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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, July 28, 1916, Image 6

Image and text provided by State Historical Society of Missouri; Columbia, MO

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Km MmMWil
Jtcsurn au der Segenwart von Philipp
Berge.
(7. Fortsei!.)
Herr Burmeister schüttelte so ener
gisch den Kopf, als ob seine Frau
ihn hätte sehen tonnen. .Ich mische
mich nicht gern da hinein. Man
kann nur unangenehme Nackenschläge
davon haben. Auch die Kramers wer
den nichts von mir erfahren. Ich
kann mich ja auch irren. Aber wenn
du eS gern willst, dann komme ich
eben nach Haus."
.Na. dann komm' nur. Aber merk'
dir. Fräulein Mariens weiß nicht,
daß ich an dich telephoniert habe."
In der Privatwohnung wo Estella
Mariens zu Besuch war. sah eS nun
freilich ganz anders aus als in dem
5 , ? nv!. sie..
NlttkN nonioripeiqer. vic iqvnr
Villa in der Feldbrunnenstraße ge
währte das Bild eineS gediegenen
und soliden Reichtums. Frau Bur
meist selbst hatte einen Teil dieser
Wohlhabenheit mit in die Ehe ge
bracht. Stolz und Dünkel waren der
einfachen Frau ganz fremd: wer S
wissen wollte, konnte jederzeit von
ihr hören, daß die Mutter Köchin bei
einem Senator gewesen war und daß
der Vater sich vom gewöhnlichen
Maurer zum Bauunternehmer und
Besitzer ganzer Straßenzüge empor
gearbeitet hatte. Wenn das Innere
der Villa trotz der vernachlässigten
Geschmacksbildung der Hausfrau keine
Ueberladung zeigte, sondern vielmehr
eine gediegene Vornehmheit, so war
daö auf die schlichte -Sinnesart der
Frau Burmeister und auch aus den
Geschmack des von der Mutter ver
Merten Sohnes zurückzuführen.
Frau Burmeistn stieg wieder' in
den ersten Stock empor und trat in
das Wohnzimmer, wo Estella ihrer
harrte.
' Wenn ich 'n Maln wäre, dann
würde ich Sie jetzt malen, Estella." I
sagte Frau Burmeifler, tote Sie so
dasitzen vor dem hellen Fenstervor
hang, sehen Sie z u schön auS."
Estella konnte sich eines Lächelns
nicht erwehren. .Sie sehen auch noch
ganz samos aus," erwiderte sie.
.Och, Kind, das sagen Sie man
so. Erstens bin ich ja nu 'ne alte
Frau, und denn bin ich auch viel zu
dick. Aber in meinen Mädchenjahren,
da hätten Sie mich sehen sollen, da
war ich schlank wie 'ne Tanne. Als
Burmeister mir nachlief, was meinen
Sie wohl, da habe ich ih? gar nich
haben wollen. Er sah immer so
dünn und klein aus. und daö tat er
ja auch noch. Aber mein Sohn, trz
kommt mir nach."
.Ihr Sohn." sagte Estella, .ist ein
bildhübscher Mann."
Die Augen der Mutter leuchteten.
.Ja. ich finde eS auch, trotzdem ich
es als Mutter eigentlich nich sagen
sollte. 'Haben Sie nich auch bemerkt,
daß er ein ganz klein bischen Aehn
lichteit mit Ihrem Ladenburg hat?
Ich glaube. daS ist der Grund, wes
halb ich gleich einen Narren an dem
Menschen gefressen habe."
Estella schienen einen Anlauf zu
nehmen. .Liebe Frau Trmeister,
lassen Sie uns setzt einmal von mei
ner Angelegenheit sprechen," sagte sie
ein wenig gepreßt. ..Ich bin eigen!
lich nur gekommen, Sie um Schwei
gen zu bitten, denn man weiß doch
nicht, wie alles kommen kann.
.Das habe ich Ihnen doch schon
vor vierzehn Tagen auf dem Derby
versprochen. Seitdem dachte ich
jeden Tag, Sie würden mal 'rauf
kommen."
.DaS wollte ich ja auch. Ader
ich will ganz offen fein ich habe
mit mir gekämpft. Alles, was mich
trifft, bin ich gewohnt, , mit mir
elbst auszumachen. Es fällt mir
chwer mich auszusprechen."
.Zu mir können Sie ruhig V
trauen haben." sagte Frau Burmei
ster und streichelte die Wange EstellaS.
.Ich weiß ja doch nun mal Bescheid.
Als ich Sie auf dem Derby da drüben
auf der anderen Seite mit Ladcnburg
zusammenfah. ohne Vater, Mutter
oder Bruder, hatte ich keinen Zweifel
mehr, daß ihr einig seid. Auch dar
über, weswegen der Konsul sich wei
gert. fein Jawort zu geben, brauchen
; Sie mir gar nichts zu sagen."
Esiella sah die Hausfrau gespannt
an. .Sie spielen auf Karl Kramer
an."' v
: .Ja, daö tu' ich, Kind. '. Denn bis
Sie abreisten, haben wir es doch nicht
. anders gewußt, als daß er der As
erwählt sei."
.Der Auserwählte des VaterS viel,
leicht,' ich hatte ihm nie bestimmte
Hoffnung gemacht."
.Aber er hatte' sich Hoffnung ge
macht. Wir wissen doch alle, wie
gerne : er Sie hat. Und bei dieser
Gelegenheit. Estella, muß ich Ihnen
auch gleich etwas sagen, worüber :ck
sonst wohl noch geschwiegen hatte.
Aber jetzt müssen Sie . es wissen:
Mein Sohn bewirbt sich um Enimy
Kramer Sie, sind schon einig. M
toitV also der Schwager von Karl
Krämer." . . .
In EstellaS Gesicht stieg eine feine
Nöte. .Wenn Sie s? nahe mit ver
Familie verwandt werden, Frau Bur?
meister, dann werden Sie es vielleicht
als, ein Unrecht empfinden, daß ich
Karl, (den ich ja gewiß gern habe
und ; dem ich die,, Erfüllung jeden
Wunsches wünsche, ausschlage. Ich
meine. eS wird Ihnen schwer werden,
zu schweigen." '
Frau Burmeister schüttelte den
Kopf. .Sehen Sie. um diesen Ver
dacht nicht aufkommen zu lassen,
habe ich Ihnen gleich gesagt, in welche
Beziehunqen wir zur Familie Kramer
treten. Nee, da brauchen Sie keine
Angst zu haben. Ich mag Karl
Kramer gerne leiden, daö kann tch
wohl sagen, aber in Ihren Ober
leutnant Kind, bin ich ein bischen
verliebt. Und denn die Männer!
Karl Krämer wird sich schon trösten,
den wollen eine ganze Menge. Den
ken Sie mal an Käthe Fröhlich, wie
die sich um ihn bemüht, ich glaube,
die ist bloß deshalb die beste Freun
din von Emmy geworden, damit sie
ins Haus kommen und mit dem Bru
der doch wenigstens mal sprechen
kann. Die Hauptsache ist. daß Sie
Ihr Glück finden. Estella, und was
ich dabei tun kann, das soll ge.
schehen."
Estella reichte Frau Bureister die
Hand. .Sie gehen mit mir um wie
eine Mutter. , Aber alles, was ich von
b.V . - - ' ?
m -.:w- in tintt tcZi sni-
-jyiicn nun, i imi, uD wft
gen. bis ich mit meinem Vater einig
bin. Mein Weg ist mir ja sonst klar
vorgezeichnet. Ich habe eS nicht ge.
lernt, Winkelzüge zu machen. Wenn
Karl Kramer wirklich um mich an
hält, was er ja noch gar nicht getan
hat. dann ist er. außer Ihnen und
meiner Familie, der erste, der erfahren
muß. daß ich einen andern liebe."
v
In diesem Augenblick hörte man in
. ;:. kk.
VLl millC tlllC ui iu; v iivu. ow
Burmeister ,, horchte , auf. . .Das ist
mein Mann." sagte te, um oann
schnell hinzuzusetzen: .ehe er herein
,
lUllllllt, IllUn Uj HW ")'"'
ist der einzige, dem ich ton Ihnen
und Ladenburg gesprochen habe. Bor
meinem Mann, wissen Sie. hab, ich
nie ein Geheimnis gehabt. Das wird
Mnn 2 mal s aeben. Aber er
ist treu wi?Gld. auf ihn können Sie auchen.. Ich meine h; 4,w
sich verlassen. Und denn, er ist auch S?us seit mehreren Jahren gegen den
in kluger und praktischer Mann, der N.ed;rgang kämpft und daß der Kon
tiefer sieht als wir Frauen." ul seltdem w'.e ein Held W, um
' ' . r.I T aUm tu hiititntAn ) Mmt
Estella dachte wie im Fluge an oxt
große Reise zurück, sie sah wieder den
kleinen Mann im Schlepptau der
..k..:,. xm n M Wnff
um uunu(ni nr
die Frau Burmeister ihrem Mann
zuerteitte. schien, ihr übertrieben.
Aber sie täu chte sich doch, denn öer
kleine Mann war im Geschäftsleben
so umsichtig und selbständig, wie er
m Verkehr mit seiner Frau unselb
ständig zu sein schien. Angenehm
berührt war Estella allerdings nicht
von dem Gedanken, einen weiteren
Mitwisser in ihr Geheimnis aufneh
"ir-J
Herr Burmeister trat wie von un
gefähr ein und war sehr erstaunt, das
schöne Fräulein Mariens als Gast
bei seiner Frau zu finden. Diese
setzte ihm gleich auseinander, um
Elchen Gegenstand das Gespciich sich
gedreht hatte und wie man bei dem
Punkte Ztehengeblieben sei. daß der
Konsul durchaus von der Vcrlindung
Estellas mit dem hochgeschätzten Neife
geführten nichts wissen wolle.
Herr Burmeister beglückwünschte
Estella zu ihrer Wahl, versicherte, daß
ihm der Oberleutnant vom ersten
Tage an und nachher immer besser
gefallen habe, und daß er nicht be
greife, weshalb der Konsul sich gegen
dies! in jeder Hinsicht ' einwandfreie
f ;f n,,.k,.
kitvi iv witiHtiiu iuwuvfc.
.Sage mal die Wahrheit. Alter
,. - ftrnu nitrminf kost
WVI4, IU ItV.V VUfclVI jf?"!1
Z, h,i,r? r ,,in, ysknxnn W,S.
J M IVHM Vf Uh V HIV VV -
halb der Konsul sich zur Wehr setzi?"
k.tt ,irm?ftr w?,,. k.ntt!
'den Kopf und sah Estella so voller
i . ' . rl I" . . . 'V
miW nn hnb ,S Ti !ts't hirib irfi
wie eine schwere Ahnung auf die
Brust legte. Aber sie schüttelte dieses
unbestimmte Vorgefühl rasch ab und
zwang sich zu einem Lachen.
.Wie sollte Herr BurmeiNer die
Beweggründe meines Vaters kennen?
Es gibt wohl keinen anderen, als daß
er Krämer liebt und ihm feine Toch-
'
ter zur Frau geben möchte."
. .Da haben Sie den Nagel auf den
Kopf getroffen." sagte Her: Aur-
meister. .Aber ein Vater muß von
seinen Wünschen abgehen können,
wenn es sich um das LebenSglück
seines Kindes handelt."
.Jawohl. Alfred, da hast du rea't."
pflichtete Frau Burmeister bei. .Ich
bin gewiß ein Freund von Karl
Kramer ich habe nämlich Estella
..' ' . . .. ' .
schon vertraulich mitgeteilt, wie Max
und Emmy miteinander stehen abkl
ich muß doch sagen, der Konsul sollte
bedenken, daß ihm sein Kind am
nächsten steht."
Estella begann langsam ihre Hand
schuhe anzuziehen. Das Gespräch
fing an, ihr unangenehm zu weroen
Auch schien es ihr aussichtslos und
ohne Zweck. Sie bereute schon, über
Haupt hergekomm'n, zu sein, anstatt
den Dingen, selbst auf die Gefahr
hin. ins Gerede zu kommen, ihren
Lauf zu lassen.
.LiebkS !i!räl':n Wnritnü sins
m "n ' L.1 2.
Burmelster langsam, haben Sie sich
noch gar nicht gefragt, ob Ihr öerr
Vater wohl, außer seiner Neigung zu
Kramer. noch emen besonderen Grund
baden könne Zum ersten Male mit
nen unelns zu ,e,nt
Da war das Gefühl der Schwere
wieder. . Drückender als zuvor senlte
es sich aus , Esiella nieder. Dieie
Frage hatte sie sich wirklich sch?n
vorgelegt und niit ja beantwoitet.'
Dieser Burmeister wußte etwas, sonst
hätte er die . Frage , nicht gestellt,
Estella nahm sich zusammen und sah
Herrn Burmeister offen, an. .Ver
trauen gegen Bertraum. Haben Sie
. nm'rr. , . . o 0
eine spur? Ruinen ic nivu ,
.Was ich vermute, Fräulein Estella,
würde ich keinem Menfchen in der
ganzen Welt anvertrauen, denn ich
verehre und schätze den Konsul außer
ordentlich. Es wird mir Zehr schwer,
zu Ihnen zu sprechen, seiner Tochter.
Aber die Lage, in der Sie sich befin
den. macht es mir beinahe zur Pflicht.
Ich frage mich nur, hat es einen
Zweck, wenn ich meine - Gedanken
preisgebe, und kann eS Ihnen nützen?
Vielleicht doch. Sie finden dielleicht
rafcher den Ausweg, wenn ich Ihnen
meine Vermutungen mitteile."
Estella faß da wie unter einem Alp.
druck. Was sollte sie Schreckliches er
fahren? Sie wußte sich' durchaus
keinen VerS auf Jbt dunklen Andeu
tungen zu machen. -
.Sie haben mich auf die Folter
gespannt. Herr Burmeister." sagte sie.
.Teilen Sie mir nur ohne Umschweife
mit, was Sie wissen und vermut,
denn Sie sehen mich völlig ratlos und
außerstande, auch nur zu aynen. wo
, r 1 M
rnnt Cte (IDJltlen.
t" u . -' i.,;s...
.Erschrecken Sie mcht. erwiderte
Herr Burmeister rasch,,, .ich .glaube
nämlich, daß das Haus Marien
große Verluste gehabt hat -
.Das ist mir bekannt, warf
Estella, ein wenig .erleichtert, em.
.mein Onkel m Kalkutta hat große
Summen eingebüßt, aber davon uo
ein Konsul Mariens m?l lazunerr.
cw wi.r.- m..s,.tt Us Um 14 mrt
l " .r W
auch dacht . fuhr Burinelster fort.
' w i f.; IStU
.aber der ist , nicht allem St
I o -'s. T'TA
verändert. Aus Indien ha da
Saus sich durch d ungeschickte Ge
7 . , ' vV 9 (,!MAIt0
chaftspolihk Ihres OnkelS hlnaus
reiben lassen und lAdem .geht aU
.Sg
m diese Verha ltn.sse ngmuht.
Auch wollte ich nur Andeutungen
i' i" m.yrM W"
destoweniger kann eme schlechte Kon
nktaz ; ihn .ttJ"K . V ...
E stella saß einen Augenblick
. - - ,
sprachlos da. Es mat '.. m wenn
W." .x.
wai
gewachsen, gewohnt, zu dem Vater
wu zu einem Turm, den kein Orkan
erschüttert, aufzusehen, vermochte sie
die Tragweite der Enthüllung Bur
lst gar mcht zu fassen. Im
ochsten Moment suhlte sie s'ch er
sucht, über d,e Phantasien des angst
Urfm fintiert 5nflnblet5. hm der
auszulachen. Abersem ernstes be
Irgtes und von Mitgefühl erfülltes
Gesicht h tjxt mtoet m ttlltm
menden Wirklichkeit - it ,
M .34 ann es mcht glauben. H
urmeisier sagte sie s est. me n
Ul"y t 'I
voll von Tatigkei und auch, nach
seiner Art. von frohem Smn. daß
man auch mcht den Schatten einer
Sorg, anihm bemerkt. Sie müssen
r"". . f .
Sie fassen meine Bemerkungen
durchaus richtig auf. DaS freut
mich. Ich sage nicht, daß das Haus
Mariens vor dem um steht. Ich
g e Niedergang, nam ich des Ge
festes. Der Konsul ist wirklich der
Mann, einen Niederaana auszuhal
- , . t ty r
te und wiederum m einen Auf
schwung stii verwandeln. Kein
Irt .. Pi t X t f
Grund, sich ängstlich machen zu las
, V V M
. Was der Konsul gebraucht. , st
Er aß bet großen Kapitale, die daS
indische Abenteuer gekostet hat. Zum
er.: ti v:.r rc.ri. fi fiAUm.
uui uit C4 m u ujuii uuwB-.
funden, und ich gehe so weit, zu
sagen, daß das Geld nirgends sicherer
,st S bem Kons.. '
. 'nmW..lZT nwtlW
diese geschäftlichen Dinge mit mn
d "n Wahl zu tun haben .
sagte Estella aus einem tiefen Nach
denken herau. das sie zwischen Furcht
- A.aCCm.... C1i.!1..W C!m
"lu vi iiuijicim n
r varf. . ,
.Darauf komme ich letzt. Sehen
"IUU ,u C9 iu JT u
vcrmuir aus ?e?. ganzen uu
heraus, die mir durch besondere Be
Ziehungen schon lange bekannt sind.
aii ramer oer inue , ,eu
Ihres Vaters ist. .
' meinen. . . . schreckte Estella
auf. ' , ,
c n.... . e. . n.i.iTAH
. " BBe..apiiaiiHi i
vas .yiiua cariens inoeiiieri - ui.
Und nun seh. Sie. mein ' liebes
Fräulein, wie begreiflich, wenn es sich
so verhält, der Wunsch des Kon
suls ist, die Hand , seiner - Tochter
dem Manne zu geben, den er nicht
nur wie einen Sohn liebt.' sondern
nn den er auch mit dem Wohl und
Wehe seines Hauses geschäftlich ge
bunden ist. Das ist menschlich und
einwandfrei, um so mehr, da er wohl
der Meinung gewesen ist, sei Toch
cer liebe den Mann, den er sich zum
Schwiegersohn wünschte. ' , Dies ist
Mies, was l(y Zonen agen Ivouir,
xt Schlüsse müssen Sie sich nun
fakn ,:.s,.. ' y r-
Gilles, was ich Ihnen sagen wollte
au Burmeister tätschelte besorgt
bie Hand Estellas.' .Nu machen Sie
man nich ' so'n betretenes Gesicht.
Kind. Nu. w Sie alles . wissen.
vcnn mein Alter irrt sich so leicht
nicht, ist die ganze Geschichte ja nicht
mebr so schlimm. Sie leben iekt
ihr, wo der Widerstand liegt. Wenn
Zit fest bleiben, wird sich der Konsul
wobl leickt mit Kramer ausnander
setzen. , Der ist doch ein Prachtmensch,
Sie jetzt ebenfalls und' lassen' Sie sich
man nicyls merien.
Estella dankte und verabschiedete
sich wie im Traum. Sie sah die
Menschen gleichsam ' durch einen
Schleier. Ihre innere Erregung. ver
Hinderte jedes Nachdenken. AIS' sie
auf der Straße angelangt war,
konnte sie sich kaum noch entsinnen,
aus welchem Grunde sie Frau Bur
meister aufgesucht hatte. Rein mecha
nisch schritt sie durch die Straßen
und gelangte an die Außenalster. wo
sie sich auf einer einsamen Bank nie
verließ.
Die Bank stand am Fuße einer
alten Ulme, deren Schatten sie um
hüllte und die Mittagsglut des Juli,
tageS dämpfte. Träumend lag die'
Alster im Sonnenschein. Weit drll
ben auf der Uhlenhorster Seite schim
merten die weißen Villen auS dem
dichten Laub der Bäume. Zur Rech
ken der weiten Bucht, hinter der die
Stadtteile Barmbeck und St. Georg
liegen, erhob , sich über den Firsten,
wie der runde graue Rücken eines
ungeheuren Mammuts, das Dach
des ZentralbahnhofeS. Vom Rande
der Alster her zog mit dem Hauch
des WindeS der Duft der Blumenan
lagen.
Langsam kehrte Estella die Samm
lung zurück. Der geheime Grund
der Weigerung de? VaterS. ihrer Nei
gung Gerechtigkeit zu geben, schien
entdeckt. V Sie sah auch die Klippe.
Kramer war mit Kapital im Ge
schaft des Vat.erL beteiligt. , Sie
kannte ihn. Jede Niedrigkeit lag ihm
fern. Er war ein großdenkender,
in feiner Art sogar bedeutender
Mensch. Offenbar aber wollte Bur
meiste? darauf anspielen, daß ' Kra
mer sein Geld aus dem Unternehmen
zurückziehen könne, wenn ihm die
Hand EstellaS verweigert würde.
Diese Menschen kannten eben Karl
Kramer nicht und auch mcht den Va
ter. Was die geschäftliche Lage an
betraf, so war anzunehmen, daß der
ängstliche Herr Burmeister star.k über
trieben habe. ; Wie sollte auch daS
weitverzweigte Geschäft des Konsuls
gewinnen können?
Die Hoffnung erhob immer freu
diger ihr Haupt, und schließlich
schüttelte - Estell den Alp. der sie
gedrückt hatte, mit der Kraft der Iu
gend und der Zuversicht der Liebe
von sich ab. Hr war eine Klippe
aufgetaucht. Sie mußte eben um
schifft werden.
Estella erhob sich und , wandelte
.in stolzer Haltung, umstrahlt vom
Glanz ihrer Schönheit, an ver blauen
Alster entlang, ihrem Heim ent
gen. ' ,
4. Kapitel..-. '
An einem Abende gegen Ende des
Juli versammelte sich in der gast
lichen Villa am Mittelweg eine kleine
Schar von Freunden , des ' Hauses
Mariens. Diese geselligen Abende in
kleinem Kreise waren sehr beliebt;
beim Konsul herrschte nicht nur eine
erlesene .Tafel, auch ein geistvoller
Ton war an der Tagesordnung. Der
Konsul liebte es. gebildete Vertre
ter aller Berufsarten an sich zu zie
hen. Die Fenster des Hauses waren
hell erleuchtet, wenngleich es draußen
erst dämmerte. Die dichtbelaubten
Bäume der Allee und des nahen
Eichenparkes bewegten ihre Kronen
leise im Hauch des Abendwindes. In
den Fluten der Alster spielten sich
die. rötlichen Tinten, die am Himmel
schwammen. Bom Uhlenbor ter Fayr
Haus klangen die Weisen der Musik
über das Wasser hm. Der Abeno
frieden senkte seine Fittiche auf daS
nordische Venedig nieder. Von einer
Verdllsterung des WelthorizonteS war
nichts zu bemerken.
Und doch hatten sich seit dem
len Derby, draußen in der Welt dro,
bende Wolken angesammelt, auS de
nen jeden Augenblick der zündende
Blid herunterzucken konnte. Seit
dem feigen Mord in Sarajevo war
in Europa, ja. in der ganzen zivil!
sierten Welt kein Zeitungsdlatt er
schienen, das sich nicht immer wieder
mit der ungeheuren Btuttal vesag
hätte. Die Untersuchungen , Oester
tkichs hatten es längst' klargemacht
daft der Erbe der Kaiserkrone und
seine Gemahlin einer großserbischen
Verschwörung zum Opfer gefallen
waren. Serbische Arsenale hatten die !
Waffen geliefert, serbische Politiker
den Arm des Mörders geleitet.
War es möglich, daß Oesterreich den
Mord ungesühnt lassen würde, und
war es denkbar, daß irgendeine
Macht sich schützend vor die Mörder
stellen mochte. sc.lls Oesterreich SUH
ne forderte? , . . ' . :
' Heute ging es wie ein erstes
dumpfes Wetterleuchten über die
Welt hin. Der Telegraph verbreitete
die Kunde, daß-Oesterreich dem klaf
fischen Lande des Fürstenmordes, der
drohenden Pulverkammer Europas.
Serbien, ein strenges Ultimatum , ge
stellt habe. Die österreichische Krone
'orderte, mit - kurzer Befristung
strengste Untersuchung des offenkun
digen Komplotts unter Mitwirkung
österreichischer Militärs und Beamter,
Auslieferung de Schuldigen und be
stimmte Garantien für ferneres
Wohlverhalten. Daö Ultimatum war
.n einem so energischen Ton gehal
n, daß eine Ablehnung unbedingt
oen Krieg bedeutete. Voll Spannung
blickten die Völker.' wieder einmal
nach dem Balkan und die Denken
wie wir alle wissen. Bloß schweigen
. den fühlten schon . instinktiv die her
annähende Gefahr eineS europäischen
BrandeS.
Der Gesellschaft im Lause Mar
tenS war nichts von dieser Gefahr
anzumerken. Abendfrieden waltete
auch hier. Balkontllren Und Fenster
standen weit offen. Kühle Abendluft
strömte herein, von fern klang deut
lich die Musik. Heitere Gespräche
über , hamburgische Anlegenheuen
würzten daS Mahl; man sprach über
Kunst und Wissenschaft und auch ein
wenig über kaufmännische Aussich
te und Probleme.
Als sich aber die Gesell chaft in
den Nauchsalon begab, griff das Ge
sprach : sofort aus die Politik über,
die im Grunde doch alle Teilnehmer
beherrschte. Aber alle ausgesproche
nen Gedanken bewegten sich gleich
lam nur in der Theorie: auS Fra
gen und Antworten stieg der Awist
Oesterreichs mit Serbien nur wie ein
packendes Schauspiel empor, dessen
unbekannter Ausgana Teilnahme
und Spannung erzeugt; ernste Ver
Wicklungen der Völker schienen in wei
ter. weiter Ferne, fast im Bereiche der
Unmöglichkeit zu liegen. .,
Merkwürdig ist eS" sagte der
Konsul, .daß eS Leute gibt, die aus
dem Streit Oesterreichs mit Ser
bien schon einen Völkerkrieg heraus
wachsen seyen. Ich halte dieses
Schreckbild für töricht. Der Welt
verkehr blüht, wie er nie zuvor ge
blüht hat. die Wissenschaft hat
Brücken von Volk zu Volk zefchla
gen, auch wir Kausieute , haben an
dem Ausgleich der nationalen Ge
gensätze kräftig mitgearbeitet, zu
England stehen wir neuerdings m
den freundschaftlichsten . Beziehungen
eS scheint mir unmöglich, daß die
Negierenden so mit Torheit und
Blindheit geschlagen sein sollten, die
Errungenschaften der Weltkultur
preiszugeben. Und aus welchem
Grunde? Um Serbien zu schützen.
das man ganz von dtt Karte Europas
wegwischen sollte, um endlich Fne
den im Hause zu haben?"
Der alte Professor Wohlwill, sei
nes Zeichens Direktor eines wicht!
gen hamburgischen Staatsinstituts,
schüttelte bedenklich den kahlen Kops.
.Lieber Konsul, erlauben Sie mir,
zu sagen, daß Ihre Auffassung von
der großen Politik keinen Bestand
hat. Ich bleibe dabei, daß wir . in
diesem Augenblick von dem lange er
warteten und fürchteten Völker
krieg bedroht sind. Leider muß ich
noch weitergehen und sagen, daß vor
allem unser deutsches Vaterland d
droht ist."
Herbert Martenö schob seinen Ses
sel in die Näht des alten Gelehrten
unv sah ihn gespannt ' an. .Bitte,
Herr: Professor, erklären Sie uns
das deutlicher."
.Die Erklärung, lieber Doktor, ist
nahe zur Hand. Das Deutsche Reich
ist seit seinem Bestände immer vom
Kriege bedroht. Deutschland liegt
in der Mitte fremder Staaten. Eine
Nachbarschaft ist immer auch eine le
bendige Beziehung, alle Staaten, die
Deutschland umgeben, müssen auf
Deutschland wirken und eö muß mit
Gegenwirkungen antworten. DaS
ist das Leben, die Größe und G
fahr eines zentralen Landes, sagt
unser trefflicher Ratzel. Jjüt Deutsch
land liegt in seiner mittleren nach
darreichen Lage ebensowohl Schwäche
wie Kraft. Deutschland besteht nur,
wenn es stark ist; ein schwacher
Staat würde dem konzentrischen
Druck erliegen. Und Deutschland
kann die Vorteile der zentralen Lage
nur nutzen, wenn es stark ist."
.So stark und groß ist es", warf
Herbert ein. .daß unser Kaiser sich
geruhig aus seiner Nordlandreise.be
findet, während wir hier von mög
lichen kriegerischen Verwicklungen
sprechen.
Der Professor fuhr fort: .Für ei
nen Saat in Deutschlands Lage gibt
es nur die Möglichkeit, sich zusam
menzuraffen und durch unablässige
Arbeit seine Stelle in der Welt zu
behaupten oder zerdruckt zu werden,
wie Polen, oder sich unter den Schutz
der Neutralität zu stellen, wie die
Schweiz. Bismarck erwies sich als
ein trefflicher politischer Geograph
als er 1888 im Reichstage etwa das
Folgende sagte: .Gott .hat uns in die
Lage versetzt, in der wir durch unsre
Nachbarn daran verhindert werden,
irgendwie in Versumpfung oder
Trägheit zu geraten. Die franzö
sischrussische Pression, zwischen die
wir genommen werden, zwingt uns
zum Zusammenhalten und wird unsre
Kobasion auch dllrch Zusam mendruk
ken erheblich steigern, so daß wir in
dieselbe Lage der Unzerreißbarkn
kommen, die , fast allen andern Na
tionen eigentümlich ist : und die uns
bis jetzt noch fehlt." So etwa sprach
Bismarck. - .
.Und die Nutzanwendung auf die
gegenwärtige Lage?" fragte der Kon
sul. , - . :
.Sie war schon in meinem Vor
trag enthalten, lieber Konsul. Unsr
Nachbarn im Osten und Westen sind
uns keineswegs wohlgesinnt ; - der
natürliche Druck, den sie auf uns,
die , wir : zwischen ihnen liegen. aus
üben, kann sich in jedem Augenblick
in dem Versuch des Ueberrennens
von beiden Seiten entladen. Ein
Funke, wie er letzt zwischen Oester
reich vnd' Serbien glimmt, kann bie
Entladung herbeiführen, besonders,
wnn das von uns kommerz'ell be
droyte ;. England lein? Hand dazu
leiht, was ich, mit Rücksicht auf uns:
verehrte Wirtin aber, nicht annehme
möchte.'-' - r '-' -. 1 - f
-Frau Konsul Mariens lächelte.
Jn diesem Augenblick scheint eS
mir unmöglich, aß. England sich ge
gen Deutschland erheben könnte", '
sagte sie. .Dir Engländer sind eine
riHtrlliü WiMn fi lrHYi 'J
.,... i vvfcfr vv.vk
reich nicht in den Arm fallen, wenn
es den feigen Mord . an seinem
Thronerben, rächen will.", ;
Reden der Hauösrau zaß em yocy
gewachsener blonder Herr, ein wah
rer Hüne an Gestalt. Sein schönes
Gesicht, mit den .blauen Augen und
dem hellen Schnurrbart drückte Ener
gie und Freimut aus. .In diesem
gastlichen Hause genießt man den
Vorzug", bemerkte er in heiterem
Tone, .daß man seine Gedanken of
en aussprechen darf. Ich suhle mich.
meine verehrte Frau Konsul, der.
Engländer nicht so sicher, wie rittet, (
lich der einzelne Brite auch sein mag.
Die Engländer sind ein Handelsvolk
und sie. empfinden es schwer, daß
sie einen großen Teil ihrer Märkte
an Deutschland verloren haben, auch
sehen sie scheel aus uns.well die deut
sche Industrie die ihrige überholt, die
deutsche Technik die englische geschla
gen hat. An eine friedliche Lösung
dieser Gegensätze glaube ich nicht.
kein Zufall, daß ' wir die größte .
kj LlUUltWlUlikil Vllllllbll MF m I
Schiffahrtsgesellschaft der Welt be
sitzen. . es ist ; kein Zufall, daß wir
die größten Ozeanriesen gebaut ha
ben, kein Zufall, daß es in Deutsch
land keine Analphabeten gibt, kein
Zufall, daß genug, alle daS
und noch viel mehr ist in unsrer
völkischen Ueberlegenheit begründet.
DaS verzecht unS England nie. ES
wird nicht warten, bis wir ihm seine
Herrschaft auf dem Weltmarkt ganz
entreißen. Im Bunde mit Rußland
und Frankreich bedroh! es unS of
fen und versteckt, und eineS TageS
wird es den Anlaß finden, den Streit
vom Zaun zu brechen." ,
.Laß gut sein. Karl", sagte Frau
Mariens und legte die feine, kleine
Hand aus den Arm des zungen
Mannes, .ich kenne ja deine Abnei
gung gegen meine Landsleute. Du
überzeugst mich nicht. Nie mehr wird
es jetzt zu einem Krieg zwischen
England und Deutschland kommen,
beide Völker stehen zu hoch in der
Kultur; eher glaube ich noch an
ein Bündnis 'in nicht allzu ferner
Zeit. Käme ein solches zustande,
dann könnten- die beiden Nationen
der ganzen Welt, den, Frieden diktie
ren."
Herbert Martens lachte. .Mutter.
du bist eine unverbesserliche Optimi
stm,' soweit es die Beziehungen zwl
schen unsern, britischen Vettern und,
uns betrifft. Aber im übrigen gebe
ich dir in, allen, Stücken recht. $ch
kann und will nicht an einen Krieg
der Kulturvölker untereinander glau
ben. Sehen, wir uns doch um, die
Welt ist wie eine einzige Stadt: mit
nichts als einem Spazierstöckchen in
der Hand kann, man eine Reise um
den ganzen. Erdball unternehmen; die
wilden Völkerschaften sind unterjocht;
der Stern,, den wir bewohnen, ist
unser; die Technik hat uns mit tau
send Wundern beschenkt, von Land
zu Land schwingt sich der Gedanke
frei durch die' Luft, wir steuern in
Schiffen durch den Aether und fahren
unter der Oberfläche der See hin;
die Bildung wächst, die Roheit der
Massen verschwwdet; der gewaltige
Literaturaustausch bringt die Völker
einander näher. Alle beginnen, zu
begreifen, daß die Zeiten der wilden
Barbarei, als die Menschen einander
sinnlos zerfleischten, vorbei sein müs
sen, als Weltbürgern werden wir zu
Himmelsbürgern. der Menfch beginnt
zu lernen, daß alle Mitmenschen
Brüder und Gefährten sind, gemein
sam.zu Lust und Leid in das große
Schiff eingeschlossen, das durch den
kosmischen Raum steuert, unbekannten
Zielen entgegen; die Wissenschaften
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Und nun zu denken, daß all da
Herrliche, was die mtnqt)tit m mei
tausendjährigem Ringen erreicht hat.
durch einen schmählichen Rücksall in
barbarische Finsternis zerstört . wer
den könnte! Nein, es ist nicht mög
lich, und welche Argumente Sie auch
vorbringen, Herr Professor, ick glau
be an die Macht der Kultur
Estella, die in der Nähe der offe
nen Balkontür saß, hatte dem Bru
der mit leuchtenden Augen zugehört.
Jetzt erhob sie sich und trat in den
Lichtkreis. Du. hast auch mein
Glaubensbekenntnis ausgesprochen.
Herbert." rief sie. Ich habe ja da
draußen den tiefen Frieden gesehen.
Die nationalen Gegensätze, von de
nen Bücher und Zeitungen schreiben,
schienen aufgehoben. Eine ungeheure
zivilisatorische Arbeit wird geleistet.
Die, Engländer, die den Löwenanteil
an dieser Arbeit tun, haben wahrlich
gar keine Zeit, sich in kriegerische
N,tn?snn iniufafiVn ' OstiA fi.
sitzen ne. die in der aamen Welt
gug gesant yaven, zuviel Emstcyt,
um das Glück und den Frieden der
Menschheit durch eine so infame Sa
che, wie eö ein Krieg ist, zu gefähr
den."
. (Fortsetzung folgt). '
Frommer Wunj ch. Schu
stcrlehrling: 'Ach ick wollte, zwi
schen mir und meinem Meester wäre
coch 'ne neutrale Zone!"

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