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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, October 22, 1886, Image 3

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ausländische Nachrichten.
SraudmiLrg.
Berlin. Der Polizeipräsident hat
die Genehmlgung zum Bau einer Spree
brücke im Zuge der GotzkowSkystraße
dem für diesen Bau gebildeten Konnte
nunmehr ertheilt. seit einigen icagcn
ist etne reue Psndebaynlmte gesund
brunnen Wedding - Moabit Charlotten
bura in Betrieb gesetzt worden. Die
selbe tat einen so lebhaften Verkehr.
daß die Wagen die Fahrgäste kaum alle
forttuschaffen vermögen. cv Baumei
ster Nettig, der bekannte Begründer des
hiesigen roistensqastttqen Bootvaues,
hat eine ihm von der javanischen Regie
rung angetragene Stelle bei Ausführung
der von Baurath Böckmann in die Wege
geleiteten großen Icegierungsbauten an
genommen und wird bereits im Februar
dorthin abreisen. Er bezieht ein Jahreö
gehalt von 15,000 M. Hier hat er tro-h
aller Erfolge beim Bootsbau ein kleines
Vermögen zugesetzt, da er sich nicht ent
schließen konnte, fabrikmäßig zu arbeiten.
Preuzlau. Auf dem Gut Lud
roigShöhe bei Schmolln ist ein Lager vor
züglicher Kreide entdeckt worden, das sich
über eine Gesammtfläcke von 150 Mor
gen und 70 Fuß Tiefe erstreckt. Dem
Besitzer ist dafür von Berliner uns
Stettins? iiapitcltjun bereits eine Mil
lion Mark geboten rooiden.
Spremberg. Hier haben in der
letzten Zeit mehrfache ,cheunenbrLnde
stattgefunden, die auf Brandstiftung zu
tückzuführen sind und sich als Racheakt
gegen diejenigen Bürger erweisen, welche
seinerzeit bei den sozialdemokratischen
Unruhen der Polizei thätlich Unter
Nutzung gemährten.
Pommern. .
Stettin. Der Gesundh'itSzvstand
in unserem Regierungsbezirk ist äugen
blicklich sehr schlecht. In einer Woche
rourden 744 Erkrankungen an anstecken
den Krankheiten mit 2Ö Todes allen ge
meldet. E ö 3 l i n. Im benachbarten Schreits
taken starb im Älter von 0 Jahren der
Veteran aus den Freiheitskriegen, Alt-
sitzer (ihriit. Ludtkc.
G r e i f e n h a g e n. Im benachbar
ten Woltin wurde der Knecht Kchn von
mehreren Bauernsvhnen lebensgefährlich
gestochen. Drei ter Thänr sind festge
nommen. N e u st e t t i n. Das Kriegsministe
rium hat nunmckr endgiltig verfügt, daß
das hiesige Luniwehr Zeughaus an die
Stadt gegen Preis von 12000 M. ver
kauft werden soll. Die Wittwe 'chub
ring, eine dem Trunk ergebene Frau,
rvuroe vcn ihicm Sehn und dessen Frau
sonne einer Tochter so mißhandelt, daß
sie starb. Die drei Genannten sind ver
haftet. Ostpreußen.
Küssen. Zn Gegenwart des Gene
ral - Supeiiiitendenlen D. Kraus von
Königsberg sowie des Ksnsistorial-Präsi-denken
o. Dölr.bcrg feiert die hiesige
evangelische Kirche i'r vorjähriges Iubi
läum. Memel. Der Kapitän Rob. Rhetz
von hier, der beschuldigt worden war,
sein Schiff .Achilles" angebohrt und
zum Sinken gebrach! zu haben, um die
Versicherungssumme von 24,000 Mark
zu erhalten, wurde khrenvoll freige
sprechen. Brandfälle. Niedergebrannt sind :
in Asrrowischken das Gulögeöäude des
Hrn. Wenghöf', in Freudenberg die
Wirthschaflsgibeude, des Pfarrhofs, in
Fröden die herrschafilichen Wirthschafts
gebäude, bei Heibcrg das Vorwerk des
Apothekers Schnudt, in Luika bei Lötzen
zwölf Gebäude verschiedener Besitz?, be
sonders des Wirths Udali, des Wirths
Tschwikla iinb es Krügers Storch, in
Rdzawen die Gebäude deö Oekonomen
Oegeli, in Negehnen die Gebäude des
Tischlers Freitag und des Müllers Tau
bensee und mehrere Jnsthäuser ;
Weftprrußkn.
I a st r o w. Durch Unvorsichtigkeit
beim Spielen mit Streichhöliern setzte
der ejähriae Sohn des Schuhmachers
Freuer den Stall des Böttchers Geredt
in Brand, verkroch sich dann aus Furcht
hinter ein Faß und verbrannie. Die
hiesigen Handwerkslehrlinae dürfen jetzt
bei Strafe Abends nach 10 Uhr nicht
mehr auf der tri:ße sein.
N e u m a r k. Hier und in der Um
gegend leiden eine große Zahl von Kin
dern an Masern, Brcchruhr und granu
löser Augenkrankheit.
P e l p l i n. Die Regierung hat die
Wahl des Dr. Redner zum Bischof der
Diözese Kulm bestätigt.
Strasburg. Die Leiche des erst
verschwundenen und dann todt in der
Drewenz gefundenen Schuhmachers
Rasmus ist ausaegraben worden, da sich
dcr Verdacht der Vergiftung desselben
erhoben hat.
Posen.
Posen. Am 30. September wird
Erzbischof Dr. Dinder seine feierlichen
Einzug in den Tom von Gnesen halten.
Prinz Edmund Nadiziwill, der be
kannte Vikar von Ostrowo, wirdDeutsch
land verlassen und in ein belgisches
Benediktiner-Kloster eintreten. Der
Magistrat hat die Erhebung eines Markt
standgeldes und eines Kommualzuschlags
zur BrauNeuer einstimmig beschloßen.
Bromberg. Der Stadtrath hat
die Anlegung eines Entwässerungs
Kanals von dcr Artilleriekaserve bis zur
Brühe beschlossen. Im Haus des
Kaufmanns Earl Walle erschoß sich der
Lehrling Henschel von Küstrin; zu
gleicher Zeit ertränkte sich das Dienst
mädchen des Hauses in der Brahe.
jedenfalls stehen beide Todesfälle in
Perbinduug mit einander.
G r ä tz. Der zur Leitung der Kreis
lehrer - Eonferer.z hier eingetroisene
Superintendent Möllinger von Woll
stein starb in Kutzmer's Hotel an einem
H?rzschlag.
UnglücksfLlle. In Jeseritz
wurde der 65jählige Besitzer Kaufch von
einem Bullen gctödtet; ebenso in
Wioska der Sohn des Eigenthümers
Bleschke. In Rakel verunglückte der
Ackerer Stenzel in der Dreschmaschine;
in Rakwitz wurde der Fleischergeselle
Wetzel von Samter durch das Scheu
werden seiner Pferde gegen die Wand
geschleudert und erlitt todtliche Verletzun
gen. Schlesien
Glatz. Beim Brand unseres Rath
Hauses sind leider eine große Menge un
ersetzlicher Akten und Bücher mit ver
brannt. Wolkenöruchartige Regen
güsse haben in der Umgegend großen
Schaden angerichtet.
B r e s I a u. Die hiesige Obst- und
Gartenbu-Ausstellung ist in zufrieden
stellendster Weise verlaufen und hat auch
finanziell ein gutes Resultat ergeben.
Dem Fleischermeister Gottlieb Mücke,
der wegen zu harter Bestrafung eines
Knaben, der ihn mit Steinen geworfen
haben sollte, zu 6 Wochen Gefängniß
verurtheilt worden war, ist vom König
diese Strafe in eine Geldstrafe umge
wandelt worden. Bei Maria-Hofchen
erschoß der Geschäftsreisende H. seine
Geliebte und brachte dann sich selbst
tödliche Wunden bei. Das Mädchen,
welches unbekannt ist unb etwa 20 Jahre
alt war, hatte ein mit O. H. gezeichne
tes Taschentuch bei sich.
Brieg. Im benachbarten Löwen
wurde ein toller Hund getödtet und deS-
halb über alle umliegenden Dorfer die
Hundesperre verhängt.
Freistadt. Der hiesige Postge
Hilfe Koschke ist nach Unterschlagung
amtlicher Gelber fluchtig geworden.
Gleiwitz. Der Barbier Prmß
von hier wurde wegen gefährlicher Ver
letzung seiner Frau zu acht Monaten Ge-
fangntg verurthnlt.
Provinz Sachsen.
Magdeburg. Der Bürgermeister
Born, der seit slnverlerbung der Neu
stadt unermüdlich damit beschäftigt ist,
das städtische Besttzthum an Aeckern,
Wiesen je. vermessen zu lassen, hat da
bei entdeckt, daß von einer benachbarten
grögeren Dorfgemeinde schon vor alteren
Zeiten 210 bis 120 Morgen städtischer
eaer, welche von rbrenr Acrerterrarn
begrenzt wurden, ohne Werteres annek
trrt und seit irner Zeit auch als ihr ver
meintliches Eigenthum in ihrem Nutzen
verwendet worden sind. Ein nicht un-
bedeutender Therl des betr. Areals ri
inzwischen in das Eigenthum des Be
sitzers einer großen Zuckerfabrik überge-
gangen und zum Theil mit Hausern be
vaur. lim rnteren arter Prozen um
dieses Besttzthum steht somit bevor.
Bismarck. Im Gehölz bei Göritz
wurde ein beim Ackergutsbesttzer Schulze
rn Earntz dienendes I9iahriges volm
schcs Madchen ermordet gefunden. Ais
Mörder ist der Schlosser Alfred Pignol
alias Gustav Peglow verbastet worden.
Der Mörder hat seinem Opfer zuerst
von hinten einen Stich mit eurem schar
fen Instrument in dn Hals versetzt,
dann die rechte Halsader durchschnitten
und an der linken Halöseite noch einen
lesen langen schnitt gemacht.
Stendal. Der hiesige Gutsbesitzer
und Pferdedändler Wilh. Kaub wurde
wegen Betrugs flüchtig und auf Veran-
aung unserer Staatsanwaltschaft m
Emmerich verhaftet
Westfalen.
Münster. Auf dem Aegidikirchhof
wurden von Frevlerhand 16 Grabsteine
zertrümmert.
Der hiesige Kaufmann Abr. Hermann
rit wegen seiner geschäftlichen Verdm-
dung mit dem in Hamm verstorbenen
Wucherer Rosenberg verhaftet morden.
Bochum. Der hiesige Pferdehändler
Jsaak Hellbrunn wurde wegen sechzig
Wechselfäl?chungen zu 4 Jahren Gesang
niß verurtheilt.
Herford. Hier foll Anfangs Okto-
der eme Rerchsbanknebenstelle erostnet
werden.
Zwischen hier und Riemsloh wurde
der Kolon Mevernandorf ermordet ge-
funden. Der That verdächtig ist der
Handelsmann Tiemever.
Horde. Auf der Hermannshütte ist
allen Arbeitern eine Lohnreduktion von
15 Prozent angekündigt worden.
Lipp stadt. Im benachbarten Rüthen
wurde rn dre Johanniskirche einqebro
chcn und der Oxferstock entleert. Ebenso
wurden die Kirchen zu Slörmede, Geseke
und Menzel beraubt.
SihcinHrovlNi.
Köln. Kürzlich wurde hier beim
Ausschachten eines Grundstückes an der
Voatei - Straße ein Steinsarq mit
j ernem Schädel, dem Theil eines Schwer
j tes, sowie einigen goldenen, silbernen
j und kupfernen Münzen aufgefunden.
I B a Har am. !le einernte in
! dieser Gegend ist quantitativ sehr unbe
j friedigend ausgefallen. Die Masse wird
i sich auf i gerbst stellen, während die
j Beschaffenheit bei anhaltend günstigem
Wetter eine vorzugliche werden kann.
Barmen. Während eines Aus-
flugs, den ein hiesiger Männergesang:
j verein nach Königswinter machte, sprang
; der Vicepräsident des Vereins auf der
j Rückfahrt in den Rhein und ertrank. Er
hinterläßt eine Frau und fünf Kinder,
j Bonn. Mit Schluß des Sommer-
Semesters haben 392 hiesige Studirende
die Universität verlassen. Man hofft
darauf, daß die Zahl der Neueintretcn
den nicht unter 300 )tin wird.
Duisburg. Unserer Poliiei ist es
gelungen, eine Diebsbande ansfindig zu
machen, welche hier ihren Wohnsitz und
ihre Dicbshöhle hatte. Die meisten der
in letzter Zeit hier, sowie in Hochfeld,
Rheinhausen, Huckingen,Spe!dorf u. s.w.
vorgekommenen zahlreichen Diebstähle
können dieser Bande zur Last gelegt wer-
l den.
Schlekvig-Holkein.
Schleswig. Der Kultusminister
hat auch der hiesigen Regierung die
Verfügung zukommen lassen, daß in der
Provinz kein Lehrer angestellt werde,
welcher nicht die deutsche Sprache in
Wort ' und Schrist vollkommen be
herrscht. Eckernförde. Da sich der Kauf
mann Karl Rathgen geweigert hat, das
Amt eines Stadtraths anzutreten, so
haben die Stadtkollegien beschlossen,
denselben auf 4 Jahre des Bürgerrechts
für verlustig zu erklären und ihn um ein
Viertel stärker zu den Gemeindeadgabrn
heranzuziehen.
Friedrichstadt. Zwischen Erfde
und Bergenhusen ertranken auf der
Heimkehr von Erfve nach Bergenhusen
durch Umschlagen des Bootes Marga-
reihe Muhl, Tochter des verstorbenen
Landmannes Muhl in Bergenhusen,
Wiebke Brühn, Tochter des staveners
Ich. Brühn in Bergenhusen, ucarga
retha Thielsen, Tochter des LandmanneS
Thielfen in Kleinsee und Margaretha
Tbiessen, Tochter des Landmannes Gösch
Thiessen zu Külken an der Sorge. Die
Verunglückten waren resp. 26, 21,
24 und 16 Jahre alt. Die ersteren
beiden waren verlsbt mit den Landleus
ten Claus Thiemann und Heinrich Matz
m Ersoe.
Brandfälle. Es brannten nie-
der in Remmels dasWirthschaftsgebaude
des Oekonom Radbruch, in Preetz sieben
Gebäude, u. A. Driller's Hotel und die
Hauser der Wittwe Von, des Tischlers
Hein. des Tbierates Sievers bei
Schleswig das Gewese des Gastwirths
Nissen vom Jägerkrug, wobei der Knecht
Peter Thomsen verbrannte ; in Sterup
wurde das Gewese des Hufaers A.
Thomsen bis auf den Grund durch Feuer
zerstört.
Hannover.
Vurgdorf. 3t entmeister Schade,
der vor sechs Wochen fuspendirt worden
war, wurde verhaftet, aber bald darauf
wieder entlassen. Wahrscheinlich stand
die Verhaftung mit den Aussagen des
mit Beginn dieses Jahres unter Hinter
lassung bedeutender Kassendefekte flüchtig
gewardenenVollziehungsbeamtenAhrens,
der wieder ergriffen ist und sich in Hil
desheim in Untersuchungshast befindet,
in Verbindung.
Geestemünde. Der Marine
matrose Basse, der seit dem 16. Septbr.
bei seinen Eltern zu Besuch war, wird
vermißt und man glaubt, daß ihm ein
Unfall widerfahren ist.
G r o n a u. Der Häusler Dohrmann
Hierselbst wurde in Haft genommen,
weil er versucht hatte, feine Frau zutöd
ten. Er brachte der Frau mehrere Mef
serschnitte am Halse bei und versuchte,
ihr die Pulsadern zu durchschneiden.
Die Verletzte wurde in das Krankenhaus
der Barmherzigen Schwestern gebracht.
St ade. Wegen ungünstiger Kon-
junkturen im GlaSaefchäft ist auf der
Glashütte zu Vrunhausen der Betrieb
eingestellt worden.
Die Stadtverwaltung hat die Eiafüh
rung einer Konsum steuer auf Bier und
Brauntwein beschlossen.
Verben. Das neue Postzebäude
ist dem Verkehr übergeben worden.
Hessen-Nassau.
Casfel.' Noch amtlicher Festftel
luna hatte unsere Stadt bei der letzten
Volkszählung 2623 bewohnte Häuser.
Ortsanwesende Personen überhaupt 64,-
084. davon 3566 Milltarversonen.
Ja unserem Regierungsbezirk existiren
letzt 16 Anstalten für künstliche Frzch-
zucht.
Hier wurde der Philolog Dr. vml
Friedr. Paul Müller aus Schkeuditz we
qen DiebstahlS einer goldenen Uhr zu 3
Monaten Gefangnig verurtherlt
E m S. Mit dem Bau der Drahtseil-
bahn nach dem Malbera soll noch in die-
sem Jahr begonnen werden. Ander Spitze
des Unternehmens stehen Kölner Ge
schästsleute. Frankfurt a. M. Die Main-
stauunqen machen sich für die tiefer gele-
genen Häuser in der Altstadt in sehr un
angenehmer Weise fühlbar, indem da3
Wasser in die Keller eindringt. Wahr
scheinlich muß die Kellersohle der betref
senden Häuser erhöht werden. Die
Herren Steitz und Co. haben die Kon
stablerwache für 766,000 M. ersteigert,
vorbehaltlich der Genehmigung des Lan-
desausschusses.
Man beabnchngt, auch hier nach dem
Vorgang anderer größerer Städte eine
Privatpost in's Leben zu rufen. Für
Briefe ist eine Bestellung allstündlich, für
Packete eine solche je alle zwei Stunden
in's Auge aefant.
Die werthvolle spanische Bibliothek un-
seres verstorbenen Mitbürgers Dr. Lud
wig Braunfels ist vom preußischen Staat
erworben worden.
Köniareiö Sachsen.
Dresden. Gegenwärtig steht es
recht schlimm um die Textilindustrie der
Lausitz. Der in früherer Zeit groß-
artige Export der Eibauer und Schön
bacher Fabrikate nach Amerika und
Australien ist auf Null herabgesunken
und die Orleans-Fabriken sind fast ohne
alle Beschäftigung. Auch rm Lernen-
Handel ist in Folge der großen Ueberpro
duktion eine nicht unbedeutende Herab
setzung der Preise zu verzeichnen gewesen.
Glücklicherweise haben gegenwärtig zahl-
reiche überflüssige Arbeitskräfte bei den
gronen Staats- und Stadtbauten rn
unserer Residenz, sowie auch bei den
Hafenbauten in Riesa Verwendung ge-
funden : im Winter steht aber, wenn die
Verhältnisse sich bis dahin nicht gebessert
haben sollten, ein ernstlicher Nothstand
bevor.
Annaberg. Die Frau des 31
Jahre alten Tischlers Schreiber von hier
machte kürzlich ihrem seit einiger Zeit rn
Leipzlg wohnenden Mann dort einen Be-
such. Dabei unternahm das Ehepaar
eine Kahnfahrt, in deren Verlauf die
Frau ertrank, nachdem das Boot unter-
halb des Brühte" umaeschlagen war.
chrerber ist nun wegen Verdachts, den
Tod seiner Frau absichtlich veranlaßt zu
haben, festgenommen worden.
Bären st ein. Ein, lustiger Krieg"
hat sich kürzlich an der nahen böhmischen
Grenze abgespielt. Einer von hier aus
durch Gendarmerie nach Böhmen dirigir
ten Zigeunertruppe wurde das User
schreiten der böhmischen Grenze ver-
wehrt. Gleichzeitig alarmirte das böh
mische Grenzstädtchen Weipert, um sich
die braunen Gäste vom Leibe zu halten,
ihre Schützen, während man Hierselbst
die Feuerwehr zusammenrief. So stan
den sich zwei feindliche Heere gegenüber.
Glücklicherweise wurde eine Schlacht
zwischen beiden dadurch vermieden, daß
die Weixerter Behörde schließlich von
Prag aus angewiesen wurde, die Zigeu
ncr in Böhmen einzulassen.
Thüringische Staaten.
B e r k a a. I. Die Bahn von hier
nach Weimar ist jetzt so weit fertig
gestellt, daß die schienen bereits bis
nahe an den hiesigen Bahnhof gelegt
zmd, und die Arbertszüze bis dahin ver
kehren. Die Bahn soll noch im Oktober
dem Verkehr übergeben werden.
E t s e n a ch. In sallmannshaun
wurde der Landwirth Wilhelm Rokbach
verhaftet, weil er bei einem Streit mit
feinem Schwiegervater, Jakob Deubner,
diesen mit einem Peitschenstiel so schwer
verwundete, dag kurze Zeit daraus der
Tod des Verletzten eintrat.
Meiningen. Der schon seit lan-
ger Zeit schwebende Beleidiaungsprozeß,
welchen Justizrath Cronacher von hier
gegen den früheren Redakteur der Son-
neberger-Zeitung", Murcken, und den
Kaufmann Samhammer engestrengt
hatte, endete damit, daß die Angeklagten
zu 100 Mark Geldstrafe eo. 20 Tagen
Gefängniß bezw. zu 20 Mark Geldstrafe
eo 3 Tagen Gefängniß verurtheilt wur
den.
Hildburghausen. In Roth
starb der in weiten Kreisen bekannte,
hochbekannte Kantor Eyring, der vor
langen Jahren einmal als scheintod be
graben werden sollte, aber gerade noch
rechtzeitig einen Finger rühren konnte.
Sonneber q. Fabrikant Victor
Escher wurde zu 100 Mark Geldstrafe
verurtbeilt. weil er Kinder unter 14
Jahren länger als 10 Stunden in seiner
Fabrik beschastlgte.
Freie Städte.
Hamburg. Wies. Zt. berichtet.
hatte eine hiesige Dame, die nicht ge
nannt sein will, zur Errichtung einer
Kinderheilstätte in Dühnen bei Curhaven
eine Summe von 360,000 M. gespendet.
Mit dem Bau ist nun begonnen worden,
und soll derselbe so rasch gefördert wer
den, daß das Hauptgebäude noch bis
zum Winter unter Dach kommt. Die
ganze Anlage wird aus drei selDstständi
gen Gebäuden: dem Hauptgebäude, dem
Wnftfitrtpns utiS hpm Tnnhrhmtie hts
stehen, und sind die Baukosten auf
175.000 M. veraufchlagt. Das Kinder-
Hospiz, welches nach seiner Herstellung
420 Kinder aufnehmen kann, soll von
großen Spiel- und Turnplätzen und
Gartenanlaqen umgeben werden. Nach
den Bestimmungen der Schenken wird
das Hosxitz in erster Linie Kinder unbe
mittelter Eltern aus unserem Staalsge-
biete ausnehmen. Der Lotterrekol-
lektor Daniel Pincus wurde wegen Be
truges zu 4 Wochen Gefängniß verur
theilt. Pincus hatte 2 Loose unserer
StaatSlotterie an einen Schweden ver
kauft, von denen das eine mit dem Ein-
fatz, das andere aber mit 2000 M. Ge
winn gezogen wurde. Pincus verschwieg
das dem Schweden und theilte ihm nur
mit, daß eins seiner Loose mit dem klein-
sten Gewinn herausgekommen sn, wofür
er ein anderes Laos anbot.
Oldenlu?.
Damme. Dem hiesigen Elisabeth
Stift wurden von einem Hrn. aus
Rotterdam 5000 M. geschenkt, mit der
Bestimmung, die jährlichen Zinsen des
Fonds zur Unterstützung verschämter Ar
men bei der Aufnahme in das Kranken
hauS zu verwenden.
Oldenburg. Das Ruschmann-
sche WirthschaftSetablissement in Drei
bergen ist von W. DeuS von hier für
34,000 M. angekauft worden. DeuS
beabsichtigt, abgesehen von der Weiter-
sührung der Wirthschaft, dort eine
größere Gärtnerei einzurichten.
LlkSlkkSurg. ,
Gu ström. Der im Jahre. 1875
zum Tode vcrurtheilte und nachher zu
ledenslänaliSer uchtbauSftrafe ver-
urtbeilte 'Cbriiiovb Warnemünde. ver-
suchte im Mai d. I., auS der Straf-
anstatt in Dreiberoea auszubrechen.
nachdem er den Aufseher Rohr nieder
geschlagen und schwer verletzt hatte. Jetzt
wurden nun Warnemünde und ein ar
derer Sträfling Namens Bromorskv,
der an dem Fluchtversuch theilnahm, zu
3 Jahren bezw. 6 Monaten Gefängniß
verurthnlt.
Borzenburg. Das .Wochenblatt
für Boizenburg wird eingehen und an
Stelle desselben ein neues Blatt unter
dem Titel .Elb-Zeitung erscheinen,
vrauschveig. Anhalt. Lippe.
Salzdahlum. Der wegen des
Raubmords an dem Arbeiter Kruse ver
hastete Arbeiter Junemann hat jetzt ge
standen, den Kruse erschlagen und be
raubt zu haben. Er behauptet aber, es
liege kein Mord vor. Nachts sei er mit
dem im Kesselhaus beschäftigten Kruse
wegen eines Tuches rn (streit gerathen,
worauf Krufe nach ihm mit einer Eisen-
stange geworfen habe. Um sich seiner
Haut zu wehren, habe er nunmehr den
Kruse eme Art an den Kopf geworfen
und hn tödtlich getroffen. Daß er sich
dann die Habseligkeiten des Todten,
nachdem er ihn eingescharrt, angeeignet
habe, sei allerdings wahr.
Thedinghausen. Der hier be-
schästigt gewesene SchachtmeisterMafchke,
der zrur Auslohnuna seiner Arbeiter
1000 M. erhielt, hat mit dieser Summe
das Weite gesucht.
Bernburg. Der 89 Jahre alte
Apotheker Krull, früher in Güsten und
Plötzkau, und dessen im 60. Lebensjahr
stehende Gattin feierten das tost der
goldenen Hochzeit.
Brandfälle. Ein Raub der Flam-
men wurden: In Büro die Nebengebäude
des Hcld'schen Gehöfts, in Hahausen
das Anwesen des Halbköthers Wehr-
stedt, in Hinsdorf v. d. H. die Stall-
und Wirthschaftsaebäude des Schuh-
machers Fuchs und in Wülfentrup der
Nolting'sche Hof.
Sroßherzogthum Hessen.
Darmstadt. Was ein geringer
Herbst für unfere Weinbau treibenden
Gemeinden bedeutet, geht aus folgenden
Zahlen bezüglich des diesjährigen Herb
stes der Gemeinde Büdesheim hervor.
Bei dcr jetzt dort beendeten Lese der
Frühburgunder, welche pfundweise an
gekauft und mit 30 M. pro Achse be
zahlt wurden, sind nur gegen 6000 M.
gelöst worden, gegen 6S,000 M. im
Jahre 1384, wo es einen reicheren, aber
doch noch keinen ganzen Herbst gab.
In der Obersörstcrei Mitteldick fand
kürzlich ein förmliches Gefecht zwischen
dem Forstpersonal und Wilddieben statt,
wobei 2 Wilddiebe durch Schüsse ver
wundet wurden.
A l S f e l d. Der dem Trunk erge-
bend Maurer Georg Enders hat lerne
Frau derart mißhandelt, daß der Tod
der Frau bald darauf eintrat. Enders
ist in Haft.
Bin gen. In Rüdesheim findet
demnächst ein DerrticherWembau-Con-
areß" statt. Bei dieser Geleaendeit soll
hier im .Hotel Rochusberz" eine Kost-
probe rheinhessischer Weine veranstaliet
werden, zu welcher bereits gegen 240
Proben aus den besten Lagen Rheinhes
sens angemeldet sind.
Sdern.
München. Bei der blutigen Rau
ferei auf der Nvmphenburgerstraße sind
5 Soldaten verhaftet worden. Die
Hauptattenläier sind 2 Fahrkanoniere,
Zach und Baumgartner, von denen be
fonders der Letztere zuerst den Säbel zog
und den Soldaten Goldbrunner des -2.
Infanterie - Regiments lebensgefährlich
verwundete.
A m b e r g. Die hiesige Gewehr
Fabrik ist mit Anfertigung der Repetir
gewehre für die bcyzrrsche Armee stark
beschäftigt. Nachdem bereits vor länge
rer Zeit die nöthge Vergrößerung der
Arbettsräume vorgenommen und eine
Anzahl neuer Maschinen aufgestellt wor
den, wurde der tand der Arbeiter
nahezu auf 600 erhöht, welche Zahl in
nächster Zeit noch erheblich vermehrt
werden soll.
Cham. Der hiesige Oekonom
Schuhbauer stürzte vom Steg in den
Mühlbach und wurde unter dem lausen
den Rad durchgetrieben. Das Rad
büßte dabei einige Schaufeln ein, wäh
rend Schuhbauer keine ernstlichen Ver
letzungcn erlitt.
Er
a n g e n.
bisher den
Die hiesige Post,
südlichen Flügel des
welche
Bahnhofs inne hatte, wurde in die un-
teren Lokalitäten des Rathhauses trans
ferirt. Der stud. jur. Hans Scherer
und dcr Zollamtspraktikant Andreas
Söldner, welche in einem Zimmer der
Türck'fchen Wirthschaft einen Zweikampf
mit geschlissenen Säbeln aus fochten,
wurden zu je 3 Monat 3 Tagen und die
WirtschaftspächtersehefrauBabetteTürck
wegen Beihülfe zu 1 Monat Festungs
haft verurtheilt.
Laufen. Der Bauerssohn Franz
Felder von Wildshut wurde auf dem
Heimwege von zwei Söhnen des
Schmiedemeisters in Obereching ange
fallen und mit einer Sense derart am
Unterleib verletzt, daß sofort der Tod
eintrat.
Kheinpfalz.
Dörrenbach. Der Urgroßvater
Jakob Hörner feierte hier neulich feinen
90. Geburtstag. Zur Feier begab er
sich auf den Kolmarderg, wo gerade eine
Wallfahrt Statt hatte, und vergnügte
sich dort bei einem guten Schoppen in
lebhaftem Gespräch.
Kaiserslautern. Der Prinz
Regent Luitpold hat bei dem siebenten
Knaben des Zimmermeisters Michael
Weil, Vorstandsmitglied des hiesigen
Ludwigshafen. Für das Trauer
geläute für König Ludwig II. hatte die
Stadtkasse vorschußweife Zahlung ge
leistet, verlangt jetzt aber von der Kul
tusgemeinde Nückersatz. In der Stadt
herrscht sehr reges Leben. Der Jahr
markt brachte taufende von Menschen
hierher, wahrscheinlich aber mehr zum
Biertunken als zum Einkaufen.
Württemberg.
Stuttgart. Ueber unser Thal hat
sich wieder einmal ein furchtbares Ge
witter entladen, das von wolkenbruch
artigem Regen begleitet war. Leider
hat letzterer ein schweres Unglück herbei
geführt. Zwei in einem Kanalschacht
beschäftigte Männer wurden durch die
plötzlich andrängenden Wassermassen
fortgeschwemmt und durch den Kanal
dern Neckar zugeführt. Die Verunglück
ten sind der 18 Jahre alte Arbeiter Sil
ber aus Untertürkheim und der 22jähriae
Huppendauer aus Denkendorf. Die
Leichen konnten bisher noch nicht ge
funden werden.
Die neue Jnfanterie-Kaferne, die den
Namen Moltke-Kaferne" führen wird.
ist letzt fertig gestellt. Bereits mit
Anfang Oktober wird ein Bataillon des
Infanterie RegtS. Nr. 125 nach dem
Neubau verlegt werden, worauf dann
die Kaserne in der Nothebühlstraße nur
noch 4 Bataillone, nämlich das ganze
Gren.-Regt. Königin Olga, sowie ein
Bataillon deS Ins. Regts. Nr. 125,
beherbergt.
Kin Soßn Mlcns.
Rom an von Gerd von Dosten
(Fortsetzung.)
So tief erregt, er war, so vieles ihn
auf ihre Serie zog der klare, nüchterne
Verstand behielt die Oderhand. .Zum
gehermen Emlssair, zum Agitator eigne
' r r r . c i i r i . fr .
icy mrq irrcyr. . . ins ein ein Tca?iGjaTic
ner Mann und habe dem Kaiser Treue
geschworen. Zudem kenne ich die Be
strebungen der Emigration; ich wurde
auf meinen letzten Reisen tiefer darin
eingeweiht, als einst in meiner Jugend
-aus der Ferne. Auch vermag ich das
Getreide jetzt besser zu durchschauen als
damals in meiner Unerfahrenheit. Lassen
wir den Rechtspunkt ber Seite. Auch
abgesehen davon, daß ein großer Theil
der Bewesunospartelnrchtdle Interessen
des Landes, sondern lediglich die eigenen
im Auge hat wie schroff stehen Arrsto-
kratie einander gegenüber, wie versch:e
dene Ziele verfolgen sie ! Wohin soll und
kann ein an sich schon verfehlter, von
vorn yerern zerrinener, verjpunerter
Aufstand fuhren, emer Macht wie Ruß-
land gegenüber, teren Hülfsquellen viel
leicht Niemand von der Reoslutionspar
tei so genau kennt, wie ich? Möglichkeit
des Erfolges könnte nur die größte
Einigkeit und Uebereinstimmung, das
völlige Aufgeben jedes Partcistandpunk
teS geben. Darauf zu hoffen, märe,
Blödsinn oder gänzliche Uakenntniß der
Geschichte, des polnischen Charakters,
politischer Parteien überhaupt. Und
selbst, wenn alle Polen einig waren und
es unter ihnen keinen Verräther gäbe,
selbst dann müßten noch die europäischen
Verhältnisse die Jnsurrection beqünsti-
gen, wenn sie zum Ziel führen follte.
Warum erhob man sich nicht während
des Krimkricges? DieWestmächte hätten
den Aufstand im Rücken des Feindes mit
reuden gesehen und die moralische Ver-
xflichtung gehabt, beim Friedensschluß
die verletzten Rechte Polens wiederher
zustellen. Man sagt: das Land war da
mals erschöpft durch die massenhaften
Verbannungen und Consiscationen im
vorhergehenden Jahrzehnt, es konnte
nicht anfgcrüttelt werden. Wohl. Aber
das ist eben Polens Fluch, daß eS die
beste Kraft zur unrechten Zeit, alfo
fruchtlos verpufft, daß das Herzblut der
Nation, die Blüthe der Jugend in Hirn
losen Verschwörungen vergeudet, hinge
opfert wird, und das Land dann im
günstigen Augenblick erschöpft, zu jeder
Anstrengung unfähig ist. So wird es
auch jetzt wieder kommen, und jetzt
schlimmer als jemals. Bricht der
Kampf aus, so wird eS der furchtbarste,
der sich denken läßt ein Vertilgung-
kämpf, der nur mit der Vernichtung der
fchwächern Partei, d. h. der Polen,
enden kann. Ihn provociren bei den
jetzigen Zustanden Europa s und Ruß
lands erscheint mir als Tollhäuslerei
oder offenbarer Verrath an unserm
armen Vaierlande. Meine Hand soll
dabei nicht im Spiele sein!"
Er war heftiger geworden, clZ er be-
absichtigt hatte.
Rasch erhob sie sich, verletzt, gekränkt.
Ist das Ihr letztes Wort?"
In dieser .Angelegenheit... ja!"
Gewaltsam bemusterte er das Beben
seiner Stimme.
Dann haben wir einander nichts
mehr zu sagen." Sie neigte sich stolz
und flüchtig zum Abschiede.
D doch. . . .doch!" rief er und streckte
die Hand nach ihr aus. So dürfen
wir nicht scheiden. Sagen Sie mir "
Die scharfe Stimme des Grafen Jegor,
der mit zornfunkelnden Augen vor ihm
stand, unterbrach ihn: agen Sie mir
zuerst. ...
Gehen sie, Herr Seniawski! Au
genblicklich!" rief Leokadia gebieterisch.
Er zögerte.
Auch das gewähren Sie mir nicht?
Ich bitte, gehen Si.'! Kein Wort
ich bitte !"
Tief verbeugte er sich und ging.
Lassen Sie mich!" knirschte Jegor
und suchte seinen Arm, den zie umfaßt
hatte, frei zu machen. Ich muß wissen,
was dieler u.'cann, der kunsiige iLalte
meiner Schwester, hier. . . .Ihnen. . . ."
Der Zorn, die Eifersucht erstickten ihn
fast.
,Ah! darum also .darum!" dachte
das junge Mädchen und legte die Hand
auf has klorfende Hcrz, wie um einen
stechenden Schmerz zu unterdrucken.
Mit Anstrengung raffte L'vkadia sich zu-
lammen, zcy tetver wrii ynen lagen.
was wir hier verhandelten. Ich wollte
ihn für die polnische Sache, für die
Freiheit, das Vaterland gewinnen. Ihre
fchöne Schwester hat ihn aber so stark an
das russiche Interesse gefesselt, daß er
mich abwies. Gehen Sie hin, zeigen
Sie mich Ihrem Gouvernement an! ... .
Da liegt die Schleife, die er verschmähte ! "
vt: nlniifit in ,'?5Nikn
Und weitet nichts?" Erleichtert
" . . , ---r--7 "
athmete er auf; seine Stirne glälterte
sich wieder. Er pries den klugen Thad-
däus. der ihm bei Tische einen Wink qe-
geben hatte, daß seine anziehende Ver-
wandte sich vielleicht in den Wintergar-
ten zurückgezogen babe, um ungestört
mit einem Landsmanne zu plaudern.
Limanowicz hatte doch seine Augen, die
nie auf einer Stelle zu ruhen pflegten,
überall glücklicherweise. Erregt, von
Eifersucht gefoltert, hatte Jegor einen
ziemlich stürmischen Toast auf seine
Schwester benutzt, um aus dem Speise
saale zu schleichen.
Wie war es?" sagte er jetzt. Sie
reichen Ihre Hand also nur emem
Manne, der thätig an dem Ausstande,
dem Kriege für Polen Theil genommen
hat?"
Sie machte eine rasche, ablehnende
Bewegung und lächelte bitter. Ich
zweifele, daß e3 irgend Einem der Mühe
werth scheint, um diesen Preis am Auf
stände Theil zu nehmen!" Thränen stie
gen in ihren Augen auf, Thränen des
verletzten Stolzes, des gekränkten Ge
fühls. Um so hochmüthiger warf sie den
Kcpf zurück.
Er fühlte sich wahrhaft bezaubert sn
ihrem erregten Wesen. Schnell die
chleife aufhebend und an seiner Brust
bergend, sagts er bedeutungsvoll: Ich
nehme dieses Pfand auf. und Sie wer
den es dereinst einlösen!"
Sie sah und hörte kaum, verstand wc
nigstens nicht. Es dunkelte vor ihrem
Blick, brauste vor ihren Ohren. Da
rum also. . .darum!"
Schassen Sie mir ein Fuhrwerk!"
sagte sie, einer Ohnmacht nahe und doch
so gebieterisch, daß er keinen Einspruch
wagte und hinauseilte entzückt, da sie
seinen letzten Worten nicht widerspro
chen, seine Voraussetzung nicht abgelehnt
hUe. . ...
Roman war schon vorher sortzesah-
ren, das giuyenoe Antlitz dem erstgen
Winde darbietend, nur zufrieden, daß er
allein war im Schlitten, im Dunkel der
Winternacht. Durch die Stille rings,
wie aus dem Geplauder deS Jswofchnik
mit seinen Pferden klang ihm ein Wort:
Oyczvzna!" Auf dem weißen Schnee
der Straße, wie am sternenflimmernden
Himmel erblickte er das arrmuthige Bild
Leokadia's in der schönen, kleidsamen
Nationaltracht. Und doch er hatte
nicht anders gekonnt.
AuS der Zmujdzka, einer der Straßen
des früheren JudenoiertelS in Wilna,
schritt ein Mann nach dem Kathedral-
platze. Während er dann hier an einem
Hause auf Einlaß wartete, überflog sein
braunes Auge sinnend die Umgebung.
Historischer Boden . hier jeder Fuß
breit! Einst wohnte hier der heidnische
Oberpriester, der Kriwe Kriehweih. Wo
die Kathedrale zu St. StanislauS steht.
flammte auf dem dem Prokuno geweth
ten Altare das heilige Feüer ; dort, an
der Stelle des Glockenthurmes, verkün-
bete der Kriwe dem lauschenden Volke
die Orakel der Gotthnt. Von dem acht
eckigen, in eine Pyramide auskaufenden
Thurme, der aus dem dreizehnten Jahr
hundert stammt, wäh, end die Kirche selbst
nach mehrfachen Bränden zuletzt' in den
ersten Jahren dieses Jahrhunderts wie
der erbaut wurde, schweifte dcr Blick
des ManneS hinüber zu den Bergen,
die auf diese Wiege Lithauens nieder
schauen : der Schloß berg mit seiner Ruine,
der Kreuz- oder Kahle Berg, der BekieSza,
weiter östlich der Gedvminshügel. Wie
der Thurm, den Stephan Batorr zum
Gedächtniß zweier Waffengefährten auf
dem BekieSza errichten ließ, so ist auch
rre Große der Vergangenheit verfchwun
den, nur die Erinnerung geblieben.
Wie Vieles aber anders geworden im
Laufe der Jahrhunderte, nichts oder
wenig war verändert während der nahezu
zwei Decennien. in denen der Ankö mm
ling diese tätte, die Heimath, nicht ge
sehen hatte.
Der Herr ist über Land: er kommt
erst morgen wieder," sagte der Diener.
Diese Auskunft überraschte den An-
dern unangenehm, vielleicht mehr noch
als unangenehm; doch beherrschte er den
Ausdruck semer Zuge. Er wandte sich
udwestlich, nach dem Schloßplatz.
Einen Augenblick war er in Zweifel und
wollte eine ihm begegnende Frau um
Auskunft fragen. Als er ihr j:doch in's
Gesicht schaute, kehrte er sich rasch und
widerwillig ab. Es trug zu sehr das
Gepräge des Lasters, der Verworfenheit,
um ihm Vertrauen einzuflößen. Einige
andere Phustognomren, meist Bekennern
des Mosaismus angehörig, deren Wilna
damals einundzwanziqtauser.d zahlte.
waren ihm gleichfalls nicht sympathisch.
Mehr noch dieser greise Bettler mit dem
bis aus die Brust Herabmallenden Bart
an der it der scmo strane. ein
chneemeißes Haupt- und Barthaar gab
hm etwas Ehrwürdiges aus der
Ferne wenigstens: denn in der Nah:
zeigte das rothe, gedunsene Gesicht, daß
er dem Trunke ergeben sei. Aber nicht
das allein hielt den Fremden vom Fra
gen ab: dies Gesicht war ilv.n kein frem
des. Hastig warf er eine Münze in den
vorgehaltenen Hut. Ueberz-ugt, von
dem Alten nicht erkannt zu sein, und
froh diefer Ueberzeugung, eilte er die
Straße hinauf, welche mit ihren Ver-
anqerunqen. der Großen- und der
Ostrabramskastraße, die ganze Stadt
von Norden nach Suden durchschneidet.
Er hatte sich geirrt. Der Bettler be-
atz noch ein scharfes Auge und war heute
ausnahmsweise nüchtern. Mit allen
Zeichen der Ueberraschurg humpelte er
vorwärts und blickte dem Davoneilenden
nach, dessen ganzes Wesen den Soldaten
verieth, obwohl er Eloilkleider trug.
Dieser stutzte seinerseits, da er gegen
den großen Handkorb erner ältlichen
Wäscherin rannte, welche vor ihm ging.
Betroffen wandte sie sich, schaute in sein
Gesicht und wollte etwas sagen. Mit
einer Entschuldigung war er an ihr vor-
über und bog um die nächste Ecke.
Eine Equ vage mit einem hohen Ossi
zier und einer schönen, blonden Dame
bog in die Schloßstraße ein. Dunkele
Gluth flammte in dem Anilitz der Dame
auf, als ihr Auge die stattliche Gestalt
des Militärs in Civil traf. Dann er
bleichte sie, und auf ihren Ausruf beugte
sich ihr Begleiter vor, hieß den
Jswofchnik halten und sprang hinaus.
Die betreffende Person war jedoch in
dem Gewühl der belebten Straße ver
schwunden. Du irrlest, Alhanasia. Eine Achn
lichkeit täuschte dich. Er wird nicht
hierher kommen."
Ihre Lixve kräuselte sich spöttisch.
Sie sollte irren, sich täuschen? In dieser
Hinsicht jetzt nicht ; wohl einst in
anderer. Ihr schweifender Blick siel auf
den greisen Bettler, der so eifrig in die
Ferne starrte, daß er nicht ein Mal die
Equipage sah. Jetzt gewahrte er sie in
deß und warf sich fast in den Staub nie
der vor seiner Herrin. Sie winkte ihn
hinzu und herrschte ihn an: Wer war
der Mann?. . . Die Wahrheit!"
O Allergnädigste! Gott und die
Heiligen seien meine Zeugen! So wahr
ich selig zu werden hoffe, ich habe dies
mal nichts zu schaffen mit ihm. Sah
ihn zum ersten Mal wieder, seitdem wir
in jener Nacht Alle gefangen wurden. . .
Habe nichts mit ihm zu schaffen."
Du meinst also, es war. . . "
Vielleicht war es auch nicht. . . Herr
Roman."
Sie schnitt seine Betheuerungen. er
stehe mir ihm in durchaus keiner Verbin
dung seit damals, kurz ab, gebot ihm,
zu schweigen, und wandte sich zu ihrem
Gemahl. Nun?" fragten die Augen
mehr als die Lippen.
Du freilich mußt ihn besser kennen
als ich!" war die etwas zweideutige Ant
wort des Obersten Kondratitfch. die ihm
einen zornizen Blick eintrug. Aber laß
uns eilen. Maßregeln zu treffen, daß er
nicht entkommt."
Der Wagen setzte sich in Bewegung;
die Leute, welche schon gaffend stehen
blieben, zerstreuten sich, da Wovtek sich
kein Wort entschlüpfen ließ. Er hatte
vollkommen genug an jener einen Ge
fangenschast, die Herr Roman ihm zuge
zogen hatte.
"Die Wäscherin hatte im Umschauen
den Bettler und die Equipage gewahrt,
auch näher tretend, den Namen verstan
den oder errathen. Sie ging rasch wei
ter, die Straße entlang, auf mehrere
Damen in Trauer kleidun g zu, die aus
der Kathedrale kamen. Ihnen erzählte
sie hastig, was sie eben gesehen habe und
vermuthete.
Eine junge Dame erschrak besonders.
Er? Und die Fürstin! Oder vielmehr
die Frau Oberst Ladrin! Und vollends
der Oberst!" Nach augenblicklichem Be
sinnen traf sie eine rasche Verabredung
mit ihren Begleiterinnen, worauf diese
sich nach Hause begaben. Sie selber
eilte, von der Waschfrau begleitet, nach
der Wohnung des Geheimen Staats
raths Jakimowitsch. Glückicher Weise
war er zu Hause und zu sprechen.
Aber er machte ein äußerst bedenk
licheS Gesicht zu dem, was ihm vorge
tragen ward dringlich, bittend, zuletzt
beschwörend. Da trat ern hübscher, etwa
elfjähriger Knabe ein. Sie flüsterte dem
Varer etwa? zu, und er war überwun
den, nickte Gewährung. Flüchtig, doch
tief bewegt, drückte sie ihm die Hand
und begab sich mir ihrer im Vorzimmer
harrenden Begleiterin hinaus.
Schicken Sie mit auf der Stelle
Bogdan, wir brauchen ihn," sagte sie zu
der Wäscherin.
Bogdan? Um Gott, Fräulein, wag
soll der Junge? Uamöglich kann er
heute... ."
Wie, Sie wollen ihn nicht mitwirke
lassen? Und ich habe auf ihn gerechnet.
Er läuft keine Gefahr.
.Und liefe er die größte! Er gehört
Herrn Roman mit Leib und Seele. Aber
er liegt eben in heftigem Fieberanfall,
kann sich nicht rühren."
Erbleichend blieb sie stehen. Bald
aber beflügelte ihr Fuß sich um so mehr;
brach doch schon die
ApriltogeS herein.
ttuimumiij in
Es war keine überflüssige Vorsicht?
Maßregel, Roman aus dem Hause des
Banquiers SelkonSki zu entfernen und
in nn BuraercenS zu gele.ten. Durch
die elnvrecyenve Dämmerung begünstigt.
geschah es unoemerkt. Er bedauerte.
daß er Leokadia nicht sehen konnte; doch
wäre er bei lSaaerm Verweilen verhaftet
wsrden, wett man rbn gerade hier zuerst
. .
gesucht haben würde.
Da er früher auS Warschau hatte ab
reisen können, als er beabsichtigt, so war
auf dem Bahnhöfe in Wilna Niemand
zu semem Empfange gewesen: er hatte
auch keinen von Denen, die er aussuchte,
zu Hause getroffen. Jetzt fanden sie
irch greßentherlS, schnell benachrichtigt.
zusammen. E.lig wurden die nothwen
digen V.rabredunzen getroffen, haftig
Remakelten ausgetauscht.
Auch in Lithauen breitete der Aufstand
sich weitr aus ; und viele Personen, die
daS Gouvernement für feine Anhänger
hielt, c.er doch ostener Empörung aoge
neigt, jöcderten dieselbe, sogar in der
Hauptstadt deS Landes, unter den Augen
der Regierung, RegierungS-Beamte sel-
der, en weder aus Sympathie für die
national: Sache oder auch aus Furcht
vor dem geheimen Comite.
Ein Paß wurde eingehändigt. Er
durchflog das Papier. Nebst Sohn?
lizo ist mein vöoyn Y"
Schon in dem Wagen, der eben vor-
fährt.
Der Abschied kostete nicht viel Zeit.
Man drückte einander die Hände, und
Roman stieg ein. DaS Gefährt, eine
ohntutiche, setzte sich ,n Bewegung.
jütn rm semeS zugenduchen Bealei
ters streifend, bemerkte er, daß derselbe
zitterte. Freundlich sprach er ihm zu.
suchte ihm Mut ernzuflSLen.
Ich furchte mrch nicht " war die leise.
räum verständliche Antwort.
Roman schaut auf die dunkle Stra
ßen. Sie kamen am ehemaligen Jesuiten
Eollemum vorüber, dem spatern Umoer-
sitatS-Gebäue. Jetzt war dre Hoch
schule aufgehoben und das Gymnasium
zu L?t. Zyann darin etadttrr. Wo wa
ren sie, die vor achtzehn Jahren hier mit
ihm sich zusammen' fanden, beseelt von
dem Gedanken, der jetzt zur That wer
den sollt- ? Todt, in Sibirien, oder in'S
Ausland geflüchtet, der Rest bei dem
Aufstand? thätig oder in russischem
Solde ! Nicht Alle waren den Idealen
ihrer Jugend treu geblieben.
Er halle nicht Zelt und Gelegenheit
gehabt, sich nach Anka zu erkundigen.
Bei ihrem Vater hätte dies am besten
geschehen können; allein er durfte sich
dem alten Trunkenbold nicht anver
trauen, ihm, der ihn und seine Genossen
früher wahrscheinlich an die Russen ver
re.then hatte. Und daß er Leokadia nicht
gesehen !
Die Wache am Thor hielt den Wa
gen an.
Vater, den Paß!" rief eine jugend
liche Stimme. Er mutzte sich zusammen
nehmen, um dem Wachthabenden nicht
ein verwirrtes Gesicht zu zeigen. Jetzt
war ihm alles klar !
Aufmerksam wurde der Paß geprüft
und achtsam in den Wagen hineinge
leuchtet. Es war alles in Ordnung
nicht der leiseste Grund vorhanden, die
Reisenden aufzuhalten. Roch ein Mal
hielt der Visitirende die Laterne hinein:
Roman bezwäng seine Erregung. Der
bildhübsche junge Mensch schüttelte das
lange, braune Haar aus dem Gesicht,
gähnte und streckte sich mit jener Lum
melei, die jenen Jahren vorzugsweise
eigen ist. Dann lehnte er sich in die
Ecke und machte sich's zum Schlafe be
quem. Sein Vater wartete auf die Ab
tertigung. Auch er war ein schöner,
stattlicher Mann; sein Sohn glich ihm
ossendar außerordentlich, wie der Ossi
zier meinte.
Sie durften pasirren. Als sie sich im
Freien, in Sicherheit, oder doch verhält
nißmäßiz sicher befanden, sagte Roman
rasch: um dritten Mal also treffen
wir nächtlicher Weile zusammen! So
lebhaft ich auch wünschte, Sie in Wilna
zu sehen jetzt fürchte ich vor allem,
daß man uns aufhalte, Sie erkenne."
Unbesorgt! Der Paß ist vollkommen
rn Ordnung. Der gute Staatsrath
lohnt, wiewohl spät, die Rettung seines
Sohnes. Aber Sie lassen mir nicht ein
Mal Zeit zu dem Wort, womit ich Sie
früher begrüßte, dem schönsten Gruß,
den e3 geben kann: .Ovczvzna!'"
Er küßte warm die Hand, welche Leo
kadia ihm darbot.
Ich mußte wohl, daß sie kommen
würden, winn eS gilt, Blut und Leben
für die Befreiung einzusetzen, daß alles,
was Sie mir in Petersburg sagten, nur
vom kalten Ver stände eingegeben war,
und nicht aus Ihrem Herzen kam, mel
ches auch unter dem russischen Orden für
das Vaterland schlug!"
Sie war nicht ganz aufrichtig, oder
vielmehr, sie täuschte sich selbst, wie das
warm empfindenden, enthusiastischen
Menschen ost zu ergehen pflegt. Wohl
hatte sie seit ihrer zweiten Unterredung
an seiner Vaterlandsliebe gezweifelt, so
lange, bis die Umstände ihn in ihren
Augen glänzend rechtfertigten und sie
mit so tiefer Reue über ihr Mißtrauen
erfüllten, daß ihr dasselbe unwahrschein-
r: s.iii rx: n. : .... !
litt), unmöglich cr chlen, sie meinte zu
letzt, es sei gar nichr vorhanden ge
mesen. Sie haben vollkommen Recht; in
der andern Voraussetzung irren Sie
dennoch," antwortete er. Noch immer
bin ich der Anficht, daß dieser Kampf
ein Wahnsinn und vielleicht Polens Un
tergang ist; aber ihm mich fernhalten
kann ich nicht, nun er einmal begann
Sie hoffen, wie die Andern auch, daß
uns gehilfen ist, wenn der Aufstand nur
so lange der russischen Uebermacht ge
genüber sich hält, bis die drei Groß
mächte, hauptsächlich Frankreich, Zeit
zur Einmischung hätten. Nun, die Ein
Mischung ist erfolgt: die Noten trafen
in St. Petersburg ein und die Antwort
darauf .... die Antwort ist: General
Murawiew kommt hierher!"
Kaum unterdrückte sie einen Schrei.
Auf Niederlegen der Waffen rechnet
Niemand; das beweisen die Truppen
massen, die auS dem Innern Rußlands
nach den Westgrenzen dirigirt werden.
Ist die Frist der Amnestie abgelaufen,
dann erscheint Murawiew, um den
Brand in Blui zu ersticken, die Jasurrek
rion zu unterdrücken, indem er die pol
nische Nation ausrottet oder doch das
gegenwärtige Geschlecht. Da wir auf
diesem Punkte angelangt waren, konnte
ich nicht länger die russische Uniform
tragen, vielleicht gar gegen meine Lands
leute kämpfen. So komme ich heute,
um das Schicksal meines Volkes zu thei
len, mit ihm unterzugehen!"
O nein! Trotz der feindlichen Ueber
macht wuchs die Insurrektion, die s
klein und unscheinbar begann, beständig.
Ihr Feuer wird das ganze ehemalige
Polen ergreifen. ..."
Und verzehren!" murmelte er.
Und unsere Unterdrücker verzehren.
England und Frankreich werden nicht
müßig zusehen, und die Svmpathie ganz
Europa'S gehört unS."
Mit Svmpathieen allein schlägt man
keine Armeen, eben so wenig, wie durch
Noten Rußland vermocht wird, Polen
wieder herzustellen. Täuschen mir uns
such nicht über die Stimmung der Masse
des Landvolks. Ich war zwar immer
fern von der Hermath; allein es gibt
Dinge, die man gerade aus der Ent
i ucx ccjicn cecsac;t:i und ti-
kennt. Der Bauernstand hat sich 1S30
sehr lau b heiligt er ist jetzt nicht
wärmer geworden. Einzelne, Hinderte,
ja Tausende mögen mit den Sensen kom
men,' die große Mehrheit nicht. Warum
auch wofür sollten sie sich schlagkn?
Etwa für die nationale Idee? Ich
glaube, es kommt viel eher, ie darnals
Galrzrcn. Der Adel allein, rn Par
teien zersplittert, wie er übertieS ist.
. '
iro ocsoc? r.icyk zerrrechen; ein aus
l wärtigeS Heer ebenso wenig. Noten,
- 'ceettngs, etwas eld und einige Frei
nnmge oaZ lst's, waS mir vom Aus
lande zu erwarten habe, und das nützt
uns nichts.' Uebriaens gebe ich auch
nicht viel auf die Freiheit, welche ein
Volk sich rcht selber erringen kann, son
dern durch, fremde Einmischung erhält,
und noch weniger auf das Gedeihen, auf
die fortschreitende Entwickelung eines
solchen Staates.
Warum wollen Sie mir mit dem
Glauben an den Erfolg alle Hoffnung
nehmen? ThrZaea begleiteten ihre
zitternde Stimme. Ich bin dennoch
überzeugt, daß wir uns, wenn wir
einander künftig begegnen, unter ande-
ren, besseren Umständen treffen. Denken
Sie an den Wechsel Ihrer Verhältnisse
zwischen jeder unserer Begegnungen.
Sehen wir uns Ud:r, dann ist ein
großer chrut vorwärts gethan, dann
sind Sie ein berühmter Heerführer und
werden anderer Ansicht sein. Nacht war
es jede Mal; aber erinner Sie sich
I i. i. r t.. v : .
noch, daß am Ufer deS Diepr die
Dunkelheit wich, die Sonne auf
ging? So wird jetzt die Margen
rökhe aufgehen über unser Vater
land, und wenn ich Ihnen wieder nahe
mit der Losungswort : .Orzczvzna",
dann ist eS lichter Tag, überall: um uns,
in uns! Dieser Lenz, der jetzt den
Winterbann bricht, ist zugleich Polens
Frühlina I Ist er und der Sommer dem
Herbste gewichen, dann ist auch die köst
liche Frucht gereift dann sind wir
frei!"
Er küßte schweigend ihre Hand.
Diese Antwort Roman'S genügte Leo
kadia jedoch nicht. Er sollte ihr bei
stimmen, zugeben, daß sie Recht habe.
Sei eS so!" sagte er aus tiefstem
Herzen. Niemand wünscht daS inniger,
als ich; aber ich kann heute nicht mehr
auS dem Grunde, weil ich etwas wünsche,
eS auch hoffen. Lassen Sie sich durch
meine Ansicht Ihre Zuversicht nicht trü
den; ich wollte nur Ihre Illusionen her
abstimmen, um Sie in Zukunft vor allzu
herben Enttäuschungen zu bewahren.
Vor zwei Decennien dachte ich wie Sie.
riß auch Andere zu meinen Idee hin.
Heute kämpfe ich nicht mehr für den Er
folg, sondern um den Untergang, nicht
mehr auS Begeisterung, nur aus Pflicht
gefühl. So lange dre Möglichkeit vor
Handen war, Polen auf andere, fried
liche Weise zu nützen, habe ich eS ver
sucht. Mir graute vor dem namenlosen
Elend, daS nn solcher Krieg mrt sich
bringt .... vor der Verödung und Ver
müftung, , dem Ruin deS Landes. Jetzt,
da er einmal auSgebrochen ist. ... "
Und bei welcher Gelegenheit auSge
brachen? Bei der Recrutirung ! " rief sie
und gedachte jener Nacht, in der sie eine
solche zum ersten Male kennen lernte.
Dieser Anlaß deS AufstandeS allem
sichert ihm nicht nur die Theilnahme und
Sympathie des polnischen, sondern auch
deS russischen Volkes, das unter der
gleichen Barbarei leidet."
Nicht Anlaß, nur (Signal zur In
furrection war die Aushebung. Man
erläßt ein neue, menschlicheres Recruti
rungsgesetz, wie eS übrigens längst schon
beabirchtlgt war, und befriedigt damit
nicht nur daS russische, sondern auch daS
polnische Volk. Sie müssen übrigens
nicht denken, daß der rohe, unwissende
Mensch so empfindet, wie der Gebildete;
die Masse ist nicht so senftdel und zart
fühlend, wie der Einzelne. Ausnahmen
gibt eS freilich, hier wie überall, doch sie
bilden eben nicht die Regel. Betrachten
wir diese AuSyedungen em Yal nicht
vom humanen tandpunkte. sondern
vom historischen, so zeigen sie Rußland
zwar als einen Staat, der hinter der
Civilisation Europa'S zurück ist.. Allein
wie viel ist eS über em Jahrhundert, fett
dem der zweite König von Preußen auf
die eigenthümliche bekannte Weise sein
großes Garde-Regiment recrutirte? Und
noch lange kein Saeculum, da verkauf,
ten deutsche Fürsten ihre Landes linder
regimenterweise an fremde, kriegfüh
rende Mächte! Die englischen Preß
gänge aber reichen in eine neuere Zeit,
reichen in unser Jahrhundert herein.
Und der polnische Adel, der nichts für
seine Bauern that, als sie aussog und
im Laufe der Zeit von Freien zu Knech
ten herabdrückte er sollte Ruß
land diese Weise, seine Armee
zu ergänzen, am wenigsten ver-
argen I Aber ich glaube, gerade, weil
man die Abschaffung dieses Mißbrauchs
in nächster Zeit voraus sah, eben weil
Alexander mit so durchgreifenden Refor
men und in überraschend schneller Weise
vorgeht, darum beeilte sich die Revolu
tions-Partei mit dem LoSbruch."
Leokadia preßte die ande gegen die
brennende, schmerzende Stirne, gegen
daS klopfende Herz, das nicht minder
schmerzte. Sie hatte sich mit so glühen
dem Eifer, so unbegrentterHingebuna
. Sr c .
wie vle meine Polinnen oen patrio
tischen Bestrebungen zugewandt, und
nun wurden diese verdammt von dun
Manne, welchen sie so überaus hoch
stellte, dessen schnelles Enportauchen
auS der Dunkelhe'.t wahrlich deaieS, daß
er Verstand genug habe, um klar zu
sehen, richtig zu urtheilen. Damals,
als sie verletzt und gekränkt im Hotel der
Fürstin von ihm AehnlicheS hörte, ward
sie davon viel weniger ergrissen, als
jetzt, nun er dennoch gekommen war, um
zu fechten, vielleicht zu fallen!. ..Hatte
sie in Wahrheit geirrt, gefehlt, ihr gan
zeS Leben umsonst auf einen Wurf, einen
falschen Wurf gesetzt?
(Fortsetzung folgt.)
ttui dem Gerichtssaal.
Richter: Wegen Ihrer großen Ju
gend will ich diesmal von einer Arrest
strafe absehen!"
Vagabund: Bitte. Herr Richter,
dann sprechen Sie mich gleich ganz frei,
sonst werd' ich das nächste Mal als rück
Lllig behandelt!"
Zr. T). A. Zibbard,
Zahn-LIrzt,
Offtee im Vank.Oebüudr,
HERMANN, MO.
Cd ts3j&a 0e!iß 910.09.
ftS 9tz Fäulnis aikSnchuie
Zlhae klnen zu ihrer natürlich: gsnn auf
blt erden. '
Wein- und Bier.
Oslo o n ,
VL5
Lunch jeden Elfitzvn l
4. Straße, z.' Markt l, GZxzU.
. Herm, Eis.

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