie T— und siehe, sie fand ihn auch:
in leisen Spuren war das Bild des
gutherzigen Knaben geprägt in dem
Antlitze des Mannes, aber unsäglich
schöner, so schön, daß sie oft einen
Augenblick dachte, sie könne nicht seine
Mutter sein wenn er den ruhigen
Spiegel seiner Augen gegen sie rich
tete, so verständig und so gütig, oder
wenn sie die Wangen ansah, fast so
jung wie einst, nur noch viel dunkler
gebräunt, daß dagegen die Zähne wie
Perlen leuchteten, dieselben Zähne,
die schon an dem Heidebuben so un
schuldig und gesund geglänzt und
um sie herum noch dieselben lieblichen
Lippen, die aber jetzt reif und männ
lich waren, und so schön, als sollte so
gleich ein süßes Wort daraus hervor
gehen, sei's der Liebe, sei's der Be
lehrung.
„Er ist gut geblieben," jauchzte in
ihr dann das Mutterherz „er ist gut
geblieben, wenn er auch viel vor
nehmer ist als wir."
Und in der Tat, es war ein solcher
Glanz keuscher Reinheit um den
Mann, daß er selbst von dem rohen
Herzen des Heideweibes erkannt und
geehrt wurde.
Was lebte denn in ihm, das ihn
unangerührt durch die Welt getragen,
daß er seinen Körper als einen Tem
pel wiederbrachte, wie er ihn einst aus
der Einsamkeit sortgenommen?
Sie wußten es nicht nur immer
heiterer und fast einfältiger legte sich
sein Herz, dar, sowie die Stunden des
ruhigen Festtages nach und nach ver
flössen.
Spät abends erzählte er ihnen, da
alle um den weißen buchenen Tisch
saßen und auch Marthe mit ihrem
Kinde da war und Benedikt und
andere Nachbarn. Er erzählte ihnen
von dem Gelobten Lande, wie er
dort gewesen, wie er Jerusalem und
Bethlehem gesehen habe, wie er aus
dem Tabor gesessen, sich in dem Jor
dan gewaschen den Sinai habe er
gesehen, den furchtbar zerklüfteten
Berg, und in der Wüste ist er gewan
delt. Er sagte ihnen, wie seine ge
zimmerten Truhen mit dem Postboten
kommen würden dann werde er
ihnen Erde zeigen, die er aus den
heiligen Ländern mitgebracht auch
getrocknete Blumen habe er und Kräu
ter aus jenem Lande und Fußtritte
des Herrn, und was nur immer dort
das Erdreich erzeuge und bringe
und viel heiliger, viel heißer und viel
einsamer seien jene Heiden und Wü
sten als die hiesige, die eher ein Gar
ten zu nennen. Und wie er so redete,
sahen alle alls ihn und horchten
lind sie vergaßen, daß es Schlafens
zeit vorüber, daß die Abendröte längst
verglommen, daß die Sterne empor
gezogen und in dichter Schar über den
Dächern glänzten.
Von Städten, den Menschen und
ihrem Treiben hatte er nichts gesagt,
und sie hatten nicht gefragt. Tie
Worte seines Mundes taten so wohl,
daß ihnen gerade das, was er sagte,
das Rechte deuchte und sie nicht nach
anderem fragten.
Marthe trug endlich das schlafende
Kind fort, Benedikt ging auch, die
Nachbarn entfernten sich und noch
seliger lind noch freudenreicher als
gestern gingen die Eltern zu Bette,
und selbst der Vater dachte, Felix sei
ja fast wie ein Prediger und Priester
des Herrn.
Auch auf die Heide war er gleich
und) den Feiertagen gegangen: aus
seiner Rednerbühne war er gesessen
die Käfer, die Fliegen, die Falter, die
Stimme der Heidelerche und. die
Augen der Feldmänschen waren die
nämlichen. Er schweifte herum, die
Sonnenstrahlen spannen dort häm
merte das Moor, und ein Zittern und
Zirpen und Singen. Und wie
der Vater ihn so wandeln sah, mußte
er sich über die dünnen, grauen Haare
fahren und mit der schwielenvollen
Hand über die Runzeln des Angesich
tes streichen, damit er nicht glaube,
sein Knabe gehe noch dort, und es
fehlen nur die Ziegen und Schafe, daß
es sei wie einst, und daß die lange,
lange Zeit nur ein Traum gewesen
sei. Auch die Nachbarn, wie er so Tag
nach Tag unter ihnen wandelte, wie
ihn schon alle Kinder kannten, wie er
mit jedem derselben, auch mit dem
häßlichsten, so freundlich redete, und
wie er so im Linnenkleide durch die
neuen Felder ging glaubten ganz
deutlich, er sei einer von ihnen, und
doch war es auch wieder ganz deut
lich, wie er ein weit anderer sei als sie.
Eine Tat müssen wir erzählen, ehe
wir weitergehen und von seinem
Leben noch entwickeln, was vorliegt
eine Tat, die eigentlich geheim blei
ben sollte, aber ausgebreitet wurde
,•„
,. .'
..
Ler Untergang der ..Semit
lante"
(Fortsetzung von Seit« LI
Noch unter dem Eindruck der grau
sigeu Erzählung, versuchte ich den
Untergang des unglücklichen Schiffs
und den Todeskampf feiner Besatzung
zu rekonstruieren, der nur die See
möwen zu Zeugen hatte. Einige auf
fallende Einzelheiten der Kapitän
in Galauniform, die Stola der Feld
geistlichen, die zwanzig Soldaten des
ersten Schiffbruchs halfen mir den
Ablauf des Tramas zu erraten. Ich
sah die Fregatte, wie sie bei Nacht
den Hafen von Toulon verließ. Das
Meer ist ruhig, der Wind schrecklich.
Doch man weiß an Bord, daß der
Kapitän ein erprobter Seemann ist.
So fühlen sich alle sicher.
Am Morgen erhebt sich der Nebel.
Man beginnt unruhig zu werden. Die
ganze Besatzung ist in Bereitschaft.
Der Kapitän ist an Teck. Im Zwi
schendeck, wo die Soldaten sitzen, ist
es dunkel.
Tie Soldaten sitzen in Gruppen
beieinander, und klammern sich fltt
den Bänken an. Sie müssen schreiM'
um sich einander verständlich zu ti#
chen. Einige unter ihnen bekommen
es mit der Angst zu tun. Hort
doch! In dieser Gegend hier ist Schiff
bruch keine Seltenheit! Ein paar
Soldaten sagen es, und was sie dar
über zu erzählen wissen, ist kaum be
ruhigend.
Besonders ihr Brigadier, ein Pa
riser, der sich, wie es scheint, aufs
Aufschneiden versteht, unterhält sie
übel mit seinen Scherzen. „Schiffbruch
hier! Was macht das schon! Wir kom
men mit einem Eisbad davon. Dann
bringt man uns nach Bonifacio und
wir essen bei Patron Lionetti zu
Abend!"
Die Kerle lachen
Da plötzlich ein Krachen Was
ist das? Was ist los?
„Tas Steuerrad ist weg!" ruft ein
Matrose, der ganz durchnäßt durch
das Zwischendeck rennt.
„Gute Reise!" schreit dieser Narr
von Brigadier aber niemand lacht
darüber. Tumult aus dem Deck. Kein
Steuerruder mehr! Das Schiff ist
nicht mehr manövrierfähig. Tie „Se
millernte" hat den Kurs verloren und
fliegt dahin wie der Wind. Dies ist
der Augenblick, in dem sie der Zöllner
entdeckt. Es ist 11 Uhr 30 Vom
Bug der Fregatte hört man einen
Krach, wie von einem Kanonenschuß.
Tie Brandung! Tie Brandung!
Es ist aus. Es ist keine Hoffnung
mehr. Tie „Semillante" geht gerade
auf die Küste los. Der Kapitän steigt
zu seiner Kabine hinunter. Er wird
gleich wieder an Teck sein in Gala
uniform. Er hat sich feierlich geklei
det für den Tod.
Stumm vor Angst starren die Sol
daten im Zwischendeck einander an.
Die Kranken versuchen, sich aufzurich
ten. Ter kleine Brigadier lacht nicht
mehr. Jetzt öffnet sich die Tür und der
Feldgeistliche erscheint auf der Schwel
le, die Stola um den Nacken:
„Auf die Knie, meine Kinder?"
Alle gehorchen. Mit tönender Stirn»
me beginnt der Priester die Reue»
gebete zu sprechen. Plötzlich ein surcht
barer Stoß, ein Schrei, ein einziger
Schrei, ein ungeheurer Schrei
Arme breiten sich aus, Hände ver
krampsen sich ineinander, verstörte
Blicke richten sich auf die Vision des
Todes, der da einbricht wie der Blitz!
„Barmherzigkeit!" So verbrachte ich
die Nacht in Träumen. (Uebersetzt
von E Th. Hamm.)
y,
V\/
*&'•
und ihm mit eins alle Herzen der
Heidebewohner gewann.
Als endlich die gezimmerten Tru
hen mit dem Postboten in die Stadt
und von da durch Getreidewagen auf
die Heide gekommen waren, als er
daraus Geschenke hervorgesucht und
ausgeteilt, als er tausenderlei Merk
würdiges gezeigt: Blumen, Federn,
Steine, Wafsen und als alles ge
nug bewundert worden war, trat er
desselben Tages abends zu dem Vater
in die Hintere Kammer, als er gesehen
hatte, daß derselbe hineingegangen
und, wie er gern tat, sich in den hin
einfallenden Fliederschatten gesetzt
hatte er trat beklommen hinein
und sagte mit fast bebender Stimme:
„Vater. Ihr habt mich auferzogen und
mir Liebes getan, seit ich lebe ich
aber habe es schlecht vergolten denn
ich bin fortgegangen, daß Ihr keinen
Gehilfen Eurer Arbeit hattet und
Eurer Sorge für Mutter und Groß
mutter und als ich gekommen,
warfet Ihr mir nichts vor, sondern
wäret nur freundlich und lieb ich
kann es nicht vergelten, als daß ich
Euch nicht mehr verlassen und Euch
rntö) mehr verehren und lieben will
als sonst. So viele Jahre mußtet Ihr
sein, ohne in meine Augen schauen zu
können, wie es Eurem Herzen wohl
getan hätte aber ich bleibe jetzt im
mer, immer bei Euch. Allein weil
mich Euch Gott auch zur Hilfe gebore«
werden ließ, so lernte ich draußen
allerlei Wissenschaft, wodurch ich mir
mein Brot verdiente, und da ich wenig
brauchte, so blieb manches für Euch
übrig."
(Schluß folgt)
A
1
''M
a
sW

xml | txt