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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, June 14, 1877, Image 3

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??er! ägt dir Schuld?
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? adSstudie ouj der modernen Gescll
ChVWw, ,, . .
I (TJq mariage cüns le monde)
von
. : 0tav ffeuM.
' Uebersedt von GKgmey.
(Fortskdurg.
IV.
kMer twa glaubt, daß Madama M
nalv die beiven Flüchttwge mlt Zorn
Vorwürfen emvftng. ist im vollkom
kk!ea Irrthum. Sie war zweifellos über
Essen Ausflug empört, welcher allen ihren
icklichkettSprincipien Hodn sprach; es
Säe aber von allerschlecktestem Geschmacke
I,at. wenn sie ihre Meinung darüber
litt laut werden lassen. Sie begnügte
!ck rarüber ,u lächeln und ihre Ach.
äleutr ,u ,ucken, als de Schuldigen
?Abr. Smder, Jbr verdientet wahr
foftla ausgelach! ,u werden, sagte sie zu ih
nen; Ihr benehmt Euch wahrlich wie ein
ra'utpaar vom Lande!
2Hama, antwortete ib Tochter, in
kni sie ibr um den Has fiel, wir haben
der Tante gehorcht.
Deine Tavte, mein Kind, ist, wie
Du we,st, eine Wilre", davon bist Du
ar üb.ust. Sie hat nie in der vor
hrnm Gesellschaft gelebi; Deme
janrt kcmmt aus der Provinz .... genug
tayoft!
Do8 Schloß war beute Nachmittage bis
nun Abend der Schauplatz ungeheurer Auf
ung. Die verschiedenenPariserZügeführ
kz nach und nach Waffen von Verwandten
herbei; es kamen Freunde, Trauzeugen und
Ednnjungftauen mit obligatem Gkpäck.
Ja Hose hörte man das Anrollen der Wa
n, die sterolypen Begrüßungen, das La
chen der jungen Mädchen, daß eseVei der
Dienstboten, be" lärmenden Transport der
Leffa aus den Tnppen alles dies ver
einigte sich zu einem unbeschreiblichen Tu
ault und einer musterbasten Unordnung.
Madame Fitz'Gerald und Todter beeilten
ftch. am Arme des Grasen Pitrice. ib
SSste zu emvsangen, in dem Labyrinth
von llorridoren umberzusühren und nach
nnd nach in die verschiedenen sür sie be
stimmten Zimmer zu geleiten. Lionel war,
soviel ibm die Zeit gestattete, mit aller
Eourtoisie den Damen behilflich, obgleich
bn dieser Tkeil des Festes im höchsten
G.ade langweilte. Eine einzige Person
just sich diesem Tumult vollkommen sern.
namlich die Gräsin Jules, welch: noch im
er in der Fensternisch mit stoisch Ruhe
n ihrem Strumpse strickte.
Diesem Lärm solgte bald ras Rausche"
der langen Schleppen rn den Corridoren
urd der Seirenroben auf dm Treppen.
Ein königliches Dnui vereinig!? alcann
alle Gäste in einem rjrsengrvbn ar.l,
welcher einem b'.üb, nben Rakmen von Blu
en und Laub luli; dt.'iouf be, ab man
sich in jene? vortrfflick'eriVrdaulinstölaune,
welche bei allen Schickten der Gesellschasl
die gewöbnliche Folge- eines guten Diner
,u sein pflegt, in den Salon.
Während man den Zkaffee nahm, stellte
Fkäulein Fitz G.ralo ibrem Bräuii?am
ganz bcsonders zwei junge Frauen vor, ibre
Uoufinen, di Herzogin d'Estrenu und Ma
tarne de Ckelles, welche, wie Madame fco
Lorriö, ihre Jagendsreunbinnen waren.
Madame de Chelles, .vell e ewig läch
elte, plauderte und läruie bin- und her
gmi, ließ trok allerem manchmal auf
dem Grunde ihrer schönen, schirarzen
Sagen einen sonderbaren AuSbruck jnstreu
ter und sast gänzlich abwesender Träumers
bemerken.
Liebste Freundin, sagte sie mit ihrer
rauben Stimme zu Fr-ulein Fitz ' Gerald,
nicht wahr, wenn Du nach den Bouffes
. ar,stenne ober nach dem Pala'.s royal
gehst, nimmst Du mich mit' Ich muß mich
an Deinem ersten Vergnügen in tiesen
Theatern weiden, Du wirst einmal scher,
wie amüsant sie sind. Ich habe mich
hauptsächlich deshalb verheirathet, um die
kleinen Theater kennen zu lernen: aber
etjt mutz ich Dir offen gesteh!,', langei
len sie mich schon, weil mein Mann mich
immersort dorthin beglettei.
Verehrtest?, beklagen Sie sich doch
darüber nicht, unterbrach sie Herr de CKel
kö, wäbnd er seinen kleinen rothen
Echnurrbart strich. Ick habe, so fuhr er
fort, in dieser Beziehung nämlich ein eig
ithümlicyes System.
Herr de Ehelles gehörte nämlich zu je
Klaffe von Trinkern, welchen der Wein
eine gewisse Würde des Ausdrucks ver
kiil. ' "
Habe allerdings einen eigenen Ge
fchrnack, aber wie gesagt, meine Iran theilt
denselben. So lieb ich ,. V. die kleinen
Tdeatn, wo man gute Witze bort, ....
sehen Sie wohl, meine Frau begleitet mich
dsrihir. Ich l'ebe das Wettrennen, ....
eine Frau ebenfalls ich besuche den
Opernball .... meine Frau kommt wieder
mit. Nebmen wir an, daß ich nach irgend
inem Ball mit meinen Freunden soupiren
gehe.. . . .meine Frau soupirt mit uns
Eine Frau muß der natürliche Freund ih
8 Mannes fein, .... darin besteht min
System!
Aber mein Gott, erwiderte Madame
de Cbelles lasten Sie mich mit Ihrem
Erstem zufrieden; Sie langweilen mich
damit; im Grunde genommeu .... verachte
ich Sie,
Sie kehrte ibm den Rücken zu. indem
sie laut zu lacken begann. Die Herzogin
d'Estrer, war blond, hübsch gewachsen,
im höchsten Grade elegant und batte ein
Paar Augen, aus welchen Sanftmutb und
Traurigkeit strahlten. Sie batte Veran
loffung, traurig zu sein, we'l ihr Gemahl
sie nickt so liebte, wie sie es zu veilangen
wohl beanspruchen durste. Als Herr de
ZitaS ihr dura, ihre Cousine vorgestellt
wurde, betrachtete sie ihn theilnahmsvoll
ud sagte ties seufzend, indem sie Fräulein
L'tz-Äerald zärtlich umarmte, zu ihm:
-Lieben Sie meine Cousine recht innia,
ein Herr! nicht wahr, das verbrechen
Sie mir?
lkerding, rief hinter ikn n eine
!oal Stimme; haben Sie wobl serstan
den, Herr de 9lia8? Lieben Sie sie nur
recht innig, edelster Freund! iaS ft die
Hauptsache. Glauben Sie mir, ein lie
Lionel, fuhr der Herzog d'Estrenv, ein
Uiächtlg emporgeschossener und eleganter
Herr ft, entweder muß man die Frauen
innig lieben der gar nicht! Ich ich
bringe diese arme Herzogin zur Verzweis
hing, weil ich sie nickt, wie ste glaubt, innig
liebe, das beißt auf deutsch: ich mache ihr
keine Berse .... Den Teufel auch! fällt
nicht ein; es ist allerdings schrecklich,
aber ich mache nun einmal keine Verse; . .
vag kann ich dasür? ich bin einmal so ge
baut,. ...ich mache nun einmal
keine -Verse!
Er skandtrte die Worte mit eigenthüm
licher Betonung, als ob er damit verstehen
be wollte, daß. obgleich er kein Poet sei,
wenigstens die eleganteste Prosa sprechen
fcnd schreiben könne.
Während dieser Tirade zog die Herzogin
bie Handschuhe von den Händen und putz'e
, 'S Ringe. Aus ihrem Gesicht spiegelten
ftch Langeweile, Gleichgültigkeit und Kälte.
Als der Herzog seine berühmte Prosa zu
Ende ikandirt hatte, wendete er sich schnell
ZU jeiner Gattin:
. . Kommst Du?
Sie gingen Beide zum Piano. Die
Herzogin erleichterte vor allen Dingen ihre
beleidigte Seele durch eine Unzahl chroma
' tisch Tonleitern. ' Bald dnauj durch
brausten einige präludirnde Walz.rlaki
wild den Salon, durch deren Rythmus die
Herzen aller anwesenden Ehren Jungfrau
en freudig erbebten.
Llvl nahm neben der Marquise de
la Veyle Platz, welche diesem Familienfest
mit der allerzufriedensten Miene der Welt
beiwohntet x v -;
. Hochverehrte Frau Pathin, sagte der
junge Mann ernst zu ihr, wäre jetzt noch
an eine Trennung zu denken?
Was? .... an eine Trennuna? rief
die Marquise, welche von ihrem Lehnstuhl-
empor,cvnellte. sind Sie von Sinnen,
lieber Freund? ' -
. Allerdings, aber nur über die Schön
be.t meiner Braut.
.Im. selben Augenblicke dielt i Fräulein
Marie während des Walzers bei ihnen
an und ' fragte Madame de la Veyle läch
elnd: , . , t .
Was erzählt Ihnen denn meinBräu
tigam, Madame?
Er sagt mir, daß er Dich wahnsinnig
liebt.
In der That, ein galanter Wahn
sinn, antwortete das junge Mädchen
frudia, indem sie sich weiter in den Walzer
stü.zte. -
Nie habe ich sie mehr zu würdigen
Gelegenheit gehab'.suhrLivnel fort, als ge
rade beute. Sie ist unzeziert, spricht wie sie
d.nkt, li-benswurorg, geistreich, bescheiden
. ...rurz ein vezauverndc useichopf, ein
erhabenes Wesen!
Fräulein Fitz Gerald, welcher bemerkte,
daß man immer noch von ihr sprach, hielt
zum zweiten Male ihren Walzertänzer aus
demselben Platze an:
Was erzählte er Ihnen denn noch.
Madame i fragte sie leise.
Er sagte, datz Du ein erhabenes We
sen bist.
r scheint wirklich von mnen zu
sein!
Freudestrahlend warf sie sich wieder in
die Arme ihres liebenswürdig lächelnden
Walz-rtänzers, den diese A- t und Weise
aber durchaus nicht sehr zu amüsiren schien.
Nichtsdestoweniger, fuhr Herr de
Rias vertraulicher fort, quälen mich ge
rade beute Abend die schwärzesten Gedan-
ken.
Armer Freund ! was sür Gedan
ken?
Ich babe etwas Eigenthümliches be-
merkt. Unter unseren beutigen Gästen
sehe ich sieben oder acht Paare, welche sich
auch ernst zufällig in der vornehmen Ge
sllschaft gefunden haben, aber sämm'.lich
keine glückliche Ebe führen .... von allen
tenen ist nicht ein einziger, den ich des
Mangels an Beurtheilung oder der schlech
ten Wahl beschuldigen könnte. Blicken Sie
nur um sich, ich glaube nicht, daß Sie an
ders urtheilen können.
Die alle Dame sah im 'Lsaiun um
und sprach, indem ein komischesZucken ihre
Lippen umspielte'
Unzweifelhaft können wir gerade nicht
aus Mustereken heute in unserem Kreise
stcl, sein.
Seken Si: wohl, erwiderte Lionel,
da saa' ich mir denn, . , , , ich kann mich
unmöglich daiüber täuschen, daß alle oder
viclmehr der größte Theil dieser nunmehr
verhenathkten Herrschasten sich einst so ge
liebt haben, wie Fräulein Fitz Gerald und
ich uns heute lieben, daß sie alle einen eben
sc frohen Tag vor der Hochzeit durchlebt
Kaien, als wir, und folgere daraus, daß es
einen Fehler rn unserer Civilisation, na'
menilich aber einige Elementaruisachen
geben muß, welche die Ehe in ihrer Wurzel
vergiften und ei.'en verreibenbringenden
Keim in dieselbe werfen, . . welche die edel'
ten uns inniglten Hoffnungen vergiften
und ein.' von Gott zu Liebe und Frieden ge
:nachte Bestimmung zu Haß undKiieg auS
aiten lassen . . . .Sie n.üssen mir zugestehen
daß diese Gedgnken schrecklich für einen
Mann sind, welcher sich morgen verhetratben
soll.
Aber, mein G.'tt, riet die Marquise
kopfschüttelnd, machen Sie sich doch keine
unnützen Sorgen, bester Freund. Es giebt
weder Elcmentarursachen noch verderben
br'naenre Keime. .... wie ich bereits d,e
Ehre hat:?, Ihnen zu sgen, eS giebt aber
schlechte Ehemänner, das ist Alles.
Ich stimmte durchaus rncht mit ja-
rer Theorie überein, rief Lionel; aus alle
Fälle ist sie zu einseitig!
Aber erlauben Si.', mein Freund,
prüfen wir doch ein wenig alle diese Herren
hier, thun Sie mir den Gefallen .... da
steht vor allen Dingen der Herzoz d'Est
rer.y, nicht wahr? unzweifelhaft ein sehr
braver Mann; er ist auch gerade, wenn Ve
wollen, kein schlechter Ebemann. aber ein
ungeschickter dummer Pinsel. Seine Frau
ist eine kleine, delicaie und sentimentale
Person, sie gleicht dem Morgenthau,. . . .
,hr Mann hingegen kommt mir vor wie ein
Schlosser, wie ein echter Scklosser ! Und
waS daS Schlimmste ist, er moquirt sich in
einem so't über ihre unschuldigen, roman-
tischen Ideen Sehen Sie wobl, er
beleidigt Sie und bringt sie zur Wuth;
schließlich wird es soweit kommen, daß sich
Jemand findet, welcher auf ihre romantt
schen Ideen eingeht; also wer trägt dann
die Schuld? Dort drüben sehen Sie den
kleinen de Chelles
O, was den ce Cbelles anbetr.fft,
erwiderte Lionel, baben Sie vollständig
recht;. . . .er gestattet seiner Frau einJung
gesellenleben:., er ist einfach einDummkopj.
Vortrefflich! antwortete dteMaiquise.
da baben Sie schon zwei ... Nun! bei den
anderen s:eht es noch viel schlimmer; ... es
wird Ihren wobl bekannt sein, dß Herr d'
Elbis damit anfing, seine Frau als seine
Geliebte vorzustellen... originelles Debüt,
wie Sie seben... Da drüben ist wieder ein
Anderer, dessen schmutziger Geiz seine Frau
zum Teuersten getrieben: sie mußte schließ
lich Schulden machen und di Folgen wa
ren unausbleilich; wenn Sie ts bis
. , . ' r. r... C- ...CC... ft
ji'tjt nocu Nicyl wngien, ,0 tiumu wie
jetzt .... Ubarny 'lt ,m lLkgerlyett ourw
aus nicht geizig,... er bat sochen einer Pr
son vom Variete'Theater ein Gespann von
über 25,00 Franc geschenkt, während
seine Frau, welche mit einem Gespann von
etwa nur 3000 Francs fähr, jener Person
alle Tage im Bois de Boulogne in der
p'achtvollen Cqupaze begegnet. Herr de
Lästere ist ein ernster, vielleicht zu ernster
Mann: er möchte iern Zimmer werden,...
beschäftigt sich mit Socialöconvmi:, n-gvon
seine Frau keine Silbe ersteht; er verach-
tet sie dcööalb und läßt sie ihren eigenen
Weggehen; allenfalls begleitet er sie,
....alle jungen Leute, welchen er auf den
Boulevards begegnet, fordert er aus, seine
Frau zu besuchen, ihr ein wenig Gesell
schast zu leisten, mit ihr quatre mains
zu spielen u. s. w
Dort drüben jener arme Laumel hat ker
r.en prononcirt sonderbaren Geschmack, er
ist sogar bescheiden, schüchtern und miß-
traui'ch gegen sich selbst: er haßt Al
le3, was Schauspielerin beißt und hält sich
von den Damen der besseren Kreise, ja so
gar von seiner Frau fern ; macht aber sei
nem Dienstmädchen den Hof!. . . . das ist
seine Entschädigung 1
Nun mein Freund, das scheint mir
denn Alles zu sein, und da8 muß Sie doch
im Gezenlheil recht beruhigen.
Ich bitte j:br um Verzeihung, das
terubit mich durchaus nichts antwortete
Lionel, welcher, ohne es zu wollen, über
diese unbarmherzige Aufzählung lachen
mußte. Erstens glaube ich kaum, daß alle
Frauen dieser Herren Märtyrerinnen und
vollständig unschuldig an demUnrecht ihrer
Männer sind Außerdem, selbst wenn ich
Ihrem System zustimmen wollte, drängt
sich mir die Frage auf, welcher Mann sich
ichmeichcln darf, irgend einer Art dieser
Kategorien entgehen zu können ;. . . . denn
wenn man schl'eßlich kein Bösewicht oder
Einialtsvinsel ,st, so kann man doch unge
sckickt sein, und ... . wie viel verschiedene
Arten, ungeschickt zu fein, giebt es wohl?
SSäsJ
Hunderttausend verschiedene, !r ber
F und, antwortete die Marquise; eine
aber aanz.besonoers, die darjw ,b$h V phi
losophilch darüber nachzudenken und über
alle diese Unzuträglichkeiten 'mit seiner al
ten . Patbin zu 'plaudern, 'stc tt mit seiner
jungen ; Frau Walzer zu - to izen, ' wenn
man vor Sehnsucht danach zu ' sterben
scheint.
, In Folge dieser seht weisen.'Bemerkung
kannte Herr de Rias, was ihm immet noch
viel Vergnügen machte, und vergaß bald
unt r dem liebevollen Blicke seiner Braut
die schwarzen Gedanken, welche ihn für ei
nen Augenblick verfolgt hatten.
Der ' nächstfolgende Tag, an welchem
die Hochz?it stattsinden sollte, schien Lwnel
hauptsächlich unerträglich zu sein. Er
hatte einige Ze't vorher schüchtern Ma
dame Fitz-Gerald vorgeschlagen, die Civil
und kirchliche Ehe entweder um sechs Uhr
Morgens oder um Mitternacht und zwar
im strengsten Familienkreise vornehmen zu
lassen. Madame Fitz'Gerald aber batte
dies n Vorschlag als eine Errentricität zu
rückgemiksen, welche der Trauung ihrer
Tochter einen nicht convenablen Charakter
hätte beimischen können Die Ceremonie
fand also um zwölf Uhr Mittag? beim
Schall der Kirchenglocken und mitten in
dem allgemeinen Jubel statt. Man mußte
auch die Neugier der Menge, die buntfor-
bigen Cocardea der Pferde und Rat
scher, die neuen Livreen, das Huv
rabgeschrei ker Dienerschaft, kurz,
den ganz:n lärmenden alltäglichen Apparat
einer Dorfdochzelt über sich ergehen lassen.
Während der Trauung konnte Herr de
Rias nicht umhin. Etwas ganz besonders
zu bemerken, welches seine der Pathin ei
nen Tag zuvor ausgesprochene Theorie zu
bestätigen schien. Unter den Trauzeugen
waren die Männer eist zerstreut, gelang
weilt, gleichgültig oder satirisch ; die Da
men jedoch, welche sehr ernst schienen, tru
gen eine gewisse leidenschaftliche Gluth zur
Ssckau und überließen sich ihren gebeim-
nißvollen Eindrücken. Einzelne weinten
sogar Alle aber schienen sich mit einem
gewissen ängstlichen Ausdruck daran zu
erinnern, daß es auch in ihrem Leben eine
ähnliche mit Vertrauen, unnennbaren
Hoffnungen und engelhafter Reinheit ver
knüpfte Stunde gegeben, und daß heilige
Schwüre gewechselt worden waren, welche
sie halten wollten.
Man hatte sich anfänglich vorgenommen,
das Fest durch die sofortige Abreise des
jungen Paares nach Schottland oder Jta
lren abzubrechen ; aber Madame Fitz
Gerald batte ibnn Schwiegersohn fiehent
ltch gebeten, ihr die Tochter noch aus ei
nige Zeit zu lassen. Herr de Rias, wel
cker zu sehr geborene: Pariser war, als daß
Reis n seine Leidenschaft gewesen wären,
batte ibrer ' itie mit Vergnügen gewill
fahrt. Wir gestehe zu, daß er es bereute,
ls er am Tage nach seiner Hochzeit zur
Frübstückstunde in den Salon htnunterkam
und durch ein Dutzend Verwandte oder
Freunde, welche tm Schlosse geblieben,
waren, Spießruthen lausen mußte. In
solchen Ausnakmefällen wissen selbst die
geistreichsten Leute nicht, wie sie sich beneh
men sollen : Jedes Lachen ist nämlich da
bei scblecht angebracht, das Lächeln noch
schlimmer, die ftngirte Ruhe geradezu Mit
leid erregend, das Zurschautragen von Ei
müdung noch lächerlicher, eine triumphi-
re,-de Miene aber geradezu verletzend. Der
alltägliche Gesichtsausdruck wäre der rich
t'gste, aber es hält so schwer, ihn perade an
einem solchen Tage wiederzusinden.
Madame de Rias jedoch servirte den
Tbee wie gewöhnlich, indem sie f-iedlich
läch lle: ibre Slirn war rein, ihr Auge
schön wie mme. Gräfin Jules verließ
an diesem Morgen das Schloß. Als sie
in den Wa?en stieg, bat sie ihre kleine
Nickte, näher zu treten, küßte sie zum letz
ien Mal und gab ihr folgenden fchonen
Gedanken mit auf den Lebensmez:
erinnere tcti immer da'an, mctn
hebcs Kind, daß die Frau zum Dulden
und der Mann, um erdu det zu werden,
geschaffen worden sind!
V.
Nach zwei oder drei glücklich in de Fres
nes verlebten Flrt:erwochen bezog das
, rr . . ? . - ' . Yl o
lunge isoepaar Aniangs civver in Paris
ein kleines Hotel m der Rue Vannau,
welches Lionel gekörte. Madame Fitz
Gcrald kehrte gleichzeitig wieder in ihre.
Cbaussee d'Anlin gelegene Wohnung zu-
rück. Die Entfernung zum Hause ibrer
Tochter war zwar ein wenig groß, indeß sii
konnte sich nicht entschließen, das ruhige
Stadtviertel, in welchem sie wohnte, zu
verlassen, wie sie wenigstens ihrer Umge
bung sagte. Im Grunde genommen erin
nerte sie nämlich das Faubourg Samt
Germain durch Einsamk-it und Friedn
an die Langeweile des Landlebens, welches
sie aus liesst Seele haßte.
Als in den erlttn Februartazen des
nächsten Winters die Ftttterwochen immer
noch nicht aufgehört hatten, den Azurhim
mel der Glückseligkeit des jungen Paares
zu stören, ließ Madame de Rias ihre
Mama durch em fluchtiges Brietcken schnell
zu sich bitten. Madame Fitz Gerald fuhr
sofort nach der Rue Vannau. Nach einer
Conferenz unter vier Augen mir ihrer
Tochter eilte sie zu Herrn de Rias, welcher
in seinem Bibltotherzimmer arbeitete. Ihr
Gesicht strahlte vor Freude, ihre Augen
waren thränenfeucht.
Liebster Freund, sagte sie zu ihm mit
bewegter Ltimme, Marie ist heute früh ein
wenig leidend,.... obgleich kein Grund
zur Vkisrgniv voruegr,.... ganz gewiß
nicht. In Folge ihrer, bei emer zungen
Frau s br natürlichen Schüchternheit wagte
sie nicht, .... es Ihnen selbst zu gestehen
, .. Geben Sie schnell zu rhr, liebster
freund, Sie dürfen sie umarmen.
WaS? Wirklich ? verehrte Frau!
rics Lionel freudig.
Ja, ja, mein Freund, küssen Sie
meme ocvier, .... das wird lgr wodi
thun. Aber, versetzte Herr de Rias, fühlt
sich mein Frau angegriffen?.... leidet
sie vielleicht ?
Nicht im Mindesten, liebster Freund,
ste ist gsand wie ein F,jch im Waffer.
Allerdings.... sind lunge Frauen
b-i dieser Gelegenheit Umarmen Ste
schnell meine Tochter !
Lionel beeilte sich, diese? so angenehmen
Pfl'.cht zu en.sprechen, während Madame
Fitz Gerald im Bibliothikzimmer langsam
aus- und abschritt, sich mit ihrem Taschen
kuch Lust zufächelte und aus bemsel en das
oe:schiedenartigste Paisüm im Zimmer
verbreitete.
Einige Minuten später ve: einigte der
Frühstück?tisch drei außerordentlich glück
liche Menschen. Madame Fitz'Gerald be-
trachtete ihr? Tochter mit mütterlichem
Stolze un' gerührten Blicken; Madame
de Rias l?gte eine Mischung von Frohsinn
und ganz reizender Verwirrung an den
Tag. Lwnel betrachtet! seine Frau mit
höckstem Glücke.
Das ihm soeben vertraulich mitgetheilte
Sreigniß war ganz besonders geeignet, ihm
aus verschiedenen Rücksichten Fr.ude zu ge
währen. Es schmeichelte nicht allein sei
nem Familienstolze, sondern erweckte gleich
zeitig seine im höchsten Grade sympathische
Theilnahme sür seine Gatti:', und schien
dem ersten, meist dem Amüsemet gewtd
meten Theile ihrer Ehe, in welchen sich
Lionel so gut als möglich geschickt batte,
dessen Schluß er aber doch sehnsüchtig her
betwünschte, ein Ziel zu setz?.
Dieser erste Abschnitt ibrer Ebe war
ganz besonders den rauschenden Vergnü
gungen gewidmet, welche sür eine junge
Frau die' eigenthümliche Anziehungskraft
einer fast verbotenen Frucht haben. Er
hatte sie mit ihrer Cousine de Cbelles ir
die kleinen Theater geführt, sie bis zur
Neige alle Ballvergnügungen durchkosten
lassen, seine F au dmfie an allen Jagd
partbien Theil nehmen kurz. Lionel
hatte siewie ein chevaleresker Liebhaber
verzogen Er oatte soaar mit iör die Ge
geovisiten bet ihren Hoazeitszästen ge
macht- obgleich ' deren Anzahl '.Legion
war.i : :v '.'- '': -' ,' -r
; Unt'r diesen, dem. Vergnügen Hewisme
!en Verpflichtungen gab es allerd'inc.s viele,
an welchen Herr de Rias schon feit langer
Zeit, wie die meisten seiner Altersgenossen,
den Geschmack und die Lust verloren hatte.
Für ihn war das Visttenmachen" ein
Opfer, er sachte nur die unumgänglichsten,
oder ihm sympathischsten Familien auf.
In früheren Jahren, war er der unermüd
ltckste Tänzer gewesen, jetzt aber sah er ein,
daß er nicht w-g diese ihm kindisch vor
kommende Rolle spielen konnte. Die
Tanz-Gtsellschasten der vornehmen Kreise
wurden ihm im höchsten Grade unerträg?
ltch. Die Abende verbrachte er. wenn ibm
sein Arbeiten dazu Zeit ließen, im Club.
Er besuchte zwar noch das Tbeater, aber
vorzugsweise hinter den Coulissen. Jetzt
aber, um seiner jungen Frau Amüsement
zu bereiten, batte er wieder Geschmack a
seinen früheren Liebhabereien gefunden.
Natürlich hatte er dieie rauschenden Ver
gnüzungen nur in das Programm der
Flitterwochen aufgenommen und durchaus
nicht die Absicht, dieselben zu einem chronr
schen Uebel werden zu lassen. Sein
Wunsch estand darin : das eheliche Glück
mehr auf sein Haus zu eoncentriren und
seine Abende in seinem Heim zu verbrin
gen. - Die plötzlich ein getteten : Jabisposi
tton seiner Frau war vollständig dazu ge-
eignet, seinen ihm nur schwer auSfuhrba
ren Wunsch von selbst, in Erfüllung gehen
zu lassen. Allerdings hatte er noch einige
Befürchtungen : er war sehr im Zweifel,
ob seine während des ersten Rausches plötz
ltch zur Ruhe veranlaßte Frau, während
die Wlnterfaison gerade Kren höchsten
Glanz entfaltete, nicht über ihr uufretwillr
ges Schicksal unzufrieden sein und sich so
gar gegen dasselbe auflehnen würde. Da-
rin täuschte er sich jedoch. Wenn er sich
sein Program sür den Ehestand entworfen
hatte, so batte auch seine Frau dies zu thun
nicht unterlassen, und die augenblickliche
Fugung geholte für sie mit in dasselbe
Sie war so zu sagen ein geträumtes Ideal,
die Vervollständigung ihrs ehelichen Glük-
kes und ihres Fraustolzes. Weit davon
entfernt, ihre Hoffnungen mit Diskretion
zu behandeln, rühmte sie sich sogar dersel
ben und gefiel sich darin, seilst die unbe
deutendsten Symptome ihrer Umgebung
mit unschuldigem Stolze mitzutheilen
Ohne sich zu sträuben, gab sie die Abend
aesellschaften auf und empfing von diesem
Tage ab aus dem Sopha in eleganter
Morgentoilette.
Alles dies sagte Herrn be Rias vortrefflich
zu; durch eme so vollitanbige und llevens-
würdige Entsagungökcaft seiner Frau sah
er täglich mehr und mehr ein, daß er in
Fräulein Fitz Gerald da von ihm
geträumte Ideal, nämlich eine vollkommene
Hausfrau zu besitzen, erreicht hatte.
Von dr G gerpartei also sehr befriedigt,
Ufc Lionel seine Blicke mit srobem Ver-
trauen in die Zukunft schweifen. Welche
Gründe hätten auch fortan ein Bündniß,
bissen Rosenfesseln jeder neue Tag fester
knüpfte, stören köaue? Von Seiten seiner
Frau ,lag nicht die mindeste Gefahr vor;
seit einigen Monaten hatte er Gelegenheit
gehabt, sie genauer kennen zu lernen: sie
hatte ein rffencs Benehmen und nur die
achtungsa?erthesten Neigungen, welche durch
Erziehung und Beispiel ihrer braven
Mama geleitet und in ihr befestigt worden
waren.
Sie liebte ihren Gemahl und war mit
Allem ausgestattet, was ihm gefallen und
ihn an sie fesseln mußte; sie war entzück-nd
schön und plauderte geradezu reizend. Ihr
einziger Fehler bestand in ihrer nicht vol
sendeten wissenschaftlichen Erziehung. Lio
nel hatte oft Gelegenheit zu bemerken, daß
in Geschichte und Literatur die Kenntnisse
seiner Frau nicht sehr bedeutend waren;
aber selbst in dieser Unkenntniß lag für ihn
etwas Pikantes, und er amüsirte sich sehr
oft über ihre durch Mangel an Bildung
veranlaßte Naivitäten. Er hingegen durfte
mit Recht auf sich stolz sein und hatte
durchaus keinen Grund anzunehmen, der
Kategorie der durch eigene Schuld Unglück
sichen Ehemänner anheimzufallen. Ohne
sich über die Eigenschaften Illusionen zu
machen, kannte er sich doch genau und
batte genügende Veranlassung, hieraus
Vertrauen für die Zukunft zu schöpfen; er
war der Liebe einer Frau würdig, und
hatte unzweifelhaft das Herz der fei
nizen erobert. Durch welchen Fehler,
oder vielmehr, durch welche Ungeschicklichkeit
hätte er derselben je entfremdet werden
können? Die den Ehemännern im Stru
del des Lebens gewöhnlich drohenden Klip
pen umging er sorglos, rs war für ihn
sogar durchaus kein Verdienst, denselben
Trotz zu bieten, da er keine Neigung em
fand, sich irgend welchen Gefahr bringen
oen Vergnügungen auszusetzen. Er war
nicht geizig und batte mit großer Splendid
dät den Hausstand seiner Frau, sowie den
Etat sür ihre persönlichen Ausgaben be
willigt.Er war nicht der Man, serne Frau
selbst zu erziehen oder an ausschweifende
Vergnügungen zu gewöhnen. Auch war
er nicht blind und verstand wobl. söge
nannte Freunde von seinem Hause fern zu
alten, anstatt, wie viele Männer
es thu, in dasselbe zu locken. Von vie
len Junggesellengewohnheiten war er zu
rückgekommen. Er liebte seine Frau und
fühlte durchaus keine Veranlassung, ihr
Eiferfuchtöscenen zu veranlasse. Kurz,
oon allen Seiten winkte ihm nur sicheres
Glück und dauerhafter Frieden in seinem
Haufe. Nach diese: frohen Ueberzeu
gung begann er seine neue Lebensweise so
einzurichten, wie ihm dieselbe am meisten
zusagte.
Herr de Rias wa ein sehr eleganter,
übit arbeitsfamer und wissenschaftlich tief
Aebiloeter Cavalier. In früheren Jahren
batte er nicht ohne Verdienst dte diploma
tische Carriere ergriffen, dieselbe jedoch
plötzlich verlaffen, um seiner inzwischen
Wlitwe gewordenen Mutter Gesells raft zu
losten. Um einer ihn drückenden Träg
beit zu entgehen, hatt er sich an ein um
fangreicheS literarisches Werk gemacht,
welches ihm einerseits Befried-gung ge
währte und ihm auch die gewisse Hosnung
bereitete, durch dasselbe einst di.- öffentliche
Ak-.e-.kennung zu erringen. Das Werk be
bandlte eine Geschichte der französischen
Diplomatie des achtzehnten Jahrhunderts.
Diese durch die Zerstreuungen des conven
tionellen Lebens oft unterbrochene Arbcit
hatte Lionel sich vorgenommen, fortzusetzen,
wenn er als verheirakheter Mann eine ru
higere und geoidnete Existenz geschaffen
hätte, um sich derselben sich mit allerEnecgie
zu widmen. Dieser Zeitpunkt war nun
herangekommen und Lionel dielt Wort.
3c brachte von jetzt ab einen Theil semer
Zeit damit zu in den Archiven der aus
wärtigen Gefandschasten Material und
Notizen zu sammeln, welche er verschiedent
tich ordnete und in keiner Bibliothek unter
brachte. Um in diese sehr ernste Beschäftt
gung eine Abwechselung zu bringen, nahm
er wieder Gewohnheiten an, von welchen er
sich schwer trennen konnte, welche sich aber
mit dem Ehestand shr wohl im Einklang
bringen ließen. Da er die Kunst und den
Sport sehr liebte, folgte er gern dem ge'
rausch- und wechselvollen Treiben der Pa
ris:r in Bezug aus diese Neigungen; es
machte ihm Freude, stet darüber das
Neueste zu erfahren, und er besuchte zu die
sem Zweck den Club, die Rennbahn, die
TbeaterFoyers, oft auch die Coulissen.
Seine junge Frau erwartete ihn jedoch
stets mit Ungeduld, und er begrüßte sie mit
wahrer, innerer Zufriedenheit, denn diese
Lebersweise mackten seine kühnsten Träume
zur Wahrheit. Ein hübsches, freundlich
lächelndes Gesicht winkte ihm ja entgegen,
ammaammummBaanmmKmmmKmmumm i,,,,,w,,,,,Wn,MW,i,M! ..
w..n er i'in Haus betrat; im aufmnk
same jung F au war ja da, um tb-n alle
kleinlichen Sorgen des materiell? L bens
ja sparen."" Stets munteres, froh'csLc-
ben. duftige, blühende Blumen rings vm
ihn ber bildeten für ihn. ein vor Ruhe
undANgette leeres ,M '? rurz, er
fübltt sieb von dem Zauber eines b hagl:
cken, alücki.ichkn und friedlichen Hauses um
gebe, welches zu seinen Beschäftigung
und Zerstreuungen vortrefflich paßte.
So hatte Herr be Rias und er
stand damit nicht veremz.'lt da, von sei,
ner Ehe geträum'. :v ;r
Abgesehen von den kleinen natürlichen
Besorgnissen war die Zeit, welche die junge
Frau auf ibrem Sopda zubrachte, für beide
Theile sehr angenehm. Sieempfing nie-
len Besuch; ihre elegante Cousine Madame
d Lorris, de Chellcck, und d'Estceny unter,
hielten sie täglich mit dem Allerneusten,
waS es in Paris gab. - Ihre Mutter ver
ließ sie nur, um in den Geschäften veischie
dene Kleinigkeiten für Kinderaussteuer ein-
zukauien, welche sie Madame de Rias zum
Gutechten vorlegen ließ. , , .
Sopha und Fußboden waren fast unun
terbrochea mit Wäsche, Spitzen, Wollstos-
fen und kleinen, sehr aparten Capüchons
überflutbet. Madame de Lorris, de Chel
les und d' Estreny untersuchten, beurtheil
t n und kritlsirten jedes einzelne Stück und
boten der jungen Frau durch ihre Ersah
rungen vortreffliche Rathschläge. ' Gegen
Abend trat Herr de Rias mitten in diesen
Kreis fachverständiger Damen und brachte
neues Leben hinein. Meistenteils hatte
er Taschen und Hände voll kleiner Cartons
und Schachtel, eleganter Bvnionieren
und kleiner, geheimnißvoller Packete. Al
les das wurde ausgepackt. Man bemun
derte die Schmucksachen, versuchte Bon
bonb, theilte sich in die Blumen kurz.
es war em immerwahrender Festtag.
Das plötzliche Eintteff-n der Gräfin
Jules gegen Ende August drückte dem klei
nen Hauswesen wieder einen ernsteren
Stempel auf. Einige Tage später konnte
kgnj Paus" sehen, wie dieselbe in der
Kirche Saint Clotilde den jüngstgeborenen
Louis Henry Patrice de Rias über die
Taufe dielt. Am nächsten Tage reiste
ste wieder mit dem unvermeidlichen Strick
ftrumpf nach ihrem in der Nähe von Cher
bu?g gelegenen Schlosse.
VI.
Madame de Rias erHolle sich mit einer
Schnelligkeit, welche ihr alle Ebre machte.
Sie zeigte sich bald darauf in ihrem gan-
zen mutterlichen stolze aus den Boule
vards. Eme Amme aus der Provence, de
ren sonderbarer Kopfputz und prachtvoll
schwarze Augen die profane Aufmerksam
feit der Vorübergehenden erregten, beglei
tete sie. Lionel wäre entzückt gewesen,
wenn feine Frau selbst das Kind gestillt
hätte, aber Madame Fitz Äerald hatte
aus Gesundheitsrücksichten und aus Be
forgniß, daß die Schönheit ihrer Tochter
darunter leide, diesem Wunsche so naturge
mäße, weibliche Gründe entgegengestellt,
daß Herr de Rias eben nichts mehr daraus
antworten konnte. Es freute ihn übrigens
im höchsten Grade, daß die junge Mutter
sich mit leidenschaftlicher Sorgfalt um ihr
kleines Kind mühte; gleichzeitig sah er mit
Bedauern, daß diese Beschäftigung Ma-
dame de Rias sehr vel übrige Muße ließ.
Es war allerdings nicht seine Sache, alle
Lücken ibrer freien Zeit auszufüllen; er
konnte sogar den Tag über seine gewohnte
Lebensweise fortsetzen, denn er war durch-
aus nicht vvpfllchtet, seine Frau bet Vlsi
ten nnd Spaziergängen zu begleiten. Er
glaubte sogar seiner Frau gesällig zu sein,
indem er ihr vollständige Unabhängigkeit
ließ, da er darin auch sür sich eine gewisse
Befriedigung fand. Leiber war s Abends
anders. Weder Sch'.ckl'chkeit noch Vor
sicht schiene i erlauben zu dürfen, daß seine
Frau Bälle nnd T eatervorstellungm ohne
ihn besuchte. Bei seiner Zungen Frau hat
ten sicb jevoch plötzliche Sehnsucht und
starke Neigung nach dieser Art Zerstreuun-
gen, welche sie lange entvearen mutzte, wie'
der eingesunden. .ie Wint'rsaison war
in diesem Jahre gerade so brillant als sel
ten. L'vnel freute sich sogar, wenn ein
und derselbe Abend ihm nicht die moralische
Verpflichtung auferlegte, mehr alS drei
oder vier Soireen zu besuchen. Seme
Frau beanspruchte jedoch einige Entschädi-
gung für die stets rm Hause zugebrachte
Zeit, und obgleich Herr de Rias durch die-
es Ballfteber von fernen Gewohnheiten
und namentlich von seinen Arbeiten grau
sam geitört wurde, machte er doch aus
Liebe für seine junge Frau mit anscheinen
der Ruhe gute Miene zum bösen spiel.
Es konnte ja nur, wie er hoffte, eine schnell
vorübergehende Krisis sein; er hoffte viel
eicht auch, daß die Vorsehung, welche ihn
rm vergangenen ruinier mit 10 viel re
benswürdigkeit bedacht hatte, ihn auch in
diesem Jahre ähnlich erfreuen würde.
Eines Morgen, als man soeben dezeunirt
hatte, bedeckte feine junge rau, welche die
ganze Zeit über träumerisch und unzufrie
den gewesen war, plötzlich ihr Gesicht mit
beiden Händen und brach in Thränen aus.
Mein liebes Kmd! fragte sie Herr
Rias, indem er auf sie zueilte, was ist Dir
denn?
Nichts, antwortete sie mit von Tbrä-
nen erstickter Stimme, ganz gewiß nichts.
Ich möchte gern Mama besuch?.
Aber, was hast Du nur, mem Kind,
o theile mir dock mit, was Dir begnet ist.
Nichts, bitte, lasse Mama zu
mir kommen.
In demselben Augenbl cke trat Madame
Fitz'Gerald, welche sich wi: durch eine
Ahnung nach der Rue Vanneau hingezv'
gen fuvlle, m oen Vpeisesaat. vsorr
führte sie ibre Tochter, ohne ibr selbst
einige Minuten des Erstaunens zu gönnen,
in das Nebenzimmer, aus welchem Lionel
im nächsten Augenblick ein Duett anhörte,
in welches sich Klagen und Tbränenaus'
brüche mischten. Diese Lage der Dinge
war für Herrn de Rias höchst fatal; er
zuckte leicht die Achseln, zündete eine Cigarre
an und begar.n zerstreut eine Zeitung zu
durchfliegen, während er den Auszang der
sonderbaren Conferenz erwartete.
Nach einer ewig währenden halben
Stunde ging die Thür wieder auf und Ma-
dame Fitz Ärald erschien allein mit thra-
r.enseuchten Augen und hochgerötheten
Wangen. Sie versprach ihrer Tochter,
im Lause des Tages wiederzukommen.
Dann warf sie die Thür ins Schloß und
sagte Herrn de Rias, während sie ihren
Pelzmantel anzog, im Vorübergehen Lebe
wohl. Hierauf verließ sie majestätisch den
Sp.isesaal.
Der betroffene Schwiegersohn zeigte in
so delikater Angelegenheit einmal wieder,
daß er ein vollkommener Cavalier war.
Nachdem er das beleidigende Benehmen
ftiner Schwiegermutter überwunden hatte,
trat er ins Zimmer zu seiner Frau, welche
noch ganz in Thränen aufgelöst war. Er
sprach m't hr si za:j, so vernünftig und
sogar humoristisch, schait sie ein wenig,
küßte sie sehr oft und schloß damit, daß sie
eine kleine Person sein, mit welcher man
ungeheures Mitleid haben müsse, die aber
doch schließlich sehr geliebt würde und,
wenn er nicht irre, sehr zufrieden und glück
ltch sein könnte.
Madame Fitz-Gerald fand Beide, als
sie gegen Mittag wieder in die Wohnung
kam, Arm in Arm auf dem Sopha. Sie
lachten üb ibrea kleinen Louis , Patrice,
wllchcr die ersten Turnübungen auf dem
Teppiche zu machen begann. -
Du bast keine Idee davon, liebes
Frauchen, sagte Lionel heiter zu derselben,
wie schroff sich heute Morgen Deine
Mutter gegen mich benahm.
Aber, Gott im Himmel, antwortete
Madame Fitz-Gerald, welche durch die sehr
überraschende glückliche Familienscene et-I
as beruhigt schien, liebster Freund, ich
bitte Sie tause ,dmal um Verzeihung....
ich mag ja Unrecht haben. . ..gut.. . .ich
w'ngestehen . aberglauben
Sie mir, es giebt wirklich Sach n, wofür
eo.emdie xechten Worte kehlen. ..Uebri
gens scheint es mir.ja als ob Sie jetzt
Betoe zumeden, waren... ich habe also
hierüber kein Wort mehr zu vnlreren.
' Durch folcke unbedeutende eheliche Un
ewitter glaubte Ltontt feine neue Aera der
Rache nickt zu theuer erkauft z , baben.
Dies Morgen schien sür sein häusliches
eben w eder eme gute Vorbedeutung ge
worden zu sein. Er sah schon miede, eine
ganze Reihe südlicher Monate vor sich uno
em verführerisches Bus von Comfort, in
welchem das Sopha seiner Frau - den Mit
telpunkt einnehmen würde.
ES sollte aber anders kommen. Nur
allzubald sollte er einseben, datz die beste
Mittel bei häufigem Gebrauche unwirksam
werden und und daß dieselben Ursachen
nicht immer dieselben Wirkungen haben.
Der GeiundbettSstand seiner Fran hatte
sich seit dem vorigen Jahre so vortrefflich
bewährt, daß sie diesmal der Gesellschaft
ihr Geheimniß sehr lange verschweigen
konnte. Mit Hilfe aller künstlichen Mittel
und heldenhafter Resignation fuhr sie fort,
während des zu Ende gehenden Winters
dem Leben und Treiben in ihren Kreisen zu
folgen und verbrachte auf den Rath eines
sehr liebenswürdigen Arzte den Sommer
ln Trouville. -Herr
oe RiaS verfiel von diesem Augen
blick an in einen der Mutblostgkeit sehr
ähnlichen moralischen Zustand. Die Fa
mtlie batte zwar durch ein Töchterchen
neuen Zuwachs bekommen. Ab selbst
dieses neue eheliche Glück war nicht im
Stande, die junge Mutter ans Haus zu
se ein. Madame de Rias widmete ibrea
Mutterpflichten nur die aller nothwendigste
Zeit und verfolgte ununterbrochen diejenige
Lebins-reise, welche ibr jetzt zur zweiten
Natur geworden war. Sie glaubte hierzu
vollständig berechtigt zu sern.
Lionel versuchte trotzdem einige Gegen
Mittel Er legte ibr gewisse kleine Be
schränken ms, und um diese ohne Wi
oerreoe enigegennevmen zu laneu, arr
klug genug, sich derÄutorttät seiner Schwie
germutter zu vergewissern. Die nächste
Gelegenheit wurde hierzu durch ine Wohl
thätlgkeitsausstellung veranlaßt, bet wel
chen die Damen stch damit unterkalten.
zumVortbeil derArmen in kleinen, eleganten
Buden Waaren zu verkaufen und durch i'zre
schönen Augen die Kunden heranzuziehen.
Madame de Rias, welche eingeladen war,
mit unter diesen schönen Verkäuferinnen
z i fizuriren, bat hierzu um die Erlaubniß
ihres satten.
Gott im Himmel ! mein liebes Kind.
sagte er. Du wirst natürlicherweise thun,
wie es Dir aesällt . . . . oder vielmehr, wie
es Detner Mama am besten erscheint.
Bitte, gnädige Frau, sagte er, indem
er tich zu Madame ib-tSerald wandte.
Sie, welche in Bezug auf die Schicklichkeit
einen so sicheren, seinsübl'gen uni , Sie er
lauben es mi?, hinzuzufügen, so vortrefffi
chen Takt besitzen, wie denken Sie dar
über?
Verehrter Freund antwortete Ma
dame Fitz-Gerald, welche sich bei ihrer
schwachen Seite angegriffen fühlte, ich
schwärme nicht gerade sür diese Art Aus
stellungen. In meiner Jugend war es
garnicht inmal Mode. .. .Ich kann al-
lerdings nicht leugnen, rß die jetzigen jun
gen Frauen darin nichts besonders Unpas
sendes finden ....
Du hörst, was Mama sagt, mein
liebes Kind, antwortete Herr de Rias ;
willst Du meine offene Meinung wissen,
so vezsichere ich Dich, daß ich vollkommen
ibre Ansicht theile und daß cs mir im höch
sten G:ade unangenehm sein , würde, den
Namen meiner Flau mit schmeichelhaften
Bemerkungen über ihre Toilette und ihre
Erscheinung in den Zeitungen gedruckt zu
l'fen vor allen Dingen möchte ich, um
es mit e,nem Worte zu fallen, daß Du
nicht zu dem sogenannten tout Paris"
gehörst, und da wir einmal gerade bei dem
Capitel der Tyrannei angelangt sind, so
möchte ich doch gern von der Liste Detner
augenblicklichen und zukünftigen Zerstreu
ungen, alle diejenigen streichen, welche eine
Dame Deiner Art unschicklicher Heffentlich
kett ezpon'ren Ich bemerke, daß Deine
Mama mir stillschweigend betstimmt, und
das ermutbigt mich.... Ich möchte also
recht gern dies auffällige Erscheinen auf der
Rennbahn gestricke.i wünschen, das gera
vezu unpassende Besuchen der kleinen Thea
tec, wo sebr frivole und dccollectirte Stücke
gegeben werden; auch widerstrebt es mir,
Dich aus Maskenbällen, sowie in Theakr
vo stellungen oder lebenden Bildern mit
wirken zu sehen; kurz, indem ich mich voll
ständig dem vortresfl'.chen Geschmack Dei
ner Mama anchilee, mochte ich alles
Dasjenige bei Dir vermieden sehen, was
Deine liebenswürdige Cousine Madame de
Chelles zu ihren Neigungen und Vergnü
gungen zählt. .. .Ich möch'e sogar, wenn
die Mama nichts dagegen hat, darum er
suchen, daß Madame de Chelles nicht mehr
zu uns kommt, sie macht sich in der Gesell
schast säst unmöglich!.... Nicht wahr,
verehrte Frau?
Mein Gott! lieber Freund, antwor
tete Madame Fitz'Gerald, Ste haben ge
wissermaßen Recht; Madame de Cbelles
ist eine junge Frau, welche viel mi. macht
....im Uebrlgen glaube ich nicht, daß
meine Tochter sebr glücklich bei dcm Um
gang mlt ihren Cousinen ist; Madame de
Lorris, welche ein vollendetes Frauchen ist,
nehme ich natürlich aus, aber wenn ich
den Vo'zug bätte, der Mann der kleinen
Herzogin zu sein, so würde ich mich, offen
gestanden, recht unbehaglich fühlen!
Aber Mama, rief Madame de Rias
aus, deren Opfersähigkeit jetzt die Grenze
erreicht hatte, ich muß recht sehr bitten, daß
Du mir wenigstens die Herzogin erlaubst 1
Ich bestreike nicht, daß sie ein wenig kokett
ist ... . aber doch nur so unbedeutend; . . , .
außerdem habe ich sie recht l,eb!
Wenn ste Dir so sehr gefällt, ver
setzte Herr de Ria, so .wollen wir Dir die
He zozin lassen.
Wohlweislich sügte er nicht hinzu, daß
die Herzogin ibm selbst recht gut gefiel.
Nachdem Lionel Un Vergnügungs-Etat
seiner Frau in dieser Weise beschränk?
hatte, fühlte er sich schließlich nicht glückli
cker als vorher. In gewisser Beziehung
war allerdings seine Gattenmürde jetzt bes
s r geschützt; aber seine persönliche Unab
hängigkeit wurde hierdurch nicht unbedeu
tend beschränkt.
Madame de Rias fand immer noch, trotz
der ibr gesetzten Schranken, einen großen
Spielraum sür ihre Vergnügungen außer
dem Hause, und da ihr Gatte ste dorthin
zu begleiten gezwungen war, verursachte
,hm dies, trotz all an den Tag gelegten
Höflichkeit, unendliche Langemeile.
(Fortsetzung fo'.gt.)
Aamttienktöen im Hrient.
Die Polygamie ist unter den Musel
männern nickt so häufig, wie man in
Europa gewöhnlich meint. Nur wenige
oer Wohlhabenden hetrathen zwei oder drei
Frauen ; der Mittelstand kann die Last der
damit verbundenen Ausgaben nicht ertra
gen ; auch scheut er den häuslichen Un
frieden, der unausbleiblich wenn die
Harem nicht separat )ind, daher lebt er
meist in Monogamie. Dem Moslem sind
gesetzlich vier Freuen erlaubt ; die erste hat
die größten Rechte. Hat jedoch nur eme
der Frauen Kinder geboren oder allein das
Glück gehabt, von einem lange ersehnten
Knaben entbunden zu werden, so pflegt sie
die Bevorzugte zu sein. Da dn Mann
seine zukünftige Frau unverschleint vor dn
Trauung nicht sehen darf, so sucht ibm
seine Mutter oder Anverwandte eine Ge
' mahlia. Sie schildert ihrem Sohne odn
Anverwandten die körperlichen Vorzüge der
'bm zugedachten Braut, kommt dann in's
Merliche HauS esMädchens..und.Iriogt
die Geldangelegenheit in Ordnung. Hier
mit find die vorläufigen Verhandlungen
geschlossen, denn dem Mädchen ist fa:
keine freie - Wahl gelassen, und nur die
Eltern, haben über daffelbe ,u verfügen.
In Folgeiefer Sitte kommtes vor, -daßl
Manner, im h?hen Aller von 7 Jahren
ein dreizehnjähriges Kind beirathen, öhnei
datz .ein - solcher- Fall irgend rn Aufsehen
erregt.. z Bemerkenswerth ist die im Orient
berrschcnd Ai ficht, daß Grelle durch Ver
heirat hang mit jungen Mädchen, verjüngt
werden. , Der Orientale .spncht nie tn
fremd Gesellschaft von seiner Frau oder
keinen Kmcern und'plmmt es nrcht gut
auf, wenn man über seine Fu oder Krn
der Erkundigung ki.iZiebt. Cs wird selbst
alS eine" Unschicklichkeit angzsehinwenn
der Arzt beim Manne nach dem Blfinden
sein kranken Frau oder Tochter sich' ei
kündigt. ' ' -
Ein Knabe bringt die Zeit bis zum
siebenten Lebensjahre, in Gesellschaft ei
Mutter und der anderen weiblichen Be
ohn des Harems zu. Nach-diesem
Jahre verläßt er den Harem, um stch von
nun an rm Mannergemache auszuhalten.
und einigen Unterricht zu empfangen, - Be
sor.d?rs werden ibm die Regeln des An
standes und Benehmens, die Lehre, iy Ge
genwart älterer Leuten sich ruhig zu verbal
ten, keine kindlichen Fragen an ste zu nch'
ten, überhaupt nickt mitzusprechen und der-
gleichen eingeprägt. Den Vater betrachtet
ver lsohn als den Gebieter, dem er Ebr
furcht schuldig ist ; er darf, auch nachdem
er schon beladrt ist, in dessen Gegenwart
ltch nicht niedersetzen, nicht raucken, , ohne
ucm con in in cic riauvni laiii etnac
kolk zu l aben. Im ! Allgemeinen spielt
bet den Orientalen das Familien-eben eine
große Rolle. Da die. Oeffentlichkeit nur
weiig Zerstreuung und Unterhaltung die
tet, so ist der Orientale meistens auf den
Kreis seiner Familie beschränkt und thut
Alles für . ste. An Verwandte schließt er
sich eng an und empfindet ihr Glück und
Unklück wie sein eigenes. : .
Zur Familie gehören auch die Die,:
der Sklaven. Der Diener bei dem Wohl
habenden steht rn einem patriarchalischen
Verhältnisse zu ,e,mm Herrn.? Er. kennt
dessen Angekgenhei n, enn dieser bespricht
Alles mit seinem ertrauten Diener und
dält es nicht für unschicklich, daß während
seiner Unleiredung mit einem Freunde der
Diener aufmerksam zuhört und sich sogar
in das Gespräch mischt. Auch ber Diener
erwartet, daß der Herr ihn über seine An
gelegenbeiten ausfrage, sich für dieselben
interesfire und ihn überhaupt familiär be
handle: wo dies nicht statifindet, f)blt er
sich fremd im Hause und bl.lbt nur ungern
in einem solchen Dienste. Diese vertrau'
liche Gemeinschaft pfl gt er selbst auf das
Gut seines Herrn auSzudebnen ui d sich
kein Gewissen daraus zu machen, manche
Kleinigkeiten aus dem Hause zu verschlcp-
pen.? Aber trotz des familiären Lebens er-
laubt sich der Diener nie eine respcktwid-
rige Aeußerung gegen seinen Herrn, auch
wenn dieser ihn mit ungerechten Vormür
sen überhäuft. Die Sklaven und Skla
innen erden in den größeren Häufern
zur Verrichtung der gewöhnlichen Hausar
beiten gehalten; sie werden mit Schonung
und Milde behandelt, gut genährt und ge
leidet, und es wird f ü: ihre Verheirathung
geiorgt.
Wer. diese Zustände an Ort und , Stelle
eine? Zeit lana vorurtbellöftei betrachtet l
bat, kann den Juden in J.rusalem ich
spreche von der Gesammtheit, ohne ein
zelne wenige Ausnahmen zu berücksichti
gen das Zeugniß n'cht versagen, daß
sowohl die Motive, die sie dahin sührten,
als auch ihr geduldiges Opferleben ach
tungsmürdig sind. Denn es ist klar, daß
Dasjenige, was Menschen verschiedener
Nationalitäten, Sprachen und Verhält
Nisse nach der heiligen Stadt führt, deren
Milch- und Hontgströmung, schon längst
versiegt ist, in der weder Gewinn noch
enuß, sondern Entbehrung und Drang
al d.n Fremdling erwarten, kein materiell
es, selbstsüchtiges Interesse, sondern nur
ein geistiges, edleres Verlangen sein kann,
das mächtiger als alle Lockungen sinnlicher
Zwecke ist, und 'daß ihr srerwillig gewähl-
tes Märtyrerthum mit dem häufigen Be
ten, Fasten und den vielfachen Enisagun
gen, nur mit einer bohen, stetigen Selbst
Verleugnung durchgeführt werden kann, die
aus einer tiefen, unerichütter'.ichen religiösen
Ueberzeugung beruht.
DaS Goldland Midian.
Der Ccr espondent d.'r .TimeS" - in
Al xandrien schreibt vom 28. April: Vor
etwa zwei Monaten erschien in den engli
schen Blättern ein geheimnisvolles Tele
gramm, dessen Inhalt ungefähr besagt,
daß Capitän Burton, ein berühmter On-,
entreisender, mit einer geheimen Mission
seitens ds Kbedive betraut, Kairo verlassen
und sich nach der Küste des Rothen Mee
reg begeben hab?,. Nun ist der Capitän
zurückgekehrt, und der Schleier welche diese
Nachricht bisher umgab kann jetzt vollstän
die gelüstet werden. An der ostlichen
Rtlt des Gcefes von Akaia zieht sich das
biblische 'Land Midian, hin; schon seit
langer Zeit wurde von demselben vermuthet
daß es von mineralischem Reichthum protze.
Der Kbedive, dessen viceköntgliche Macht
sich bis Midian er reckt, begte schon lange
den Wunsch, diese Annahme auf ibct wah
ren Grundlagen zurückzuführen und er
suchte daher den Capitän Burton, in jenes
Land eine Un'ersuchungsreise anzutreten.
Zu diesem Behufe wu.de ihm eine Fre
gratte von der äpyptischeu Regierung bei'
gestellt und ihm auch eme militärische Es
rorte. beigegeben. Ein geschickter Minen
Ingenieur, Herr George Marie, wure der
Ezoedltion zugetheilt. Dieselbe verließ
Suez am 21. März d. I und kam am
2. April in Moilah an der östlichen. Küste
des Rothen Merres, beim Golf von Äk
ba an' Die Küste wird von Innern dis
Landes von einer aus Porphyr und Gca
nit bestehenden Gebirgskette getrennt,
welche parallel mit der See läuft. Ma
fand dort unfruchtbare, felsige Shller,
welche keine Möglichkeit einer Caltvr
lassen; gleichwohl zeigen dieselben unve'
kennbare Spuren, daß sie in längstvefizs
sener Zeit von ein zc.hlreicken Bevöl'e--ung
bewohnt worden sein mochten. Große
Städte, nicht aus Lehm aufgebaut, w'.e
dies bei arabischen Städten so bäusiz voc
kommt, sondern mit solidem Mauerwerk,
wie dies bet Römerbauten stetZ vorkommt.
Fünf Meilen lange Aquadvcte, Uberr ste
gewaltiger Festungen, künstliche S:en
alle diese Zeichen eineS einstigen Wobl'
standes conüatirt Capitän Burton
in seinem Berichte Der Grund
hiecher bestcbt nach scwn An
nähme darin, roß die Berge große min-ra-lische
Schätze beherbergen. D'.e Exvedi
tion fand Gold und Silber; ersteres
scheint in genügender Menge vorhanden zu
sein, um die Gewinnungsarbeiten reichlich
zu lohnen. Quarz und Cblorit kommen
neben dem Golde genau so vor, wie dirs in
den Golddistr cten Südamerikas der Fall
ist. Die . Erpedition prüfte sowohl das
Gestein durch Schlüifen, als auch den
Sand der Flüsse durch Auswaschen, in bei
den Fällen m'.t gutem Erfolge. Auch
Zinn und Antimon wurden gefunden, eben
so sind auch önzeicken bemerkt worden,
welche auf das Vorhandensein on Türkis
minen schließen lassen. Jede d zerstör
t?n Städte batte ihr Minenweik ; Dämme
für das Auswaschen on Flußsand und an
gebobrte Felsen wurden häufig bemerkt.
Neben, einstigen Hochösen fand man noch
Schlacken umherliegen. Von Makna (aus
den Landkarten Mugna), der Hauptstaet
deS Landes Midian. auswärts -zu dem
Golfe von Akaba, wird die Gegend von
CavitSn Burton rlS goldhaltig bezeichnet ;
n glaubt auch, das der südliche DiZrict
denselben Charakter besitze ; ja, er geht
selbst,so.weit,u.erstch?rndaß er ein an
tikes C a lrfor n ie zum Leben wie
dernweckHabe, und behauptet, sür seine
A sichten "von: dem Relcktdume tenis i'.m.
des den Beweis antreten zu können. "Ds
Land Midtan ist bisher vollkommen unbe
kannt Keictmodern Reisender tat eS
jemals betreter'.,. Man wird sich erinnern,
da Moses vord rem Angestchte Pdarao's
floh -und im Lande Mld,an . wohnte; Je
thio, der Priester von Midtan, gab iöm
seine Tochter Zipvorah zur Frau .7? Der
Kbedive ist natürlich an dem Ergebnisse d
EzpedMon lebhaft interessin und beabstch.
tigt, demselben eme praktische Fortsetzung
angedeiben . zu. .lassen. UD Erfolg der
neue Minen wird von der Meinung der
e ropälschen' Captialist.n abhängen und
dävon,'a dieselben sinden7 'daß 'diese Be'
richte per CzvesUwn, von welchen noch
r ädere Details versprochen werde ein
neues ' FkldZurCapitalsavlage bieten.
De Ki ed.ve selbst w.ll sich mit dem Regal
beschelde'n i."-V"
Die. Frauenfrage in der anUke
Welt.-
? :Der große Philosoph Plai hatte d'e
Krau dem Manne ebenbürtig zu' machen
bezweckt, indem n jeden spezifischen Unter
schied, beider, Geschlechter bestritt und nur
eiren graduelle', übrig ließ;-' hielt die
Flau in allen Stücken zu demselben ge
schick' wie den Mann, auch zur Staats!
Verwaltung und zum Heerdienst. Sein .
großer Rivale Aristoteles dagegen stellt als
echter Hellene das Werd weit tiefn unter
dem Mann, aber erweist ihm dafür im:
Hause seine eigene Sphäre der Thätigkeit
an, die verschieden 03; der bis Mannes -ist
und in die der uann nicht eingreifen
darf.' Plato hält es für den idealsten Zu,
stand, - toenn' unter den eigentlichen Voll.'
bürgern die oollständMe Frauen. Kinde,
und Wütergernkinschait bcsteheund wenn
so Alle in. der höchsten Emtracht als die
Genossen ein 'und derselden Familie sich '
füzlen. Aristoteles denkt dagegen bock
von der Eh.', die er nicht ohne Liebe will:
er bekämpft die. Vorschläge Plato's mit
Gründen, d e äuS der tiefst n Kenitnik der
Menfchennatur,, flössen, noch heute gegen
alle "Socialismus ! uny j Kommunismus,
vollgtltig sind ' ' '
Ihm gebt aus Plato' Vorfchläaen statt
der beabsichtigten höchsten Emtrackt viel
mehr die höchste Zwietracht hervor, und die
Vrwandtenliebe muß nach ihm da aushö
'en,' wo sie sich unter Tausende theilen soll,
llich wie ein einziger Tropfen von Süßig
seit seiner ?roßeu Wassermenge.. u nmerk
lich zerstießt. Dann wären die schönsten
Freuden und edelsten Tugenden, die dcö
Woblthuns und der ehelichen Treue, ver
daont aus drmIZeben der Menschen, auch
lebre die' Erfahrung, daß für den etaenen
B :sitz und für das, was Einem eigenthüm
t:ch obl'.ege, ein jder mit größerem Elf
zu arbeiten pflege, in der Srge für das
Gemeinwesen ziur'zu leicht der Eine sich
immer auf den Auderen zivnlassen ae
neigt fi iv', und daß über das, was man'.
gemeinsam. benuden um acbrauckea solle
die meisten Streitigkeiten unter den Men
s.- en stch erheben. , ,
fr?-
. V
Mittsommernh.
Durch's Gewölk die Sterne lauschen
Und der Lilie Duft erwacht;
Willst du mich, wie sonst belauschen"
'unkelschwule Sommernacht ?
- Deiner Elfen Schwärme kreisen
i , Lockend wieder .mich be?,
Doch auf ihr Zauberweisen
Find ich nicht die An'wort mehr.
Ach, eS wird von keinem Sehnen
Zärtlich mehr die Herz bethörr,
Und zugleich mit seinen Thrämn
Hat sein Hoffen ausgehört. , .
Nur was einli so schön mir beuchte
Und so schmerzlich als Verlust,
Zieht wie fernes Blltzgeleute
Mir erinnerd durch die Brust.
E. Geibel.
?er Einsiedler von Lauendur.
Was gilt mir der Parteien Kampf,
Ihr Hassen und ihr Lieben !
Im Osten wirbelt Pulverdampf. . . .
Ich bäue Kohl und Rüben.
Ein Thor, wer stets an Andre denkt
Und Andern stets ,st fröhnig ....
Der Wald brand hat mich jüngst ge-
kränkt.
Der Welt brand schiert mich wenig !
'Der geschickte Doktor.
Doktor::' Sie daben, nicht glauben wol'!
len, Herr Rittmeister, das ich die Kugel dem
Guul herauszöge da ist siel "
tmelstei: Der Teufel! Und'
Roß? "
Doktor: 's Roß daS liegt da, da ist
zufälligerweise dabei krepirt. Aber ' Recht
habe rch doch gehabt, daß ich die Kugel
herausbrächte. ;u h,. '
Menschliche lend.
Man sagt, eS sei das Urbild mensch
lich? Elrnds, wenn eine atte Jungfer
ik e Hühneraugen mit einem stumpfen
R'sirmcsser schneidet. Vielleicht mag diese
Behauptung wahr sein, aber ein anderes
Bild ist wohl fast eben,o ergreifen?, wenn
man nämlich einen Mann sieht, der in der
ölctienliste liest, daß Opdir auf $7.50
st dt. und er mit einem unbeschreiblichen
Gestchtsausbrucke sich an den Tag in
ner', an welchem n seine Ophii'Äctien für
$35'j kaufte. ?
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