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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, September 18, 1914, Image 6

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Im Kriege.
Roman von C. Vlster.
Capitän Hoffer. der sich schon seit
bem Frieden von Villafranca aus dem
activen Dienst auf sein kleines Gut
, Chateau Pern:tte bei Pfalzburg in
Lothringen zurückgezogen hatte, fchüt
telte mißbilligend sein greises Haupt
'und sträubte den weißen, struppigen
Schnurrbart empor, als er am Mor
gen des sechsten August in dem nach
großen Thaten ausschauendes Jahr
1870 die Straßburger und Pariser
Zeitungen las. , ,
Was ist dir. Henri? fragte die wlir
dige Madame Hoffer und setzte die
Tasse Thee wieder auf den Tisch zu
rück, während Mademoiselle Josephin
Hoffer und des Capiiäns Nichte. Ma
demoiselle Jeanne de Parmentier. mit
ängstlichen Blicken das erzürnte Ober
,haupt der Familie beobachteten. ;
Mit einem kräftigen Wort warf der
alt: Soldat das Zeitungsblatt zur
Erde und erhob sich schwerfällig aus
dein Lehnstuhl, da ihm die österreichi'
schc Kugel von Magenta her noch im
m er Schmerzen und Unbcquemlichkeiien
bereitete. '
Man sollt' es nicht glauben, wet
terte er ingrimmig, wie langsam der
Kaiser manöorirt! Das war doch
soint seine Art nicht! Wenigstens in
dem italienischen Feldzuqe gab er sich
Mübe, seinem großen Oheim es gleich
zu thun. '
Ader was ist denn geschehen,
Henri? -" . ,
Nichts ist geschehen! - Das isis ja :
eben! Stehen da die französischen Ar
meecorps noch immer an Der Saar und
im Tüd-Elsaß und lassen ein preußi-
sck.es Armeecorps nach dem andern
über den Rhein! Sarn bleu! Wenn
der große Oheim uns commandirt
bäit?, ständen wir f f,on längst vor
Mainz.
Sind neue Schlachten geschlagen i
worden?
Schlackten? Borpostengefechte!
Weiter nichts. Die Preußen haben mit ,
großer Uebermacht angegriffen und !
unsere Vorpostenstelluna'en bei Saar- .
brücken und Weißenburg zuriickgewor
fen. Aber ein schlechter Anfang ist's! ,
Weis; der Himmel!
Thäten wir nicht gut. Henri, nach ,
Pfa!zburz zu ziehen? Man kann doch j
nicht wissen, ob die Preußen. . . j
Mille tonai'iTes, Julietta,, du !
setzest mich in 'Erstaunen! Meinst du i
etwa, daß die Preußen hierher nach :
Pfalzburg kommen, und so rasch, daß '
wir uns vor ihnen nicht retten könnten?
Ach nein, soweit sind wir doch noch !
nicht! Da gilt es denn doch zuerst, die ,
französischen Armeekorps im Elsaß !
über den Haufen zu rennen, und Mar- '
schall MacMahon. der Herzog von i
Magenta, unter d.em ich die Ehre hatte,
in Italien zu fechten,, wird den Herren ,
Preußen schon die Wege weisen. Wir j
können ruhig aus Chateau Pernette ;
bleiben, und du, Jeanne, wandte er 1
sich an seine braunäugige Nichte, die 1
lächelnd zu ihm empor sah, du brauchst i
nicht an eine Abreise zu deinen Eltern '
in Chatillon zu denken. Hier bist du'!
ebenso sicher, mein Kind, wie in ,Eha- !
iiuOil., j
Ich hoffe es. lieber Onkel, entgegnen '
das junge Märchen, indem es die orcm "...
nen Augen niederschlug und leicht er- ,
rötlzete. . ' . j
Wenn auch Febler in der obersten !
Leitung unsers Heeres gemacht sein
mögen, fuhr der alte Soloat fort, sich
an dem Ruhm der französischen Arme,
wieder aufrichtend so ist doch der
Kriegsplan gut und unsere Soldaten
sind die tapfersten der Welt! Seht euch
einmal die Karte an!
Seit Ausbrüch der Feindseligkeiten
kam die große Karte der deutsch-fran-zösischen
Grenzlande nicht mehr vom
Tisch des Capitäns, der die Stellungen
der verschiedenen Corps der französi,
schen Rheinarmee mit bunten Steckna
dein bezeichnet hatte und täglich neue
Kriegspläne entwarf.
Die Damen warfen sich halb belu
fügte, halb ärgerliche Blicke zu Sie
wußten, daß der Capitän so leicht nicht
wieder aufhörte, wenn er. einmal- mit
der Entwicklung seiner strategischen
Pläne begonnen, hatte. Aber man
wagte keinen Widerspruch und hörte
geduldig die Auseinandersetzungen des
alten Militärs an. ,.. ."
Hier in Metz, wo 'ich die große Na
del mit dem dicken Kopf eingesteckt habe,
docirte der Capitän. . ist das große
Hauptquartier des Kaisers. Hier bei
Diedenkofen, Saarlouis, St. Avold.
Saarbrücken. SaargemLnd, Bitsch,
Oberbronn, Wörth. Hagenau bis nach
Sicaßburg hinunter' stehen die vetschie.
deren Armeecorps. '. Man concentrirt
sich auf Straßburg zu. geht bei Maxau
üb:r den Rhein, schlägt die süddeut
schen Truppen bei Rastatt oder Karls
rulze, wendet sich dann nach Norden und
rollt die preußische Stellung am Rbein
von der linken Flanke auf. Habt ihr
das verstanden? '
Ja. wir glauben es zu verstehen, lie
ber Henri, entgegnete Madame Hoffer
mit einem leichten Seufzer. Willst du
. aber nicht jetzt deinen Morgenspazier
gang machen? Du hast dich schon ver
spätet. . : .
. Der Capitän sah nach der Uhr. Rich.
tig. rief er, um eine halbe Stunde! Da
will ich nur gleich gehen. Adieu, Kin
der! Zu Mittag bin ich wieder da. Ich
gehe nach Pfalzburg, um zu fragen, ob
Major Tailland, der Commandant.
neue Meldungen von der 'Armee eryat
tcn hat. Adieu Aöleu!
Er bot seiner Gattin die Wange
zum Kuß, streichelte den beiden jungen
Mädchen die Wangen und humpeUe
davon.
Die. Damen athmeten erleichtert
auf. Madame Hoffer klingelte.' daß
der Frühstücksiifch abgeräumt werde.
Ein - kräftig.hübsches Mädchen : in der
kleidsamen ländlichen Tracht des Elsaß
erschien.
Wisse Madame ' schon das Neufchte?
fragte das Mädchen in dem breiten
elsässisches Dialekt, der so große
Ähnlichkeit mit dem Schwäbischen U
sitzt. Nein. Anna, entgegnete Madame
Hoffer freundlich, sich jetzt auch der
deutschen oder vielmehr elsässischen
Sprache bedienend., Ist auf dem Hof
etwas vorgefallen?
Noa. Madame, wer es isch eppes
im Elsaß drunte passirt. De Preißc
han sich wüscht gefochte mit de Fran
zos..
Das wissen wir schon. Kind.
Ja, awer die Franzose han Schlag'
vun de Preiße kriegt.
Es wird so schlimm nicht gewesen
sein.
Awer erscht recht. Madame, erwi
derte das Mädchen eifrig. An die tau.
sig Todte und akdornidetc sollä ge
aalt ban. ,
, Wir werden wohl bald etwas Nahe
res hören. Geh nur an deine Ar
beit. .
Scho gut, Madame. Awer i glaab,
net" daßdae Preiße siegt hawe. Ma
dame, mei Bruder nn mei Cousin
schtehn bei die Cuirassiers, un die werde
dene Preiße schon zeige, wo Barthel
den Moscht holt. Net loohr, Ma
dame? ' Ganz gewiß, Anna. j
Das Mädchen entfernte sich mit ver. j
anüatem Lachen. Auch bei den zurück- !
bleibende,! Damen war durch die Harm
losigkeit des Mädchens die gute Laune
zurückgekehrt.
Unsere Soldaten werden sehr stolz
auf das Vertrauen dieses guten Kin
des sein, meinte Jeanne Parmentier la
chelnd.
Es ist die Stimme des Volkes, enk
gegnete Madame Hoffer. Man hält es
für unmöalick!. daß unsere Truppen
geschlagen werden. Auch die kleinen
Schlappen bei Saarbrücken und Wei- j
tzenvurg konnten das vertrauen ves
Volkes zu unserer Arniee nicht erschüt
tern. Wenn die Armee dieses Vertrauen,
nur verdient. Mama, warf Josephine j
nachdenklich ein. j
Laß diesen Zweifel den Vater nicht i
hören, Josephine. Aber nun wollen
wir uns nicht wiederum in die kriegeri-.
schen Einzelheiten vertiefen. Du woll
test ja heute mit Jeanne einen Spazier-
gang nach der Capelle im Walde bei
Bonne Fontaine machen? Ich rathe
euch, gleich jetzt zu gehen, dann seid ihr
zu Tisch wieder hier. '
Ja. Mama, wenn es Jeanne Ver
gnllgen macht. . . ;
Gewiß, meine lieb: Josephine! j
Komm nur! Wir wollen sofort ge- !
hen.
Die schlanke, brünette Jeanne um'
faßte zärtlich die Schultern ihrer Cou
sine und zog sie mit sich fort. Mit
freundlichem Lächeln sah Madame !
Hoffer den Mädchen, nach, deren ver-!
schiedenartlge Erscheinungen in einem
wirkenden Gegensatz . standen. War
Jeanne schlank und biegsam, von zar
ter Gestalt, ohne dabei schwach zu er
scheinen, so zeigte die weit kleinere Jo
sephine eine gefällige Rundung in allen
Formen, die, den Schmelz der Jugend
lichkit noch nicht eingebüßt hatten.
Jcannes nußbraune Locken und reh
braune Augen bezeugten ihre franzö
sische Abstammung, während Josephi
nens blondes Haar und blaue Augen
das deutsche Blut in ihren Adern' ver
riethen.' In der That war der Capi
tän Henrr Hosser, ebenso wie seine
Gattin, von guter deutscher Abstam
mung, denn die Eltern beider, die
einst in Straßburg ehrsame Handwerke
getrieben hatten, nannten Baden ihre
ursprüngliche Heimath. Aber Mon.
sieur Henri Hoffer hatte feine deutsche
Abstammung ganz und aar veraessen.
seit er vor nunmehr fünfunsvierzig j
Jahren als junger Bursche in die fran i
zösische Armee eingetreten war und sich !
nach und nach durch militärische Streb i
samkeit im Frieden und echte Tapfer-!
keit im Felde vom gemeinen Musketiel j
zum Capitän emporgearbeitet hatte, j
Als alter Troupier der kaiserlichen Ar-
mee dachte er nicht mehr daran, daß!
sein Großvater auf einem Schusterschc-!
mel in Rastatt und sein Vater auf dem j
Schneidertisch in Straßburg gesessen :
hatten. Er war Franzose mit Leib und !
i-eete: er kannte nur ein Land und
eine Armee Frankreich und die kai
serliche Armee, die jetzt endlich die
Scharte vonLeipzig und Waterloo aus
wetzen und Revanche für Sadowa mtf
men sollte. Er lebte und webte in den
ruhmreichen Erinnerungen des franzö
sischcn Heeres, des französischen Kaiser
ichs, der napolconischcn Dynastie.
Alles andere war für ihn nicht vorhan
den. In dieser Gesinnung hatte er
auch seinen Sohn Victor erzogen, der
als Lieutenant bei einem Cuirassier
Regiment stand.
Madame Juliette Hoffer theilte die
Gesinnungen ihres Gatten in Bezug
auf die französische Armee vollkommen,
wenn sie sich auch von den deutschen Er.
innerungen ihrer Familie niemals hatte
vollständig lossagen können. So hatk
sie auch, trotzdem sie fünfzig Jahre alt
worden und mit ihrem Gatten seit
dreißig Jahren im Innern Frankreichs
gewohnt, die Feinheit der französischen
Sprach nicht gelernt. Ihre Aussprache
erinnerte immer noch an den breiten
elsässischen Dialekt, und wenn sie mit
elsässischen Landsleuten zusammenkam,
dann sckwatzte sie nach wenigen Mr-
nuten duncy". als hatte sie ihr ge'.ieb
tes .Straßbura" niemals verlassen.
Sie bewog ihren Gatten auch, nach
Pralzburg zu ziehen und das kleine
Gutchen Perriette zu kaufen., nachdem
der Capitän seinen Abschied aus dem
aktiven Dienst genommen hatte.
Pfalzbura bot sowohl für den Capi
tän wie für Madame Juliette viele An
nehmlichkeiten. Für den Capitän, weil
die kleine Vogesenfestung eine verhalt
mäßig starke Garnison besaß und au
ßerdem vielen cnsionirten alten Offi
ciern der französischen Armee zum
Wohnort diente? für Madame Juliette.
weil Pfalzburg, auf, der Grenze von
Elsaß und Lotliringen liegend, von
Straßburg nicht soweit entfernt war,
daß man dieses, die Heimath Madame
Juliettens, nicht in einigen Stunden
hätte erreichen können. Auch die Herr
liche Umgebung Pfalzburgs, die ro
mantifchen Thaler, die dichten Wälder
der Vogesen. die Schluchten und Fei
en, die rauschenden Waldbache und die
'tillen Wiesen inmitten der mcilenwei
en forsten, bot mancherlei Annehm
ichkeiten sowohl für die empfindsame
Madame Juliette wie für den Capitän.
der trotz seines steifen Beines und der
österreichischen Kugel noch ein eifriger
Weidmann war.' So gestaltete sich das
Leben des würdigen Paares auf dem
kleinenChateau Pernktte am Rande des
schattigen I)l u l;i bonnc I on
win ganz nach Wunsch der wenig an
spruchsvollen Leutchen, bis plötzlich der
Sturm des Krieges in das stille Dasein
einbrach und mancherlei Veränderung,
vor allem aber eine gewaltige Erregung
mit sich brachte, die dem Idyll auf Cha
teau Pernette mit einem Schlage ein
Ende machte.
Man erwartete in wenigen Tagen
den Besuch Victors, der einige Wochen
Urlaub erhalten hatte. An diesen Ur
laub knüpfte sich eine schöne Hoffnung
des würdigen Paares, denn im Süllen
planten sie schon seit langem eine Ver
bindung zwischen ihrem Sohne und
Jeanne de Parmentier. ihrer Nichte, der
Pensionsfreundin ihrer Tochter. Mon
sieur de Parmentier. dessen Eltern in
Pfalzburg begütert gewesen , waren,
wohnte jetzt in Chantillon-sur-Seine
auf einem großen Weingut? mit einem
berrlich gelegenen Schloß, der Heimath
seiner Gattin. Jedes Jahr jedoch kam
er nach Psalzburg. wo er "seine Kind
heit verlebt hatte und noch jetzt ein
Haus und weite Ländereien besaß, die
er in einzelne Pachthöfe zerlegt hatte.
Er galt als ein sehr reicher Mann.
Jeanne und ein fast gleichaltriger Bru
der Maxime, der als Officier in der
Armee diente, waren die einzigen Kin
der. Die Verwandtschaft zwischen der
Familie Parmentier, die von Napoleon
I. in den Adelstand erhoben war. und
den einfach bürgerlichen Hoffers war
kaum nachzuweisen; man sprach davon,
daß ein Monsieur de Parmentier im
Anfang des Jahrhunderts eine Made
moiselle Hoffer in Straßburg geheira
thet haben sollte; Gewisses konnte man
weder auf der Mairie noch in den Kir
chenbüchern Straßburgs erfahren. In
dessen ging aus den Familienpapieren
der Parmentiers unzweifelhaft hervor,
daß ein Herr de Parmentier in der
That vor beinahe hundert Jahren eine
Ehe mit einer Mademoiselle Hoffer ein
gegangen war, und so construirk man
dann eine Verwandtschaft, auf welche
der Capitän undMadame 'Juliette nicht
wenig stolz waren. Als dann ihre
Tochter mit Jeanne de Parmentier im
Pensionat zu Nancy Freundschaft
schloß, begrüßte man dies mit Freuden
und verfehlte nicht, Mademoiselle Jean
ne jeden Sommer nach Chateau Per
nette einzuladen. Jeanne kam gern,
denn einmal liebte sie Josephine Hoffer
zärtlich, außerdem erfreute sie sich stets
von neuem an den romantischen Ber
gen. Wäldern und Thälern der schönen
Vogesen. Auf ihren Vetter Victor war
sie sehr neugierig, denn Lieutenant
Victor besaß bereits das Kreuz ver
Ehrenlegion, das er sich in Africa ver
dient hatte. Diesen Sommer sollte
Jeanne ihn zum ersten Mal sehen, und
nun brauste der Ztriegssturm daher und
vernichtete nicht nur die Hoffnung Ma
dame Juliettens. ihren Sohn nach
jahrelanger Abwesenheit wieder einmal
in die Arme schließen zu können, son,
dern auch den geheimen Wunsch des auf
ihren Sohn so stolzen Ehepaars, eiiu
Verbindung zwischen Victor und Jean-!
ne zu Stande zu bringen. Der Capi- !
tän fand sich rasch mit der getäuschten i
Hoffnung ab. denn die kriegerischen (ix- j
eignisse nahmen sein Interesse vollauf
in Anspruch. Er befand sich fast den
ganzen Tag über in Pfalzburg, dessen
Commandant, Major Tailland, ein
alter Freund und Kamerad von ihm !
war. Als 00 er nom im Dienst gewe
fen, so musterte er alle die Kriegsvorbe
reitungen, in der kleinen Bergfestung.
Er inspicirte mit dem Major die in du
Felsen gesprengten Wälle und Gräben,
die Bastionen und Geschiitzstände. Er
kroch trotz seines steifen Beines mit dem
Jngenieurosficier vom Platz in allen
Casematten und Potcrnen umher, be
sichtigte die Munitions-Arsenale . und
die Voathsschuppen und gab den
jüngern Officieren. die die Recruten
und Mobilgardisten einzuexerciren hal
ten, gute Rathschläge. Capitän Hoffer
war i". diesen Tagen überall zu finden,
wo nur irgend eine kleine Kriegsoorbe
reituna vorgenommen wurde. ?km
Cafe Reunton am Place d'Armes ver
sammelte er stets eine große Anzahl
jüngerer Osficiere um sich, um ihnen
Kriegsgeschichten zu erzählen.
Im Cafe Lobau. wo die ältern in
activen Officiere der Garnison verkehr
ten, hielt er strategische Vortrüge, und
im Hotel Zur Stadt Basel' speiste a
mit den unverheiratheten Officieren
der Garnison zu Abend, um 'Jttmg
leiten vom Kriegsschauplatz zu ersah-
ren. ,'
Kurz, Capitän Hoffer war in diesen
Tagen der beschäftigtste Mensch in
Pfalzburg, selbst Aidc de canip des
Commandanten nicht ausgenommen,
der doch oft nicht wußte, wo ihm der
Kopf stand vor lauter Anfragen, Re
quisitjonen, Instruktionen, Ordres,
Gegenordres, Meldungen und Gegen
Meldungen. Kam nun noch der brave
Capitän Hoffer mit seinen Fragen und
Rathschlägen hinzu, dann konnte der
sonst ziemlich gutmüthige Osficier ein
HucnV mille touuVr'! nicht un
terdrücken, schlug sich seitwärts in die
erste - beste Gasse und verschwand in
das Innere der Commandantur, wohin
ihm selbst Capitän Hoffer nicht zu fol
gen wagte.'
Auch am heutigen Morgen entzog
sich der Commandant dem redelustiaen
Alten durch die Flucht, ihm nur zuru
send:. Keinen Augenblick Zeit, mein
lieber Capitän! Habe drinqend auf
dem Bureau zu thun. Es ist Mel,
dung eingelaufen, daß heute eine Ent
scheidungsschlacht bei Reichshofen ge
schlagen werden soll.
Der Capitän wollte sich noch nach
Einzelheiten erkundigen, aber derCom
Mandant war schon verschwunden.
Mißmuthig begab sich der alte Soldat
in's Cas Runion. wo.er mehrere Of
freiere im einigen Gesvräck vorfand.
Man sprach von einer eben eingetroffe-
nen Bepeiche, welche berichtete, daß seit
frühem Morgen in der Gegend von
Wörth und Reichshofen gekämpft
werde. Einzelheiten über die Kämpfe
fehlten natürlich noch; in gespannter
Erwartung harrte man weiterer Nach
richten. , , '
Capitän Hoffer blieb in Pfalzbura.
ohne an eine Rückkehr nach Chateau
Pernette zu denken. Mit seinen Ge-
danken weilte der alte Soldat inmit
ten der Truppen des Marschalls Mac-
Mahon, der, wie er wohl wußte, in der
Umgegend von Reichshofen stand. Un
ter den Augen des Marschalls hatte er
in vielen Schlachten gefochten, an der
Seite des Marschalls hatte ihn bei
Magenta die österreichische Kugel ge
troffen, und noch immer vergaß er nicht
den Blick, den der Marschall auf ihn,
den an seiner Seite , Niedersinkenden,
geworfen.. Und jetzt kämpfte unter
den Augen des von ihm so hochverehr
ten Generals sein einziger Sohn, sein
Victor. ,
Ah. es würde ein Tag des Ruhmes I
für die französische Armee, für den
Marschall MacMahon und für seinen
loyn werden: - Ehe die' Sonne, die
sich rasch dem mittäalichen'.Punkt des
Firmaments näherte, hinter die waldi
gen Berge der Vogesen versank, würde
sie noch die siegreichen Adler der fran
zösischen Armee küssen, und wie man
einst von der Sonne von Austerltz ge-
sprochen, so wurde man noch in spaten
Zeiten von der Sonne von Reichshofen
sprechen!
Stunde aus Stunde verrann, ohne
daß irgend eine Meldung bei dem
Commandanten eislief. Aber gegen
Abend verbreitete sich ein unklares Ge
nicht von einer Niederlage der franzö
sischen Armee. Niemand wußte, wo
her es gekommen, wer es verbreitet;
aber immer bestimmter lautete es; man
flüsterte es sich anfangs leise zu, dann
sprach man es zaghast aus und zuletzt
rief man es sich laut zu, daß die Armee
MacMahons geschlagen worden sei.
Man blickte sich 'mit besorgten Au-
gen in bie verstörten Gesichter. Die
Officiere eilten in die Cafernen, die
Einwohner Pfalzburgs gingen mit
ängstlichen Gesichtern auf den von der
abendlichen Dämmerung umhüllten
Straßen auf und ab. Ein dumj,fes
Gefühl der Ungewißheit, eme drucken
de Ahnung des nahenden Unheils lag
gleich einer düsteren Wolke schwül und
verderbendrohend auf dem Städtchen.
Vor der Commandantur rottete sich
eine Menschenmenge zusammen; mei-
stens alte penswrnrte Officiere und in
valide Soldaten, aber auch active Of
freiere, Soldaten und Männer, Frauen
und Kinder aus der Stadt. Auch Ca
pitän Hoffer befand sich unter der
Menge. Ingrimmig suchte er den
Leuten klar zu machen, daß das Ge
riicht von der Niederlage der französi
schcn Armee unsinnig sei. Man hörte
nicht mehr auf ihn; man starrte zu
den erleuchteten Fenstern der Com
mandantur hinauf, hinter denenMajor
Tailland mit seinem Adjutanten sowie
dem Artillerie- und Jngeniei-Officicr
vom Platz arbeitete. Man ward nn
geduldig und rief immer lauter den
Namen des Majors. ., Man drängte
gegen die Thür, sodaß der vor dieser
stehende Doppelposten die Bajonette
drohend kreuzte. Die Vorderen wichen
zurück, die hinten Stehenden drängten
vor; ein wildes Durcheinander ent
stand, das in eine Rauferei auszuarten
drohte. 1
Da öffnete sich die Thür der Com
mandantur u'nd Major Tailland, be
gleitet von feinem Adjutanten, trat
heraus. Das schöne soldatische Ant
litz des Majors war tief ernst. Er
erhob die Hand, und tiefes Schweigen
herrschte augenblicklich in der Menge.
Ich 'muß Ihnen mittheilen, meine
Mitbürger, sprach der Major mit weit-
hin schallender Stimme, daß der Mar
schall MacMabon. Seroa von Ma
genta, eine Schlacht ' verloren ' hat.
Ueber die Ausdehnung der Niederlage
habe ich selbst noch keine Meldung.
Ich bitte Euch, Ruhe zii halten. Mor
gen früh werdet Ihr Näheres erfahren.
, Er wandte sich , wieder dem Innern
zu. Es lebe Frankreich !" rief
eine Stimme, und juchzend fiel die
Menge ein. Capitän Hoffer vermochte
nicht mit einzustimmen. C5ine Weile
stand er. vor sich hinstarrend, da; eine
furchtbare Angst vor der Zukunft legte
sich rentnersckwer auf sein tapferes
Herz, und mit gesenktem Haupt schritt
er langsam zur Stadt hinaus, seiner
ländlichen Heimath zu.
2.
In Chateau Pernette erwartete man
den Capitän mit großer' Ungeduld, da
das Gerücht von der Niederlage der
französischen Armee bereits bis zu dem
stillen Landgut gedrungen war. Ge
gen Abend begaben sich die drei Damen
in die schattige Platanen-Allee. Allr
des Danies" genannt, "die das Landgut
mit der großen Heerstraße verband.
Erregt, aber doch schweigsam, schritten
die Damen auf und ab, aufmerksam in
den dämmernden Abend hinausspä
hend. ob sie den Capitän nicht erblick
ten. Endlich der Mond war be-
reit hinter den dunkeln Waldungen
der Vogesen emporgestiegen und uber-
fluthete die Landschaft mit seinem
sanften, magischen Licht kam der so
sehnlichst Erwartete. Müde und matt
schlich die hohe Gestalt im Schatten der
Bäume einher, das Haupt gesenkt und
sich schwer stützend auf den derben
Krückstock.
Henri, ist es wahr hat der Mar
schall MacMahon eine 'Schlacht verlo
ren? fragte Madame Hoffer erregt.
während sich die beiden Mädchen ängst
lich an den alten Mann schmiegten.
Es wird wohl so sein, murmelte der
Capitän. Major Tailland hat es ja
gesagt, und fliehende Landleute haben
es bestätigt. -
Mein Gott, wie war es nur möglich?
Unsere tapferen Truppen unsere
braven Officiere?
Gegen fünffache Uebermacht hilft
die heldenmütigste Tapferkeit nicht.
Aber kommt jetzt nach Haus. Mich
hungert. Ich habe seit Mittag nichts
gegessen.
Das Abendessen verlief sehr einsil-
big. Trotz seines Hungers berührte
der Capitän die Speisen kaum. - Er
konnte fast die Aett nicht erwarten, bis
Anna den Tisch abgeräumt hatte.
Dann legte er die große 5Zarte von El-
sa z-Lothrmgen vor sich auf den Tisch.
stützte das greise Haupt in die Hand
und starrte im düsteren Schweigen auf
die Karte nieder.
Die Damen wagten das Schweigen
nicht zu unterbrechen. Sie beschäftig
ten sich mit ihren Handarbeiten, zuwei
len verstohlene Blicke auf den Capitän
werfend. Nach einer Weile seufzte
dieser tief aus.
Morgen oder übermorgen, sprach er
mit dumpfer Stimme, werden wir die
Truppen des Warschaus hier haben.
Eine der Hauptrllckzugslinien ist die
große Heerstraße Straßburg-Zabern
Pfalzburg nach Saarburg und Metz.
Aber ich denke, daß der Marfchall die
Vogesenlinie nicht aufgeben will. Er
wird sich bei Pfalzburg, diesem wich
tigsten Vogesenpaß, festsetzen und den
Angriff des Feindes von neuem ab
warten. Thut er dies, dann kann noch
alles gerettet werden, denn unsere
Streitkräfte an der Saar würden die
Preußen in ihrer rechten Flanke um
fassen können.
Du glaubst, daß es hier zu einer
neuen Schlacht kommen wird. Henri?
Ich bin dessen gewiß. Der Mar
schall wird doch nicht nach einem ver
lorenen Treffen ganz Elsaß demFeinde
überliefern wollen? -
Es wäre schrecklich!
Schrecklich? Wenn wir Augenzeu
gen des Triumphes unserer Waffen
würden?
Aber die Preußen sollen in den Dör
fern und Städten hausen wie die Van
dalen!
Dummes Zeug! Wird ' nicht sc
schlimm sein. Im Uebrigen A la
Kiimth c'cst cornnip a la guerre!
Sollten wir uns nicht nach Pfalz
bürg begeben? .
Dazu ist morgen noch Zeit gcug,
wenss"nähere Nachrichten eingetroffen
sind. '
Wiederum trat tiefes Schweigen ein.
Der Capitän vertiefte sich auf's Neue
in das Studium der 5tarte, während
die Damen ängstlich dem Rauschen des
Windes in den hohen Bäumen, die das
Schlößchen umgaben, und den unHeim
lichen Rufen der das Haus umschwir
rendcn Eulen lauschten. Niemand
dachte daran, sich zur Ruhe zu begeben.
Es war. Allen, als müßte in dem näch
sten Augenblick etwas Schreckliches ein
treten. Wenn der Nachtwind stärker
aufheulte, wenn ein Hofhund bellte
oder sich in dem alten Hause das leise
Krachen eines Möbels oder eines Bal
kens hören ließ, fuhren die Damen er
fchreckt zusammen und horchten in die
Nacht hinaus, ob sie nicht den verwor
renen Lärm einer marschirenden Trup
pe oder den leisen Donner einer fernen
Schlacht vernehmen konnten. Gegen
Mitternacht schien der Capitän aus
dem Studium der Karte neuen Muth
geschöpft zu haben. Mit hoffnungs
vollem Lächeln blickte er auf.
Es wird nicht so arg gewesen sein,
meine Kinder, sagte er ermunternd.
Eine Schlappe ist noch keine verlorene
Schlackt, und das Gerücht liebt es ja
aus der Mücke einen Elephanten zu ,
machen. Das Beste wird sein, wir le
gen uns zu Bett. Kommt, Josephine
und Jeanne. gebt mir einen Kuß und
dann begebt euch zur Ruhe. Mama
und ich, wir folgen bald.
Die jungen Mädchen umarmten ihn
zärtlich und wollten sich grade von
Madame Hoffer verabschieden, als der,
Hofhund, der in der Nacht frei umher
Uef. ein wüthendes Gebell erhob und
am Eingang zum Schloßhof sich laute
Stimmen vernehmen ließen.
Was haben wir denn da? fragte
erstaunt der Capitän, und erhob sich
rasch, um zur Thüre zu humpeln.
Aber schon ward diese ungestüm geöff
net und Anna stürmte in das Gemach.
Monsieur Madame, rief das t
Mädchen athemlos, sie sind do sie
sind do!
Wer ist da? die Preußen?
Nri, not die Franzosen die
Cürassiers o mon dicu was
hob' i vor en Schrecken kriegt!
Dummes Ding schalt der Capitän
und wollte rasch das Zimmer verlassen,
doch da erschien in der dunkeln Thür- ,
Öffnung die schlanke Gestalt eines xn-.
gen sranzösischenCllrassiers und streckte ,
die Arme begrüßend aus.
Erstaunt wich der Capitän einen . ,
Schritt zurück. Aber Madame Hoffer ''
stürzte mit dem Schrei: Victor! Mein ',
Victor! in die Arme ihres Sohnes, ; ,
der die Mutter fest an feine Bru'
drückte. Dann trat er, mit dem linkcX
Arm die an ihn sich schmiegende Mut-
ter umschlungen haltend, die rechte
Hand dem Capitän entgegenstreckend, ,
in das Zimmer.
Mein Vater, hast du kein Wort des
Grußes für mich?
. Woher kommst du? Bist du allein? ,
Wo ist dein Regiment?
Ich weiß es nicht mein Vater. Nur
wenige Kameraden begleiten mich. Sie
sind weiter nach Pfalzburg geritten ,
Du weißt nicht, wo sich dein Regi
rnent befindet? Du hast dein Regi ment,
die Armee verlassen?! . Wie soll
ich das alles verstehen? ,
Frage doch nicht mehr, Henri, eiferte ,
Madame Hoff er. Siehst du nicht, daß
Victor blutet? Mon die, du bist
verwundet, mein Sohn! Setze dich
nieder setze dich nieder! ,
Die beiden Mädchen sprangen hin
zu und unterstützten den Wankenden,
ihn nach dem Sofa führend, auf dem . '
er leise ächzend niedersank. Einen ;
Augenblick lag er mit geschlossenen Au
gen da. Sein Antlitz war bleich, wie
das eines Todten, die blutigen, blon '.'
den Haare hingen ihm wirr um die
Stirn und langsam sickerte das dicke ;
Blut aus einer Kopfwunde aus die
Epaulettes der vielfach bcschmutzien , 1
und zerrissenen Uniform nieder.
Geschwind, Josephine, Jeanne. Was !
ser und ein frisches Tuch! rief Ma-'
dame Hoffer, indem sie versuchte, das
Blut mit ihrem Taschentuch zu stillen.
Die Mädchen flogen davon und kehr-
ten nach Kurzem mit Wasser und Tü- :
chern zurück. , Nachdem man dem Ver ;
Mundeten die Stirn mit dem kalten ;
Naß gewaschen, schlug er die Augen
langsam auf und blickte die um ihn y-
beschäftigten Frauen trübe lächelnd an. 'y
Dann wehrte er ihnen und sagte: Ach,
Mutter, die leichte Schramme am Kopf ;
ist nicht die tiefste Wunde, die ich heutl.
davongetragen habe. Die schlimmste, j
niemals heilende Wunde sitzt tiefer
im Herzen ...
Um Gottes willen. Victor ...
Beruhige dich, Mutter. Es ist leint
äußerliche Wunde, und man stirbt nicht
daran, wiewohl sie niemals heilt. Tic
Wunde am Kopf hab ich erhalten, als
wir über Hecken und Gräben auf die ,
feindlichen , Carres zusprengten, , die
Wunde im Herzen erhielt ich yach der
Schlacht, als ich inmitten des Stro
mes der Tausende von Flüchtlingen -fortgerissen
wurde und das Elend, den
Untergang unserer Armee, unseres
Vaterlandes vor Augen sah.
Was sprichst du da? fragte der
alte Capitän, der bei den Worten sei
nes Sohnes ebenso bleich wie dieser ge
worden war.
Ja, mein Vater fuhr der junge
Officier mit schmerzlichem Lächeln fort,
auch dein braves, tapferes Herz wird
den heißen Schmerz dieser Wunde xjfr
empfinden, denn auch du liebst unsere
Armee, unseren Ruhm, unsere Ehre,
unser Vaterland.
Und alles das. ist verloren? ,
Es ist verloren. Vater ... , ,
Nein, nein, es kann nicht sein! Es
darf nicht sein! So erzähle doch! Der
Marschall MacMahon hat eine Nieder ,
läge erlitten ... ;
Wäre es nur das! Seine Armee ist ,
vernichtet ...
Ah! , ,
Und die CUrassiere der Generale .,
Michel und Bonnemains bedecken mit
ihren Leibern das Schlachtfeld von ,
Reichshofen, wo sie sich in heldenmüthi ,
ger Attacke dem Feinde entgegenstürz-,
ten, um wenigstens die Trümmer der :
Armee vor gänzlichem Untergang zu '''.
retten. ,
(Fortsetzung folgt.)
Ein Kind derZeit. Ma-.
ma, waruin zahlst Du denn der Bonne
$5 per Woche?" Weil sie auf Dich .
VHesii rtiM niftrn (?iS " . T ntid,
wwfc yiv ivn uviliv yiv ykT
die Hälfte und ich werde selbst auf mich,
iH-tst noUar, " .
IU1 lUfcll. f . ,.
' Zwang der Etikette.
Mutter: Johnny, geh' zum Grocer
und hole ein Pfund schwarzen Thee."
Johnny: Ich hörte Papa sagen, er
liebe nicht schwarzen Thee." Mut
ter: Da istznz gleich, was Papa
sagt. Wir sind in Trauer "

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