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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, July 30, 1886, Image 3

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usiandische Nachrichten.
Vrendenkurg.
Berlin. WaS ein kleines ut irr
der Umgegend Berlrn'S werth ist, resp,
mit der Zeit werth sein wird, kann sich
Jeder ausrechnen, wenn er erfährt, daß
sieben Kosiäthen, denen die Schöneberger
Wiesen gehören, über welche noch vor
Kurzem der Sckwarze Graben keine
Wohlgerüche verbreitete pro Quadrat
ruthe 700 M. geboten sind. Da nun
jedem dieser Glücklichen in dieser Gegend
gegen drei Morgen Land geboren, so kom-
men n rui, vermumme aus leoen 4UU,uoo
M. für einen kleinen Theil seines
Besitzes.
In Crossen hatten sich in Folge
der Katastrophe vom 14. Mai, außer
dem ossiciellen Hülfs-Comite, auch an
dere Vereinigungen zum Zwecke der
Sammlung von Hülfsgeldern gebildet.
Da wer zu st ein zweites Hülfscomite,
bestehend aus Bürgern der Stadt, dann
der Vaterländische jfrauenvnein, die
Loge, welche ebenfalls auf ein recht
günstiges Resultat ihrer Sammlungen
zurückblicken können. Alle diese Comites
haben jetzt einen Lompromiß abge-
schloßen, datz die gesammelten Gelder,
welche die Höhe von ca. 60.000 M. er
reicht haben, .in einen Topf geworfen
werden" ; von der Geiammtjumme sollen
dann für die Hälfsbedurft'gen der Stadt
wei Drittel, für die des Landes ein
Drittel verwandt werden.
Vieh. Vor mehreren Monaten ver
schwand der Viehtreiber Dühring. Zu
letzt war er angetrunken an der Vietzer
Ablage gesrycn morden. Da der Vcr
schwundene gegen 150 Thaler bei sich
führte, nahm man allgemein an, daß ein
Raubmord vorliege. Die Annahme
scheint sich jedoch nicht zu bestätigen.
Die Leiche des D. ist ohne erkennbare
äußere Verlegungen bei Tamsel aus der
Warthe gezogen und das Geld in seinen
Taschen vorgefunden worden. Dühring
dürfte daher den Weg verfehlt haben und
ins Master gerathen fein. t?r hinterläßt
Frau und Kinder.
Pommern.
Stettin. In der Provinz Pom
mern befinden sich 36 Zweigvereine der
oaterlZndischcn Frauenvereine mit 3687
ordentlichen und 4dl außerordentlichen
Mitgliedern. Die Einnahme in Pom
mern pro 1865 betrug 118,869.36 M.,
die Ausgabe 34.(93 62 M. Bestand
baar 0912.76 M., zinsbar angelegter
Neselvefonds 5,1,317.10 M., sonstige
Kapitalien 22.510.83 M., in Summa
3.770.74 M Werth an Grundstücken,
Anstalten, Einrichtunzen je. 80,000 M.
Ueckermünde. Das Schwurge
richt yd Stettin hat den Arbeiter Wil
Helm Kostbade, der jüngst seine Ehefrau
buchstäblich tootgeprügelt hatte, zn nur
2 IahrtN Gcfängriß verurtheilt. Kost
bade war 26 Jahre mit der Frau verhei
rathet. Aus der Ehe sind acht Kinder
hervorgegangen. Die verehelichte K. war
eine ungewöhnliche starke und robuste
Frau mit abnormer, starker Muskulatur
(ein Mannweib, wie sie von dem Sach
verständigen. Kreiß phusikus Dr. Hanaw,
bezeichnet wird) und ihrem Manne an
Körperkraft überlegen.
Moorbrügge. Der 53iährige
königliche Untersörster Schwocyow, der
seinen 28jShrigen Sohn Otto erschoß,
als dieser nut einer Mistgabel aus ihn
losstürzte, ist von dem Stettiner Schwur-
gericht srekgesprochen worden.
Ostpreußen.
Königsberg. Am 16. v. M. ver
handelte die Strafkammer des hiesigen
könlgl. Landgerichts gegen 194 wehr
Pflichtige junge Leute, welche angeklagt
waren, sich dadurch dem Eintrit in den
Drenst deS stehenden Heeres zu entziehen
gesucht zu haben, daß sie ohne Erlaubniß
entweder das Bundesgebiet verlassen ha
den oder nach erreichtem militärpflichtigen
Alter sich außerhalb des Bundesgebietes
aufhalten. Jeder der 194 Angeklagten,
von denen übrigens keiner erschienen
war, wurde zu einer Geldstrafe von 160
M., bezw. 16 Tagen Gefängniß verur
theilt. Margabrowa. Ein sensationeller
Versall hat sich vor Kurzem hier zuge
tragen. Der Sohn eines höheren Beam
ten, der in einer größeren Stadt in der
Provinz in Stellung war, e'.hielt unlängst
die Nachlicht, daß seine Tante gestorben
war, die ihn zum alleinigen Erben eines
Vermögens von etwa 50,-60,000 M.
eingesetzt hatte. Der junge Mann war
außer sich vor Freude. Den 3!e,t des
Tages und den Abend brachte er im
Krerse seiner Freunde zu, wo er vor Ge
müthöausregung bUx außer sich zu sein
schien. Am andern Morgen fand man
ihn todt vor der Thür seines Hauses auf,
ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein
Ende gemacht.
Weftpreußen..
Culm. Fischangler fanden in den
Psingstfeiertagen in der Nähe des Dei
ches Culm-Chrenthal die Leiche eines
männlichen Kindes. Als sie die Leiche
aus dem Wasser zogen, sielen zwei Steine
aus der Jacke, was sie als Beweis nah
men, daß das Kind ertränkt worden sei.
Auf geschehener Anzeige wurde die Sek
tion des Kindes veranlaßt, und die Er
Mittelungen führten zu der Entdeckung,
daß die Mutler des Kinde, Dienstmagd
Pauline Müller in Gr. Neuguth, am 6.
v. M. ihren 1 Jahr 2 Monate alltn
Knaben an den im Weichbild der Stadt
befindlichen Bühnen ertränkt hat. Die
Mörderin ist zur gerichtlichen Haft ge
bracht worden ; sie ist geständig und giebt
Nahrungssorgen als Grund ihres Ver
brechens an. Ihre Herzlosigkeit legte
sie am zweiten Pfingstfeiertage (also acht
Tage nach der That') dadurch an den
Tag, daß sie sich auf dem Tanzboden recht
lustig hielt.
Posen.
Bromberg. Im Monat März cr.
wurden hier zwei russische jüdische Perso
nen wegen Bettels mit je 1 Tag Ge
sangniß bestraft. Die Strafe haben sie
verbüßt, beide Personen befinden sich seit
jener Zeit aber noch immer in Haft, weil
die Polizei dieselben behufs ihrer Auslie
ferung nach Rußland festhält, die rufst
sche Behörde sie aber nicht annehmen
will. Beide Leute sitzen nun seit dem 3.
bezw 20. März in dem hiesigen Polizei-j
gefängnijse und der Zeitpunkt ihrer Ent-
lassung ist unter diesen Umständen gar
nicht abzusehen.
Der Besitzer von Wiesenfelde,
Herr Krug, und sein Neffe, Reserve
Lieutenant Hardemack, sind verunglückt.
Die Genannten hatten eine Fahrt mit
einem Segelboot aus dem Broniwicer
See unternommen und sid von der Fahrt
nicht zurückgekehrt.
Schlesien.
Breslau. Die Bekleidung und
Bewaffnung der hiesigen königlichen
Schutzmannschaft auf Kosten der Com
mune Breölau (ähnlich, wie in Berlin)
soll demnächst in Kraft treten. Der
Magistrat ersucht deshalb die Stadtoer-rdneten-Versammlung
um die Bewilli
gung von 59,904 Mk.
Ein Maschinist in der Jungfer'schm
Druckerei gab einem. 13z Jahre alten
Arbeitsburschen eine so derbe Ohrfeige,
daß der Junge niederstürzte und sofort
eine Leiche war.
Seitens des Magistrats von Gör
l i tz ist ein Jmmediatgesuch an den
Kaiser um Belassung deS S. Jäger
Bataillons w Görlitz gerichtet. Die
J.'aer selbst sollen die Stadt, in der das
Bataillon über em halbes Jahrhundert
gormzonrrr, sehr ungern mrt Hirsch berg
vertauschen.
Die Verstaatlichung deS Gymnasiums
in Neustadt soll nach Beschluß der
Stadtverordnetenversammlung nur dann
n folgen, wenn der Staat die Anstalt
als .katholrfche übernrnunt und fort-
suyrr. tfaus der Staat aus diese Be
drngung nicht eingeht, scheint man die
Auflösung deS GvmnafiumS zu beab
sichtigen.-
Prodwz Sachsen.
JnNordhausen wurde der Kauf-
mann Hermann Eohn in seiner Wob
nung, Rautenstraße 8. als Leiche vorae-
funden. Er hatte sich aus einem Stück
asroyr kunstgerecht erae Wafte ver
fertigt, und sich mit derselben einen
tödtlichen Schuh in die Schläfe deiae
bracht. Der Selbstmörder soll sich in
ayrungszorgen Befunden haben.
B den jüngsten großen Gewittern
auf dem Eichsfelde sind, nach den
angestellten Erhebungen, 4 Menschen,
600 Schafe, 30 Schweine, 20 Ziegen,
'J arver und erne arotze Menge Ge-
ftugel umgekommen, auch viele Bienen
stöcke vernichtet worden. Der Flur
icyaoen rro aus 00,000 Mark ge-
,czatzt.
Halle. Eine Schenkuna von her
vorragender wissenschaftlicher Bedeutung
hat der hiesige Unioerfitätsprofessor
Freiher v. Frufch dem Mineralogischen
ein - - r . sts. e vf n .
u;eueum gemacht. ')iezeloe besteht rn
einer Sammlung von Versteinerungen
lm Werthe von 50,000 Mk.
Rheinprodwz.
Erefeld. Vom 11. bis 12. August
findet hier der zehnte deutsche lerzcher-
Eongreß statt. Der deutsche Fleischer
Verband, der jetzt über sünfzebntausend
Fleischer vereinigt, gehört zu den größten
gewerblichen Bereinigungen Deutsch
lands. Mit dem Eongreß ist auch eine
Ausstellung von Maschinen, Gerathen
und Werkzeugen für die Fleischerei,
Fleisch- und Wurstmaaren-Fabrkation
verbunden.
Duisburg. Am 18. v. Mts.
wurde in's hiesige St. Vincenz-Hospital
ein fremder Herr als Kranker gebracht.
Es ist dies ein russischer Officier, welcher
sich unter dem Namen Savin in Paris
aufhielt und unter der Anklage, als
Mitglied der nihilistischen Partei Brand
siiflungen verursacht zu haben, auf An
trag der russischen Regierung von der
französischen Behörde ausgeliefert ist.
Auf dem Transport erkrantte jedoch der
Ossicier so bedenklich, daß man sich ge
zmungen sah, die Reise zu unterbrechen.
unächst wurde der Kranke zu Ober-
hausen untergebracht und dann wurde
durch die Staatsanwaltschaft seine
Ueberführunq in's hiesige Hojpital ange-
ordnet.
Erefeld. In der nächsten Zeit
wird nun doch hier ein Landgericht er
rich.'et werden, nachdem deßwegen eine
Deputation von hier nach Berlin gesandt
worden war.
Westfalen.
Münster. An
i der hiesigen Akade
Semester 449 Stu-
mie sind in diesem
denten rmmatrlkulut, gegen 378 im
Wintersemester. Davon studiren 292
Theologie, 152 Philologie.
Bochum. Hier wurde der städtische
Gas- und Wasserwerksdirektor Windeck
verhaftet und in das Gefängniß nach
Essen abgeführt. Er foll städtische Gel
der veruntreut haben.
Dortmund. Die Theilung des
Landkreises Dortmund in einen Dort
munder und einen Hörder Kreis wird
wahrscheinlich mit der Einführung der
neuen Kreis Ordnung in Kraft treten.
Am Verbandsfest der katholischen
Vereine Dortmunds nahmen wenigstens
25,000 Personen Theil.
Herford. Die Herforder Zei
tung" war vom Besitzer der Stärkcfa
brik zu Salzuflen verklagt worden, weil
sie behauptet hatte, daß die Stärkefabrik
einen gedeimen Kanal nach der Bega an
gelegt habe. Der Verfasser des xü--kels,
Kaufmann Siekmann, wurde zu
einer Geldstrafe von 75 M., der Redak
teur Schroot zu einer solchen von 10 M.
verurtheilt.
Hannover.
Leer. Der ostfriesische Bezirksver
ein zur Rettung schiffbrüchiger war in
diesem Jahre in der Lage, sein 25jähri
ge3 Jubiläum zu feiern. Auf der Ret-
tungsstation Baltrum wurden bislang
17 Personen, Borkum 110, Friedrichs
schleuse 4, Juist 87, Langeoog 44, Neu
harrlingeisiel 17, Nesserland 3, Norder
ney 86 und Sxikkeroog 67 Menschenle
ben aus Seegefahr gerettet. Das macht
im Zeitraum vom 2. März 1361 bis 31.
März 1336 435 Menschenleben, welche
ohne die Anstrengungen der Rettungs--Mannschaften
ihr Grab in den Wellen ge
funden haben würden.
Lüneburg. Am 37. o. fanden
Nachbarn den Salzsieder Hilmer auf dem
Stallboden seines Eigenthums in der
Feldsiraße erhängt vor. Bedeutende
Schnittwunden an Hals und Hand,
welche mit einem in der Nähe cufgefun
denen blutüberströmten Rasirmesser bei
gebracht schienen, lassen darauf schließen.
daß der Lebensmüde ursprünglich eine
andere Todesart gewählt hatte. Fort
währender ehelicher Unfrieden soll das
Motiv gewesen sein. Die Beerdigung
ist indeß gerichtsseitig verhindert wor
den. Schwerwiegende Verdachtsgrunde
haben die Obduktion der bereits ringe
sargten Leiche nöthig erscheinen lassen.
während die Ehefrau des Verstorbenen
m das Untersuchungsgefangmg avge
führt wurde.
(seile. Das von den uaotricyen
Kollegien beschlossene Statut, betreffend
die Erhebung einer Gemeindeabgabe
von Bier, hat die Bestätigung der Mi
nister des Innern und der Finanzen er
halten. Schleswig -Holftetn.
Schleswig. Unter zahlreicher
Theilnahme des Publikums fand hier die
Jahresprüfung der taubstummen Konfir
manden unter Leitung des Probstes
Ziese statt. Jeder Konfirmand erhielt
durch Direktor Engelke eine Bibel über
reicht. Die Taubstummen zeigten volles
Verständniß der Lautsprache, selbst wenn
von übersinnlichen Dingen gesprochen
wurde.
A l t o n a. Kriminalkommissar Engel
nahm in der Friedrichstraße ein förmli
ches Räubernest aus und arretirte da
selbst ein Pärchen, welches aus England
oder Schweden hierher gekommen sein
will. Man glaubt, daß die Arrestan
ten die Leiter einer internationalen
Diedsbande find. Die Zahl der in dem
betr. Hause beschlagnahmten Gegen
stände war eine so große, daß ein Last
wagen auf das Polizeiamt rcquirirt
werden mußte. Mehrere Hundert gol
dene Uhren und eine gleiche Anzahl gol
dener Uhrketten, große Geldsummen
und neben diesen Diebeswerkzeuge aller
Art wurden im Besitz der Arrestanten ge
funden.
Lügumkloster. Die Gründung
einer .Herberge zur Heimath wird beab,
fichtigt. Der Oberpräsident schenkte zu
diesem Zweck 1000 M. aus den Ueber
schössen der LandeSlotterie. ,
Hessen-Nasstu.
Bad EmS. Kaiser Wilhelm ist
im besten Wohlsein zum Kurgebrauche
hier eingetroffen und von den Behörden,
den Korporationen und einer großen
Menschenmenge begrüßt worden. .. Der
Kaiser ist, wie gewöhnlich, im Kurhause
abgestiegen.
Frankfurt a. M. Geaen Ende
der 70er Jahre kam die hiesiae Effekten-
dank durch, den SittlichkeitS Verbrecher
ehrmann um vernähe eme Brerteunrl
lion, dann stahl ein Beamter der Reichs
dank nicht sehr viel weniger, diesem
folgte die berüchtigte Hilfskasse, deren
Macher", der Selbstmörder Hennmg,
eine Reihe von Personen um das Ihrige
brachte, als würdige Genossen schlössen
sich die Gebrüder Sachs an, welche die
Welt um 1,200,00 Mark betrogen,
dann ging dem Hause Rothschild sein
beliebter Herr Wuffert mit über 100,000
Mark durch, dem der kleinere Spitzbube
Rögner mit 20,000 Mark, welche dem
Herrn Sorge gehörten, folgte, und
schließlich folgte Wohlfahrt mit 400,000
Mark, der kleinen Herren Spitzbuben
nicht zu erwähnen. Man darf wohl
ruhig behaupten, daß in Frankfurt in
dem Zeitraum von etwa zehn Jahren
mehrere Millionen Mark defraudirt
worden find.
Könizreich Sachsen.
Grimm. Der Prinz von Weimar,
welcher zur Zeit ais Premier-Lieutenant
bei den Hufaren steht, wurde am ersten
Pfingstfeiertage von seinem Pferd recht
eigenthümlich überrascht. Es sprang
plötzlich mit den Vorderküken in das
Schaufenster eines KaufmannsladenS
I c . V
und richtete daselbst unter den auSgeleg-
ten Waaren, Kaneebuchsen, Sensbuch
sen u. s. w. eine gräuliche Verwüstung
an. Der Reiter blreb unverletzt dessen
Tasche aber blutete stark.
Freibera. Das Unterschlagen
amtlicher Kassengelder scheint neuerdings
rn Sachsen epidemisch geworden zu fern
Eine kürzlich vorgenommene Revision
der ttadtlschen Katten hat ein nicht unbe
trächtliches Deficit von mindestens 10.000
Mark ergeben. Der Kasiirer Traaer
der sofort aefänqlich einaezoaen wurde.
hat bereits gestanden, daß er sich seit
1880 zu wiederholten Malen habe Unter
schlazungen zu Schulden kommen lassen
Dresden. Aus der Uebersicht der
Ergebnisse des Heeres - Erganzungs
Geschäftes für 1885 sind bezüglich deS
12. lkomallch sächsischen) Armee-Korps
feigende Daten zu entnehmen: In den
alphabetrschen und Restanten-Lrsten wur
den 81,676 Personen geführt. Davon
wurden 6.609 eusaemustert. 477 der
Ersatzreserve I., 6,133 der Ersatzreserve
II. überwiesen und 9,445 ausgehoben.
Ueberzählig geblieben sind 797, sreiwillig
traten ein 1.117: 98 wurden ausae
schlössen. 25.791 ,urückaestellt. 24.251
sind anderwärts oestellunaspflichtiq qe
worden. Wegen unerlaubter Auswan-
deruna sind 353 verurtheilt, gegen ae
nau die gleiche Zahl schwebte am Jahres-
schlug noch die Untersuchung.
Thüringische Staaten.
R ud o lst ad t. Ein furchtbares Ge-
witler verheerte am 27. Juni einen Theil
des östlichen Thüringens, sowie des an
grenzenden Voigtlandes. Im oberen
.chroarzathal ging ein Wolkenbruch nie
der und riß Brücken, Stege und Scheu-
nen hinweg. In Barenlohe der Bad
Elster traf der Blitz drei Personen, von
denen die eine, ein :unqer Mann von 18
Jahren, todt blieb. Sei Tagen regnet
ls fast unaushorllch rn Thüringen und
Voigtland, und die Heuernte rst rn grön-
ter lLesayr, vernichtet zu werden.
Weimar. Der Uhrmacher Raun
dorff aus Belgien, welcher lebenslänglich
behauptete, der Sohn Ludwigs XVI.
von Frankrrich, jener kleine Dauphin
von FrankrerÄ zu sein, der erst rm Tem-
pel cefangcn gehalten, dann dem Schuh
macher imon in Pflege gegeben wurde
und bei diesem in Folge der schlechten
Behar.dung starb, hinerlreß einen Sohn,
der sich Naundorf de Bcloedere naniit,
dieser Tage in Jena starb und in Goiha
durch Feuer bestattet wurde.
Zu E i s e n a ch waren ,anr 23. Juni
auf dem 14. Deutschen Aerztetage 139
Vereine mit 7,506 timruen durch 93
Delegirte vertreten.
Freie Städte.
Hamburg. Der Senat hat bei
der Bürgerfchaft zur Erbauung neuer
Volksschulen den Ankauf eines Platzes
an der Vierländer Straße beantragt.
Es soll dort die Erbauung von zwei
15klassigen Volksschulen mit gemein
schaftlicher Turnhalle erfolgen. Die
Kosten für Platz, Bau und Ausrüstung
sind auf 310,500 M. berechnet. Ferner
soll für 76.000 M. ein Platz an der
Hammerlandstraße ebenfalls für eine
neue Volksschule erworben merden.
Bremen. Auch unsere Stadt hat
jetzt ihren Maurer st i ke gehabt. Nach
fruchtlosen Verhandlungen mit den Mei
stern hatten die Gesellen an die Erstge
nannten ein Ultimatum gesandt, in mel
chenr ein Minimallohn von 40 Pf. pro
Stunde und ein Normalarbeitstag für
den Sommer von 10 Stunden verlangt
wurden. Die Meister sollten sich bis zum
anderen Tag zustimmend erklaren, widri
genfalls die Arbeit eingestellt würde.
Nur 12 zur hiesigen Bauhütte gehörende
Meister lehnten die Forderungen, ab,
worauf die bei diesen Meistern beschäftig
ten Gesellen die Arbeit niederlegten.
Unter dicsrn Gtstllen befanden sich auch
die bei den Frcihafcnbauten beschäftig
ten, wodurch dies: Bauten in's Stocken
geriethen, jedoch nicht auf lange Zeit, da
schließlich auch die 12 Jnnung?meister
aus die Bedingungen der Gesellen ein
gingen.
Oldenburg.
Oldenburg. Die Lokomotivfüh
rer unserer Eisenbahn begingen hier
kürzlich die Feier des Tages, an dem vor
20 Jahren die erste Lokomotive auf der
oldenburgifchen Bahn gefahren ist. Zu
der Feier, die durch Konzert und Ball
im Hotel zum Lindenhof" abgehalten
wurde, waren auch sämmtliche übrige
Beamten der Bahn eingeladen.
Delmenhorst. Eine der populärsten
Personen unserer Stadt, Major a. D.
Herze, ist in Folge eines Schlaganfalls
plötzlich gestorben. Heve hat seit einer
langen Reihe von Jahren hier als
Pensionär gelebt, wobei er seine Muße
stunden großtentheils öffentlichen Ange
legenheiten widmete. Besonders viel hat
er in der Fürsorge für die Armen ge
leistet. Meölenlurg.
In Gülze bei Boizenburg grassiren
die Scharlach friesein in so hohem Grade,
daß die Schule daselbst hat geschlossen
werden müssen.
In Jürgenshagen zerstörte ein
Brand elf Gebäude. Aufgegangen in
dem Wagenschauer des Erbpächters
Steinbeck, von wo aus er sich auf das
Erbpachtgehöft des Erbpächters Thielke
verbreitete. Der ölte, gebrechliche Alten
theilsmann F. Thielke wurde beim Ret
ten seiner Sachen unter dem niederstür
zenden Dache begraben und seine Leiche
konnte nur in verkohltem Zustande aus
dem Schutt hervorgeholt merden.
vranschvelg. Lippe.
Braunschweig. Der Regent, der
zur Erledigung von Regierungsgeschäf
ten aus kurze Zeit seinen Sommerauf
enthalt in Schloß Kamenz unterbrach
und hierher kam, hat während dieses
VerweilenS in unserer Residenz auch
das von Stadtbaurath Winter ent
worfene Projekt der Wiedererrichtung
der Bnra Dankwarderol 'genehmigt
Die Burg wird demnach nclliiändiz ab
WVZD DCumaq uvuanorz
atbxa&m und- ank den Uten Grund-
mauern genau wieder so aufgebaut wer!
'
nnn mi.nrr i airtnmttTiT irr
den. wie sie zur Zeit Heinrich'S dei
Löwen bestanden hat. Tie Kosten deS
ganzen Baues sind auf 240,000 M. ver
anschlagt. j ;
D e t m o l d. In Folge der Zwiftig
keiten zwischen Bürgermeister Petri und
der freiwilligen Feuerwrhr wird die
Regierung einen eigenen sachkundig
Brand Direktor für unsere Stadt an.
stellen, welcher das Koormando über
beide Wehren, die städtische und die frei
mrllrge, die ftch reorganrstren mrrs zu
führen, hat.
Sroßherzogthn i'?eZs.
Mainz. Em IS Jahre alleS, aus
Ockenheim gebürtiges Mädchen Namens
Lautzon (Janion?), das im Dienst einer
biengen Familie stand, ftstttte sich mit
dem kleinen Kinde ihrer Herrschaft in
selbstmörderischer Absicht rn den Hasen.
Beide, Kind und Mädchen, wurden
jedoch noch lebend aus denr Wasser ge--zogen.
Wie die Lautzon angibt, habe sie
auS Lebensüberdruß Selbstmord begehen
wollen, das Kind aber so gern gehabt.
daß sie dasselbe mit den Tod habe neh-
men wollen.
Gießen. Ja letzter Zeit sind och
weitere 13 Studenten an unserer Hoch
schule immatrikulirt worden, so daß sich
jetzt definitiv die Zahl der immatriculir
ten Studenten, auf 513 beläuft, von
denen 419 auS dem Großherzogthum
gebürtig sind. Außer diesen besuchen
noch 1 1 nicht immatrikulirte Hörer die
Vorlesungen. Die sertherrge Herberge
.Zur Heimath- wurde sür 35,000 M.
an den Wirth Thoma verkauft.
Ladern.
München. Am Freitag den 25.
Juni fand in Schloß Berg durch das
Marschallamt, den Oberstaatsanwalt
und den Oberamtsrichter Jehle die
Jnventuraufnahme statt. Dabei san
den sich in verschiedenen Schub
laden und Fächern eine erstaunliche
Menge von Brillanten und anderen
Edelsteinen, Ringen, Busennadeln,
Uhren, Ketten und anderen Pretiosen,
welch einen sehr beträchtlichen Werth
haben. Die Kommission glaubt daß sich
in Linderhof, Schwanstem und den ande
ren Schlössern ebenfalls Mengen solch
werthvoller Gegenstände vorfinden wer-
den.
Augsburg. Die förmlich organi
sirt gewesene Räuberbande Speth und
Genossen, welche mehrere Straßenraub
anfalle in der Gegend von Dachau und
Brück, eine größere Reihe der frechsten
Elnbruchdrebstahle nächtlicher Weile, rn
der Nähe von Zusmarshausen und Wer-
tingen verübte und nach heftigem Kampfe
mit der Gendarmerre rn einer leerflehen
den Mühle bei Dinkelscherben festgenom
men wurde, ist zur Aburtheilung vor das
am 30. Juni l. I. beginnende Schwur
gericht verwiesen ; für die Verhandlung
waren mehrere Tage in Aussicht ge
nommen. Hüttenheim tUnter franken.) Beim
Abbruch eines dem Andreas Hilpert
(Unterfranken) gehörigen Hauses wurde
eine Schachtel mit alten Münzen im
Werthe von 1012,000 Mark, die
Hälfte in Gold und zwar in 20-Fran?s-stücken
und Dukaten, die andere Hälfte
in Silbermünzen, meistens Kronenthaler
und preußische Thaler, gefunden.
In Nürnberg hat sich ein Eomite
gebildet, welches sich zur Aufgabe macht.
die Fraze der Errichtung eines Denk
mals sür König Ludwig II. im dortigen
Stadtparke zur Verwirklichung zu brin-
gen.
vilreiupsaiz.
S p e u e r. Ein Bild des krassesten
Aberglaubens lieferte die vor der Straf-
kammer rn Zwerbrucken stattgehabte Vcr-
Handlung gegen eine Frau Kath. Bo!t,
die sich wegen Betrugs und gewerbs
mäßiger Kartenschlägcrei zu verantwor
ten hatte. Die Bott hatte u. A. einer
gewissen Elise Sommer vorgespiegelt,
ein Lehrer sei in sie verliebt; als sich
derselbe jedoch anderweitig verlobte, ver
sprach die Bott der s., sie wolle den
schritt rückgängig machen. Einer krank-
lichen Wittwe versprach die Angeklagte
einen Mann zu verschaffen, zuerst mü?se
sie jedoch gesund werden ; nun verschrrzb
ihr die Bott gegen hohes Honorar ein
Recept, wonach 5 Hasen mit Haut und
Haar nebst Honig und Petersilie geröstet
wurden, und dieses rnixtura cornposi
turn wurde von der heirarhslustigen
Wittwe verzehrt. Einer andern Frauen!
person rchwindette die Angeklagte vor.
Äericht und Gendarmerie vanven zu
können, und erzielte damit das Honorar
von 300 Mark. Die Schwindlerin wurde
zu 3 Jahren Gefängniß und 42 Tagen
Hast verurthellt.
Württemberg.
Stuttgart. Nachvem die Klagt
unserer Landwitthe erst kürzlich, nach
wochenlangem Regen, durch Eintreten
trockenen Wetters beschwichtigt worden
waren, ist ein großer Theil des Landes
abermals durch elementare Gewalt ge-
chädiat worden. In den verschiedensten
Landettheilen sind Wolkenbrüche nieder-
gegangen uno haben bedeutende Ver-
heerungen angerichtet. Wie groß z. B.
an manchen Stellen die Gewalt des
Wassers war, geht daraus hervor, daß
in Kocherstetten einem Schäfer gegen 40
Stück Schafe fortgeschwemmt wurden,
während in Michelbach a. d. H. die
Halste einer Gypsmuhle mrt fortgerissen
und in Bächlingen die Stützmauer deS
Schultheiß Stapf'fchen Hauses einge-
rissen wurde; in letztgenanntem Ort
tosten die Wogen rn halber Manneshohe
durch die Straßen. Gleiche Unglücks
botfchaften liefen ein aus : Bissingen u.
T., Großbottwar, Künzelsau, Thalheim
u. a. Xj. m.
Winzerhausen. Die baufällige
Wunnensteinmarte, d. h. die Ruine der
553 abgebrochenen Wallfahrtskirche
zum heiligen Michael auf dem .Vorder-
ople wrrd wieder renoorrt werden, und
zwar bis zu der für 1333 geplanten 500-
ahngen Ermnerungsferer der Dössinger
Cffliant.
Geislingen. Das Städtchen
Weissenstein ist kürzlich einer großen Ge
ahr entronnen. In Folge starker Re-
gengüsse hatten sich nämlich von der hart
über dcm Städtchen liegenden Berghalde
zwer große Felsstucke losgelost, dre plotz
lich mit vonnerähnlichem Getöse in das
Städtchen stürzten. Glücklicherweise
wurde dabei nur die Wand einer Scheuer
durchschlagen.
Laden.
Karlsruhe. In Baden hat sich
AehnlicheS wie jüngst in Bayern zuge
tragen. Nach dem Tode deS Großher
zogS Leopold übernahm sein zweiter Sohn
Friedrich zuerst die Regierung als Prinz
Regent an Stelle seines älteren Bruders
Ludwig, der geisteskrank war. Bei sei
ner Vermählung, September 1856, nahm
der Prinz-Regent mit Zustimmung der
Agnaten die Würde eines Großherzogs
an. Der nominelle Großherzog Ludwig
starb einige Monate später.
Rastatt. Unsere katholische Stadt
kirche, . deren Renooirung rüstig vor
wärt? schreitet, wird auch ein aus 4
Glocken bestehendes Geläute erhalten,
wozu der Großherzog 30 M. gestiftet
hat. Die alte .Johanna, eine Glocke
aus dem Jahre 1450, wird nicht umze
gössen, sondern kommt in den Thurm
der BernharduSkirche.
35
i g J V
I 3ZZ VUU lllllllllvilL.
I W . V ----. i
i - i -
1!
Roman vonHermann Hirschfeld.
(Fortsetzung.)
Der alte Herr zuckte zusammen, wie
von emer schlänge berührt; eS war,
als drohe seine Kraft ihn zu verlassen,
so krampfhaft hielt er sich an dem Ge
länder der morschen' Stiege. Dann
aber richtete er sich straff empor und setzte
fernen Weg fort.
.Ich wru Dich boren,- sagte, er kaum
verständlich.
Anna folgte rhm rn das niedere Zrm
wer, das artmana s MemoenMoe
vorstellte. Ehrenkranz sank, schwer
athmend, auf einen Stuhl. -Er bot ihr
keinen Sitz an; er schien nicht einmal
den Ausdruck der Erschöpfung, der völli
gen Hinfälligkeit Anna'S zu beachten.
Und doch beleuchtete der Schein der-bei
den Talglichte in den Blechleuchtern deut-
lich die Züge der Unglücklichen, die sich
feines Sohnes Wittwe nannte. Nur die
furchtbare Erregung der Nerven hielt
die Arme och aufrecht.
Der Kaufmann war es, der zu reden
begann.-
Anna Werner," sagte er, und hart
und fest, wie eineS unerbittlichen Richters
Wort, der schon im Voraus sein Urtheil
gefallt, , klang sem Ton, .ich richte an
Dich' eine Frage, dieselbe, die ich an
meinen Sohn gerichtet vor wenigen
Stunden, ehe ich wußte, daß heute Nacht
jene Unternehmung stattfinden sollte,
die ohne seine verderbliche Leidenschaft
schon längst hätte gethan sein können,
ohne Verrath und ohne Gefahr.' Ihn
zu schonen, verschob ich die Beantwor
tung; Dir will ich sie künden. Mich
zu überzeugen kam ich, ob es wahr sei,
wag das Gerücht mir zugetragen, ob
mein Sohn einer bäuerischen Crquette
halber, die ihre Netze um ihn gesponnen,
der Ehre, der Interessen seines HauseS,
ja der eigenen Sicherheit vergaß, ob es
buhlerische Leidenschaft war. die ihn hier
an Scharnrode fesselte, eine Ltidenschaft,
der er seinen Tod verdankt 1'
Alter Mann, hast Du nie die reine.
die heilige Liebe gekannt? Hast Du
Deine Leidenschaft und Dein Fühlen
nur mit der Waage des Krämers ge
messen, so hüte Dich, die schönste
Blume zu beflecken, die Gott in einem
Sonnenstrahl aus seinem Paradiese in
unser Herz sandte, daß sie dort erblühe.
Ja, wir hatten uns lieb, höre es,
Thomas Ehrenkranz .... unsere Herzen
fanden sich . frei war meines.
Keinem brach ich die Treue, die ich ihm
gelobte. Und wenn das Band, das uns
vereinte, das geheiligte, unauflösliche
der Ehe, vor der Menschen Augen noch
verborgen blieb, so geschah es deinet
willen, alter Mann .... er wollte mich
bei Dir verdienen, verdienen den Segen
für feinen Sohn. ..."
.Noch einmal diese Worte 1" fuhr
Ehrenkranz jäh empor. Mein Sohn,
mein Franz. des Haufes Ehrenkranz
Stolz und Erbe, der Erbe seiner
Ehre .... er hätte sich vergessen können
und . . . . "
.Vergessen?" Dicht vor den alten
Herrn trat Anna. .Wagst Du, meinen
ehrlichen Namerrzu schmähen, Thomas
Ehrenkranz? so stolz wie Du auf den
Deinen, bin ich auf den meinen. Und
um seinetwillen fordere ich meine Rechte
als Deines Sohnes Wittwe als
Mutter von Deines Sohnes Knaben
.Wär'S wahr wär's wahr?" mur
melte der Kaufmann vernichtet. .Dürste
ich noch jammern über seinen Tod ? Der
Genius der Gerechtigkeit wacht streng
über des Hauses Ehrenkranz unbefleckte
Ehre."
Er hatte sich erhoben, Auge in Auge
standen sich die Beiden gegenüber.
.Beweise!"
.Der Pastor Holm zu Hollcro, der
unlängst verstorben, hat uns getraut.
Die Papiere ruhen auf Franzen's Brust ;
man muß sie bei ihor finden, wenn er sie
nicht Friede Backer übergeben, der Alles
daran gesetzt, zu ihm zu gelangen. Ach,
er versprach, rhn zu retten I "
.Zu retten!" Kurz lachte der Kauf-
mann auf. .Possenspiel! Weint Du,
daß seine Großmutter meinen Sohn dem
französischen Commandanten verrreth tf
Dre Altmarken... sie?" Mit beiden
Händen faßte Anna ihre Stirne. .Gott,
allmächtiger (sott, schütze mich nur vor
Wahnsinn l"
.Rufe sie an, die Gnade des zürnen-
den GotteS, du brauchst es. Die Strafe
folgt dem Hochmuthe, der dich verblen-
bete. Warum wurdest du nicht Friedrich
Becker's Weid? Dein Stolz ließ es nicht
zu, dein hochfahrender Sinn. Ein Kauf
mann mußte kommen, dich heimzufüh
rev, der dich in Sammet und Seide
kleidete. . . und wenn nicht jetzt. . . nun,
ewia konnte der Alte nicht leben, und
! dann ging's in Pracht und Wonne.
Ob's dem Alten recht, was kümmerte es
dich? Waö dich unseres Hauses Ehre?
Nur eine ?orge, das Opfer festzuhalten,
unauflöslich . . . Ehe, Kind. . .dein Sieg
schien vollkommen. Die Kugeln aber,
die durch deine Schuld meines Sohnes
Herz durchbohrten, vernichten deinen
Triumph. Legitim oder nicht, erzwinge
deine Rechte, wenn du eS wagst. Frei
willig gewähre ich nichts. Ich verleugne
dich, und das Kind aus einer Ehe, die
ohne meine Einwilligung geschehen, ist
sür mich ein. . ."
.Franz l'Schütze denen Sohn!" -
So verzweifelnd klang der Aufschrei
Anna's, daß Thomas Ehrenkranz nicht
vollendete. Ein Gefühl wie Furcht be
schlich ihn; der Jammer der von ihm so
hart Gekränkten war so fichtlich, daß er
fast seine Härte bereute. Der Name sei
nes Sohnes weckte mildere Regungen in
seiner Brust.
Nun war eS zu spät mit einer ge
bieterischen Bewegung schnitt Anna ihm
jedeS fernere Wort ab.
.Noch in dieser Stunde," sagte sie,
.gehe ich, mein Kind, das Kind Ihres
Sohnes auS den Händen seiner treuen
Pflegerin in Pollero zu nehmen. Ich bin
nicht ruhig, bis ich es in meiner Obhut
weiß. Drei Tage lang wartet Franz
EhrenkranzensWittwe auf Nachricht, was
ihres Gatten Vater über ihres Kindes
Zukunft beschlossen. Für mich verlange
ich nichts, nicht einmal den Namen, nur
daß dieser Name und seine Rechte Ihrem
unschuldigen Enkel gewahrt bleiben,
wünsche ich. Ist mir in dieser Frist keine
Entscheidung geworden, dann mögen
Hamburg's Gesetze einer Hüfiosen Schutz !
verleihen. .Des HauseS Ehre" ist der
Sinnspruch der Ehrenkranz. Ihr Sohn
hat diese Ehre verpfändet; an Ihnen ist
es, sie einzulösen... Nicht mir ich will
nichts, ich wiederhole es nur sür mein
Kind!"
Sie verließ das Zimmer. Mit Mühe
nur hielt sie sich aufrecht ; die ermatte
ten Glieder drohten ihr den Dienst zu
versagen. Sie schleppte sich vorwärts,
ihrem Häuschen zu, dort mit einigem
für die Wanderung nach Hollero Noth
endige fich zn versehen. Wüst und
wirr schwirrte es ihr durcheinander im
Kopfe; ihr war'S, als ob glühende Koh
len ihr Haupt versengten. Sie wollte
an nichts denken als an ihres Kindes
Zukunft. Wie um die bösen Geister durch
eine Enael deS LichteS u bannen, rief
sie ihre? Knaben liebliches Antlitz vor
ihre Seele aber hinter den reinen Kin
deSt.üaen tauchte das runretrae AnUtS I
der Altmariken rasend und lzobnlachens I
empor; in wechfcndun Reigen starrte
I ö1"' ;uuu n un utui uud vuuigc
rr; v . CT - tz. v. v ir..j:
Gesicht ihres Gatten, vom TodeSkZMpse
I ; " c i rr
i rnifm. rrnn du iüi jjnr DrcanT dii
verzerrt, und an rhr Ohr dröhnte dre
harte, eherne, klanglose stimme seines
Vaters: Durch derne Schuld, durch
deme 2mör
Sie hatte ihr Häuschen erreicht. . Die
alte. Verwandte kam ihr in Todesangst
entgegen und führte die at Zusammen
brechende über Die Vchwelle,
Anna versuchte sich los zu machen.
.Ich bin stark... laß mich... ich muß
fort, mein Kmd von Kollers holen.
Meinen Mantel gib, Muhme, und wecke
L CV -C c r c ä. c. or - -i
den Jakob,, den alten Knecht deS Nach
bars. Ich will ihn bezahlen, daß er mit
geht,. ..gleich... nur einen Augenblick
der Ruhe....
Ohnmächtig brach sie zu den Fasen
der lammernden Alten zusammen.
Ein Wagen rollte eben in scharfem
Trabe an dem Häuschen vorbei. Durch
die Scheiben des kleinen, halb von
Epheu verborgenen Fensters fiel der
l Schein einer Laterne und warf ein Streif
licht über Anna's starres, todtesbleicheS
Antlitz. Es war ein offener Ernspan
mer, von dem Knechte des Wirthes
Hartmann gelenkt. Auf der Bank faß
eine regungslose Gestalt in einem langen
braune Rocke den Casto, Hut über die
trrne gezogen. Das erste Morgen-
dämmern begann; die einzelnen Sterne,
die nach dem Aufhören des nächtlichen
Vturmes dre schweren schwarzgrauen
Wolken des Horizontes zu durchbrechen
gewagt hatten, wurden matt und fahl.
Der junge Tag brach an. der letzte sür
die Firma Ehrenkranz. Der einzige
Vertreter derselben laß wie em dem
Grabe entstieaener Geist hinter dem
mürrischen Kmscher und fuhr der Hei
marh zu, nach Hamburg.
8.
Eine der ältesten Straßen der Hanse
stadt Hamburg ist der alte Wandrahm,
zugleich der Mittelpunkt des kaufmänni
fchen Viertels. Noch heute erheben sich
in jener Gegend, zu der das verheerende
Feuer des Jahres 1343 nicht gereicht,
freilich oft genug von modernen Bauten
unterbrochen, jene alterthümlichen Kauf
mannshäuser, mit ihren weiten, niedern
Dielen, den eben so niedrigen, von
Querbalken getragene Zimmern, die im
Erdgeschosse zu prunklosen Comptoir
Räumen mit ärmlicher, verräucherter
Ausstattung dienten, und in den obern
Stockwerken die nicht viel glanzvoller
ausgestattete Familienwohnung bildeten.
Mächtige Dielen und ein imposantes
Treppenhaus besaßen diese Häuser, hin
ter denen gewöhnlich der meist dreistöckige
Speicher lag, zu dem man auch von der
Elbe durch jene schmalen Canäle, die
Nebenstraßen des mächtigen Stromes,
.Fleethe" genannt, mittelst riesiger
Schuten zu gelangen vermag. Flur
und Treppenhaus aber bildeten eine
besondere Niederlage, und selbst in den
besten Kaufmannshäusern hatte der de-
suchende Gast oft Mühe, sich seinen
Weg zu dem obern Stockwerke zu bah
nen durch Fässer, Kisten und Ballen, die
nur zu häusig durch den Geruch ihren
Inhalt verriethen, inmitten eines kleinen
Heeres von ruckstchislos tragenden, ham-
mernden und lärmenden Speicherarbei-
tern.
Ein solches Haus hatte die Ehre, als
die Residenz einer der solidesten und ge-
diegensten Firmen Hamburg's dem
Fremden bezeichnet zu werden. Die
Ehrenhaftigkeit des Hauses war durch
den Ausdruck: .Gut wie Ehrenkranz'
in der Kaufmannswelt Hamburg's zum
prucyioorie geworoen, uno rein crecrcn
hatte dieselbe getrübt, seit der Vater des
letzigen Ehess dre Firma gegründet;
noch kein Fleckchen hatte das Messing-
Ichlld an der Hauslhure verunrernigt,
deren Flügel gewöhnlich des regen Ver-
kehreS halder weit geönnet waren, und
das mit schwarzer Schrift den Namen
.Ehrenkranz, nicht mehr und nicht we
niger, auf dem ltuchtenden Grunde trug.
Hicr hielt der Wagen. Vom nahen
St. Katharinenthurme verkündete eben
die Uhr die achte stunde durch den
nebeligen, naßkalten Herbstmorgen. Die
Straße war noch still und unbelebt; mit
der neuntcn Morgenstunde pflegt das
eigentliche Geschäftötreiben zu beginnen,
Nur einige Schulkinder, Bäcker knechte
mit rhren Brodkorben auf der Schulter,
hin und wieder ein Spercherarbeiter oder
eine Nätherin, die an ihr Tagewerk in
fremden Häusern erlten, waren zu fehen.
Durch die geöffneten Thüren betrat
Herr Thomas Ehrenkranz das Innere
seines Hauses ; kalt wre aus emem Ge
wölbe wehte ihn die Luft der weiten
Dielean, die, mit Kisten und Fässern
angefüllt, nur cymaien aum zum
Durchgange bot. Vom hintern Hof
räume her dröhnten Hammerschläge;
rveller vernagelten rlesenhaste, zum
Erport bestimmte Fasser. Denr alten
Manne kam es vor, als werde ein Sarg
gehämmert, ein arg sür Haus Ehren
kränz. Keiner empfing ihn, kein freundliches
'tra ! c ...- i
Willkommen ward von einer Seele dem
Heimkehrenden gespendet. Allein! Zum
ersten Male fiel es ihm auf's Herz, fo
fchwer. So lange Franz lebte, hätte er
eine solche Bemerkung als Sentrmenta
lität verlacht, und nun!
Wer sollte ihn empfangen? Die
Wirthschaft besorgte eine alte Haushäl-
terin. die vor ihm gitterte : die Mägde
kannte er kaum dem Namen nach. Seine
Arbeiter 'refpektlrten ihn als Herrn
Ehrenkranz. Herzen hatte er nie ge-
wonnen, auch nie zu gewinnen fich Mühe
gegeben.
Gleich rechts vom Einganze lagen die
Comptoir?. Als er rn den Flur trat.
öffnete sich die Thüre des ersten der ge
fchäftlichen Räume, und Stehn, der I
Comptoirdiener, ein altes Factotum des
Hauses, trat fernem Herrn entgegen.
.Ich war hinten bei Herrn Karker,"
sagte er, gleichsam seine Verspätung ent
schuldigend, .und wischte ab. Wir
meinten, der Herr werde mit dem Boote j
erst gegen Abend wiederkommen.
.Herr Karker ist schon unten?'
.Seit halb acht, es ist Posttaz
heute. Das Alter thut seine Pflicht;
aber die jungen Leute heut zu Tage: der
jüngste Lehrling dünkt sich ein Muster
von Wcrshert. . . . em Muster von Faul-
hert sind die geschniegelten Herrchen
Ehrenkranz hatte kein Ohr für deS
Alten Worte. Er durchfchrrtt den ersten
Raum, der durch eine kunstlose, niedrige
Holzwand rn zwer Halsten aetherlt war.
Die erste war für Brieföoten, Haus
knechte, anfragende Makler niederen
Ranges und andere Personen bestimmt.
die kein Anrecht selbst zu den Vorhallen
besaßen, dre in deS HauseS Ehren krauz
Allerheiligftes führten. Die zweite war !
mit fechs Pulten angefüllt; hrer saßen
drei Lehrlinge und drei junge CommiS in
stummer, rastloser Thätigkeit, in ewiger I
tturchr der Ueverwachung. vioco waren
die harten, lederbezogene Holzböcke un
besetzt; denn erst um neun Uhr schlug
die Stunde der geschäftlichen Pflicht, oe
qann daS Rad der Maschine des HauseS
Ehrenkranz sich zu drehen, einen Tag
wre den andern.
Thomas Ehrenkranz betrat den zwei'
ten Raum, ebenso niedrig uud verräu
chert als - der vordere. AuS ihm führte
ein kurzer, schmaler Gang zu seinem
Prioatcomptoir. Mit Tuch bezogene
Doppelthuren befanden sich diesseits und
jenseits deS Ganges, jedem unberufenen
Ohre hermetisch verschließmd, was im
.uerverrigiren oe vflnl" crganocu
ward.
Auch hier waren drei Pulte leer, sie
gehörten dem höheren Csmptoir-Perfo
nal der Firma. Zu ihm zählte man auch
den jungen Herrn, der erst mit seiner
Majorennität wirklicher - Theilhaber
wurde. Ein zweites Pult für den Sohn
deS HanseS stand jedoch im Privat
Comptoir des Herrn Thomas Ehren
kränz bereit.
Als der Chef 'eintrat, .erhob sich eine
kleine, verwachsene Gestalt in grauem,
fadenfchewignn Rock, den rechten Arm
mit rüaemCalicoAermelder Schonnna
C-rcT r r ,
?"orr vezvgeu. von , eurem 'rcyieM.
I Er legte, eine Berechnung unterbrechend.
I . n r ? r t Vw. r - .
den Gänsekiel auf das Trntenfatz und
wandte in stummer Frage das hagere,
vertrocknete Gesicht mit dem kaum ficht,
baren Kinnbarte, grau und spärlich wie
daS Haupthaar, dem Kommenden entge
gen. war Herr arker, . der alte
Buchhalter deS HaufeS.
Herr Thomas hatte
hinter sich die
trat erdicht an
Thüre geschlossen; nun
den alten Mann heran.
.Karker." sagte er. .ich will nichts
gefragt werden, .... nichts, von Keinem
. . . Sre haben Geoeral-Procnra. ....
re werden mich und deS aufeS lZn
teressen vertrete, bis die Liquidation
desselben beendet ist."
,L auldatron!" Herr Karker ent
färbte sich, als habe der Schlag ihn qe
troffen. .Herr Ehrenkranz!"
Ligurdattonl wiederholte rnrt fester
Stimme der Chef.
.Aber Herr Franz?- Mit diesen
Worten wagte der Buchhalter das Ge
setz stummen Gehorsams seinem Chef
gegenüber zu brechen.
Mern söhn rst todt, dre Fran
zosen haben ihn als Schmuggler diese
Nacht in Scharnrode standrechtlich er
schössen."
.Allmächtrger Gottl".
.Nehmen Sie einen weißen Bogen
und schreiben Sie. wag ich bnen die
tire," fuhr der Kaufmann, trotz Kar
ker's Erschütterung in seiner eisernen
Ruhe verharrend, fort. .Ich unterzeichne
und gehe rn mern Prroatcomptorr,
schriftlich anzuordnen, was ich für Ihre
Instruktion nöthig sinde. Ich habe im
Geiste unterwegs schon alles urecht ae
legt. Sobald ich damit zu Ende, rufe
ich Sie, uud Sie besorgen sofort das
Schreiben, versiegelt, direct an seine
9Ifcrrfl 9sn'ci TCrP PrtrfVrl
Adresse. An's Werk. Karker!
Mrt zitternder Hand ergriff der Buch
Halter die Feder, ein Foliobogen lag be
reitS auf seinem Pulte.
Adresse: An den Fürsten von Eck
mühl."
.Herr Ehrenkranz...."
.Schreiben Sie!"
Schnörkelhaft flogen die gekrümmten
Finger über den Bogen.
Das Haus Ehrenkranz hat sich der
Uebertretung des ContinentalsperrgefetzeS
schuldig gemacht durch den Versuch heim
lichen Elnschmuggelns englischer Waa-
rcn. Der Wohn und Erve, vel der
That gefangen, ist laut Recht deS com
mandirenden Offiziers, ohne weitere
Instanz diese Nacht standrechtlich er
schössen worden. Der Vater und Chef
des HaufeS stellt sich dem Gesetze zur
Verfügung, daS Frankreichs Tyrannei
den Besiegten aufzwingt."
.Herr Ehrenkranz, dieser Brief ist
Ihr Todesurtheil."
Der Chef zuckte mit den Achseln, er
widerte aber keine Silbe. Er nahm die
Feder aus 'der eiskalten Hand des Buch,
Halters und schrieb mit festen Zügen sei
nen Namen. Dann blickte er sich um.
In einem einzigen, langen Blicke um
faßte er die Räume, die ihm ein König
reich gedünkt, in dem er als unum
schränkte? Herrscher gewaltet. Leer und
öle lagen sie vor ihm, ein Bild der Ver
lassenheit, deS Todes. HauS Ehren
kränz war erloschen, ein Grab im
Alten Lande, ein GreiS. der über sich
selber den lebenbcdrohenden Zorn der
französischen Gewalthaber beschwor zu
Ende.
Wie eine überirdische Erscheinung
tauchte in diesem Augenblicke ein rosiges
Kindesantlitz, das seines SohneS Züge
trug, vor rhm auf, zwei werße Aermchcn
streckten sich ihm entgegen wie bittend,
wie Hülfe fordernd
.Nein!"
Der Buchhalter zitterte bei dem AuS
drucke dieses .Nein", mit dem Herr
Thomas die eigene Schwäche besiegte.
Mit einem Gefühle von Grauen und
Bewunderung gemischt, blickte er seinem
Chef nach, als dieser den Gang betrat.
der zu seinem Privat-Comptoir führte.
Franzens Tod bleibe dem Perfo-
nal noch verborgen, bis Sie Ihren Auf
trag erfüllt und ich alle Angelegen
heiten erledigt habe. Bis dahin soll
Keiner mich stören, unter keinem Vor
wände.... Leben Sie wohl, Karker;
Sie dienten treu dem Hause Ehrenkranz.
Es geht nicht unter, ohne bewährte Treue
zu lohnen. Ich gedenke drinnen Ihrer.
sorgen sre, daß es ungestört geschehe,
und seien Sie meines Rufe gewärtig.
Noch ein letztes Neigen des Hauptes
ein entthronter Monarch dürfte so schei-
li v t.i mrr st i. I
dend fernen Vasallen grüßen, und
Herr Thomas Ehrenkranz verschwand
hinter der Doxpelthüre, dre geraufchlaS
zusammenklappte.
Ueber den Gang schreitend, betrat der
alte Herr sein Heiligthum. Es war ein
mittelgroßer halbdunkeler, weil nach dem
Hofe belegen Raum, in möglichst
prunkloser Ausstattung. Zwischen den
Zwei schmalen Fenstern stand deS Han
delSherrn Schrnbpult, ohne jeden LuruS,
aber zweckmäßig eingerichtet; daneben
auf schweren, eisernen Trägern eine rie-
siae grüne, mrt schwarzen EisenbZndern
beschlagene Geldkifte, wie sie damals die
heutigen feuerfesten Schränke vertraten.
v CY-.rA -v r a c. mcj.
Ueber dem Pulte, jeder Zeit dem Blicke
deS auf dem Drehfessel Sitzenden ficht-
bar, hing em mittelgroßes Portrait in
schwerem, vergoldetem, kunstvoll ge-
schnitzte Holzrahmen der einzige
Schmuck des Raumes, der sonst nur
grau angestrichene Lande zeigte. ES
war daS Portrait deS Vaters des jetzigen
Chefs, deS Gründers der Firma Ehren
kränz.
Wohl mochte man eS diesem strengen.
aber Ehrsurcht einflößenden Antlitz zu-
trauen, da? deS HaufeS Ehre die Bast
war, vle lern va'em gereuet, uns vag
auch fein Sohn in diesem Begriffe erzo
gen worden war. Jahre lang, noch bei j
Lebzerten des alten Herrn, hatte das
Portrait über Herrn Thomas' Schreib
trsch gehangen; ihm galt deS Kaufmanns
erster Blick, wenn er Morgens fein Pri
vatcomptorr betrat oder nach längerer
Abwesenheit m jene Raume heimkehrte,
wo der Geschiedene vor ihm geweilt und
sein Geist noch segenbrrngend zu wirken
schien.
Heute zum ersten Male vermied er.
das Auge zu dem Bilde zu erheben. Er
fühlte nur zu wohl die Einwirkung der
furchtbaren Erschöpfung; er fühlte, daß
nur die fieberhafte Aufregung ihn vor
dem Zusammenbrechen bewahrte. Aber
er durfte nicht linken, ehe alleS geordnet.
aZeS vollzogen war, wie er eS beschlossen.
Wer konnte wissen, ob nicht auch ohne
seine eigene Denunction die französischen
ZOeyoroe sein sie Qano uoer in in
ten, ob Manbourg nicht, um sich vor je I
rrt :.c . Ä CÄfc :t . I r
dem Vorwürfe zu irchern, vor fernem Ab
aavae anS Scharnrode das Ober com
manoo von dem Geschehene kenachrich
trat und sich selber dabei als Märtyrer
verwandtschaftlicher Gefühle dargestellt
hatte.
Henri Maudourg l grahenoem ?an
kramxfte sich sein Herz Vei dieser rin
nerunz zusamulen. ' r:3 U:t!,;
von diesem Franken? clke: l.l'A
Familienbande, nichts wz? ivi :
r zwang g zur r:;t
T. er m r r r- c
I--
ccnocr oaii -au lerne mcrt x.ztx
Papier. Bogen auf Bogen füllte f.h
mit der steifbeinigen Schrift ÜeZ, Kauf
mannes, die jedem Buchstaben gleichen
Raum und gleiches Recht lieh. ein
Mal zitterte die Hand, als er die durch
den Tod seines Sohnes verursachte
LiquidationSacte schrieb.
Dre Aenderung ' serneS TeIamenteS.
I . . . . Z"'
die nun nothwendig geworden, und daZ
Gesuch, die Leiche seines SolzneS nach
Hamburg bringen zn lassen, verschob er,
bis er Gewißheit haben würde, wie er
mit den französischen Gerichten stand,
und welche Geldbuße man ihm aufer
legt. Daß, selbst im schlimmsten Falle,
man ihm zu allen Formalitäten Zeit las
sen würde, dünkte ihm selbstverständlich.
DaS Wichtigste geschehen. Bis zum
Umsinken erschöpft, fiel Thomas Ehren-
kränz gegen die Holzlehne seir.es Dreh
sesselS. Aber er durfte noch nicht rasten ;
er raffte sich empor und zog zwei Mal
den wollenen Glockenstrang neken feimm
Sitze. Es war das Zeichen sür Herrn
Karker.
Im Nu war der Gerufene zur Stelle.
Die kleine, verwachsene Gestalt schien
durch deS Kummers Last noch vertrockne
ter und gebeugter.
.Ist da Personal da. Karker?"
.Um zehn Uhr, Herr Ehrenkranz?"
fragte der Buchhalter wie erstaunt, daß
eS möglich sei, noch daran zu zweifeln.
.Zehn Uhr," der Kaufmann fuhr über
seine mit kaltem Schweiß befeuchtete
Stirne. .Die Zeit geht schnell, schnell.
Wissen sie, . . . haben sie gefragt oder gar
ne Ahnung...."
.Es scheint, der Kutscher, der Sie ge
fahren, hat mit dun Speicher! beitcr ge
sprochen fiel Karker ein. .Eine ge
wisse Unruhe, nur durch den Respect ge
dämpft, herrscht unter den jurzen Leu
ten. Selbst Herr Helling, der Dis
ponent, ist sehr ängstlich bezüglich der
Folgen für die Glieder eines HaufeS,
das sich der Übertretung eines der
schärfsten kaiserlichen Gesetze schuldig ge
macht."
.Waren sie sonst stolz, dem Hause
Ehrenkranz zu dienen, so mögen sie auch
die Prüfung tragen," entgeanete der
sC&.f Iwll cycM.M V-.fci ....r
Chef herb. .Ihnen droht keine Kugel,
ihre Väter find nicht... Für alles
Andere hafte ich, ich allein... Gehen
Sie jetzt, Karker, und erfüllen Meinen
Auftrag."
.Herr Ehrenkranz, e3 ist noch Zeit.
Wenn Sie abwarteten... oder besser
noch, wenn Sie fliehen wollten..."
.Der Krieger bleibt bei seiner Fahne,
arrer, ich der mernem Hause, so
lange Gewalt mich nicht entfernt, und
selbst dann noch im Geiste. Von der
Minute an, wo dieser Fall eintritt, be
tinnt die Liquidation. Gott besohlen I
tts Sie wiederkehren, soll Keiner zu
mir; ich will, ich muß ruhen."
Er machte eine Handbewegung gegen
den Alten, und Karker ging. Taub für
die Fragen, die in allen Räumen auf ihn
einstürmten, gebeugt, kummervoll ver
ließ er das Haus, zum ersten Male seit
langen, langen Jahren seinem Platz am
wurmstichigen Pult des zweiten Comp
toirS untreu ; ihm war, als trage er sich
selber zu Grabe. Hinter ihm harte Herr
Thomas Ehrenkranz die Thüre geschlos
sen. Jetzt hob er den Blick tu dem ebr.
würdigen Antlitze empor, daS auf ihn
herniederblickte mild und würdevoll zu
gleich.
.Mein Vater." sagte er, darf ich
dir, dem Makellosen, in'S Antlitz schauen?
Gehandelt habe ich, wke deS HaufeS Ehre
eS mir gebot ; sie war mein erstes Gesetz,
deS Herzens Stimme mußte vor ihr
schweigen. Zu hart, ja ungerecht mag
rch gewesen sein; nie aber mischte sich der
Einftuß persönlicher Gefühle in mein
Handeln. Nicht des Gewinnes halber
willigte ich ein, meines SohneS Dasein
der Gefahr auszusetzen ; es war die Kauf
mannsehre, die cS zu vertheidigen galt.
deS freien Verkehr Rechte, die ein Tu
rann beschränken wollte. Und daß eS so
kam, er selber trägt die meiste Schuld,
eS war der einzige trübe Fleck im Dasein
deines Enkels, rergieb, du siehst, ich
habe keine Entschuldigung für ihn! Aber
du zürnst mir nicht, wenn rch ihn beweine.
Ich werde noch Zeit genug dazu haben,
wenn Frankreichs Justiz mit einem Opfer
sich bescheidet. Den Sohn haben sie mir
genommen, mögen sie mir nun auch Leben
und Reichthum nehmen: eines sollen sie
mir lassen bis zum letzten Athemzuge '
dich. Dein Anblick soll mir Kraft und
Stärke leihen, wenn ich ermatte; dich
will ich mit mir nehmen in die Gruft des
letzten Chrfs deS HaufeS Ehrenkranz."
Er rückte einen Stuhl an die Wand
und nahm das Portrait herunter. Sorg
fam löste er das Bild aus dem Rahmen,
so konnte er die Leinwand aufrollen
und bei sich tragen.
Aber ein unerwarteter Umstand ließ
ihn in seiner Beschäftigung inne halten.
Zwischen dem Holze und der Leinwand
or.r . .
ruhte ern Papier, erstaunt zog der
Kaufmann eS hervor. .An einen Ehren
kränz." lautete die Autschrift.
.Deine Hand, mein Vater. ... und so
geheimnisvoll dieser Fund.... Wenn eS
die Erklärung der Sorge wäre, die dei
nen Todeskamps erschwerte. . . .du woll
test mir eine Mittheilung machen, zu früh
schlössen sich deine Lippen. Vielleicht
finde ich hier Licht, kann rächen, wenn
an dir gefrevelt, . . . .vergüten, wenn du
geirrt. . . .Doch nein, vergieb ; nicht feh-
len kannst du, mit deinem Wandel, rein
wie daS Sonnenlicht. Eine Ebre. die
du selber mißachtet, konnte nicht deines
HaufeS erstes Gebot sein, daS erste Ge
1.1 i m.r i ' . .1 .1
bot deines Daseins, deiner Lehre, deinen
Kindern."
(Fortsetzung folgt.
MU
1
Direkte Deutsche SchneUdampsr.
Eider Em Werra Saale
lb, ulda Alter Trave
Zweimal die Woche.
Von Bremen: Jeden Sonnabend und
Mittwoch.
Von New Bork: Jeden Sonnabend
Mittwoch.
Reifezeit zwischen
Bremen und New ?)ork
Neun Tage.
Ueber
1,30,00
Passagiere find seit Entflebung der gesell
schalt in 1857 sicher und gut aus den Dam
fern deS Norddeutschen jloyd znirschen
Deutschland und Amerika befördert worden.
Die SHellapfer d Norddeutschen
LIo?d bieten mit bobttt DkB, vor
licht? etiltto und uSgezei,!,
ter Serpftegnng, sowie durch turze
?!eisedauer eine eomsortadle un be
schleuntgteKeiseseleaenHett naq und
von Deutschland. -
Wegen Preise und Accemodation in srou
schendeck der Kajüte ende man sich cn
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No. 2 Bowling Green, New ?-! !'.
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UND
NEW-YORK!

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