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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, December 07, 1883, Image 3

Image and text provided by State Historical Society of Missouri; Columbia, MO

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' ... ' ' ' 'Jt' 'H'Wr "!' ""W-- ,,,,, i - .!-"- - ; -TVs.
NiSlättdische Nachrichten.
'. Vrovi, z?randendrg.
Berlin. .Ganz Berlin" trauert
Lber den Tod des verzogenen Lieblings
der Berliner, der Soubrette des Wall
er Theaters Frl. Ernestine Wegner, die
nach schmerzlicher, langwieriger Krank
heil im Alter von 31 Jahren in Wies
jaden gestorben ist. Ihrem Leichenzuge
olgten, trotzdem der Regen in Strömen
xtl, roohl über 20,000 Menschen ; Erne
tine Wegner konnte, wenn irgend wer,
mit Recht von sich sagen, daß sie keinen
Feind und keine Neider besaß. Auf der
Bühne lustig, drollig und übermüthig
bis zu den Grenzen des Erlaubten, war
sie im bürgerlichen Leben von der größten
Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit und
dabei auch außerordentlich wohlthätig.
Sämmtliche Berliner Blätter wetteiferten
im Lob und in der Anerkennung derVer
storbenen, deren Wunsch eS gewesen war,
auch einmal in den V. Staaten die
weltbedeutenden Bretter zu betreten
Bärmalde. Ein Doppelmord an
den leiblichen öltern und ein Selbstmord
sind hier durch einen Zufall verhindert
worden. Der Schlossergeselle Schmidt
gerieth in stark angetrunkenem Zustande
mit seinen Eltern in Wortwechsel und in
derartige vuiy, oaj er einen rtv,igc:
fertigten Revolver zog und Mit demselben
erst auf feine Mutter, dann auf seinen
Vater und endlich auf sich selbst einen
Schuß abgab. Nur dem Umstand, daß
die Schußwaffe sehr mangelhaft kon
ftruirt war, ist es zu danken, daß die -i
Personen nur leicht verletzt murren.
ilrouini vommern.
Stettin. Den Gefangenen-Auf-seher
der hiesigen Kustodie, Will). Balz,
welcher den wegen nächtlichen Lärmens
eingebrachten Kelln Urbigkcil aus Ber
lin in ganz brutaler Weise mißhandelt
hatte, verurthkilte die Stlasfaininer
deswegen zu Monaten (cfänguiß.
Stargard. In der .Na ferne des
hiesigen Fusilieibataillons ist jetzt auch ein
Unteroffizier-Kasino eingerichtet worden.
Durch Beschaffung einer Bibliothek, Auf
stellung eines Billard ;c. hat mau für die
Unterhaltung der Herren Unteroffiziere
gesorgt. Wahrscheinlich soll solche
.Hebung des Unterofsizierstandes" als
Präferoatioinittcl gegen die fehl so häufig
vorkommenden rohen Mißhandlungen der
Soldaten seitens der Unteroffiziere ivir
ken. Provinz (Ostpreußen.
Tilsit. Auf dem Felde des Besitzers
Dumath in Kullmeii - Szaidcn ist der
Knecht Wilhelm Kroll scdlagen worden.
Die als der That verdächtigen Knechte
Julius Gedrat und leoig Oguissus wur
den inhaftirt und hnbrn den Todlfchlaz
eingestanden.
Brandfälle. In Ragnit brannte da$
Gehöft der Geschwister Sperling nieder,
wobei der Bruder der Besitcrinneii.
Rentier Frip Cp. aus Tilsit s.iucn Tod
fand, in .Nellnischken bei loldnp gingen
die Gebäude des KleinwirthÄ Pauluhu
sowie das Wohnhaus der Kälhncrwitliue
Paprotka und in Barkehmeu das Gehöft
des KleinwirthS Ogrßei in flammen auf.
In Osterode wurde die A. Schmidt'sche
Wagenfabrik und in Dlagossen bei
bit Besitzung des Wirths Brozio mit
allem Einschnitt und Mobiliar einge
äschert. Vrovin, WestprenlZen.
D an zig. Der bereits wegen Ur
kundenfalschung bestrafte Buchhalter
Aj'ert Eohs, welcher innerhalb zwei
Jahren bei seinem Prinzipal, dem Hon
sul Rothwager, gegen ".0 Wechsel im
Betrage von 12,000 M. gefälscht und
das auf dieselben erhobene Geld unter
schlagen hat, wurde hierfür mit drei Iah
teil Zuchthaus bestraft.
M a r i c u b u r g. Seit einigen Tagen
macht das Berschmindcn und die mit
demselben verbundene kolossale Pleite des
jüdischen Kaufmanns I. M. Behrendt,
im Bolksnlund Lord Behrendt" ge
nannt, in unserm Städtchen gewaltiges
Aufsehen. Die Passiva betragen über
00,000 M. Namentlich viele ländliche
Besitzer, die zum Theil in allzu großer
Bertrauensseligkcit dem B. Blankoac
cepte gegeben hatten, erleiden empfind
liche Verluste. Ein Besitzer aus dem
(Großen Werder ist allein mit o,000
M., ein Best her ans Allfelve mit '",
000 M. betheiligt. Viele hiesige Ge
schäftslcute erleiden Einbußen von l"oo
bis 50,000 M. Ein größeres Danziger
Havdlungöhaus, desseu Grschäflgenosse
B. war, hat einen Verlust vom -jk)0W
M. Ueber den Aufenthalt Behrendt's
ist noch nichts bekannt geworden ; wahr
scheinlich hat er sich über London nach
Australien gewandt.
Zlrovinz Posen.
A r 0 m b e r g. Vor Kurzem ver
schwand hier der Floß Kleist uns Kalt
wasser und mau vermuthete, daß er in
die Brahe gefallen und ertrunken sei.
Jetzt hat aber ein anderer Flößer Na
meng Hager eingestanden, daß er den K.
nach einem Streit in den Fluß geworfen
habe.
Fi lehne. Im hohen Alter von 102
Jakren ist hier der Uhrmacher Kallmann
gestorben.
S ch u l i tz. Der Holzhändler Krüger,
welcher vor Kurzem mit einer größeren
Summe Geldes angeblich 45,00 M.
von hier verschwunden war, ist in
Couthampton in England festgenommen
worden. Ein Betrag von 20,000 M.
wurde noch bei ihm vorgefunden.
Vrovl Schlesien.
B r e s l a u. Im fernen. Wolfswinkel
wurde die Leiche ci ieS unbekanntencan
neS aufgefunden, welche, ein 20 Pfund
schwerer Stein an den Hals gebunden
war. Mehrere !age vorher wurden da
selbst drei Männer gesehen, welche einen
vierten stark betrunkenen Mann mit sich
fortschleppten und den Qhlcdamm betra
tcn. Später leinten nur drei zurück. In
dem aufgefundenen Leichnam ist der da
mals betrunken gewesene Mann wieder
kannt morden. Derselbe ist augenscheinlich
usgeraubt iind danu in hilflosem Zustand
in'8 Wasier geworfen worden. Einer
derjenigen Manner, welche den Bctrunke
nen damals transoortirten, war der For
7ner Oskar Beck von hier.
Glatz. Das diesige Schwurgericht
urtheilte die 24 Jahre alte Dicnstmagd
Anna Nentzler ans Alt-Rcißbach wegen
Mordes zu Tode, weil dieselbe ihrem ö
Monat alten Sohn einen starken Papier
Pfropfen fo tief und fest in den Hals ge
trieben hatte, daß das Kind unter ihren
Handen erstickt war.
Provinz Sachsen.
Ermersleben. Die Trichinose,
welche hier und in den uniliegenden Ort
fchaften herrscht, hat bereits das Jntcsfe
auswärtiger Regierungen nngerregt. Die
französische Negierung hat den Professor
Brouardcl nach hier gesandt, um diese
Krankheit genau zu studiren. Ferner war
bereits im Auftrage feiner Negierung der
amerikanifche Konsul in Ermersleben an
wesend, um sich über die Krankheit und
ihren Verlauf zn unterrichten. 'Neuer
dingS ist auch der Fleischermeister Beh
rens, von welchem die hiesigen Einwoh
n das irichinknhaltige Fleisch gekauft
haben, fowie der Fleischbeschau Boll
wann von hier ist verhaftet morden.
?!ordhausen. BeiUftrungen ist die
Vchattenberg'schk Pulvermühle zum vier
ten Mal innerhalb 30 Jahren in die Luft
geflogen. Menschenleben sind dabei nicht
zu V runde gegangen.
JZtttfalttu '.; .,,
Minden. Schon seit geraumer Zeit
herrschen unter der hiesigen Bevölkerung
Scharlach und Diphtheritis in . heftiger
Weise ; in vielen Familien liegen mehrere
Kinder an diesen gefährlichen Krankt)?
ten darnieder. Auch mehrere Tcdesfälle
sind . sckorr vorgekommen. ovgi.eicy im
Ganzen der Vlauf der epidemisch auf
tretenden Krankheiten verhältnißmLßig
ein guter ist.
Bochum. Von der Bedeutung des
Bochumer Vereins, der neben dem
Bergbau der wichtigste Lebensfaktor un
serer Stadt geworden, gibt der lehtjährige
Geschäftsbericht Zeugniß. Danach be
trug die Einnahme des Werkes 26,664,-
000 M., der Brutto-Ueberfchuß 2,572,
84 M. .Das Werk beschäftigt über
4000 Arbeiter und Beamte und Bestel
lungen sind so viel eingegangen, daß das
selbe seinen sämmtlichen Arbeitern wäh
rend des Winters Beschäftigung gewäh
ren kann.
Zlheinprovinz.
Köln. Aus unserer Provinz sind
während des Monats September 714
Personen nach Amerika ausgewandert. .
Essen. Durch plötzliches Zubruche
gehen eines abgebauten, weitoffenstehen
den Grubenrandes entstand auf der Zeche
Meinertshaaen bei Roqgendorf ein der
artiger Luftdruck, daß mehrere Bergleute
gegen 100 Fuß weit von ihrem Arbeits
platz weggeschleudert wurden. Einige
Bergleute wurden getödtet, andere schwer
verletzt.
, N e u ß. Die Ehefrau des Tagelöh
ncrs Jakob Krüll zu Butzheimerbusch ist
in ihrem Hause, und zwar in der Haus
lhür stehend, erschossen worden. Als der
That verdächtig sind der Ackerer Hubert
Gieseu zu Butzheimerbusch und dessen
I. jähriger Sohn Peter verhaftet wor
den. SohenzoUer.
R u l f i n g e n. Während der letzten
Herbstmanövcr hat der Major der 3.
Eskadron des kurmärkischen Dragoner-
Regts. Nr. 14, Graf v. Lüttichau, hier
tu . f L. r L r .
Mann öffentlich derart mißhandelt, daß
eine direkte Meldung dieser ungebuhr?
lichen Handlung an den deutschen Kaiser
nach Berlin abging. Der Major wurde
sofort außer Kommando gesetzt, in seine
Garnison zurückberufen und dort proto
kollarisch vernommen. Sodann wurden
6 Bürger von hier kürzlich amtsgerichtlich
in Sigmaringen verhört; ihre Angaben
mußten sie beschwören. Der sauber;
Graf ist wegen So'dateninißhandlungen
schon früher gemaßregelt worden.
Schleswia-ÄolKein.
F l c n d u r g. Nach den näheren
Mitteilungen über die aus Trettin be
reitS kurz berichtete Erplosion an Bord
deS z. Z. im Steltiner Hafen liegenden
hiesigen Dampfers Sekunda" war die
Wirkung der Erplosion eine verheerende.
cr Heizer chirrinacher wurde sofort
getodtet; MaichlnenmelsterJeisen wurde
zwar noch lebend angetroffen, starb jedoch
auch schon nach drei Stunden. Der zur
S teuerwacke auf dem Oberdeck anwesende
' . i" " ' . ...;- Cslfstl uns II
VlliiU''IU4Ui V.'UUIIQ tlUiVl fcll(fUlUl
schleudert und etwa 2 Schritte entfernt
auf das Bollwerk geworfen, wo man ihn
todt vorfand. Der Kapitc?n Jefsen war
einem gleichen Schicksal nur dadurch cnt
gangen, daß er fein Nachtlager im Kar-
tenhause dem Zollbeamten abgetreten
hatte und icidsi in der Kazutc schlief.
Ueber die Ursache der Erplosion ist noch
nichts ermittelt worden. In Norder-
St. Jürgen feierte die Wittwe Christine
Waaac in diesen Tagen ihren 100. Ge-
burtstag.
Kiel. In seiner Wohnung schoß sich
der Jahre alte Kapitän-Lieutenant
Mullenyof, ohn des bekannten Ger
manistcn Professors M. in Berlin, in
(Gegenwart seines Burschen eine Kugel
durch den Kopf und war sofort todr.
Ueber das Motiv der That knrfiren ver
fchiedcnc Gerüchte.
Hannover.
H a n n 0 v e r. Wegen Urkundenfäl
fchung und Betrugs vcrurtheilte das hie
sige Schwurgericht den Agent August
Beschke von hier zu vier Jahren Zuchr
haus. H i l d e s h e i m. Kürzlich starb hier
unter verdächtigen Umständen der Schuh
machermcister Aug. Wcntzel, nachdem er
sich Tago zuvor verlobt hatte. Auf ei
nein in der Wohnung vorgefundenen
Zettel hat derselbe die Befürchtung einer
Vergiftung ausgesprochen, die stattge
hatten Untersuchungen haben jedoch crg:
ben, daß W. sich selbst das Leben gcnom
men hat.
Nienburg. Aus dem Walle in d
Nähe der Wohnung des Krcishaupt
manns Meister wurde der Barbicrlehr
ling Steinhof von einem unbekannten
Manne überfallen, seiner Baarschaft be
raubt und sodann über die sog. Hosf
iiung" in die Weser geworfen. Von
einem auf seinen Hilferuf herbeigeeilteu
Schiffer wurde St. aus dein Strom ge
rettet. ÄrNrn-NaNau.
Frankfurt a. M. Der in der
Eulengasse (Bornheim) wohnende 70
jährige Schuhmachernleister , Zinndorf
wurde dieser Tage von der 22 Jahre
alten Prostituirten Emilic Fück überfal
len und durch zahlreiche Hiebe mit einem
Beil Icbeusgcfährlich verwundet. Die
Thäterin wurde festgenommen.
Brandfälle. Durch größeres Schaden
feuer wurden in Langenschwarz, Kreis
Hünfeld, elf Gebäude zerstört, in Eastel
die am Weisbaden Thor gelegenen
sxischer'sche Gcbäulichkeitcn und in
Geifenheim, in der sog. alten Brain",
das Gehöft des Winzcis Bernhard
Mcurer. Ferner wurden in Erdmann
rode das Gebäude des Bauers Schott,
im Welchen" bei Eambcrg die Wenz'fche
Hosraite, in Eschborn das P. Fischbach'
fche Gehöft in der Neugasse und in
Biebrich das neben der Eisengießerei von
?eck u. Eomp. gelegene Weibezohl'sche
Besitzthum ein Raub der Flammen.
Jönigrelch Kachle.
Dresden. In den Dresdener
Lokalblättern wird an eine eigenthümliche
Stiftung erinnert, die der Oberbürger
meist Dr. Stübel zu vermalten hat.
Dieselbe gewahrt solchen weiblichen Per
soncn, die ein außereheliches Wochen-
bett" abhalten, einen klclnenZuschuß
Wahrend der letzten Jahre
schiedenbeit des Wcinertraqs aus den
fiskalischen Weinbergen in Pillnitz, Hof
lößnitz und Eossebaude ganz erstaunlich
-gewesen. Heuer wurden m oensetven ,ö
ga Zielt, 1882 blos 50, 1881 45,
1878.210, 1875 sogar 280, 1874 190
und 1880 kaum 7 Faß.
Annaberg. Die hiesige Stadt
Verwaltung will demnächst eine Anleihe
von 700,000 M. aufnehmen, um die ge
plante Erweiterung der Wasserleitung,
die Errichtung einer städtischen Gas
Anstalt, chulbauten :e. ausführen zu
können.
B a u tz e n. Die im katholischen Tbeile
der St. Pctrikirche befindliche Gruft hat
man gewaltsam geöffnet und in derselben
eine Verwüstung sonder Gleichen gefun
en. Die Särge waren erbrochen, durch
wühlt und vieles Werthoo?e, besonders
Ringe, entwendet. Trotzdem die Leichen
schändung schon vor 3 Monaten verübt
worden zu sein scheint, ist die Polizei
den Thätern bereits auf die Spur gekom
men. Die hiesige Strafkammer urtheilte
den Brandvnsicherungs-Jnspektor Jean
Paul Jakob, der im Waldschlößcheu zu
Eichgraben bei Zittau durch fahrlässige
Hantirung des Gewehrs des Grenzauf
fehers Richter aus Harthau die geschie
dene Frau deS Baumeisters Gottschalk
erschossen hatte, zu I Jahr Gefängniß.
D e u b e n. Dahier ist eine Typhus
Epidemie ausgebrochen. Das Entstehen
derselben wird auf den Genus fauligen
Brunnenwassers zurückgeführt.
THÄrwgische Staaten.
Apolda. Der 60jährige frühere
Oekonom Adam Hironvnrus gen. Pulver
aus Schöten, welch hier zu Pfingsten
den Renti Geuer ermordete und be
raubte, hat nun dieses Vbrechen durch
den Tod durch Henkshand gebüßt. Die
Hinrichtung des Verbrechers wurde am 2.
November früh im Hofe des Kriminalge
fängnisses zu Weimar vollzogen.
E a m b u r g. In Münchengoßerstadt
fand der Fleischer Müller beim Graben
in seinem Garten ca. 100 Silbermünzen,
die die Jahreszahl 1662 tragen. ' Diesel
ben sind demnach wahrscheinlich im 30
jährigen Kriege vergraben worden.
Freie Städte.
Hamburg. Wieder ist ein hiesiger
Rechtsanwalt wegen Betrugs und Unter-
schlaquna verurthellt worden, d Ver
urtheilte ist der Dr. jur. Wieland und
der Nichterspruch lautet auf einjährige
Gefängnißstrafe und zweijährigen Ehr-
vertust. Der Antrag des Staatsanmalts
auf sofortige Verhafrung des Dr. Wie
land wurde vom Gerichte abgelehnt.
Lübeck. Die Bürgerfchaft übermies
jüngst einen Teuatsantrag an eine Kom
Mission, welcher eine Reform unserer
Personalbesteuerung herbeiführen will.
Es sollen Einkommen von 400 600 M.,
die bis jetzt 3,00 M. pro Jahr bezahlten,
ganz von der Bezahlung einer Steuer
enthoben werden. Die Zahl dieser Leute
beträgt 814.? oder 40 pEt. aller Steuer
Pflichtigen. Ferner fallen Steuerennäßi
gungen für die Skeuerstufen von 601
1300 M. stattfinden. Hierbei kommen
61)74 Personen oder 36 pEt. der Steuer
pflichtigen in Betracht. Endlich sollen
Familienvätern, welche 4 oder S Kinder
oeiitzen, rmalgungen zu jö resp. -15
des Steuerbetrages gewährt werden und
? y, (Y f.
zwar bei Einkommen von 2. ,00 -jJt. ab
wärts.
Oldenburg.
Oldenburg. Es heißt, daß die
in der hiesigen Fürstengrust beigesetzten
Leichen des Königs Gustav Adolph IV.,
des Prinzen Was, sowie dessen Sohnes
nach Stockholm überführt werden sollen.
Ten Verfasser des Ochsenliedes",
Arnold Schroeder, hat das hiesige Gar-nisons-Konlmando
durch einen Patrouil
lenposten bewachen lassen, um festzustel
len, ob in seinem Hause Militärpersonen
verkehren. Die hohen Militärs verschrieen
ihn nämlich als einen Sozialdemokra
ten". Schroeder ist der Sohn des ver
storbenen plattdeutschen Dichters Wilh.
Schroeder, dessen treffliches Volksstück:
Studenten und Lützowcr" von patrio
tischen, Geiste getragen wird. Nun ist
aber Arnold Schroeder nicht minder pa
triotisch gesinnt, als sein Vater. Be
weis: ein von ihm vor Jahressrist ge
dichtetes Drama: Des Königs Grena
diere", dessen Tcrt an national-preußischer
Gesinnung nichts zn wünschen übrig
läßt.
B a r s s e I. Der Pfarrer Oldenburg
feierte fein 50jährigcs Priesterjubiläum.
Der G.roßherzog verlieh dem Jubilar den
Titel Kirchenraty".
ZNecklenburg.
Gu ström. Einer der Diebe, welche
den Einbruch in die Kasse des hiesigen
Hauptstcueramts verübt haben, ist in
Leipzig gefaßt worden. Derselbe ist ein
Handarbeiter Namen Borowsky, und in
seinem Besitz ward eine Summe von
3000 M. gefunden. Der zweite der
Diebe, ein Klempner Philipp, ist stüch
tig. H e u b u ck 0 w. Die Holmaler Earls
burg'fchen Eheleute feierten die diaman
tcnc Hochzeit. Der Großherzog schickte
ihnen zu dem Feste das Bildniß seiner
verstorbenen Vatersund ein Geldgeschenk
nnd der Magistrat ehrte sie durch Be
freiunz von allen Abgaben. Das Paar
ist sehr jung, mit 20 bezw. 15 Jahren, in
den Ehestand getreten.
Sraunfchweig. Lippe.
Braunschweiq. Der Brannt-
weinbrennereibesitz Müller dahier läßt
gegenwärtig ein Niescnfaß bauen, wie
ein solches in Norddcutschland kaum grö
ßcr anzutreffen sein durste: es wird nicht
weniger als 35,000 Liter halten. Um in
das Innere desselben schein zu können,
mit eine 15skuslge Leiter erklettert wer
den, und 25 große Schritt sind nöthig,
um das Faß nach seinem Umfang zu mef-
sen.
B ü ck e b u r g. Großes Aufsehen er
regt hier das Verschwinden des Kanzlei
raths v. Strauß und Tornei. Ob dem
selben ein Unglück zugestoßeu, oder ob
derselbe sich freiwillig entfernt hat, dar-
über herrscheu verschiedene Meinungen.
roßlierzogthum Liessen.
K l e i n - A u h e i m. Der Bürger
Andreas Ncising hat seine Frau, mit wcl-
ch er im Unfrieden lebte, derartig miß-
handelt, daß der Tod der Verletzten ein
trat. Ncising ist verhaftet.
Mainz. Der Rittmeister Ad. Lohde,
der Platzmajor der Festung, verschied aus
dem Ludwigsbahnhofe in Folge eines
Schlaganfalls. Ferner ist der letzte der j
hiesigen Veteranen der Napoleonlichen
Armee, Hr. Belz I., im Alter von 93
Jahren gestorben.
Sayern
M ü n ch e n. Der Sattler Weritz-
hos wurde am 1. Juni d. I. wegen
Verwahrlosung seiner drei Kinder zu ei
ncr achttägigen Haststrafe verurtheilt,
was ihn jedoch nicht abhielt, nach wie
vor feine Pflichten als Gatte und Vater
in der gewissenlosesten Weise zu ver
nachlässigen, weßhalb er neuerdings vor
Gericht gestellt wurde. Durch Zeugen
wurde konstatirt, daß Weritzhofcr zumeist
getrennt von setner ,rau lebt und mit
anderen Franenspersonen intimen Ver-
kehr pflegt; kehrt er hie und da zu semer
Frau zurück, fo mißhandelt er sie auf
das roheste. Er nahm sogar die letzte
Wäsche seiner Kinder weg und versetzte
sie; als er emes ages nr Mathaser
Bräuhaus zechend saß und seine Kinder
dort bettelten, führte er sie zur nächsten
Gendarmcriestation und denunzirte feine
.. ? n A v.: 6:v.. ,r v. (n.i.r
0"!UD' l ymu, vt llc vic oiiuuti uu ucii -je 11 11
ist die ÖlXJschick e. Trotz seines frechen Leugnens
wurde der Schuft zu drei Wochen Haft
verurthcilt.
A m b e r g. Das hiesige Schwur
gcricht hat den 41jährigen Gürtler
Michael Neitner von Kemnathen, der
seine im Wochenbett liegende 35jährige
Frau mit Arsenik vergiftete und sich in
unsittlicher Weise an feiner eigenen 19
jährigen Tochter verging, wegen Mordes
und Verbrechens wider die Sitttlichkett
zum Tode und 3 Jahren Zuchthaus rcr
urtheilt. D i l l i n g e n. In dem Gasthof
zum Bären" wurde der Braugehilfe
Georg Link von Unterbringen von fünf
Soldaten des 2. Eheoaulegers-Regi-ments
in grauenhaft Weise mißhandelt,
so daß er kurz darauf starb. Die Sol
datcn sind in Haft.
Zwiesel. Hier ist man mit der
Anlage einer Wasserleitung in größerem
Maßstabe beschäftigt. Das Wasser soll
aus den sogenannten Lindbergwiesen ge
faßt nnd in ein Hochservoir geleitet wer
den. An der Ilnelnpfal,.
Zmeidrücken. Die Leiche des kürz
lich hier plötzlich gestorbenen Bierbrauers
Dr. Busch wurde auf Antrag d betref
senden Venicherunasaesellschaft, bei wel
cber der Verstorbene mit 50.000 M. fein
Leben versichert hatte, ausgegraben, zur
genauen Untersuchung v mgewerde
und des Magens. .
Neustadt. Aus Kummer über seine
zerrütteten Gesundhnts- und Vermögens
vnhältnisse hat sich der Weingutsbesitzer
Sebastian Bockler tn seinem Hause
(Karlsberg) erschossen.
Rockenhausen. Der Adjunkt Karl
Schäfer von Gerbach, ein Ojähriger
Mann, siel vom Heuboden so unglücklich
auf die scheutenne. da er nach IS
Minuten seinen Geist aufgab.
M2rttebg.
Stuttgart. Zur Affaire Bommas
erfährt man, daß sich die von ihm unt
schlagen Gelder auf mehr als 102,000
M. belaufen sollen. Berichtigend wird
in auswärtigen Blättern angegeben, daß
die Entlassung und Bestrafung des Nltt-
melsters D. vom hiesigen Ulanen-Megi
ment lediglich wegen vorschristswidriger
Behandlung von untoebenen und un-
terlassuna von Strafeinträgen erfolgte.
dagegen mit einer Veruntreuung privaten
oder staatlichen Eigenthums nichts ge-
mein hatte. In der Dietz schen Buch
druck wurden Eremplare des Frohme-
schen Buches: .Die Entwickelung der
Ekgenthumsverhaltnlsse" konfiszlrt und
der Redakteur des .Schwäb. Wochen
blattes", Baßl, sowie ein Setz Na
mens Rindt verhastet.
G m ü n d. Der Fabrikant und Tech
niker Bernhard Schneck wurde in dem
neuerbauten Wehr an der Unterbettrin
ger Straße todt aufgefunden. Es liegt
Selbstmord vor, verursacht durch ge?
schäftlichen Ruin, wodurch auch Schneck's
früherer Eompagnon, Kaufmann Hug
ger, im letzten Sommer in den Tod ge
trieben worden war. Beide waren ehe
mals Bedienstete der Firma Erhardt
und Söhne" gewefen. Schneck hinter
läßt eine Frau mit acht unversorgten
Kindern.
Gräfenhausen. In der Nacht
zum 7. November hat hier ein großer
Brand, der im Gasthaus zum Ochsen"
ausgekommen, IS Wohngebäude, IS
Scheuern und ebensoviel Schöpfe total
in Asche gelegt. 36 Familien sind be
troffen. Zu den niedergebrannten Ge
bänden gehört auch die Wirthschaft'zum
Bären" und der ganze rückwärts von da
östlich gegen Oberhausen zu liegende
Theil des Dorfes. Nach dem .Bad.
Landesboten" sollen gar 40 Haupt- und
mehr als 20 Nebengebaude abgebrannt
sein.
Laden.
Mannheim. In der Schwetzinger
Vorstadt ger'ethen der lqahnge toohn
des Kutschers Trill und der 19jährige
ohn des Küblers Engel m streit; der
junge Trill schlug Engel mit einem Prü
gel derart über den Kopf, daß E. in der
folgenden Nacht starb.
Offenburg. Am 29. September
erfolgte die Verurtheilung des wegen
Raubmords angeklagten Karl Rutsch-
mann nun ode. öeit die er neu in
noch keine Entscheidung darüber einge-
troffen, ob das Todesurtheil vollstreckt
werden soll.
P s 0 r z h e i m. Eine hiesige Gesell
schaft machte am Kirchweihsonntag einen
Ausflug nach dem württembergifchen
Dorf Wiernsheim. Auf der Rückfahrt
wurde in dem französischen Dorf Pinache
ein Steinbombardement auf sie eröffnet
und wurde dem hiestgen Fabrikanten
Albert Knoll durch einen faustgroßen
Stein die Hirnschale zertrümmert, so daß
er einige Tage spater gestorben ist.
Pinache gehört zu jener Reihe von Dör
fern wie Perouse, Serrcs, Corres und
Villars in den Oberämtern Leonberg und
Maulbronn, welche vor etwa 200 Iah
ren durch französische Emigranten ge
gründet wurden.
Stockach. Der. Landwirth Ferd.
Matt von Ofterdingen ist wegen Be-
truasversuchs und Fälschung ( hatte bei
der Vorschunkasse ,n Bnkendors4000 m.
aufnehmen wollen und zu diesem Zweck
Burgschastsscheme und Vermogenszeug
niß gefälscht) in Untersuchungshaft ge
nommen worden.
Werth cim. Um die Stadt gegen
gewöhnliche Hochmass zu sichern, wur
den umfassende Arbeiten zur Höherlegung
der Straßen, fowie der Main- und
Tauberufcr unternommen und sind diese
Arbeiten jetzt in vollem Fortschritt, wenn
auch deren Vollendung st Ende nächsten
Jahres zu gewärtigen ist. An den sehr
bedeutenden Kosten hat die Stadt ver
tragsmäßig einen Theil zu tragen.
Elsaß-Lothringen.
E 0 l m a r. Auf Anregung des Hrn.
Schlumberger hat sich hier eine Aktien
gesellschaft zum Zwecke d Erbauung
einer Straßenbahn Eolmar-Schnierlach-Horburg
gebildet. Die Gesellschaft ar
beitet vorlausig niit einem Kapital von
500,000 M. ; man hofft indeß zu dem
Unternehmen von Seiten des Staates
und des Bezirks eine Subvention von
00,000 M. zu erhalten.
Metz. Eine militärische Maßregel ist
in Folge der Straßburger Mordthaten
auch hier getroffen worden. Es wurde
nämlich angeordnet, daß sämmtliche
Schildmachen den Mündungsdeckel, wel
ches den oberen Theil des Gcwehrlauses
verschließt, abgenommen haben müssen,
um das Aufpflanzen deS Seitengewehrs
in kürzester Frist ausführen zu können.
Vekerrelch.
Brünn. Eine hier stattgefundene
Arbeiteroersammlung verlief fo stürmisch,
daß der Polizeikommissär dieselbe auflö
sen mußte. Der Kommissär wurde von
der Menge so beschimpft und bedroht,
daß er nur unter Assistenz vo Wache
das Lokal verlassen konnte. Zahlreiche
Verhaftungen wurden vrgcnommen.
Z n a i m. In der Nähe unserer Stadt,
wo in letzterer Zeit mehrere geheimniß
volle Morde verübt wurden, fand man
neuerdings wieder in der Taua die Leiche
des Arbeiters Dolezal von hier. Zwei
tiefe Schnittwunden im Genick bekunden,
daß Dolezal ermordet und dann in's
Wasser geworfen wurde.
Prag. Im nahen Dejwih hat der
Feldwebel Martin Uherr vom 72. Jnf.
Regt, seine Geliebte, die löjährige
Näherin Anna Becvar, durch drei Ne
volverschüsse in die linke Brustseite
lebensgefährlich vermundet und darauf
durch einen vierten Schuß sich selbst ent
leibt. Schwel?.
Bern. Der Ausschuß des sür die Re
vision der Kantonsverfassung eingesetzten
Rathes hat beschlossen, die Stimmfähig
keit und Wählbarkeit auf das 20. Jahr
festzusetzen ; Kantons- und Schmeizerbür
ger erwerben nach dreißigtägigem Wohn
sitz die Stimmbcrechtigung in kantonalen
Angelegenheiten ; nicht stimmberechtigt
sind: kriminell oder korrektionell Verur
theilte, wegen Liederlichkeit. Verschmen
düng, Geisteskrankheit. Blödsinn :c.
Bevormundete und solche, die dauernd
Almosen empfangen.
Die auf dem Kirchenfeld bei Bern,
dem Gebiet für den neuen Stadttheil,
seit der Eröffnung der neuen Brücke über
die Aare aufgestellt gewesene Heloetia
Statue von Vela wird wieder weggenom
men, um dem Bundesrath zur Verfügung
gestellt zu werden.
Genf. Hier starb, 74 aJ)vt alt, der
Geschichtsschreiber A. Rilliet. Auch starb
hier die älteste Bürgerin, die 102 Jahre
alte Madame Vacheron-Chossat.
P l c w nn.
Roman von Gregor Samarom.
Fortfeduna.)
.Es ist nicht möglich nicht möglich !
rief Herr, von Dobkrodorom. .der Un-
gehorsom, die Auflehnung sollen nicht
nur straflzs bleiben, sondern noch aus-
drucklich belohnt werden!"
.Lesen Sie selbst." sagte der General.
indem er des Billet dem Kollegienrath
reichte, ,,3 tt die eigene Handschrift des
Fürsten, er muß eine ganz unmitelbare
rad dringende Veranlassung zu diesem
Befehl gchabt haben, da er
nicht einmal durch die Bureaux
hen lassen."
Herr von Dobbrodorom hielt das Bil
let in seiner Hand, und es wäre für das
Studium der Physiognomik in hohem
Grade interessant gewesen, wie in seinem
Besicht sich lie pflichtschuldige Ehrfurcht
vor einem eigenhändigen Billet des hoch-
gebietenden Generalqouverneurs mit dem
tiefen Abscheu vermischte, den ihm der
Inhalt dieses Billets einflößte.
Kopsschuttelnd und schweigend gab er
dem (seneral das Billet des Fürsten zu-
- . t-ri- ? e ? r
rucr ; oann fairere er oie anoe aus sei
nen Knieen und blickte wie gebrochen.
immer leise den Kops schüttelnd, vor sich
zur Erde nieder.
,s ist vorbei," fiu terte er, vor
bei das ist der Anfang vom Ende; wo
her soll Furcht und Gehorsam kommen.
wenn freche Anmaßung und Auflehnung
belohnt werden? Und Furcht und Ge
horsam sind doch die Grundfundamente,
auf denen die Ordnung des Staates ruht
was wurde der hochselige Kaiser vci-
kola, sagen, wenn er das sehen konnte!
Mein lieber Freund, sagte der Ge-
neral mit tiefem Ernst, die Zeiten schrei-
ten fort und andern nch ; der große Kai
er Nikolai breit Furcht und Gehorsam
mit eoerner Hand über dem Volk, und
dennoch brach sich die Macht sein Ar
meen im Kampfe gegen den Halbmonde
vielleicht, wen die Begeisterung des Vol-
kes nicht hinter seinen Armeen stand.
Lassen mir die Zeit fortschreiten und hos-
en wir, dan sie auf ihren unersorschllchen
Zukunftsbahnen unfer Vaterland zu Heil
und Ruhm führt ; jetzt ab haben wir
dem Befehle zu gehorchen. Senden Sie
hin nach der Druckerei und lassen Sie an-
ragen, wann wir die befohlenen dreilau
end Eremplare erhalten können ; berei-
ten Sie auch die Schreiben an die Sta
rosten vor, damit die Sendungen so schnell
als möglich abgehen können."
Zu Befehl. Ercellenz," war Alles,
was Herr von Dobbrodorow zu sprechen
vermochte, indem er sich langsam von sei-
nem Stuhle erhob und seine Mappe un-
tcr den Arm nahm nahni.
Abermals trat der Sekretär ein und
meldete Herrn Iwan Aksakow.
.D General befahl, ihn einzuführen,
und als Herr von Dobbrodorom ganz
verstört, schwankenden Schrittes das Ka
binet verließ, begegnete er auf der
Schwelle dem großen Agitator des Sla
venthums, dem er ganz entsetzt weit aus
wich. Iwan Aksakow war damals etwa fünf
zig Jahre alt, doch ließen ihn feine Hal
tung und der lebhafte, feurige Ausdruck
feines kräfig geschnittenen, geistdurch
leuchteten Gesichts mit den großen, hel
len, in schnell wechselnder Bewegung
funkelnden Augen jünger erfcheinen, als
er war. Er trug einen einfachen dunk
len Ueberrock, ein voller Z'art umrahmte
sein Gesicht und das zurückgestrichene
Haar ließ die breite, hochgewölbte Stirn
frei.
Der General trat ihm artig entgegen
und lud ihn ein, auf dem Stuhle Platz
zu nehmen, den Herr von Dobbrodorow
soeben verlassen hatte, wobei er wie mit
einer zufälligen Bewegung das Dekret
zur Seite schob, das bereits den ersten
Buchstaben seiner Unterschrift trug und
bestimmt gewesen war, den Artikel sei-
nes Besuchers der Konfiskation Preis zu
geben. '
Ich komme," sagte Aksakow, ,,um
mich Eurer Ercellenz zur Verfügung zu
stellen, da ich gehört habe," fügte- mit
einer fast hochmuthigen Ueberlegenheit
hinzu, daß die Regierung einige tausend
Eremplare der Moskauer Zeitung im
Lande zu vertheilen gedenkt. Ich habe
bereits dafür gesorgt, daß die Pressen
weiter arbeiten und daß in kürzest Frist
die Eremplare, welche die gewöhnliche
Auflage der Zeitung übersteigen, fertig
gestellt fein werden; ich erlaube mir,
mich Eurer Ercellenz für die Versendung
zur Verfügung zu stellen. Ich glaube,
daß es zweckmäßig fein wird, die Erem
plare an die Vorsitzenden der slavischen
Wohlthätizcomitcs zu senden, da diese
vielleicht noch besser als die Vermaltungs
beamten im Stande sein werden, den
Inhalt meines Vortrages, welchen die
Regierung unter dem Volke verbreiten
will, den Bauern zugänglich und ver
standlich zu machen."
Ich habe den Befehl des General
gouverneurS erhalten," fagte der Gene
ral, indem er den Führer der slavischen
Purtei, welcher in diesem Augenblick das
geistige Leben deS russischen Volkes be
herrschte, ernst prüfend ansah, und
werde gern Ihre Rathschläge in Betreff
der Versendung anhören, da es ja dem
Fürsten augenscheinlich daran liegt, den
Anschauungen, die sie in ihrem Vor
trage ausgesprochen haben, die weiteste
Verbreitung zu geben. Ich habe," sagte
er, auf die noch vor ihm liegende Zeitung
deutend, Ihren Vortrag niit vielem In
teresse gelesen; die nationale Begeiste
runa. welche derselbe athmet, hat mich
erfreut ober ich kann es Ihnen nicht
verhehlen, mein Herr, daß ich auch ge
wisse Bedenken dabei nicht unterdrücken
kann: wenn der nationale Wille auf
solche Weise, wie Sie eS in so beredten
Worten verkünden, auch einmal gegen j
die Regierung sich heben könnte?"
Das wird niemals geschehen," sagte I
Aksakow zuversichtlich, so lange die Re
gierung wirklich das nationale Wohl und
die nationale Größe erstrebt, und wenn
dieß jemals nicht der Fall sein sollte
was ich von dem Herrsch unseres Kai
serhauscs nicht voraussetze nun denn,
so wird die Regierung sich dem immer
mehr erstarkten und zu immer größerer
Klarheit durchgearbeiteten Nationalwil
len unterwerfen müssen."
Der General blickte fast erschrocken auf
diesen Mann, welcher so bestimmt und
sicher, so von oben herab sprach, als ob
in seiner Hand das Geschick und die Zu
kunft des russischen Reiches läge.
..Aber mein Herr," sagte er, ,,as
Sie da sagen, kann unter Umständen die
Revolution sein, eine Revolution welche
die Grundvesten des durch Peter den
Großen aufgebauten Reiches zerstören
würde."
,,Tie Revolution?" sagte Aksakow
achselzuckend. ,,Von einer Revolution
?ann nur da die Rede sein, wo die Herr
ch in thöricht Verblendung dem Na
tionalwillen Widerstand leisten. Ein
nationaler Kaiser von Rußland, der
Hand in Hand geht mit den gesetzlichen
Organen des Volkswillens, ist hoch er
haben üb jeder Revolution ; während
ein despotisch Selbstherrscher, der das
große Slavenreich in kleinlicher Be
schräuktheit nach fremden Mustern regie
ren will, "durch den Windhauch des Zu
falls von seinem Thron herabgestürzt
werden kann."
Der General schüttelte den Kopf; c8
war wohl zum ersten Male,. daß eine
solche Sprache in diesen Räumen nnd
vor seinen Ohren erklang unwillkür-
lich fortgerissen von dem Inhalt dieses
AtM mm Z,fL1 Z m Al.r-SXa V
außgewoo,nticzen Wesvracys,. dem er
zu zeder andern Zeit ängstlich aus dem
Wege gegangen wäre, erwiederte er:
Gesetzliche Organe deS Volkswillens
sagen tzsie wir haben kerne solche Or-
gane in Nutzland
.Wirroerden sie haben, Herr General,?
: er. . ..
- afff g V i a .
Tltt MZlaZOW UNO. daNlt. st NN -ItC
Schöpfung Peter's desGrohn ihre große,
? 5r 5 '
denn in Rußland allein wird das mnige
rend das Volk in den Ketten einer fchlnn
meren Sklaverei liegt, als siedaS finstere
Mittelalter kannte. Wir Haben . lenen
Parlamentarismus nicht nStbia. welcher
das Zllolk zu einem Wplelball elgensüchtl
ger Intriguen macht; die Organe deS
nationalen Willens wnden m Rußland
naturgemäß Hervorwachsen aus dem Volke
selbst, aus der Vertretung der Gemein-
.
den, welche man nur nöthig hat zusam-
menzufassen und zu politischem Leben zu
crwecren, um eine orrsverrrerung zu
schatten, wie sie kem Reich der Welt bat.
eine Volksvertretung, die ebenso in ihx
furcht und Liebe zu dem Kaiser steht, wie
die Rechte und Bedürfnisse der Nation in
Vesetzgkbuna und Verwaltung zur Gel-
tung onngen wird."
Aber mein Herr, mein Hr, . sagte
der General ganz erschrocken, .wenn
wirklich Wahrheit in Ihren Ideen lieat.
wird die einzige Autorität, welche dazu
jf x i n t r y tve ' f
oerecyiigr iii, oieseioen zur Aussuyruna
zu dringen, wird," fugte er scheu umher
blickend hin!, .der Kaiser eine solche
Vertretung des Volkes, das bis jetzt allem
politischen Leben so fern stand, neben sei-
nen Thron berufen?"
Er. wird es. Herr General." wie-
derte Aksakow. .Der Kaiser wird in
dem großen Kriege, den er beginnt, Sie-
ger bleiben und die äußere Mission des
slavischen Volkes, die Herr schaft über den
jten, glänzend erfüllen er wird Sie
ger bleiben, weil er sich nicht, wie dieß
Nikolai that, auf den todten Mechanismus
seiner Neglernnqsmaschlne stutzt, sondern
aus die lebendige Begeisterung des Vol-
kes, und wenn er iene äußere Mission
erfüllt hat, so 'wird er mit zwingender
Nothwendigkeit auch die Erfüllung der
inneren Mission angreifen müssen und
Nußland zum leuchtenden Vorbilde aller
Volker heben, zu denr Bilde einer Na
tio, die in sich geschlossen, einig in
Glauben und Sitte, kraftvoll geführt
wird von einer Regierung, der sie ohne
lLlsersucht und Mißtrauen rathend und
stützend zur Seite steht in ihrer natürli-
en, aus den Familien und Gemeinden
hervorqewachsenen Vertretung. Wenn
der Kaiser mit dem Flüqelschlaqe des na
tionalen lVeistes zu dem glanzenden Siege
emporgehoben ist, fo mud er erkennen.
was der (seist dieses Volkes werth ist.
das man bis jetzt durch künstliche Scheide-
wände vom Throne fern hielt, und der
russische Kaiser des freien russischen Vol-
kes wird der mächtige Schiedsrichter der
Welt werden.
Doch, Herr General, entschuldigen
Sie mich ; ich vergaß mich, ich war nicht
hierher gekommen zur politischen Diskus
sion, die vielleicht heute noch keinen Werth
für &te hat; die Ueberzeugung, welche
mich erfüllt, riß mich hin. Ich maße mir
nicht an, durch meine Worte Dieienigen,
welche in der alten Welt aufgewachsen
und festqemurttlt sind, zu bekehren
bald Fenug wird diese alte Welt zerfallen
und das herrliche Morgenroth des neuen
Tages wird auch in die jetzt noch bangen
den und zweifelnden Herzen den Glauben
einziehen lassen.
Ich werde also " fuhr er, sich erhe-
bend, in geschäftsmäßigem Tone fort,
die Eremplare der Moskau Z unq.
sobald sie fertig gestellt sind, hierher sen-
den und mir erlauben, ein Veneichniß
der Vorstände der slavischen Comites bei
zulegen, damit Sie dieselben bei Ihr
Sendung berücksichtigen,"
Der General erhob sich ebenfalls und
geleitete Herrn Aksakow artig bis zur
Thüre seines Kabinets. Dann faltete
er die Hände, ließ den Kopf auf die Brust
sinken und sagte seufzend :
.Wenn dieser Geist die Zukunft be
herrscht, dann freilich wird die alte Welt
in Trümmer versinken und neue Bahnen
werden zu schwindelnden Sonnenhöhen
aufwärts, oder in furchtbare Abgründe
abwärts führen. Gott schütze den Kai
s! Gott schütze Rußland !"
Siebentes Kapitel.
Der Kollegienrath von Dobbrodorow
hatte trotz der Erschütterung, in welche
ihn der außerordentliche Befehl des Ge
neralgouverneurs versetzte, die Geschäfte
feines Bureaus mit d gewohnten Ord
nung und Pünktlichkeit abgemachr. Er
hatte die Listen zur Versendung des Arti
kels der Moskauer Zeitung, dessen Ver
fasser zwanzig Jahre früh in den abge
legcnsten Fernen Sibiriens virfchmunden
wäre, aufgestellt und die Erpedition der
Eremplare, welche in rascher Folge von
der Druckerei im Gouvernementsgebäude
einliefen, geordnet. Die verwunderten
Gesichter feiner Unterbeamten, welche
theils noch fester als er in dem Boden der
Vergangenheit wurzelten, theils von dem
neuen Geiste negativer Kritik durchdrun
gen waren, hatte durchaus nicht beach
tet, auch auf keine der Fragen geantwor
tet, welche mit Schreck und Entsetzen,
oder mit kaum verhülltem, höhnischem
Triumph an ihn gerichtet wurden; er
gab sich, wie das ja auch zu den Gewöhn
heiten in der dienstlichen Hierarchie ge
hörte, mit sicherem Geschick den Anschein,
als ob er in die Gründe der hohen Ver
fügung vollkommen eingeweiht sei und
die Ueberzeugung von der Zweckmäßigkeit
und Nothwendigkeit derselben vollkom
men theile, denn Niemand seiner Unter
gebenen durste ja ahnen, daß eine so
wichtige Mäßregel habe getroffen werden,
ohne daß der Herr von Dobbrodorow
darüber befragt und zu Rath gezogen
worden wäre.
Alle diese Erschütterungen und all' der
Zwang, den er sich auflegen mußte, er
schöpften ihn und ließen ihn das Ende
der Dienststunden freudig begrüßen.
Sonst hatte er sich fast mit einer gewissen
Wehmuth von seinen Bureaur getrennt,
denn hier war ihm Alles, soweit fein
Blick reichte, unterthänig. Alles lauschte
feinem Wort und der kleinste seiner Be
fehle wurde mit der ängstlichen Punkt
lichkeit befolgt. Wenn er in der kurzen
VortragSzeit bei seinem Ches den schuld!
gen Tribut der Ehrfurcht und des Ge
horsams abgetragen hatte, so konnte er
dafür die ganze übrige Zeit in den Näu
men, welche feine Wille beherrschte und
in welchem sein Blick nur auf demüthig
geneigte Häupter siel, sich in den süßen
Traum versetzen, daß die ganze unum
schränkte Macht der kaiserlichen Selbst
Herrscher aller Reußen in seine Hände
gelegt sei, denn soweit die Wände und
Aktenrepositorien seiner Bureaur reich
ten, war er der einzige Repräsentant der
kaiserlichen Macht und Autorität. We
dn auf der Straße, noch in seinem Hause
faad er eine gleiche Anerkennung d
Wichtigkeit und unumschränkten Macht
Vollkommenheit seiner Person, und eS
entstieg dah jedesmal ein leichter Seuf
zer der Wehmmh seiner Brust, wenn er
seinen Neberrock anzog nnd seinen Hut
aufsetzte, nach einem letzten Abschiedsblick
auf die wohlgeordneten Aktenrepositorien
mit herablassendem Gruß durch die ehr
furchtsvoll geneigten Reihen seiner Un-
au miicu jMfu m uiw die EZrundsäulen seiner ganzen Existenz oegegncten wir.?, fügte sie , leicht er,
Volk eine segensreiche Wahrheit sem, weit j's Schwanken gerathen wären, und er röthend hinzu, .dem Lieutenant Rossia
entfernt von den parlamentarischen Zerr- füblte das Bffcitrfnife fi i ,Zns,, now: ick vlauderte mit idm ?iö
u 1 p. ...i - rvr. . v 1
bildern des westlichen EurovaS. wo nur ... f r ' v.l-.t. Ix.... I s fcnfcfA fnr v xir.
hnflhn I c; r t -. . t , , . I yv 5 """"i, ui uiuv uuutui 1 1- j -1 -7 0 tr -)'- 0 A'7V"
oenseioen die Schwatz, die Streber und die Soes ..r ri. am,:.-. I r Rf .? m..r.. i
httt n I r i 1. . ' t in i t i, I luctiuc tu c et W Ul Cl " !''" vntuiiniun( tiu
9 ge- kulanten das große' Wort fähren. roSb- nk k.,;k,.... s.;. .kk.i. pz. ick trr:a ick ,b -, ihm . s
I cc.cn , L- ä. . r ' I vvHvMjmvv ju Viuufc& iVliUW I ? " ' il Zi" " " . . 7 v
I rnS It8 SM aTP 0.4, i (AfiM. I ' . ' . . U. ..t . rn m m
so terbeamten hinaus schreitend, sein Bureau
I Y . . c rvrt . -
vl!eß. um in die Welt draußen zurück-
zukehren, in elcher es gar so viele Per
sonen gab, die über ihm standen, und in
welcher auch die in der Rangordnung deS ,
Tschin unt ihm Stehenden mehr und
uieyr anfingen, den Respekt zu vergessen
den sie seiner Würde schuldig waren.
1 ' '
I ' ' if
.fnf fi- rmW.t. . kR,r..k
der Bureaustunden , fast mit Ungeduld,
nach dem Unerhörten
und Unglaublichen, das er erlebt, als ob
Tmri rtnn c1 i (".:,..
lMuvitv Ul IKIUCI
. m . . . ' . . I
ganze gelinge Thätigkeit daraus qerich
tet, die in den maßgebenden Kreisen
herrschenden Ideen ganz in sich anfzu-
nehmen, sich mit denselben zu durchdrin- nnvVeme Mutter hat ihn rmm freund
gen und zu einem lebendiaen Tvvus der, ! lich empfangen.?
selben zu machen, und so widermSrtia
ihm diese neue Strömung auch war.
mirh, nnn ,, firü k;
I vv. v.M.v V.fc ui.uiiiuiiu jU
durchdrinaen sckipn s .n,rt, k.
keinen Augenblick, die ganze Geschmei-
digkeit seines Geistes aufzubieten, um our mache und daß sich da ein Verhalt
auch in dieser Strömung auf der Ober, 'ß entspinne, das doch niemals zu etwas
rv. i j I I ;v v Hl V C M
fläche zu bleiben.
So schnell aber war dieß nicht mög-
ucy, und Herr von Bobvrodorom sehnte
sich deszyald nach der stillen Einkehr in
sich selbst, um den Grimm über die so
verhaßte neue Richtung niederukäm
pfen, welche ihn zwang, sein ganzes in
- nr- e 'rr r s. :
neres vesen gewissermaßen in neue ftai
ten zu legen.
Er stieg die Stufen der drei Treppen.
welche ihn zu seiner Wohnung an der
Msanitzrafa führten, hinaus, zog sich in
sein kleines, an der Hinterseite des Hau
ses liegendes Zimmer zurück, dessen em
z,geS Zventter ihm einen weiten Blick
über die Gärten der Stadt bot, und war
sehr zufrieden, als sn Diener ihm mel
bete, daß die gnädige Frau noch nicht zu
Hause, obgleich die Stunde deS Diner
unmittelbar bevorstand und er sonst über
jede Störung der pünktlichen Hausord
nung sehr ungehalten zu fein pflegte,
wenn er auch seinen Unwillen, dem
seiner tfrau geqenuo nicni xirn zu ma
chen wagte, wesentlich an dem Dien
ausließ, der doch die geringste Schuld an
der Verletzung der reaelmäm'aen Ord
nung hatte.
Dieser Diener führte den franzosischen
Namen Jean, obwohl seine ganze Er-
scheinunq deutlich zeigte, daß seine Wiege
nicht m Frankreich, sondern auf dem Bo-
den des alten, heiligen Rußlands qestan
den habe. Seine nach der Nasenwurzel
schräg zusammenlaufenden Augen, seine
breiten Backenknochen, sein großes Mund
mit den vollen Kippen und den kräftigen,
blendend weißen Zahnen, sei volles.
dichtes, welliges Haar konnten keinen
Jivkisel uoev seine cuji iuuia;c rtuiani
n : r - " x. F.i et :rx. arm
Miing Übrig lassen aber er war IN eine
blaue Livree mit etwas abgetragenen
Tressen gesteckt seine Haare waren mit
dem Brenneisen bearbeitet und mit Pu
dermehl bestreut, und er hatte die für
daL Anmelden von Besuchen nöthigen
französischen Phrasen erlernen müssen.
da Frau von Dobbrodorow es für nöthig
hielt, bei der Ranastelluna ihres Man,
neS ihr Haus auf französischen Fuß rin
zurichten.
Der gute Jean, welcher nur schuch:
tern die Meldung gemacht hatte, daß das
Diner sich wohl noch ein wenig verzS
gern werde, sah seinen Herrn ganz er-
staunt an, als dieser über die Meldung
recht zufrieden schien, und der Herr von
Dobbrodorow setzte sich m seinem Zim
mer nieder, um langsam und bedächtig
den Artikel der Moskauer Zeitung zu
lesen, welcher ihn am Morgen in so
große Aufregung verfetzt hatte. Immer
eifriger studirte er denselben, er wieder-
holte einige besonders vollklingende Sätze
desselben mehrere Male mit laut Stim,
me, als ob er k ieselben seinem Gedächt-
niß einprägen wolle. Endlich schien er
mit seinem Studium zu Ende zu sein,
er faltete das Blatt zusammen und sagte
mit zufriedenem Lächeln:
Vs ist nicht fo-fchwer, diesen Ton
anzuschlagen, und man wird sich leicht
gewöhnen können, die eine oder die
andere dieser Phrasen zuweilen anzu-
bringen, denn da die Sache von oben
kommt, so wird sie wohl eine Zeitlang
Mode bleiben, wer sie nicht mitmacht,
kommt in Gefahr, ausrangirt zu werden.
Ich begreife es wohl,? fagte er lächelnd,
der Kneg wird ungeheuer viel Geld
kosten, und da hat man diese nationale
Begeisterung nöthig, damit das Volk
nicht murrt und noch über die Steuern
hinaus freiwillig feine Beiträge zu-
sammentragt, Der Krieg, sagte er
achselzuckend, .warum dieser Krieg,
der Ordnung und Sicherheit stört?
Nun mir kann es gleich sein aber wie
wird es möglich sein, das Alles wieder
zur alten Ordnung zurückzuführen, wenn
der Krieg vorbei ist muß das nicht zur
Zersetzung auer uaurnsje, zur Re
volution führen? Und kann ich die Re
volution verhindern, kann ich es hindern,
daß man den Geist des Aufruhrs groß
zieht, den man später nicht wird bannen
können? Nein, nein, mögen das die
Herren dort oben mit der Zukunft aus,
machen, meine Sache ist es nicht, gegen
den Strom zu schwimmen.
Er schien seine ganze Heiterkeit wieder
gewonnen zu haben, und als nach einiger
Zeit der Diener Jean in einer neuen
Livree mit glänzenden Tressen ihm mel
dete, daß Madame zm-ückgekehrt sei, ver
tauschte er seinen Frack mit einem weiten,
bequemen Ueberrock und begab sich in den
nach der Straße gelegenen Salon.
Dieser dreisenstrige Raum war mit
mehr Glanz als Geschmack dekorirt.
Man sah viel rothen Sammet an den
Fenstervorhängen und Portieren und den
Möbeln, doch zeigte der Stoss hie und da
bereits die. Spuren einer langen Dienste
zeit. Bei den Bildern an den Wänden
schienen die mächtigen Goldrahmen der
werth vollste Theil zu sein, und die ver
schiedenen kleinen NippeL von Bronze
und Porzellan, welche in großer Menge
die an den Wänden befindlichen
Konsolen bedeckten, standen mit keiner
Kunstepoche in irgend welchen Zusam
menhang. Ein junges Mädchen von sechzehn bis
siebenzehn Jahren saß in halb liegend
Stellung auf ein in die Nähe des
Fensters gerückten Chaiselongue und
schien in die Lektüre eines Buches ver
tieft, daö sie in ihrer Hand hielt. Die
fes junge Mädchen, die jüngste Tochter
deS Kollegienrathes, war von einer ganz
außergewöhnlichen und idealen Schön
heit, aschblonde Haare lockten sich in
reicher Fülle über dem zarten Oval ihres
Gesichts, ihre großen, von dichten, duuk
len Wimpern überschatteten Augen waren
von tiefblauer Farbe und fchienen trau-
t cr y i . rr c .
mend in ferne Märchenrelche zu blicken.
ihr feiner, zarter Mund zeigte den gan-
zen kindlich frischen Reiz dn ausknospen-
den Jugendblüte. Sie trug ein Kleid
von leichtem, lichtblauem Seidenstoff,
das ihre zarte, schlanke Gestalt anmuthig
hervorhob ; ihre Hände, und ihre von
weiten Spitzen halb bedeckten Arme wa
ren non untadelhaft Schönheit.
Die Blicke des KollegienralheS ruhten
bei seinem Eintritt mit einem . warmen
Ausdruck, dessen man sein bureaukratisch
strenges nnd trockenes Gesicht kaum fähig
gehalten hätte auf seiner jüngsten Doch
ter Darja, welche sich langsam aufrichtete
und mit matten, träumerischen Blicken
ihrem Dater die Hand entgegenstreckte.
.Dn siehst trübe und traurig aus,
UISSäSSMaMw,, -t
mein Kind,? sagte Herr v. Dobbrodorow,
',M Du leidend??- hhinnt t ,? U
Ich bin angegriffen,? erwiederte
Darja, meine Nerven schmerzen mich;
?m, r.-. i. n 1 " v 7 '
- -", lb- "'TOS jVjJClUU U4U,
hat gescholten.? - ,
Gescholten und warum?? Kaste
der Kommerzienrath seufzend,, indem er
I v jniyf . IIWUI Cl
I Lrtllck kk SSnnh tnir tor.i.
chette. . -.
.zq war Mit der Mama ' ausge
gangen ? erwiederte daS Mädchen, .und
I darübtt' Blflr Man, spsr tini "
' lT lvT " v fc
ttr . t r n r : s . - w
- .Worum oenn?-.. sragre Herr von
dobbrodorow, .der Lieutenant Nos-
Nanom besucht a fast täglich uns Hau?
.Ja.? sagte Darfa, .Mama ist wohl
freundlich mit ihm, als Gesellschafter ist
er ibr ia auck an, ckt eher
I ,,7- " 7 ü 7' . I" "
nicht, daß ? .
.Nein, ich will nicht, daß er Dir die
führen wird und führen darf.?, tief. eine
helle, scharfe Stimme, und ztualeich trat
die Fron KollegienrZthin raschen und ent
schiedenen (Schrittes unter der Portiere
eines kleinen KabinetS hervor, das sie ihr
Boudoir nannte und das "durch inen
Dioan. einen kleinen Schreibtisch und
einige Blumenständer mit ziemlich trüb
seligen Blattpflanzen ausgefüllt wurde.
Die Dame war etwa vierzig Jahre alt.
sie trug ein grüne Seidenkleid, dessen
nicht mehr ganz frischer Stoff nicht ,u
dem hochmodernen Schnitt paßte. Ihr
von Natur stark gerathetes Gesicht, aus
dessen scharfen Zügen selbstständige Ent-
chlo enyeit und Willenskraft sprach, war
mit weißem Pudennehl einqerieben, die
Augen blitzten durchdringend unter scharf
gezeichneten Brauen hervor und das hoch
toupirte Haar war mit großen Schleifen
von gelbem Seidenband durchflochten;
ihre ganze Erscheinung mit der kräftigen.
untersetzten Gestalt, deren ursprünglich
anmuthige Linien durch daö steigende
Emborpoint verändert waren, machte den
Eindruck, als ob sie im Reiche ihres Hau
ses eine ebenso unbedingte Selbstherr
schaft ausübte, als dieß ihr' Gemahl in
seinen Bureaur that.
Der Kollegienrath ging, während
Darja den Kopf, in die Kissen ihr
Chaiselongue zurücksinken ließ, seiner
Frau entgegen, führte mit ein etwas
steifen Galanterie deren Hand an die
Lippen und sagte: , .,v.
Wurmn erzürnst Du Dich. . meine
Liebe? Wenn der Lieutenant Rossianom
unser Darja Alexiemna wirklich die
Cour macht und an eine ernste Berbin
dung denken sollte, so wäre dagegen doch
kaum etwas einzuwenden. Sem Vater
ist ein reicher Grundbesitzer und er ist
dessen einziger Sohn, w oö sollte Darja
Aleriewna Besseres wünschen. alS'cme
solche Partie?'
Ich bitte Dich, nion eher,? sagte die
Frau Kollegienräthin mit scharfer Et
schiedenheit im Tone einer sast mitleidi
gen Belehrung, habe die Güte, .und
überlaß meine Töchter und die Angele
genheiren unseres Hauses mir, wie ich
Dir za niemals einen Rath in den Sachen
Deine Dienstes aufdringen werde. Der
Lieutenant Rossianom ist ein angeneh
mer, gewandter Gesellschafter, ich sehe
ihn gem in meinem Hause aber der
Grundbesitz seines Vaters repräsentirt
immerhin nur ein mäßiges Vermögen ;
er ist kein Edelmann, sein Vater war
Kaufmann , . . .
Er ist Ofsizl? siel Herr von Dob-
brodorow ein. ,
Lieutenant? sagte seine Gemahlin
achsilzuckend, wtH unter unS also,
und ob er jemals weiter emporsteigt,
scheint sehr zweifelhaft, denn er hat e
häufig ausgesprochen, daß er sich nach
einigen Jahren vom Dienste zurückziehen
und die Vewirthfchastung der Besitzung
seines Vaters übernehmen wolle. Also
Alles in Allem, er ist keine Partie für
unsere Dorette und ich will nicht, daß sie
durch ihr Benehmen ihm Hoffnungen er- '
wecke, die ich niemals zu erfüllen geson-
nen bin.?
DaS junge Mädchen seufzte, ein
Thränentropfen perlte an ihren Wim--pern.
Aber meine Liebe ,? sagte Herr von
Dobbrodorom ein wenig schüchtern, .un
sere Darja Aleriewna hat memeS Wissens
keine andere Partie in Aussicht ?
Sie wird sie haben ,? unterbrach ihn
seine Frau, indem sie mit streng Miene
die Augenbrauen zusammenzog, .über
laß das mir, ron eher, ich bitte Dich
nochmals; ich habe die Angelegenheiten
unseres Hauses wohl geordnet und ein-
getheilt, und es ist mir lieb, da ich ein-
mal Gelegenheit sinde. Dir klar und be-
stimmt meine Entschlüsse in dieser Bezie
hung mitzutheilen' Unsere Tochter Jewa
hat durchaus die Universitäten besuchen
wollen, ich habe dieser Phantasie, kein
Hinderniß in den Weg gelegt, sie ist nicht
besonders schon sie gleicht mehr Dir
als mir sie hat einen sprudelnden
Geist, exzentrische Ideen, ein genialer
Lebensweg eignet sich für sie. Sie hat
eine kleine Novelle und einige Gedichte
drucken lassen, über die man mir' viel
Komplimente gemacht ? -
(Fortsetzung folgt.)
Die Ausstellung ausländischer In-
dustrie-Erzeugnisse in Boston dauert noch
immer fort. Ein Augenzeuge schreibt
über sie an das .Cincinnati Volksblatt? :
Deutschland ist nicht sehr würdig ver-
treten. Man hat es nicht für nöthig
gehalten, einen Commissär von Deutsch,
land yeruverzusenven,' der die ntessen
der deutschen Aussteller vertreten sollte
und diese Gleichgültigkeit der deutschen
Reichsregierung mag auch lähmend auf
die betreffenden Kreise gewirkt habcn
kurz Deutschland ist sehr ärmlich vertre
ten. Ob man der deutschen Industrie
mit dieser übertriebenen Sparsamkeit oder
unhöflichen Gleichgültigkeit einen mesent-
lichen Dienst geleistet hat, mochte ich sehr
bezweifeln. Oestreich z. B., welches
seinen eigenen lLommissar schon im Som-
m herüberschickte, ist sehr würdig er-
ireicn; oa i i ieoc veimii evarre-
ment durch werthvolle Muster revrösen-
tirt und der bekannte Brauer Dreher von
Klein-Schwechat hat in der unteren Halle
eine reich mit österreichischen Fahnen ver-
zierte Bierstube eingerichtet, in welch
sein bkluhmteS Naß in Strömen fließt
und von den puritanischen Bostoniern
Mit großem Behagen genossen ' wird.
Dazu liefert die Kapelle des Erlheriogs
Jofeph, echte in der Wolle gefärbte Un-
aarn.
in ihrer kleidsamen Nationaltracht,
die Tafelmusik, und die raschen, heiteren
Weisen dieses heißblütigen Volkes haben
sich eines solchen Beifalls zu erfreuen ge
habt, 'daß die Kapelle die drei letzten
Sonntage, an denen natürlich die. Aus
stellung geschlossen ist, in der. qrößten
Halle in Boston mit großartigem Erfolge
ausgetreten ist. Besonders retchllchaus
gestattet ist die Ausstellung 'von-Meer
schäum und Bnnfteinwaaren,' k unb da
! olle Artikel verkäuflich sind, so ist in der
östreichischen Ausstellung schon ein sehr
quteS Geschäft gemacht worden. Fort
während kommen neue Waaren an und
da die Ausstellung noch bis zum ersten
März andauert, so wird sie täglich voll
ständiger und interessant.

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