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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, June 20, 1953, Ausgabe der 'Wanderer', Image 4

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Ueber eine Zeiterscheinnng, die
Wohl ollfn Kulturländern eigen ist,
plauderte jüngst ein Mitarbeiter des
,Rheinischen Merkur':
Der Zweck der Wirtschaft sei Be
dürfniserfüllung, sagen die National
Ökonomen. Wenn sie Recht haben,
dann wäre zu folgern: die beachtliche
Produktivität unserer Zeit an natür
licher Unzufriedenheit genügt uns
noch nicht. Wie sonst wäre unsre rech
nerische Gesellschaft darauf verfallen,
die Ware Unzufriedenheit am laufen
den Batdd industriell herzustellen, cn
gros zu handeln und on detail zu ver
kaufen Die Zahl der Leute, die sich
diesen? Beruf widmen, ist Legion, und
er ernährt sie gut nicht selten bis
zur LeibeSrundung. Keine andere
Branche erfreut sich einer derart be
ständigen Hochkonjunktur wie das Ge
schäft mit der Unzufriedenheit: bei
höchster Profitrate ist es völlig krisen
und risikofrei.
Ter Lebensstandard des sogenann
ten „kleinen Mannes" ist heute zwei
feil05 höher denn je zuvor. Tie frag
würdige Relativität dieses Begriffes
enthüllt sich in der Tatsache, das dieser
kleine Mann seine Ahnen an Ressenti
ment uni) Unzufriedenheit eher nech
übertrumpft. Wie sollte er auch nicht?
Mehr als auf seine Bedarfsbeiriedi
gung ist seine Umwelt auf die Steige
rung seines Appetits angelegt: er ist
Ziel einer ununterbrochenen Einkrei
sungsattacke, die ihm die verlockendsten
Dinge vor Augen führt, ohne sie in
die Reichweite seines Griffes zu brin
fleti. Die konzentrische Offensive be
ginnt an der Front der Straße, mit
den provokativen Auslagen der Läden
und der allgegenwärtigen Aufdring
lichkeit der Reklame: sie dringt mit
den Anpreisungen von Presse und
Rundfunk in die Festung des Heimes
ein, entfaltet sich sodann glanzvoll mit
der reichlich konsumierten Troge Film,
Verführung um und um, die Wiiiu,
sche, Ansprüche, Begehrlichkeiten er
weckt und erhitzt, welche die Wirklich
feit nicht oder doch nur zum geringe
ren Teil sättigen kann. In ständiger
Großaufnahme erscheint dem solcher
art Bedrängten, was alles er nicht
hat. So trägt er einen Tankaluskom
plex davon: der Tauerlärm, mit dem
das Nichterreichbare an ihn appelliert,
macht ihn taub für die Freude am
Eigenen.
Und dabei bleibt es nicht. Tie fru
her vertikal geordnete Gesellschafts
Hierarchie ist abgelöst von einer hori
zontalen Gliederung, in der die zahl
reichen Interessen- und Berufsver
bände einander den Vorrang streitig
machen. Macht und Erfolg des einzel
nen Kollektivs wird von seiner Fähig
feit bestimmt, seine Mitglieder für
das Gruppeninteresse zu mobilisieren.
Der stärkste Motor aber ist die Unzu
friedenheit. Ist sie nicht im gewünsch
ten Ausmaß vorhanden, dann wird
sie von oben her mit den künstlichen
Reizmitteln der Propaganda gesta
chelt und gesteigert. So wetteifern
denn die vielen Organisationen in
item Bestreben, ihren Angehörigen
das Bewußtsein der Benachteiligung
zu suggerieren, das Bewußtsein des
Zurückgedrängten und ^uturzgekem
menen, der sich in Marsch setzen müsse,
um seinen rechtmäßigeil Platz zu
erobern. Hat er ihn erreicht, wird ihm
nach einer kurzen Ruhepause die
Gruppenführung abermals beweisen,
daß sein Ziel noch weiter vorne liegt
und so bohrt und schraubt sich die
Unzufriedenheit unaufhörlich weiter.
Schließlich sind die Funktionäre
ihren Verbaudsmitgliedern, von de
ren Beiträgen sie leben, ja auch den
Nachweis ihrer Existenzberechtigung
schuldig. Wie immer das Gegebene
beschaffen sei, sie können mit ihm nicht
einverstanden sein, da sie mit einem
derartigen Eingeständnis sich selber
für überflüssig erklärten, und das
käme ihrem beruflichen Selbstmord
gleich. Sie erhalten sich von der gro
ßen Unzufriedenheit, und so müssen
sie die Unzufriedenheit erhalten.
Es gibt Unterschiede: Tie Männer
an der Spitze der Interessenvei bände
spüren meist die Last ihrer schweren
Verantwortung. Tie haben jene Ue
bersicht, die erkennen läßt, daß das
Gedeihen des Teiles nntrennbar mit
dem Gedeihen des Ganzen verflochten
ist. Anders die Heine» und mittleren
Funktionäre: ihr Standort vermit­
0» "Vflfc
'^SAVINGS
telt diese Einsicht nicht. Sie wollen in
der
Funktionärshierarchie
men und
Was
aber liegt
für
sie
der Großmacht
verbünden
chen Karrierewagen
v
weiterkom­
stehen zudem untereinander
in einem
gewisten Konkurrenzkampf.
näher, als sich
Unzufriedenheit zu
und sie
vor
ihren
persönli-
zu spannen! So
sind sie denn in der
Regel
die
Wort-
führer der radikalsten Kampfparole
und des
ungehemmtesten
Gruppen­
egoismus. Tie Spitzenfunktionäre
müssen sich
nun ihrerseits um sich
gegen
diesen
Truck
von
unten zu be-
baupten der erhöhten
des
Tourenzahl
Perbandsmechanismus angleichen
und
sich wenigstens einen Teil der
forcierten
chen.
Forderungen zu eigen ma-
1
Gröber und offener dokumentiert
sich dieselbe Tendenz in unserm politi
ich en Leben, dessen Kurs gleichfalls
von der Machtkonstellation der Grup
Pen in Gestalt der Parteien
bestimmt wird/Zwar wird die jeweils
regierende Gruppe den Tingen einen
Rosa Anstrich geben. Andrerseits lieg/
die Chance der Opposition in der
zufriedenbeit der Massen: sie lebt von
dem, was die Regierung schlecht macht,
und macht daher schlecht, was die Re
gierung gnt macht reicht die na
türliche Unzufriedenheit nicht aus, so
muß man sie künstlich hochzüchten.
Auf dem breitesten Feld dem der
öffentlichen Meinung jorgt eine ge
wisse Art von Journalismus gewis
seit Im ft dafür, daß die Unzufriedenheit
nicht zur Mangelware wird. Nach ei
nem fatalen Gesetz wirkt im gesproche
nen und geschriebenen Wort das
„Nein" allemal „interessanter" als
das „v,q". Es ist das Berufsunglück
des Journalisten und Kommentato
ren. immer und um jeden Preis „in
teressant" sein zu müssen. Und wie
jeder Arbeiter, erliegt auch er oft
genug der Verfuchuug des geringsten
Widerstandes und wählt den bequem
fteu Weg. der zum Nein führt, wo
beispielsweise die Entschlüsse und
Handlungen der Regierung zur
6ntte stehen. Will es etwa das Publi
kum anders? Es hat zu allen Zeiten
hinreichend Grund, unzufrieden zu
sein: und zu keiner Zeit ist es bereit,
die Gründe für den unbefriedigenden
Stand der Tinge in sich selber zu
suchen es ist seinem Selbstgefühl
zuträglicher, sie im Nachbarn, im Chef,
der Regierung, im Teufel oder gar
Unter dieser Überschrift gibt ein
New Yorker Korrespondent der
frankfurter Allgemeinen Zeitung'
(2:i. Mai) das folgende Resume von
„Amerikas Innenpolitik unter Eisen
Horner":
Wenn man. ben Beginn der Präsi
dentschaft Eisenhowers mit dem glei
chen Zeitabschnitt derjenigen Roose
velts vergleicht, in dem das große
Schauspiel des Anbruchs einer neuen
Epoche gefeiert wurde, so begreift
man. daß oberflächliche Beobachter be
reits angefangen haben, Eisenhower
der Untätigkeit zu beschuldigen. Tat
sächlich aber hat der Präsident in der
geräuschlosen und unauffälligen Art,
der er immer den Vorzug gibt, einen
Umschwung zwanzigjähriger Gewohn
heiten eingeleitet, der heute schon wie
der rückgängig gemacht werden könnte.
Um mit dem Neuerlichsten zu be
ginnen Zum erstenmal seit zwanzig
Jahren sieht Amerika sich einer Bun
desregierung gegenüber, die nicht an
einer ständigen Ausweitung des eige
nett Machtbereichs arbeitet, sondern
int Gegenteil ihre zentrale Appa
ratur vermindert und ihre Amtsstel
len abbaut, statt immer neue zu er
finden und so eine immer größere Bü
rokratie von sich abhängig zu machen.
Eisenhowers bedeutendste Tat im
Bereich der Innenpolitik war aber die
Abschaffung 'der Wirtschaftskontrollen,
der amtlich regulierten Preise und
Löhne als deren Folgen feindselige
Propheten ein pfeilgeschwindes Em
porschnellen aller Preise vorausgesagt
hatten. Nichts dergleichen aber trat
bisher ein. Preiserhöhungen, wo sie
sich hie und da einstellten etwa bei
Zigaretten —, betrugen nur wenige
Cents, während die allgemeine Ten
denz der Preise, die sich nun auf dem
freien Markt bilden, ständig, wenn
auch langsam abwärts gerichtet ist.
Womit sich erwies, daß der ganze
kostspielige Apparat der Kontrollen
längst schon überflüssig "geworden
war: die THeorie war durch die Pra
xis widerlegt. Die Erfahrung erfolg
reicher Busineßmen, auf 'die Eisen
Hotoer sich stützt, hatte sich gegen die
doktrinäre Spekulation der College
Professoren «durchgesetzt, denen seine
Vorgänger einen entscheidenden Ein
fluß eingeräumt hatten.
Die Privatwirtschaft förder«
Mit der gleichen Tendenz erstrebt
die Regierung und wiederum im
Gegensatz zu allem in •den 'letzten Jah
ren lieblichen —, den privatwirtschaft
lichen Sektor der Wirtschaft auf Ko
sten des staatlichen zu vergrößern. Sie
versucht, die Wirtschaftsunternehmun
gen, die im Besitz der Äundesregie-
'O
Untätigkeit oder UmÜurz?
K W 4
V n 8 i
:m lieben Gott zu finden. «Jnteres
sant das. ist vor allem das Versagen
und^ die Unzulänglichkeit des „mibe
ren", die Bestätigung der fremden
schuld, welche die eigene Verantwor
tung enttostet.
Gesetzt: die Staatsmänner (und die
Völker?) wären weise, es gelänge ih
nen, Krieg und Unterdrückung, Hun
ger und Armut auszurotten, dem Ein
samen menschliche Nähe, dem Frieren
den Wärme und dem Unbehausten ein
Tach zu geben, so daß auch der Letzte
nicht mehr Not litte würden wir
„zufrieden" sein, in solch vorweg
genommenem Paradies? Ach dann
wären wir unzufrieden, weil wir kei
nen Grunh zur Unzufriedenheit mehr
hätten.
Um nicht mißverstanden zu wer
den: 'das ist fein Wort gegen Recht
und Notwendigkeit der Kritik, noch
gegen die Fruchtbarkeit des Zweifels
und der Opposition. Sie wendet sich
nicht gegen die erwähnten Institutio
nen, sondern gegen ihren Mißbrauch.
Ohne Einschränkung sei auch zugege
ben: Wir bedürfen der dauernden Be
unruhigung, um nicht in der Trägheit
des Herzens und des Geistes zu er
starren. Aber dieser Notwendigkeit ge
nügt gerade nicht die zum Selbstzweck
entartete, industrialisierte und kom
merzialisierte Unzufriedenheit. Tenn
sie bewirkt das genaue Gegenteil:
Selbstentlastung, Schuldabwälzung
und Verantwo-rtungsflucht. Tiefer
Prozeß ersetzt die natürliche durch die
synthetische, die fruchtbare durch die
impotente, die individuelle durch die
kollektivierte Unzufriedenheit, die nur
zur Zerstörung, nicht mehr zur lieber»
Windung und Gestaltung befähigt.
Ter Segen der „Beunruhigung" ist
aber auch eine Frage der Tosierung.
Im Uebermaß genossen, stumpft sie
ab und immunisiert ihre Opfer, das
nun ungehindert das Schutzfett der
Trägheit ansetzen kann. Sodann ist
die Beunruhigung auch nicht mit glei
chem Dringlichkeitsgrad für alle Si
tuationen geboten, und sie ist vor
allein nicht allein geboten: es bedarf
auch der Ordnung. Was nun unsere
Zeit angeht, so leidet sie gewiß nicht
am Zuviel der Ordnung, sondern am
Zuviel der Beunruhigung. Not tut
uns ein neues Gleichgewicht von Ord
nung und Beunruhigung. Nicht aber
der Kult der Unzufriedenheit.um iijiser
selbst willen.
rung find und zum größeren Teil
obwohl sie steuerfrei find mit Defi
zit arbeiten, an Privatunternehmern
gen zu übertrageit beispielsweise die
Wasserkraftwerke, in denen nicht we
niger als 3,6 Milliarden Steuerein
nahmen investiert wurden, oder die
Fabriken für synthetischen Gummi, in
denen etwa siebenhundertundfünfzig
Millionen stecken, oder auch die „Fed
eral Inland Waterway Corporation",
ein auf Mississippi und Ohio mit
zwanzig Schleppdampfern und zwei
hundertfiebenundfünfzig Lastkähnen
arbeitendes, ständig notleidendes
Schiffahrtsunternehmen. Auch die
„Reconstruction Finance Corpora
tion", die riesige Anleihebank der
Bundesregierung, ein gewaltiger
Konkurrent des privaten Bankgewer
bes und namentlich in den letzten Jah
ren eine Zitadelle politischer Günst
lingswirtschaft, wird im nächsten Jahr
ihre Tore zu schließen haben. In das
gleiche Kapitel der Dezentralisierung
und Entlastung 'der Regierung von
wirtschaftlichen Unternehmungen ge
hört das Gesetz, das die unterseeischen
Oelvorkommen an den Küsten den
Einzelstaaten überläßt. Auch eine
mildere Handhabung der Antitrust
gesetzgebung steht hiermit im Zusam
menhang. Unter ganz anderen Zeit
umständen entstanden, ist sie heute
stark veraltet, abgesehen davon, daß
sie bisher allzu gern zu „atttikapitali
stischen" Strafaktioiten benutzt wurde.
Die alte amerikanische Weisheit des
Demokraten Thomas Jefferson kommt
so wieder zu' Ehren, daß derjenige
Staat der beste sei, der am wenigsten
fühlbar wird.
Die für die Zukunft wichtigste Auf
gäbe der amerikanischen Innenpolitik,
der Ausgleich 'des Budgets, hat Fort
schritte gemacht. Am letzten seiner er
sten hundert Tage konnte Eisenhower
mitteilen, er glaube, in dem von Tru
man hinterlassenen Budget von acht
undsiebzig Milliarden ungefähr 8,5
Milliarden streichen zu können, beson
ders auf Kosten der Rüstungsausga
ben, der eigenen sowohl wie der der
europäischen Alliierten. Verteidi
gungssekretär Wilson und sein eben
falls von General Motors stammen
der Untersekretär, Roger M. Kyes,
scheinen also hier die gute Arbeit ge
tan zu haben, die man von ihnen er
wartete. Wie weit man sich damit ei
nem tatsächlichen Gleichgewicht im
Budget nähert, konnte Eisenhower
freilich noch nicht sagen, ebensowenig,
wann es so weit ausgeglichen sein
würde, daß an Entlastung des Steuer
zahlers gedacht werden könnte ge
schweige an einen Neubau des ganzen
Steuersystems, der schon lange fällig
wäre. Vor zwanzig fahren auf der
Voraussetzung begründet, es gelte die
v
OHIO-WAISEN FREUND
«Reichen^^OranzuFieKeU' ttm ben
„Ermen" das Leben zu erleichtern,
sehen nun gerade diese, bei dem in
zwischen ungeheuer gestiegenen Fi
nanzbedarf der Ver. Staaten, ihre
bescheidenen Einkommen durch eben
diese Steuern aufs schwerste belastet.
Die Sparsamkeitsparole wird
allenthalben ausgegeben. Die Regie
rung hat alle Bauprojekte, die das
irgend zuließen, eingestellt, oft unter
heftigem Widerspruch einzelner Staa
ten, in derem Gebiet die nunmehr ge
sparten Gelder hätten ausgegeben
werden sollen. Auch den öffentlichen
Kredit sucht sie allmählich teurer wer
den zu lassen, wie sie sich auch aus dem
Hypothekenmarkt zurückzuziehen be
ginnt. Für den Augenblick mindestens
ist die Inflation so weit zum Still
stand gebracht, daß erste deflationisti
sche Symptome erkennbar werden.
Doch sind die Aussichten wirtschaftli
cher Prosperität weiterhin gut. Erst
für das Ende des Jahres ist eine ge
linde Depression in Aussicht gestellt,
die nicht allzusehr gefürchtet wird.
Der Ausgleich der Spannungen
Im Bereich der Innenpolitik im en
geren Sinne läßt sich sagen, daß es
der Regierung Eisenhowers gelang,
mit dem Kongreß viel bessere Bezieh
ungen herzustellen, als sie in den letz
ten Iahren des Regiments der Demo
kratischen Partei je existierten. Aller
dings hätte man nach dem Ergebnis
der Präsidentenwahl und den Begei
sterungsausbrüchen, die sie begleiteten,
annehmen können, daß die Zusam
menarbeit zwischen den beiden Zwei
gen der Regierung noch reibungsloser
sein würde, als sie tatsächlich diese
hundert Tage hindurch war. Daß dies
nicht erreicht wnrde, lag vor allem an
Spannungen innerhalb der Republi
fanischen Partei selbst wenn auch
nicht, wie man sich nach alten, heute
nicht mehr anwendbaren Denkschablo
nen vorstellt, zwischen der „Alten
Garde" und den „Fortschrittlern" in
der Partei, die beide in einem derart
streng umgrenzten Sinne gar nicht
existieren. Vielmehr hat sich gerade
der als typischer Vertreter der „"Altert
Garde" angesehene Senator Taft als
selbstloser und erfolgreicher Partei
gänger des „Fortschrittlers" Eisen
hower erwiesen. Tie Spannungen in
nerhalb der Partei resultieren in
Wirklichkeit aus der alten Abneigung
zwischen Vertretern des Mittelwestens
und denen der atlantischen Küstenstaa
ten. Sobald Eisenhower gelernt ha
ben wird, sie als unvermeidliche Rei
bungen von vornherein in sein politi
sches Kalkül einzusetzen, werden sie an
Heftigkeit unb Gefährlichkeit Verlie
ren.
V z
Eisenhower hat weiterhin den schon
seit vielen Monaten tobenden Kampf
um die Ausscheidung von Bundes
angestellten, deren Loyalität fragwür
dig geworden ist, durch eine neue Dis
ziplinarordnung zu beenden gesucht,
wonach 'das entscheidende Moment
nicht mehr die persönliche „Loyalität"
des einzelnen ist (die stets ein sehr
vieldeutiger und dehnbarer Begriff
bleiben wird), fondern die Frage, ob
die nationale Sicherheit durch das
Verbleiben eines Angestellten in sei
nem Amt gefärbet wird ein Tat
bestand, der sich keineswegs nur bei
politischer Illoyalität, sondern auch
bei.irregulärer Lebensführung, alfo
etwa persönlicher Unzuverlässigkeit,
privater Mißwirtschaft, Trunksucht,
Neigung zur Hoinosexualität, ergeben
kann. Auch hat Eisenhower eine Ue
derprüfung des viel angegriffenen
McCarran-Walter'fchen Einwande
rungs-Kontrollgefetzes angeordnet.
Seine Härten sollen nach Möglichkeit
gemäßigt werden, ohne aber feine
Wirkungskraft zu schwächen: denn daß
das Gesetz in den jetzigen kritischen
Zeiten eine Notwendigkeit ist, wird
niemand verkennen können, der die
letzten Jahrzehnte in den Ver. Maa
ten offenen Auges miterlebte.
Verhältnismäßig geringe Erfolge
scheint Eisenhower auf dem Gebiet der
Personalpolitik gehabt zu haben. Das
ist freilich kein Wunder, wenn man
sich vergegenwärtigt, was es heißt, an
die Spitze eines riefigen Verwaltungs
apparates treten zu müssen, dessen
Mitglieder man nicht kennt, von de
nen man nur das Gefühl hat, ihnen
nicht willkommen zu sein und über
Ersatz für sie nur in unzureichendem
Maße zu verfügen. Hieraus ergaben
sich mancherlei Seltsamkeiten, die den
Wählern, die ein „Großreinemachen"
erwarteten, nicht ohne weiteres ein
leuchteten. Was heute an Vorwürfen
gegen den Präsidenten hörbar wird,
richtet sich fast stets gegen seine Per
sonalpolitik. Manche seiner Ernen
nungen, namentlich im diplomatischen
Bereich, sind für Außenstehende tat
sächlich schwer verständlich und erhal
ten ihre Rechtfertigung erst Hon der
Zukunft.
Den geringsten Beifakt ottetMitgs
scheint Eisenhowers Plan zur Um
Organisierung des Verteidigungssekre
tariats gefunden zu haben, den er
ebenfalls am hundertsten Tage seiner
Präsidentschaft veröffentlichte. Es wer
den darin die „Joint Chiefs of Staff",
die Leiter der drei Wehrmachtteile
und bisher die entscheidenden militä
S y V i A 4
rischey Beratet, in eine sehr viel Be
scheidenere Stellung versetzt, dafür
aber ihr Präsident, der „Chairman of
the Joint Chiefs", mit Vollmachten
ausgestattet, die allzu umfangreich er
scheinen. Er wird mit dem Chef des
preußischen Großen Generalstabs ver
glichen, von dessen Böachtvollkommen
heilen im kaiserlichen Deutschland man
allerdings stark übertriebene Borstel
hingen 'fort.
Atomkanon*
Vor kurzem ist «die erste Atomgra
nate^aus einem Geschütz in Nevada
abgeschossen worden. Dazu schreibt ein
deutsches Tageblatt:
Sicherlich ist mit dem Anschießen
in Nevada wieder ein neuer Abschnitt
in der Kriegführung eingeleitet wor
den. Die Artillerie unserer Zeit hat
bisher nur in den seltensten Fällen ein
Feuer schießen können, das wirklich
vernichtende Wirkung hatte. Ein ge
waltiger Munitionsaufwand, Massie
ruttgett zahlreicher Batterien, günstige
direkte Beobachtungsmöglichkeit, gu
tes Wetter und bestimmte Bodenver
hältnisse sind die Voraussetzungen ge
blieben für große Wirkungen. Da je
doch diese Jdealbedingungen meistens
nicht gegeben sind, konnte die Artille
rie vor allem moralisch, oft störend,
selten lähmend, fast niemals jedoch
vernichtend wirken, zumal dann, wenn
die Ziele weiträumig waren. Der tech­
lieber das große sudetendeutsche
Treffen in Frankfurt über das wir
bereits vor zwei Wochen in unserer
„Rundschau" berichtet haben ent
nehmen wir deutschen Blättern die
folgenden Einzelheiten
Weit über dreihunderttausend Su
deten-Deutsche haben über Pfingsten
an den Veranstaltungen des „Sude
ten deutschen Tages" teilgenommen,
der unter dem Ehrenschutz der Stadt
Frankfurt stand. Neben den fudeten
deutfchen Gruppen aus der Bundes
republik und dem Ausland hatten die
Bundesregierung, die diplomatischen
Vertretungen und die befreundeten
osteuropäischen Exilgruppen ihre Ver
treter entsandt.
Der „Sudetendeutsche Tag" wurde
am SatnStag mit einer Feier in der
Pauls-Kirche eröffnet, auf der Ober
bürgermeister Dr. Kolb, der hessische
Ministerpräsident Zinn, Staatssekre
tär Dr. Schreiber als Vertreter des
Bundesministeriums für Vertriebene,
der Minister für Gesamtdeutsche Fra
gen, Kaiser, und Bundes-Verkehrs
minister Dr. Seebohrn in seiner Ei
genschaft als stellvertretender Vorsit
zender des Rates der Sudetendeut
scheu Landsrnantlschaft sprachen.
In seiner Rede verwies Bundes
minister Kaiser auf die große Not der
achtzehn Millionen Deutschen der So
wjet-Zone, die vom Bolschewismus
geistig aus ihrer Heimat vertrieben
würden. Die Bundesregierung sei
dankbar für Stimme und Mahnung
der Heimatvertriebenen. Wenn man
den Deutschen ihren Nationalismus
vorwerfe, so kenne er nur eine Ant
wort: Tie Bundesregierung habe die
Verantwortung für alle Deutschen,
auch für die, die in den Grenzen der
Bundesrepublik Zuflucht gesucht hät
ten. Sie unterstütze diese Deutschen
nicht nur aus Verantwortungsgefühl,
fondern auch, damit Europa befriedet
werde und Wirklichkeit werden könne.
Bundesminister Dr. Seebohrn be
zeichnete die Austreibung aus der Hei
mat als ein Vergehen .des Völkermor
des, das nicht vergeben und vergessen
werden könne. Niemals habe das Su
deten-Tentschtum etwas vom Staat
erhalten, was es sich nicht verdient
habe. Tie Aufgabe des Grenzland
kämpf es müsse nun auf das ganze
deutsche Volk übergehen. Er forderte,
daß das Recht auf die Heimat in das
Grundgesetz aufgenommen werde.
Ter Festvortrag von Professor
Cysarz^beschäftigte sich mit dem „Weg
nach erneut besseren Europa und ei
item künftigen Teutschland". Er be
zeichnete das Sndeten-Deutschtum als
ein gesamtdeutsches Anliegen und
sagte: „Auch der unverbrüchliche
Rechtsanspruch auf Wiedergutma
chung der reparablen Verluste setzt die
Bereitschaft zur Rückkehr voraus. Tie
aber bleibt forthin nuraus 6er Stoß
kraft und dem Rechtskampf des dent
sehen Gesamtvolkes möglich, vielleicht
erst int Zug eines neuen gesamtdeut
schen Siedlungswerks." Seine Rede
klang aus in einem Bekenntnis zu
Europa: „Ohne die unbekannten Eu
ropäer, die immer um uns waren,
läge Europa restlos in Schutt und
Asche. Hier überall verquicken sich drei
Kreise, der heimatliche, der gesamt
volkliche, der abendländisch-menschli
che."
Höhepunkt des „Sudetendeutschen
Tages" war die Massenkundgebung
aus dem Messegelände am Sonntag,
die zu einem Bekenntnis für ein ver
einigtes Europa wurde. Dr. Lodg
mann von Aue, der Sprecher der Su
detendeutschen Landsmannschaft, be
tonte, daß das Treffen nicht allein ein
gesellschaftliches Beisammensein sei,
sondern eine Kundgebung des politi­
.•* ,f, V u„' .. I
i V
Tagung der Kudetendeuttchen
v
h-
S, And 1
nische und materielle Äuftoand ftcht jch
einem Mißverhältnis zur tatsächlich*«
Leistung.
Das muß mit der Atomgranate an
ders werden. Allerdings sollte man
nicht schon die Zeit der Beherrschung
des Schlachtfeldes durch die Atom
waffe endgültig für gekommen sehen.
Zwar ist «das Atomgeschütz nicht we
sentlich schwerer als das entsprechende
normale, auch Kaliber und Rohrlänge
unterscheiden es kaum von einem an
deren Geschütz: dennoch wird es nicht
sofort in Massen eingesetzt werden
können. 'Es scheint fraglich^ ob may
beliebig viele Atomgranaten wird her
stellen können. Dieser technische Eng
paß wird aber nicht das Entscheidende
sein: bei der entsetzlichen Wirkung ist
sowieso nur eine begrenzte Zahl
Atomgranaten notwendig. Man wird
diese Waffe also voraussichtlich im
Schwerpunkt des Angriffs oder im
Brennpunkt der Abwehr einsetzen. Sie
wird als Mittel der operativen Füh
rung und nur bei bestimmten Aufträ
gen eingesetzt werden, die dann viel
leicht schlachtentscheidende Bedeutung
gewinnen. Die ganz große Frage aber
ist die, ob man die Atomgranate über
haupt einsetzen wird, denn Hoffnun
gen bei einem kommenden Krieg mit
dieser neuen Waffe zu verbinden, hat
etwas Makabres. Die moderne
Schlacht ist um einen Giganten der
Vernichtung reicher geworden, und
die Menschheit damit im Grunde äp:
metl
schen Willens Her Sudeten-DeutschM.
Es sei nicht Aufgabe der Landsmanit
fchaften, innenpolitisch Stellung Hu
beziehen. Auf dem innenpolitischen
Bereich gebe es nur parteipolitische
Neutralität. Das höchste Ziel sei die
Wiedererlangung der Heimat, die
außerhalb der deutschen Grenzen von
1937 liege. Deshalb sei das Problem
der Sudeten-Teutschen auch ein ande
res als das der aus dem Altreich Ver
triebenen. Ta die Bundesrepublik es
bis heute nicht gewagt habe, eindeutig
und klar ihre Forderung auf Rückgabe
der Gebiete jenseits der Oder und
Neiße auszusprechen, so könne man
noch weniger erwarten, daß sie dies
mit Beziehung auf den fudetendeut
schen Heimatboden tun werde. Damit
fei die Volksgruppe gezwungen, zu
einer handelnden Körperschaft inner
halb des Gesamt-Deutschtmns zu wer
den, die eine eigenständige Politik ver
folge. Dennoch habe man dabei immer
das gesamtdeutsche Interesse im Auge.
Auf eine Unterstützung der Ver. Staa
ten sei bei diesen Bestrebungen kaum
zu rechnen, da sie die ostdeutschen Sa
tellitenstaaten nicht abstoßen wollten.
Es gehe bei allen Bestrebungen nicht
allein um die Gestaltung des böhmi
schen Raumes, sondern um die Gestal
tung Mittel-Europas. Nicht mehr in
Staatsgebilden, sondern in Völkern
müsse geDocht werden. Das sei aber
kein Nationalismus, da diese Völker
in einer europäischen Föderation ihre
Einheit fänden.
Zur Wiederbewaffnuitg meinte Dr.
Lodgmann: „Wundert man sich, wenn
insbesondere die Vertriebenen sich fra
gen, wofür sie kämpfen sollen, wenn
dieses Europa nicht auch ihre Heimat
umschließen soll? Ein Soldat muß ei
ne Idee haben, für die er allenfalls
zu sterben bereit ist, sonst ist er ein
Landsknecht." Lodgmann forderte ei
ne Intensivierung öer sudetendeut
sehen Propaganda in Amerika, da
man nur dann auf ein Verständnis
.für die sudetendeutsche Probleme hof
fen dürfe, wenn diese PvoMme dort
klar erkannt würden.
Ein Zeuge der Frankfurter Kund
gebung schreibt u. ct.:
Man spürt in allen, die da sind, ein
fast physisches Verlangen nach Gebor
genheit, nach der Heimat. Da werden
Schilder mit den Narrten von kleinen
sudetendeutschen Dörfern durch die
Menge getragen, die möchte man
sagen um Zuspruch bitten. Die Na
men: Altvater, Beskiden, Kuh land
chen klingen auf und sind Wirklich
feit. Da sagt ein Sudeten-Deutscher
zu [einem Nachbarn, als die schwarz
rot-schwarzen Fahnenblöcke der sude
tendeutschen Jugend im Wind wehen:
„Du, wenn du sehr weit schaust, kannst
du ganz dahinten Troppau sehen."
Und der andere antwortet ihm
und man weiß nicht, ob schon Resigna
tion in der Stimme schwingt: „Ja,
aber es ist wirklich noch sehr weit.-
Es ist Schmerz in allen Gespräch#
und viel Erlittenes, auch Verbitterung
und manchmal Ungerechtigkeit. Und
an diesem Tag ist auch das Gemein
schaftsgefühl da, das über so vieles
hinweghilft. Dieses Gefühl schwingt
in der Totenehrung, da die mahnende
Stimme des Sprechers über den wei
ten Raum des Frankfurter Messege
ländes und über die Dreihunderttau«
send hallt. Es ist mehr als ein Ge
denken. Man hat das Land geehrt,
das die Toten hervorgebracht hat.
Viele sieht man weinen. Ein Teil dar
Tragödie unseres Zeitalters ist spür
bar geworden.
ende in Frankfurt abgespielt hat. Da-
Aber das war es nicht allein, was
sich an diesem sommerheißen Woche».

Baa Setchatt mit der
NnzutriedenheU
.-. v.-. -:. z«n- V- -.j *".-!• ••. •". .»•..« ,. ?.7' w. •..*•• ,..»( ..-•«-. *•.. i •..•„/. •#•. fr,i ... 4. w *f: x. •, Y.. n i? y,| ., v •. ... .••'•• v/- ,.... v.,: t*s jj. ,r .-». ..».. -t»v -.-

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