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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 02, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 1

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(Sitte Prognose von 1940
^iit aufmerksamer Leser unseres
Blattes, der uns schon oft auf interes
sante Stellen in älteren Jahrgängen
hingewiesen hat, legte uns in den letz
ten Tagen die Ausgabe des ,Wande
rer' vom 11. April 1940 aufs Pult.
Sie enthielt auf der ersten Seite in
breiter Ausführung eine Analyse des
im Frühjahr 1940 in den achten Mo
nat gehenden zweiten Weltkrieges,
den damals geschwätzige Reporter und
Zeitungsstrategen als ,.phoney war"
bezeichneten, alldieweil er sich nicht an
die Schablone des ersten Weltkrieges
hielt mit seinen gewaltigen Offensiv
schlachten in den ersten Kriegswochen.
Demgegenüber stellten wir die 1940
von der Lage von 1914 verschiedenen
politischen und militärischen Verhält
ittffe dar und fuhren dann fort:
„Was sich in den letzten sieben Mo
naten militärisch zutrug, war ab
gesehen von der stets sehr rührigen
Kampffront zur See nur ein schwa
cher Abklatsch der furchtbaren Schlach
ten von 1914-15. Aber es war nicht
die Entscheidung, es war nur die Vor
bereitung auf Entscheidungen, ein
vorsichtiges Abtasten der Stärke des
Gegners, eine Erprobung der eigenen
Kräfte. Was sich abseits von dem
militärischen Geschehen und dem po
litischen Gerede vor dem Weltforum
in den muffigen Brunnenkammern
der Diplomatie und auf den Schleich
wegen der Propaganda abspielte, das
wird auch die abenteuerlichste Phan
taste nicht auszudenken vermögen.
Nur zuweilen, wenn ein unheimlicher
Blitzstrahl über die in Gewitterschwü
le brütenden neutralen Gefahrenzo
nett hinzuckt, geht auch dem arglosen
Beobachter eine Ahnung der furchtba
ren Gefahren auf, denen die Völker
in diesem .sonderbaren' Kriege entge
gentaumeln, und des entsetzlichen
Schwindels, der mit Völkerschicksalen
getrieben wird.
_„3)ie vorbereitende Periode ist
(Äpril 1940!) vorüber. Jene, die in
ihrer Naivität oder in ihrer Sensa
tionssucht den bisherigen Verlauf des
titanenhaften Ringens als .sonderbar'
oder gar als sinnloses Gaukelspiel
anzusehen geneigt waren, werden bald
in anderer Tonart reden? Es bereiten
sich Dinge vor, welche die Bezeichnung
Weltkrieg in ihrer vollen Bedeutung
als gerechtfertigt erscheinen lassen
werden.
»Und es wird ein langer Weltkrieg
werden (die Fortsetzung des ersten
Weltkrieges). Er mag noch einmal
und sogar mehrmals, wie im Novem
6er 1918 bei Compiegne, durch einen
Waffenstillstand unterbrochen werden,
die Endentscheidung liegt in wei
ter Ferne. Die Kriegsziele der beiden
Seiten liegen so weit auseinander,
schließen einander so völlig aus, daß
ein Kompromiß geradezu undenkbar
ist. Vernichtung des Hitlerismus!
Wiederherstellung des alten europä
ischen Rechtsstandes! so schallt es
aus dem britisch-französischen Lager.
Vernichtung der westlichen Plutokra
tien und Zerbrechung des britischen
Weltreiches und Neuverteilung der
Welt, das sind die Forderungen
Hitlers. Und sein 0 s ch e w i st i
scher Partner sekundiert ihm
geschäftigt. Und gibt, insgeheim grin
send, Briten und Franzosen und
Deutschen Recht: ,Jawohl, Vernich
tung, das ist auch meine Parole! Zer
schmettert und vernichtet einander
nach Herzenslust! Wenn's ohne gro
ßes Risiko geschehen kann, will ich
mithelfen an diesem Vernickitungs
w e k U n a n n s e i a u
e n e n e V e
n i u n e i n e n e u e W e
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W e e s o s e w i s u s
Und je weiter die Vernichtung getra
gen wird, je mehr Völker in den To
tentanz gezerrt werden, um so besser,
um so größer mein künftiges
Reich!'"
Uußlands Politik heute die gleiche
wie 1940!
Wir zitieren unsere Prognose vom
11. April 1940 hauptsächlich wegen
der Schlußsätze. Hitlers „bolschewisti
scher Partner" hat sich in dem ihm zu
geschriebenen Kalkül auf Mitbeteili
gung an dem Vernichwngswerk „oh
ne großes Risiko" verrechnet und wä
re ohne die Waffenhilfe des Westens,
vor allem der Ver. Staaten, vielleicht
endgültig aus der Weltpolitik ausge
schaltet worden. Aber wenigstens zum
Teil hat sich die Voraussage erfüllt:
„Und dann steigt auf dejt Trümmern
der Vernichtung eine neue Welt em
Par. Meine Welt! Die Welt 6es
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Mochentchklu
PolschewiÄtUtö!" Auch Her Kachsatz der Moskauer auf die Welk
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ist wahr geblieben: „Und je weiter die
Vernichtung getragen wird, je mehr
Völker in den Totentanz gezerrt wer
den, um so größer das Reich des
Bolschewismus?" Und die Weltlage
hat sich, abgesehen von der Verschie
denheit der Kampfmethoden (Kalter
Krieg, in dem militärische Unterneh
mungen gewissermaßen nur eine tat
tische Nebenrolle spielen), nur inso
weit geändert, als an die Stelle des
Hitlerismus der Bolschewismus ge
treten ist. Und das Ringen feindlicher
Staaten hat sich zu dem weltgeschicht
lichen Kampf zwischen der Ostwelt
und der Westwelt erweitert, die kom
Pronnßlos einander gegenüberstehen.
Eines aber ist geblieben der
moskowitisch leninistisch stalinistische
Machiavellismus, der die Völker ge
gen einander hetzt und sie gegen ein
ander ausspielt zur Mehrung der rus
sischen Macht. Im Grund genommen
ist das die gleiche Politik, die honorige
Großmächte seit langem praktiziert
und mit ganz ähnlichen Tchlagwor
ten verbrämt haben. Die Weltgeschich
te ist das Weltgericht? Die Diplomatie
ehedem führender Staaten hat in der
Grundsatzlosigkeit und Verstellung in
den movkowitischen Gewaltmenschen
ihre Meister gefunden. Mit dieser
dämonischen Ueberlegenheit begegnen
die Vertreter der aus dem Chaos der
Vernichtung emporgestiegenen Welt
macht allen Bemühungen der West
weit um eine Neuordnung, seien
diese aus utilitaristischen, realpoliti
schen, Humanitären und selbst rein
sittlichen und idealistischen Erwägun
gen hervorgegangen. Mit der Preis
gäbe der festen Grundlage des Na
turrechts haben sich die Staaten und
Regierungen auf den saugenden
Tumpf der Machtpolitik begeben, in
dem sie samt und sonders zu versin
ken drohen. Auch Rußland, so mächtig
es heute dasteht und so gewaltige Ge^
Winne es aus der Bankrottmasse einer
versinkenden Epoche zu ziehen verstan
den hat, kann nicht ungestraft fort
fahren auf den bisherigen Wegen. Es
ist noch nicht aller Tage Abend, die
Geschichte der Völker noch lange nicht
abgeschlossen, Gog und Magog sind
nicht dauernd als Erben von Gottes
Erde eingesetzt!
Aber es werden ungeheure Pro
bleme zu lösen sein, bevor aus dem
heutigen Wirrwarr wieder eine geord
nete Welt entsteht, die einigermaßen
dem von Präsident Eisenhower in sei
ner Friedensbotschaft vielleicht zu
einseitig doktrinär und Humanitär ge
zeichneten Wunschbild entspricht.
Es wäre darum sehr übereilt und
sogar gefährlich, aus der scheinbaren
Friedensliebe Moskaus weitgehende
Schlüsse zu ziehen. Wenn eine solche
Neigung vielfach besteht, so wird sich
die Ernüchterung bald genug einstel
len.
Die russische Friedensoffensive
Tatsächlich liegt ja auch gar keine
Veranlassung vor, die Aenderung von
Rußlands Taktik im Kalten Krieg als
eine bedeutsame Wendung der Zeit
geschichte einzuschätzen. Es steht ein
zig und allein fest, daß Moskau heute
den starken Willen hegt, sein teilweise
verloren gegangenes „Mitbestim
mungsrecht" bei der Neuordnung
Europas geltend zu machen. Das
mag, wie ernste Kenner Rußlands
behaupten, zum Teil zusammenhän
gen mit dem persönlichen Machtkampf
zwischen Stalins Erben, vor allem
zwischen Malenkow und Berija, ent
springt aber wahrscheinlich vor allem
der Erkenntnis, daß der Westen in
Verbindung mit den eingeleiteten Ab
Wehraktionen gegen weitere russische
Aggression Teutschland dem ihm in
der Völkerfamilie zukommenden Platz
wieder zuzugestehen bereit ist, womit
ein Tamm errichtet würde gegen
Rußlands weitere Expansion nach
Westen. Diese beiden Motive inner
politischer und außenpolitischer Na
tur bilden einen hinreichenden Grund
für Moskaus scheinbaren Frontwech
sel, und Cv ist einstweilen zwecklos,
sick um weitem Erflänrngsgrimde für
die verhältnismäßig freundlichen Ge
steit Moskaus zu bemühen.
Der Erfolg, den diese veränderte
Taktik erzielte, bestätigt nur von
neuem das Verständnis des Kremls
für Völkerpsychologie. Es wurde durch
die Klänge der Friedensschalmeien in
den Kollektivwillen des Westens eine
Bresche gebrochen, deren Umfang nicht
unterschätzt werden darf. Malenkow
oder wer immer heute im Kreml
ausschlaggebend ist hat dieses erste
Ergebnis mit bemerkenswert gerin
gern Einsatz erzielt. Angesichts der ei
nigermaßen verblüffenden Wirkung
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Auf der Suche nach weiteren greif
baren Resultaten stößt ittatt dann et
wa auf die Tatsache, daß bei der
Wachablösung in Spandau neuer
dings der russische Offizier zur Be
grüßung des amerikanischen Offiziers
den rechten Handschuh auszieht. Tas
ist zwar erfreulich, aber nicht gerade
weltbewegend. Oder daß acht amen
kanische Journalisten auf Kosten ih
rer Verlage, nicht auf russische Einla
dung, nach Moskau reisen durften.
Nach so vielen Jahren des Kalten
Krieges ist der Westen bereit, auch
solchen Gesten bereits eine nicht ge
ringe Bedeutung beizumessen.
Ein nüchterne Prüfung der vielfach
als Kurswechsel Moskaus empfunde
nen Gesten kann nur den Sinn ha
ben, den optimistischen Erwartungen
keinen allzu große Vorsprung vor den
Realitäten zu lassen. Außer einigen
Eingeweihten denen sich möglicher
weise der neue Moskan'er Botschafter
Bohlen zugesellen wird weiß kaum
ein westlicher Staatsmann, geschweige
denn die hoffnungsfreudige Oeffent
lichkeit, wieweit, wenn überhaupt,
Möglichkeiten einer west östlichen An
näherung sich abzuzeichnen beginnen.
Eisenhowers Friedensbotschaft «üb
die Moskauer Antwort
Es war unter diesen Umstanden
zweifellos klug, daß Präsident Eisen
hower das Risiko auf sich nahm, die
Moskan'er Politik vor klare und un
zweideutige Fragen zu stellen. Wohl
war damit zu rechnen, daß er damit
nur der gerissenen und notorisch un
ehrlichen kommunistischen Propagan
da eine willkommene Gelegenheit zu
noch größerer Verwirrung der Welt
öffentlichkeit bieten würde. Aber wo es
um Fragen uuu Fnuuvri und Krieg
geht, wäre es ein fatales Versäumnis,
auch an schwachen Möglichkeiten der
Verständigung und der Herstellung
normaler Verhältnisse vorüberzuge
hen. Präsident Eisenhower hat an die
Russen rrattk und frei die Frage ge
stellt, ob sie aufrichtig den Frieden
anstreben, und die Bereitwilligkeit des
Westens proklamiert, in umfassende
Besprechungen zur Beseitigung der
internationalen Spannungen einzu
treten. Zugleich kam er dabei russi
schen Ausslüchten und Vorbehalten
zuvor, indem er unzweideutig einige
Grundbedingungen friedlicher Lösung
Her schwebenden Probleme niederleg-
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An Familienblatt fur Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Ausgabe de« »Wanderer*
Das wichtigste bisherige Ergebnis
ist die Einigung über den Austausch
von rund sechshundert kranken und
verwundeten Angehörigen der Streit
kräfte der Vereinten Nationen in Ko
rea gegen die mehr als neunfache
Zahl von kranken und verwundeten
kommunistischen Kriegsgefangenen.
Dieses Ergebnis hat mit der Offen
sive des Kreml unmittelbar nichts zu
tun, denn die Sowjet-Union ist am
koreanischen Krieg direkt nicht betei
ligt. Moskau hat durch seine stellver
tretende Aggression Korea in einen
Schutthaufen verwandeln lassen und
die westliche Welt durch die mühsame
und opferreiche Abwehr dieses Schach
zuges an einer fernen und strategisch
nicht ausschlaggebenden Front mili
tärisch gebunden. Jetzt kann der
Kreml in der Weltmeinung als einen
Beweis seines guten Willens einen
Schritt in Anspruch nehmen, der ihn
nichts gekostet hat und den er nicht
einmal selber tun mußte. Selbst die
Lazarettkosten für die Wiederherstel
lung der verwundeten Kommunisten
werden ihm nicht ausgebürdet, und
unter den Hunderttausenden von Ge
fallenen des koreanischen Krieges ist
nicht ein einziger sowjetischer Soldat.
Tie Freilassung von knapp zwei Tut
zend französischer, britischer und tri
scher Zivilinternierter in Nord-Korea
gehört tu die gleiche Bewertungsstufe.
An unmittelbaren Vorleistungen auf
den Abbruch des von ihm heraufbe
schworenen Kalten Krieges hat Mos
kau bisher wenig geboten. Die Eilt
leitung von Gesprächen über den Luft
korridor nach Berlin, deren Ergebnis
noch nicht feststeht, wäre durchaus
auch ohne Friedensoffensive denkbar
als eine Folge der jüngsten Zwischen
fälle, deren Verschärfung durchaus
nicht int Interesse Moskaus liegen
konnte. Die vierte Geste war die so
wjetische Zustimmung zur Wahl eines
bisher unbekannten Schweden zum
Generalsekretär der Vereinten Ratio-
neu. Moskau hat nie die geringste
Ehattce gehabt, einen ihm vollauf ge
nehmen Kandidaten für diesen Posten
durchzudringen. Das aber hätte be
deutet, daß der von ihm bekämpfte
Trygve Lie interimistisch dieses Amt
weiterverwaltet hätte. Ter Kreml hat
also nur in aussichtsloser Position das
kleinere Uebel gewählt.
meinurtg ist es angebracht, einmal
aufzuzählen, durch was sie hervorge
rufen worden ist.
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te, darunter freie Wahlen im gesam
ten Deutschland und die Wiederver
einigung von Gesamt-Deutschland,
Frieden mit Oesterreich, Freiheit für
Rußlands Nachbarstaaten, Beendi
gung des völkerrechtswidrigen Krie
ges in Korea, usw.
Entgegen seiner bisherigen Ge
wohnheit antwortete der Kreml schon
nach einer Woche in umfangreichen
Erklärungen in der ,Prawda' und
,Istwestija'. Selbstverständlich waren
die Moskowiter nicht unklug genug,
sich durch Brüskierung der in der
ganzen Welt erwartungsvoll begrüß
ten Präsidentenbotschaft und ihrer
friedlichen Tendenzen eine Blöße zu
geben. Int Gegenteil, sie nahmen die
amerikanische Aktion „mit Sympa
thie" zur Kenntnis und bezeichneten
sie als im Prinzip im Einklang ste
hend mit Rußlands Friedensbestre
bungen. Aber die Hand von Mephisto
Molotow kam klar zum Vorschein in
den Verklausulierungen, die alles
Mögliche bedeuten mögen, darunter
voraussetzungslose Besprechungen
über deutsche und fernöstliche Fragen,
die in Eisenhowers Rede an feste Vor
aussetzungen geknüpft wurden.
Tie russische Antwort hat vielfach
ernüchternd gewirkt, und es bleibt
abzuwarten, ob sich aus den eingelei
ti'ten Besprechungen greifbare Resul
tate ergeben, die sich als Verhand
lungsbasis auswerten lassen. Es ist
nur ein Glück, daß der deutsche Bun
deskanzler gerade noch zur rechten
'jeit nach Washington gekommen war
und Teutschlands Position in seinen
Besprechungen hinreichend festigen
konnte, daß Verhandlungen der Mäch
te über Teutschland, wenn es dazu
kommen sollte, nicht gut unter Aus
schluß der deutschen Regierung statt
finden können.
Deutschland und Rußland
lieber die Rolle Teutschlands in der
Moskau'er „Friedensoffensive" schrieb
jüngst der sicher nicht als Teutschland
Freund verschriene Walter Lipp
nmitn: „Teutschland ist der Kern des
ytüfeeu Konflikts zwischen dem sowje
'tischen Imperium und der westlichen
Welt. Verglichen mit Teutschland ist
der fernöstliche Streit über Korea,
Formosa, Jndo-China und schließlich
Japan peripherisch. Denn die Zukunft
Deutschlands wird für Europa und
für das Gleichgewicht der Macht in
der ganzen Welt entscheidend sein.
Alle Politik, die auf der gegenwärti
gen Situation Teutschlands aufge
baut ist, muß als vorübergehender
Notbehelf angesehen werden."
Fast zur gleichen Zeit, als Lipp
mann dies in Washington schrieb, ist
in Königswinter von englischer Seite
ungefähr die gleiche Anficht ansge
prochen worden. Tie Europäische Ver
teidigungs-Gemeinschaft, das kleine
föderierte Europa oder das große
Europa der atlantischen Idee, sie alle
sind von den Westmächten notwendi
gerweise konzipiert worden auf der
gegebenen Grundlage der Teilung
Teutschlands. Nun gibt es aber, wenn
auch noch sehr vage Anzeichen dafür,
daß die Russen die Frage der Wieder
vereinigung Teutschlands aufwerfen
werden. Tamit wäre die Frage auf
die Tagesordnung der Weltpolitik ge
setzt, mit der die Russen am ehesten
hoffen können, den Westen, vor allem
Westeuropa,
spalten. Malenkow
wird kaum zu der bereits von Stalin
im vergangenen Jahr fallengelassenen
aussichtslosen Forderung zurückkeh
ren, daß ein wiedervereinigtes
Teutschlands unbewaffnet fein und
bleiben müsse. Einem wiedervereinig
ten und wiederbewaffneten Teutsch
land wird Moskau nicht erlauben, sich
an den Westen zu binden. In Königs
winter ist mit großer Offenheit dar
über gesprochen worden, wie denn der
europäische Westen und namentlich
Groß-Britannien jenseits frommer
Beteuerungen zur Frage der Wieder
vereinigung und Wiederbewaffnnng
Teutschlands stehe. Man kann von
Briten, Franzosen, Belgiern und
Holländern billigerweise nicht erwar
ten, daß sie begeistert ein Teutschland
auf sich zukommen sehen, von dem sie
beyaupten, ban es die stärkste Macht
des Kontinents sein werde. Es wäre
ebenso unrealistisch von deutscher Sei
te, anzunehmen, daß die Wiederver
einigung der Traum der schlaflosen
politischen Nächte westeuropäischer
Staatsmänner sei, wie es unreali
stisch von diesen wäre, zu erwarten,
daß Teutschland je aus die Wieder
vereinigung verzichten könnte, welcher
Preis auch immer für einen solchen
Verzicht geboten würde. Im Oktober
bat Stalin auf dem kominunistiscken
Parteitag davon gesprochen, daß die
Spannungen zwischen Ost und West
verringert werden müßten, damit die
Spannungen innerhalb des Westens
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zur Explosion kommen könnten. Sein
politischer Erbe Malenkow scheint da
bei zu sein, das erstgenannte zu tun.
Es liegt am Westen, das zweite zu
vermeiden.
Dr. Adenauer von seiner Partei
gestützt
Dabei kann eine kluge deutsche Po
litik wirksame Dienste leisten. Deutsch
land aber hat leider, wie in den letzten
Tagen in einem Leitartikel der New
Norker ,Times' zu lesen war, gewöhn
lich das Mißgeschick, deit rechten An
schluß zu verpassen.
Am Montag l. W. kehrte der Bun
deskanzler Tr. Adenauer von seiner
ungemein erfolgreichen Amerika-Rei
se zurück. Noch eint gleichen Tag for
derte er in Hamburg auf dem Partei
tag feiner Christlichen Demokraten al
le Europäer auf,, sich hinter den Frie
densplan Eisenhowers zu stellen, um
den Westen bei etwaigen Verhandlun
gen mit Rußland zu stärken. Eine
Stärkung des Westens bedeute einen
Schritt vorwärts zur Einigung Eu
ropas und der Schaffung einer euro
pä ischen Verteidigungsarmee mit
deutschen Tioisionen. Er sagte, in die
sem Bemühen solle man sich nicht be
irren lassen durch die kürzlichen ver
söhnlicheren Gesten Moskaus, „denn
wir müssen mit Moskau von einer
Position der Stärke aus verhandeln".
Tie freie Welt müsse ihre Einigkeit
und Einheit stärken, weil es nur so
möglich sei, zu einer Einigung mit
den Russen zu gelangen. 1953 werde
ein schicksalsreiches Jahr sein sür die
ganze Menschheit, und für die Deut
schen mehr noch als für irgendein an
des Volk. Die Deutschen, gab der
Kanzler zu, hätten in der Vergangen
heit viele außenpolitische Fehler be
gangen, aber „wir würden den größ
te« Fehler aller Zeiten begehen, wenn
wir uns nicht mit der stärksten Welt
macht, den Ver. Staaten, verbünden
würden".
Der Parteitag der Christlichen De
mokraten richtete vor seiner Verta
gung einen Appell an alle Deutschen,
sich zur Rettung ihres' geteilten Lan
des dem Westen anzuschließen. Auf
diese Weise werde Rußland am ehe
sten dazu gebracht werden können,
wahren Frieden in Europa zu schlie
ßen und die „friedliche Wiedervereini
gung aller Deutschen in Freiheit" zu
zulassen.
In dem Parteiprogramm wurde
dem außenpolitischen Kurs Dr. Aden
enters auf die Einigung Europas und
die Teifltahme Westdeutschlands au
der Europäischen Verteidigungs-Ge
meinfchaft vollste Unterstützung ver
sprochen. Gleichzeitig erklärte die
CTU, die Türe zu russischen Vor
schlägen bezüglich der deutschen Eitti
gung bleibe offen, aber die Sowjets
müßten mit Taten und nicht nur mit
Werten kommen.
Deutsche Politik
Wie bei seiner Ankunft in Ham
burg, wurde Dr. Adenauer auch in
Bonn von Tausenden jubelnd begrüßt.
Aber im Bundesrat, dem Oberhaus
des Parlaments, erlitt er am Freitag
eilte Niederlage, die seinen Erfolg in
Amerika schwer zu beeinträchtigen ge
eignet ist. Tie Ratifizierung der Ver
träge, die West-Teutschland zu einem
freien Glied der westlichen Verteidi
gung Westeuropas machen sollen,
stieß dort auf eine Klippe.
Nachdem der Bundestag als erstes
europäisches Parlament die Verträge
ratifizierte, hegte Dr. Adenauer die
berechtigte Hoffnung, seine Regierung
würde die Verträge als erste ratifizie
ren, mit den „Weg nach Europa" zu
weisen.
Adenauers Hoffnungen wurden je
doch getäuscht, als die fünf Bundes
ratsmitglieder aus Württemberg
Baden die Forderung der sozialdemo
kratischen Opposition unterstützten,
daß der Verfassungsgerichtshof noch
vor der Ratifizierung der Verträge
entscheiden soll, ob sie verfassungsge
mäß sind oder nicht.
Mit zwanzig gegen achtzehn Stim
men sprach sich der Bundesrat für
diese Forderung aus. Das bedeutet,
daß eine Entscheidung sich auf unbe
stimmte Zeit verschob, da das Versas
fungsgericht erklärt hat, es werde erst
nach der Ratifizierung der Verträge
über ihren verfassungsmäßigen Cha
rakter befinden.
Vor den Bundesratsmitgliedern
hatte Adenauer eindringlich die Bil
ligung des Vertragswerks gefordert.
In dieser entscheidenden Stunde der
Geschichte Deutschlands und der Welt,
sagte der Bundeskanzler, stehe die
Lage auf des Messers Schneide und
eine weitere Verzögerung sei nicht
mehr zuzulassen. Der Bundeskanzler
wies darauf hin, daß Frankreich ab
solut gegen eine selbständige Bewaff-
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Aber die Sozialisten und ihre
Freunde setzten trotz allem ihren Wil
len durch. Adenauers Hauptaufgabe
wird jetzt in den nächsten Monaten
darin bestehen, West-Teutschland an
den durch die Moskau'er Friedensof
fensive verstärkten Versuchungen vor
beizuführenjnti bei der Bundestags
wahl einen Sieg für die gegenwärtige
Regierungskoalition zu erringen, da
mit eine Kontinuität der Führung ge
währleistet bleibt. Tie Wahlen finden
voraussichtlich am 1. September statt.
Parteipolitische Winkelzüge
Es war wohl an erster Stelle die
Hoffnung auf einen sozialistischen
Wahlsieg, die bei der Bundesratsab
stimmung den Ausschlag gab. Unter
der Führung Ollenhauers hatten die
Sozialdemokraten auch im Bundestag
nnd gleichzeitig durch Einspruch vor
dem Verfassungsgericht versucht, die
Ratifizierung der Verträge zu ver
eiteln. Bei allem Getue gegen den
Kommunismus fühlen sich die Genos
sen Moskau näher als dem Westen,
und sie zogen gleich ihren franzö
sischen Genossen und einem Teil der
britischen Labour Party eine Ei
nigung mit Rußland einem Zusam
mengehen mit Washington vor (ob
wohl die amerikanische Okkupations
Politik in den ersten Jahren die So
zialdemokraten kurzsichtigerweise be
günstigt hat). Sie hätten aber auch
im Bundesrat ihren. Willen nicht
durchzusetzen vermocht ohne die Hilfe
der knappen Mehrheit in dem neuen
Staat Württemberg-Baden unter der
Führung von Neinhold Mater, der
auch in der Schulfrage feilte engherzi
gen Neigungenbekundet hat und wohl
mit Hilfe der Sozialdemokraten feine
„staatsmännischen" Fähigkeiten als
Regierungschef demonstrieren $11 06*
nen hofft.
Wichtiger Beschluß in Poris
Der in Paris tagende Rat des
Nord-Atlantik-Pakts (NATO) be
!chloß am Freitag ein riesiges mili
tärisches Bau- und Ausrüstungspw
grmnin zur gleichen Zeit, da der
westdeutsche Bundesrat dem geplan
ten militärischen Gebäude West-Eurv
Pas einen schweren Schlag versetzte.
Angespornt durch Staatssekretär
Tulles und andere Mitglieder der
Ver.-Staaten-Telegation, erklärten
die Außenminister der NATO-Länder
zunächst in einer Resolution, der von
sechs Ländern unterzeichnete Vertrag
über die Europa-Armee müsse ratifi
ziert werden, da er das beste Mittel
darstelle, deutsche Truppen zur Ver
teidigung des Westens beizusteuern.
Danach nahmen die Minister einen
für vier Jahre vorgesehenen Etat von
885 Millionen Tollar an. Die Mittel
sollen zum Bau von Flugplätzen, ei
nes Radar-Warnsystems und anderer
Einrichtungen sowie der Vergröße
rung von Nachschubhäfen dienen.
Sekretär TulleS der nachträglich
seiner Enttäuschung über den Bonner
Beschluß Ausdruck gab wiederholte
vor dem Rat die dringliche Forde
rung der amerikanischen Regierung,
daß die aus sechs Ländern zu bildende
Europäische Verteidigungs-Gemein
schaft, wie sie im Pariser Vertrag be
schlossen wurde, so schnell wie möglich
auf die Beine gestellt werde, um auch
die Einreibung westdeutscher Trup
penkontingente in die 2,000,000
Mann starke Europa-Armee unter
NATO zu ermöglichen.
Korea
Mit dem Ausdruck der Hoffnung,
daß es bald zu einem Waffenstillstand
in Korea komme, beschloß die Vollver
sammlung der Vereinten Nationen
am Donnerstag ihre New porker Ta
gung. Eine ihrer letzten Handlungen
war es, mit großer Mehrheit die ame
rikanische Forderung zu billigen, daß
die kommunistischen Behauptungen,
die UN hätten in Korea Bakterien als
Waffe verwendet, von einer neutralen,
Kommission nachgeprüft werden.
Die in New ^jork ausgesprochen*
Hoffnung war wohl einigermaßen
verfrüht. Was die ausgetauschten
Korea-Gefangenen über ihre Erfah
rungen berichten, dämpft die Freude
über die gute Wendung in ihrem Ge
schick. Sie bestätigen, daß in vielen
Fällen der Schutz der Genfer Kon
(Fortsetzung auf 3. 8)
l|f 1
Nr. 1
nung Deutschlands sei und diese nicht
zulassen würde, und daß Präsident
Eisenhower erklärt habe, es gebe keine
andere Möglichkeit als die Bildiwg
der Europa-Armee.
„Deshalb müssen wir Deutschen
der Welt vor dem 30. Juni zeigen,
daß Deutschland nicht ausfallen
wird," sagte Tr. Adenauer. „Wenn
es das tut, bricht die gesamte euro
päische Einigung und die VerteW
gungspolitik Europas zusammen."
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