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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, September 29, 1916, Image 6

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ftooiou cuf der Gegenwart tun Pljilirp
ivO'""" ' " Bg.
(16. Fortsetzung.)
.Mr ist es recht. Wir haben
auch nicht viel Zeit. Was meinst
V... ' i , ... . O
vu, t'icyuici
Regine tiatte sich schon erhoben. Ich
bm mit dabei.- ..
ilbfnbliru iinh W,iin frfil!Jhfri
- Ö " O H M
in ihre Pelze. Der Hegemeister zog
die Dicke grüne Jacke an, entzün
dete umständlich sein Pfeifchen,
nahm den Stock in die Hand und
klopfte ein paarmal an die Fenster,
scheiden der niedrigen Stube. Da
antwortete es draußen mit tiefem' Ge
äff.
Das ist .Cäsar", der wartet fchon
traußen", sagte der Alte.
Lor der Tür, die am Hinterhzus
direkt auf die Felder führte, stand,
als oer Hegemeister mit feinen Öä
slen hmauStrat. ein großer brauner
Hühnerhund, der jegt in weiten
Sprüngen querfeldein davonjagte.
Drüben, in der Abenddämmerung,
eine Heine Viertelstunde Weges ent
jernt, stand gleich einer weißen
Mauer der Forst. Durch die sei
jche kalte Luft schritten die beiden
Männer und das Madchen über die
verschneiten Felder, auf denen sich
weit und breit nichts regte. Ein
tiefer Fried!, lagerte über der Win
terlandschaft und ließ nicht ahnen,
daß an beiden Enden des Reichs,
jenseits der Grenzen, so viel Älut
fließen mußte und so unendlicher
Jammer gehaust wurde. Ladenburg
schritt ausrecht und kraftvoll dahin,
von der Verwundung, die er mit
heimgebracht, war ihm nichts mehr
anzumerken.
, Als man am Stande des Gehöl
zes angelommeil war, stieß der För
per fernen Stock in den Schnee und
der Hund legte sich gehorsam neben
dem Stab nieder. Hier würde er
ausharren, bis sein Herr zurückkehrte
oder ihn abrief, und wehe demjeni
gen der es gewagt hätte, den Stock
zu berühren!
, Der Hegemeister trat mit seinen
Gästen in den dunkelnden Forst ein.
Da war es wieder, das seltsame
Xfclö aus der Knabenzeit. Laden
lmrg sah umher, während die Ge
seUschaft schweigend ooranschritt, und
es bkschlich ihn wieder jene roman
nsche Stimmung, an die er sich so
gut erinnerte. Der Hegemeister
Ichritt voran, ihm folgte Regin, und
der Offizier bildete die Nachhut.
Draußen, jenseits des Forstes, webte
noch die Dämmerung, hier drinnen
breitete sich schon das Dunkel aus,
das nur der glitzernde Schnee ein
wenig erhellte. Ringsumher tiefe
Stcke, der Wind haie sich gelegt,
wie so häufig vor dem Sonnenunter
gang. Da knackte es links und rechts
m Geäst, dürre Zweige brachen ab,
rnd ein tiefes Schnauzen wurde ge
hört. Die Schwarzkittel waren schon
da und bildeten eine umsichtbare Ve
gleitung. Äb und zu sah man eines
der Tiere undeutlich und gespenstisch
im Halböunkel auftauchen und so
gleich wieder oerchwlnden. 'Endlich
leichte man einen freien Plag, auf
dem ein Häuschen mit einer oorge
bauten Kanzel stand. Hier nahmen
d,e Gäste Platz während der För
jker mit dem Futter auf den Platz
hinaustrat. Jetzt brachen die Säue
von allen weiten aus dem Dickicht
ad strebten auf den Hegemeister zu,
ianche zahm und vertraut, andere
mit tückischen Seitenblicken auf den
dicken Knüppel, den der Forstmann
eben sich auf den Schnee gesteckt
yatte,
.Weißt du. was ich jetzt denke?"
fragt? Ladenburg seine Base.
.Laß sehen", antwortete Regine.
,ob ich deine Gedanken erraten kann.
Ich will dir sagen, waö ich denke;
vielleicht sind unsre Gedanken den
selben Weg gewandert."
.Nun bin ich wirklich gespannt."
Ich denke: ach. möchte doch der
Kaiser recht bald wieder zur Jagd
erscheinen, denn dann wird der Frie
fie wieder bei uns eingekehrt sein."
Ladenourg sah Regine lächelnd an.
.uf mem Wort. Bake, du baki es
erraten, denn dieser Wunsch war
guch in mir ausgestiegen."
(SMfnr frnisfit nn n ISiinA
0 V . v IVVIIV VIAs Vbtl IWU
seines Herrn, als die Gesellschaft zu
rückk:t,rte. Jetzr war eö auch draußen
dunkel geworden, und ; die Sterne
glitzerten am Himmel. Vor der Tür
deö Forsthauses bestiegen Hans La
denburg und Regine ihr Fahrzeug,
und der Schütte,! glitt schellenläutend
in die Nacht hinaus. Gleich zwei
aroken alänienoen Auaen Itu&tUn
die Seitenlaternen und warfen ihre
L'chtkegel weit voran über die Land
stoße.
.Noch wenige Woche, und Ich
gehe wieder ins Feld", sagte Laden
bürg. .So gern ich in der Heimat
iin. nrnn llmrhnlr mik,r sin k!
Fron: zu kommen, wächst mit jedem
Tage. Kannst du das verstehen, Re
gine?" ,
"Wär ich ein Mann, ich würde
sicherlich nicht andere fühlen. Aber
ick bin t'mt Strnu. 5ans, uns ick
"7 . ' W ' f "
kann Nicht ohne Schrecken an den
Abschied denken. Du gehst nun wie
der binaus. wo die Kugeln fliegen
nv die Granaten pladen, wo der
I. rtl
emneeetp
Tod unendliche Srnte l'ält und dich!
uns entreiße:, kann. Dein Vater und
deine Mutter sind heloenhafte 3ii
turen. die das Unvermeidliche, wie
der Dichter sagt, mit Würde tragen.
Ich cii! anders beschaffen und kann
nur "!it jlngZ! daran reuten, daß du
w.tüiT ins Feld rnu-jt."
.Hast du mich so gern. Regine?"
fragt, L.ioe!i!?ur Mich.
.Du weißt tü Hans."
Du hast recht, ich weiß eZ. A!
ich tr.in: und tu Schilleren lag.
o.ust du mir wie ein hüfreiaier I2n
acl, so ool! 2rr;i uno 'jjiilK. XmZ
Lum ich dir nie oaütcn."
Sprich doch iua)t ü", wchrke Re
jjtiu i'i'uttfr und ich. ich waren
zoch teilte tuimlichfn fiegeilmien,
und du", setzie Regne iaqcind hin
zu, ivari: iceou jc-. $wtt vuutfc,
'.ec kn ;v:n.; iiacü .,.,. cioni
;iu-;i wvii."
wiiu, ich ha!.'' o;ct, gern", sagte
L.-.o."!l.".'g. .uno in ton uinjen ia
ijen )er enef ang ya'e q iiq im
,-.ict vieza im Ufiie ii'.ll cetn Zu
kunfl oefchäftigk. x bist geschaffen,
den oefien Mann i degluclen, und
verdienst selbst os oern testen Matrn
beglückt zu werden. Z?u yaft, ich
weift es oon kukker. aue Anirage
ausgeschlagen, aruin yeiratest du
nicht?"
, ch werde nicht yeira.en. sag::
Regine leise und schmiegte sich umvill.
lurilch an den Begleiter.
.Da können lvir ja zusammen
haushalten". scherzte Laoenburg.
.Mir ist das Heiraten auch verhagelt.
Äber um dich wär's schade. Mäoet.
Wenn du nicht meine Vase gewesen
wärst, wer weiß, ob ich mich nicht
schon als Junge rn dich vergafft yatle. ;
Du warst mir aber immer wie eine
Schwester, und so ist es noch heute.
Mich Hat dieses verwandtschaftliche ;
Gefühl nicht in dem Mage veyerrfcht, ,
flüsterte Regine und ah voll reve zu ;
dem Offizier auf
Aus seinem Zimmer fand Laden
bürg einen am Rachmittag angelom
menen Bries aus Hamburg vor. Kra,
mer bat dringend um den Besuch des
Freundes. Mit beweglichen Worten
wies er auf seine körperliche Unfähig
keit hin, zu reisen, sonst würde er
selbst in die Altmart gekommen sein,
um den Kameraden wiederzusehen;
denn er bedürse dieses Trostes in fei
nem Leid. Ladenburg dürfe auf kei
nen Fall wieder ins Feld rücken, ohne
dem Freunde noch einmal die Hand
gedrückt zu haben. Am besten wäre
es, er käme gleich und zeige sein Kom
inen durch ein Telegramm an.
Diese Einladung war nicht die
erste, die Ladenburg erhalten hatte,
aber keine war so dringend gewesen.
Es schien, als bedürfe der Kamerad
lrirklill) seiner. , Mit dem Wunsch,
das Verlangen deö armen Krämer,
?er jeg: aus immer an die Schalle
aefcsfeit war. zu erfüllen, verband
sich die Furcht, Estella wiederzusehen,
was vielleicht unvermeidlich war.
Ihm graule vor der Komödie, ihr
als ein Fremder entgegentreten zu
sollen. Schon der Gedanke, sie an der
Seite Krämers zu sehen, zerriß ihm
das Herz, und er fühlte, daß er oe
Freundsazaft für den Kameraden viel,
leicht nicht würde aufrechterhalten tön,
nen.
Mit widerstreitenden Empfindun
gen begab Ladenburg sich zur Abend
mahlzcit in das Erdgeschoß des Hau
ses. Hier fand er neben den Eltern
und Regine auch Fritz Florschütz, der
in sichtlicher Verlegenheit vor dem
Landrat stand.
Auch Florschütz besand sich in der
feldgrauen Uniform eines Unteroffi
ziers der Infanterie. Auch er war
schon seit Veginn des Krieges drau
ßen gewesen, hatte die große Masu
renschlacht mitgemacht, war mit dem
Heer in Polen vorgedrungen und jetzt,
nicht nur unverwundet, sondern ge
fund und frisch, ohne vorherige An
tündigung heimgekehrt. Man hatte
ihm. dem nicht das geringste fehlte.
zum Staunen seiner Herrschast einen
vierzehntätgigen Urlaub bewilligt.
.Gut, daß du kommst", ries der
Landrat seinem Sohn entgegen.
.Sieh dir einmal diesen Unterossizier
genau an. Der Fuchs ist soeben zum
Loch herausgekommen. Wir wissen
jetzt, weshalb er Urlaub genommen
hat. Was meinst du, Hans? Heira
ten will der Mensch."
Hans trat näher und besah sich den
strammstehenden Unteroffizier. .Laß
doch, Junge", sagte er. .Ist es wirk,
lich die Engländerin da unten in
Hamburg?"
.Zu Lesehl. Herr Oberleutnant."
.Ach Unsinn, zu Vefehl. Auf Be
fehl heiratet man nicht. Laß mal die
Subordination weg und rede wie ein
Mensch. Habt ihr also wirklich zu
sammengehalten?"
Ja. Herr Oberleutnant, das ha
ben wir, und daß ich mich mit dem
Mädchen jetzt kriegstrauen lasse, ist
notwendig geworden."
Der Landrat sah hoch auf. .Eine
Engländerin und notwendig ge.
worden? Junge. , wie soll ich das
verstehen?"
Die Landrätin, Regine, der alte
Herr, alle sahen ganz entsetzt aus den
armen Florschütz, der ganz kaltblütig
erklärte, es sei notwendig geworden
irgendein englisches Mädchen, von
dem die Familie nichts wußt,, zu hei,
raten. Nur der Oberleutnant lä
fattt.
.Rst, dann sprich dich nur aus.
ritz-, Hie'. .Und ihr andern
bwutfcl ßi'.t nicht so entsetzt dreinju
fckv.uen. Mit der EngZanderin, das
ha: ferne Richtigkeit, es ist aber ein
tiodks und ncttts Geschöpf. Und was
tic Notwendigkeit anbelangt, das
n'ird locfcj mkyr eine harmlose Rede
,gur unseres Florschützen sein."
.Herr Oderteuinant wissen", be
Sann der Bursche, .daß wir uns je
giifkilig immer riefe icschrieden ha,
ve.i. fenoem wir von der großen Reise
llrüagekoinmen sind. Wir mochten
i,ns even zu zern leiden. AIS der
i.xt$ isuüdiach und Ellen von ihrer
Herrschaft luun Hause jefchickt werden
sollte, hat sie sich jeweigert, nach Eng.
land zu reisen, und hat es durchjeferzt.
in Hamburg zu bleiben."
.deinetwegen natürlich."
'lawotl. err Oberleutnant. Es
; ümi la auch allens, gut. Als dairn
i-i'cr die Engländer damit anfingen.
i unsere Landsleute einzusperren, lvur
cen auch die Engländer bei un in
Deutschland eingejperrt und die Sache
roard für Ellen feyr unjemüllich."
j .Wieso? Frauen sind doch nicht in
' die Lager gebracht worden."
.Ree. da nicht. Ader sie wurden
doa, ooch gezwievelt. Ellen mug je
den Tag aufs Polizeibureau laufen
lind sich da einem eamten zeigen,
abends um achte mug sie zu Hause
fmd und darf nicht mehr vor die
Haustüre. Die Stadt darf sie nicht
rerlafsen, den Hasen und die Umje
l'i,d darf sie nicht betreten kurz.
j.e muß leben wie eine Gesangene."
Ja, mein lieber i-ohn", meinte der
Lnirat, daran wirst bu auch schwer
hei rlwas ändern können. Das sind
trgeltungSinaßregeln, die durchge
fuyrk werben müfz?n."
:er Unterossizier machte vor : dem
Landrat Front uno lächelte psisfig.
Hxiix ich mir erlauben, dem Herrn
Sandra: zu widersprechen
,im
.Wieso?
Zu Befehl, Herr Landrat, ich
kann s ändern."
.Willst du mir Rätsel aufgeben?
Ra, mein Junge, dann schieß' man
loö."
.Ich heirate das Mädchen, dann
wiro sie eine deutsche Frau und
braucht sich nicht mehr aus dem Po
lizeibureau herumzudrücken."
Der Landrat schlug sich vor. dir
Stirne. .Weiß Gott, der Bengel hat
recht. Das Ei des Kolumbus. Daß
mir diese Lösung nicht gleich einge
fallen ist und sie liegt so nahe.
&u willst dich also mit deinem Mäd
chen kriegstrauen lassen?"
.Jaivohl, Herr Landrat. Dazu
habe ich Urlaub genommen, und naq
yer gehe ich wieder ins Feld. Und
nichl nur zu meine: Verheiratung
bitte ich um die Genehmigung des
Herrn Landrat, auch um die Erlaub
ms, meine Frau hierher bringen zu
dürfen."
Frig Florschütz holte ties Atem.
So, nun war es yeraus. Der Land
rat gab dem Burschen die Hand. Wir
kennen dich als einen ehrlichen Men
fchen, Fritz, die Sache wird sich, denke
ich, machen lassen. Mein Sohn soll
mir Auskunft über das Mädchen ge
ben, und wenn alles seine Richtigkeit
hat. woran ich gar nicht zweifle, wer
den auch meine Frau und Regine
nichts dagegen haben, daß dir dein
Wunsch erpillt wird. Morgen früh
gebe ich dir Bescheid und dann kannst
ou mit Gott reisen. An einem Zu
schuh, du verstehst mich schon, soll's
auch nicht fehlen."
Der Bursche wollte dem alten Hexrn
die Hand küssen, über. er ließ es nicht
zu und verwies ihn an die Land'
rätin. .
Während der Mahlzeit erzählte
Ladenburg den Seinen kurz, auf
welche Weife Florschütz die Dame sei
ncö Herzens tennengelernt habe. Ader
seine Gedanken schweiften fortwährend
ab; der Brief, den er in der Brustta
fche trug, schien ihn wie Feuer zu
brennen. Räch der Mahlzeit bat La
denburg den alten Henn in die
Bibliothek und reichte iym schweigend
den Brief aus Hamburg hin. Der
Landrat las und schüttelte den Kopf.
Wenn du einen Rat von mir,be
zehrst, mein Sohn, dann sage ' ich:
lasse deinen Kameraden nicht im Stich
und reise. Der Aermste scheint von
Herzen nach dir zu verlangen."
.Das ist auch meine Empfindung.
Aber -"
..Du brauchst mir nichts 'auscinan
derzufetzen. Ein peinliches Gesühl be.
schleicht dich bei dem Gedanken, das
Mädchen, das du aufgeben mußtest,
wiederzusehen wiederzusehen als
Braut deines Freundes. Darüber
mußt du hinweg. Absagen kannst du
nicht. Der Mann ist an deiner Seite
zum Krüppel geschossen worden
Mitleid über ihn! Und dann, mein
Sohn, willst du dieser Frau dein gan
zes Leben lang aus dem Wege gehen?
Warum? Du hast dir nichts vorzu
werfen, hast getan, was Ehre und
Pflicht erfordcri:,,. Also sage ich
auch zu dir: Reise mit Gott." ,v .
Richt die äußeren Umstände allein
find es. Vater!"
Ueber das, was dein Herz bei
diesem Wiedersehen bewegt, darüber
mußt du erst recht hinweg, und je
eher, desto besser. Du hast draußen
die Feuertaufe empfangen, wirst doch
vor dem Wiedersehen mit einer Frau
nicht zittern."
Ladenburg reichte dem Vater die
Sand. .Tu hast recht." saate : er.
.'-Liefen Weg muß ich gehen. Und
dann wieder hinaus ins Feld." '
Während der Landrat zu ' den
Frauen zurückkehrte, entwarf Laden
bürg ein Telegramm nach Hamburg.
.Reise sogleich, Ankunft unbekannt."
lautete kurz und bündig der Inhalt.
8. Kapitel.
Mit gemischten Gefühlen betrat La.
denburg den Boden der alten Hanse
stadt. AIS er aus dem Vahnhofspor
tat trat, wurde ihm einen Augenblick
weh ums Herz, und er begann schon
zu bereuen, daß er dem Rufe des
Freundes gefolgt' war. Aber gewohnt,
dem Unvermeidlichen mit Ruhe inö
Auge zu sehen, kämpfte er das Ge
fühl der Schwäche rasch nieder: .Hier
war es", dachte er. als er über den
freien Platz nach dem Hotel schritt,
wo du sie zuletzt gesehen hast." Die
Bilder der Erinnerung standen wieder
klar vor seiner Seele. Still und
traurig stand Estella zuletzt vor ihm.
die großen schönen Augen voll von
stummen, Fragen an das unbegreifliche
Schicksal. Ringsum flatterten damals
die Fahnen. Der Sturm auf Lütlich
hatte begonnen. Wie viele große und
schwere Ereignisse lagen zwischen je
nem Augusitage und dem heutigen!
Wieviel Gewaltiges hatte er seitdem
erlebt! Gemessen an diesen Ereig
nissen. schien der Tag des Abschieds
schon weit in die Vergangenheit ge
rückt. Aber jetzt war jede Minute,
die er mit Schmerzen durchkostet hat
te, wieder frisch in seinem Gedächtnis.
Um Mittag bestieg Labenburg vor
seinem Hotel ein Auto und suhr nach
dem Fretmaurer-Krankenhaus. Räch,
dem die Formalitäten im Bureau er
ledigt waren, schritt der Gast lang
sam und voll innerer Unruhe dre
Treppe empor nach dem ersten Stock.
Wie würde er Kramer wiederfinden?
Wie trug der Kamerad sein namen
loses Unglück? Denn auf Stimmun
gen von Briefen tonnte man sich nicht
verlassen. Oben suchte Ladenburg
nach der Nummer der Krankenstube.
Da trat ihm eine zierliche Kranken
schwester entgegen und fragte, ob er
der Oberleutnant Ladenburg sei.
Der Offizier musterte das bild
hübsche junge Mädchen mit großer
Teilnahme und sprach dann lächelnd:
.Und darf ich dagegen fragen, ob Sie
die Schwester Käthe sind?"
Die Schwester errötete ein wenig.
.Ich bin die Schwester Käthe, Herr
Oberleutnant, aber ich wundere mich
darüber, daß Sie mich kennen."
.Es ist kein Wunder dabei," erwi
derte Ladenburg und streckte dem jun,
gen Mädchen die Hand hin, .mein
Freun Kramer hat mir schon viel
von seiner liebenswürdigen Pflegerin
und Freundin Käthe Fröhlich ge
schrieben. Und ich sehe jetzt, er hat
noch sehr zurückhaltend berichtet." '
Käthe wehrte lachend ab. .Um mir
das zu sagen, sind Sie gewiß nicht
den weiten Weg nach Hamburg ge
kommen."
Sie haben recht, liebes Kind",
sagte Ladenburg ernst. .Sie wissen,
ich komme, um meinen tapferen Ka
meraden zu besuchen, ehe ich wieder
ins Feld rücke. Würden Sie die Güte
haben, ihn aus mein Erscheinen vor
zubereiten?"
Das wird kaum nötig sein. Es
geht ihm recht gut, und in den bei
den letzten Tagen hat er kaum von
etwas anderm gesprochen, als von
Ihrem Besuch."
Die Schwester ging voran und öff
nete leise die Tür des Krankenzim
mers. .Es kommt der so sehnsüchtig
erwartete liebe Besuch," rief sie. -
Kramer, der mit einem Buch aus
feinem Ruhebett gesessen hatte, stützte
sich mit beiden Händen aufs Bett und
erhob sich, so rasch er tonnte. Für
den Bruchteil einer Sekunde spiegelte
sich im Auge Ladenburgs das Bild
des Jammers, wie der Freund, sich
mit der Rechten auf die Lehne des
Ruhebettes stützend, auf dem einen,
ihm verbliebenen Beine dastand,
dann eilte er auf Kramer zu und die
beiden Männer hielten sich umjchlun
gen. '
.Lieber alter JunLe," sagte Laden
bürg voll Herzlichkeit, wie gut, daß
wir noch da sind und es erleven, daß
die Unsrigen 'unaufhaltsam von Sieg
zu Sieg stürmen. Als ich Sie das
ictztemal sah, lagen Sie in tieser Ohn.
macht in einem schmutzigen Graben
vor Antwerpen, während über uns der
Geschützdonner durch die Lust rollte.
Weiß Gott, ich dachte damals nicht.
Sie jemals lebend wiederzusehen."
Kramer ließ sich schwer aufs Bett
nieder, den Freund mit sich ziehend
und ohne feine Hand zu lassen. .Wie
finden Sie mich wieder, Ladenburg!
Ist es nicht zum Verzweifeln? Ein
großer, starker, Menfch wie ich und so
zum Krüppel geschossen!"
Uebertreibcn Sie nicht." sagte La.
denburg, seinen Trost in Heiterkeit
kleidend, .ein großer, starker Mensch
find Sie immer noch, und auch Ihre
Schönheit hat nicht gelitten.' Wie an
dere Leute falsche Zähne oder eine
Brille oder ein Bruchband tragen
müssen, so werden Sie mit einem
künstlichen Vein durchs Leben man
dern. Und dieses künstliche Brin wird
ein heiliges Ehrenzeichen sein. wäh
rend falsche Zähne es nicht sind."
.In Ihren Worten liegt etwas
Wahres, Ladenburg. Wie eS aber
auch sei, die Notwendigkeit zwingt
mich, gute Miene zum bösen Spiel zu
machen. Ich hube mich auch mit mei
nem Schicksal ausgesöhnt. Der eine
Gedanke nur ist mir unerträglich, daß
ich nicht wieder an die Front kann.
Damit ist es aus. Nun aber zu Jh
nen. lieber Freund. Ich brauche
wohl gar nicht zu fragen, wie es Jh
nen geht, da ich Sie in aller Frische
vor mir sehe."
.Meine Wunde ist völlig ausge
heilt. In kurzer Zeit werde ich wie
der selddienftfuhig sein."
Kramer wandte sich an die Schwe
ster. die an der Tür stehen geblieben
war. Bitte, liebe Käthe", sagte er,
.stell' uns eine Flasche Wein und
zwei Gläser hier aus das , Tischchen,
reiche auch die Zigarren herüber und
das Feuerzeug, und dann, wenn du
so gut sein willst, besorge den kleinen
Auftrag, den ich dir gab."
' Käthe tat, wie ihr geheißen, und
eilte hinaus. Unten in der Schreib
stube telephonierte sie an den Konsul.
Als die beiden Männer allein wa
ren, schenkte Kramer ein, reichte dem
Freund die Zigarren und bat ihn,
einen Stuhl heranzurücken.
.Ladenburg, ich muß Ihnen beken
nen," sagte er, .daß ich mich herzlich
freue. Sie hier zu haben."
.Auch ich bin froh, daß wir uns
endlich wiedersehen und Erinnerungen
austauschen können. Wir beiden ha
ben das Höchste und das Schwerste
miteinander erlebt."
Kramer griff noch einmal nach der
Hand des Kameraden und sah ihm
fest in die Augen. Ladenburg, wir
beiden stehen einander ja näher, als
ich bis vor wenigen Tagen geahnt
habe."
Der Gast wollte dem Freunde die
Hand entziehen, aber dieser hielt sie
fest. .Lassen Sie uns miteinander
sprechen wie Brüder. Ich weiß jetzt
alles. Eine seltsame, geheimnisvolle
Fügung hat uns zusammengesührt.
In der Erinnerung habe ich jeden
Tag unseres Zusammenlebens im
Felde wieder an mir vorüberziehen
lassen. Als wir einander zuerst be
gegneten, wußten Sie sicherlich nicht,
in welchem Verhältnis wir uns be
fanden. Erst an jenem Abend, als
wir mit dnn Afrikareisenden Sie
erinnern sich doch vor Lier,. ich
glaube, es war in dem Nachtlager zu
Putte, zusammentrafen, erfuhren Sie
aus dem Gespräch, daß ich der Ver
lobte des Mädchens sei, das Sie lie
ben."
Ladenburg schüttelte den Kopf.
.Was soll daraus werden. Kramer?"
sagte er gequält. .Hätte ich um die
ses Gespräch vorher gewußt, ich wäre
nicht nach Hamburg gekommen. Hat
es einen Zweck, es fortzusetzen?"
.Es hat einen Zweck. Hören Sie
mich an. Da draußen habe ich Sie
als einen ganzen Mann und Helden
kennen gelernt. Sie hatten fchon mein
ganzes Vertrauen, aber seitdem ich
erfahren habe, daß Sie es sind, den
Estella auf ihrer Reise lieben lernte,
ist es, wenn das möglich wäre, noch
gewachsen. Durch mich verloren Sie
das Weib, das Sie liebten. Sie ha
ben jede Feindseligkeit, die doch in
Ihnen aufgetaucht sein mußte, nieder,
gekämpft und sind mir ein treuer
Freund geblieben."
.Nicht weiter. Kamerad." sagte La
denburg. .Sie reißen nur alte Wun
den auf. Auch ich kann, wie Sie. sa
gen, ich habe mich mit meinem Schick
sal ausgesöhnt."
Es nützt nichts-, Sie müssen mich
zu Ende kommen lassen. Alles, was
ich zu sagen habe, können Sie ohne
Scheu anhören. Sie haben. gehandelt
wie ein Ehrenmann. Wir haben ein,
ander beide nichts vorzuweisen. Wäre
ich aber srüher über die tiefe Neigung
Estellas zu Ihnen und über Sie
selbst, dem diese Neigung galt, besser
unterrichtet gewesen, ich hätte mich
nicht mit Estella verlobt, trotzdem
mich der Verzicht damals einen harten
Kampf gekostet hätte. Nun hören
Sie, lieber Kamrrud, wie es mir er
gangen ist. Estella war meine Ju
gendliebe, , aber ich kann ' mich nicht
rühmen, daß sie mir eine nur annä
hernd gleiche Neigung entgegengebracht
hatte. Ehe ichrns Feld zog, hätte ich
sie nicht ohne Kampf und Schmerz
aufgegeben. Aber ein anderer, bin ich
zurückgekommen. Die Welt erscheint
mir in anderm Lichte, seitdem rq
keine Ansprüche mehr an sie machen
kann. Noch ehe ich wußte, wer der
Herzenserwählte Estellas sei, hatte ich
den Entschluß gefaßt, ihr die Freiheit
zurückzugeben. Ich fühlte mich nicht
mehr berechtigt, sie an mich zu fesseln.
Estella , hat aber den Gedanken, sich
von mir zu trennen, weit von sich ge
wiesen."
.Und mit Recht," sagte Ladenburg.
Ja, ja. ich kenne euch." erwiderte
Krämer mit einem wehmütigen La
cheln, ihr würdet euch jetzt lieber
selbst opfern, als mir, der ich nun
ein Krüppel bin, einen Schmerz zuzu
fügen. Vielleicht hätte ich Estellas
Opfer doch angenommen. Seitdem
ich aber weiß, wen sie liebt, ist mein
Entschluß unwiderruflich. Ladenburg.
ich gebe Ihnen mein Wort, ich kann
Estella jetzt gar nicht mehr heiraten.
Es ist unmöglich. Sie gehört Ih
nen." Ladenburg saß da wie in einem
Traum. Er wagte es noch nicht, an
das Glück, das sich ihin näherte, zu
glauben. Es schien ihm. als dürft
er die dargebotene Hand deö Freundes
nicht ergreifen. Die Wendunq traf
ihn so unvorbereitet, daß er sich noch
nicht mit ihr auseinanderzusetzen ver
mochte
AIs Ladenburz mit einer Antwort
zögerte, fuhr Krämer fort: - .Sie
müssen ganz klar sehen. Hier ft
nirgends eine Schuld, auch nicht auf
der Seite des Konsuls. EfielluS
Vater. Sie müssen wissen, daß ich
im Hause Mariens von Jugend auf
fast die Stellung eines Sohnes tm
nahm. Der Konsul liebt mich wie
ich ihn. er hat es nicht begreisen köa
nen. daß Estellas Glück an einer an
deren Stelle gesucht werden könne alS
bei mir. Estella hatte umsonst ver
sucht, den Vater' umzustimmen; :S
war ihr unmöglich, ihm zu trotzen.
Alles das habe ich damals nicht ge
wußt, aber ich weiß eö jetzt. Laden
bürg, ich bin zu Ende. Sie sehen es
jetzt selbst. Estella ist wieder rti.
Oder glauben Sie wirklich, ich würde
sie jetzt."" wo ich über dieses ganze
Drama unterrichiei bin, noch an mich
fesseln wollen? Ich müßte ja ein
Barbar sein und die Franzosen
hätten recht mit ihrer Behauptung,
daß wir Deutschen Barbaren sind."
Ladenburg holte tief Atem und
schüttelte wiederholt den Kopf. .Dar
auf war ich nicht vorbereitet." sagte
er. .Ich sitze hier w ein Junge, er
nichts zu erwidern weiß. Kramer,
was sind Sie für ein Menfch! Ich
habe draußen Ihren Heldenmut ve
wundert, jetzt sehe ich. daß der Adel
Ihrer Gesinnung Ihrer Tapferkeit
gleich ist. Nun denn, ich begreife,
daß Sie sich zu dem Entschlüsse,
Estella die Freiheit wiederzugeben,
durchgerungen haben. Aber daS
vergessen wir ganz was wird sie
selbst dazu sagen?"
Kramer lächelte. Gleich können
wir sie fragen. Da ich höre ihre
Stimme draußen auf dem Gange."
' Ladenburg erhob sich, ein wenig
bestürzt, aber noch ehe er zurücktreten
konnte, trat Estella in die Stube.
Sie stand wie erstarrt, als sie den
Geliebten erblickte. Ihre Sicherheit
hatte sie so ganz oerlassen, daß sie
umsonst nach Haltung und Fasjung
suchte. Ihr Stolz sträubte sich mit
Gewalt dagegen. Kramer eine Komödie
vorzuspielen und den Gast scheinbar
nicht zu kennen, ihr weiblicher In
stinkt raunte ihr hinwiederum zu, daß
sie unbefangen erscheinen müsse. Aber
Kramer riß sie schnell aus allen
Zweifeln.
Erschrick nicht. Estella." rief er
ihr entgegen, .deinen Freund hier bei
mir zu sehen. Die Freiheit, die ich
dir angeboten habe, hast du zurück
gewiesen. Vielleicht nimmst du sie
jetzt an, wenn ich dir zugleich auch
den Geliebten zurückgebe."
Estella stürzte aus Krumer zu und
warf sich mit einem Aufschrei vor
seinem Lager in die Knie, lyren Kopf
in die Kissen bettend. Ein stummes
Schluchzen schüttelt ihren Körper.
Alles, was an Leid auf sie eingestürzt
war, wenn sie in stillen Stunden mit
sich selbst gerungen hatte, kehrte noch
einmal zurück und ergoß sich in die
große Freiheit, die ihre strahlenden
Tore so jäh geöffnet hatte. Lust und
Trauer stritten miteinander. Ihr
war, als ob sie jetzt erst begänne, den
edlen Dulder zu lieben.
Als sie den Kopf erhob, .sah sie die
Augen beider Männer voll Zärtlich
keit auf sich gerichtet. Sie begriff,
daß ein Festhalten an Krämer, ihrem
Verlobten, jetzt nicht mehr möglich sei.
Aber das Mitleid mit ihm floß in
ihrem Herzen über.
Wie kann ich dich verlassen, Karl,"
sagte, sie. jetzt, wo
Kramer unterbrach sie. - Sorge
dich nicht um mich. Estella. es ist
alles bedacht und beschlossen. Du
kränkst mich, wenn du mich bemit
leiden willst, denn dessen bedarf eS
nicht. Ich tue, was ich muß. Be
halte mich lieb. Du wolltest mir,
als ich um dich warb, eine Schwester
sein. Sei es jetzt. Dann bleibst du
in meinem Herzen, auch wenn du mit
meinem Freunde in seine Heimat
ziehst."
Estella erhob sich und umarmte
Kramer unter Tränen. Dann reichte
sie Ladenburg die Hand, die dieser
innig drückte. Beide bezwängen ihre
Herzen, um die Empfindungen Kra
mers zu schonen.
(Fortsetzung folgt).
Eine Warnung.
In einer Badeanstalt hatten sich
der Reihe nach einige Badegäste
selbst entleibt. Der Badehausbesit
zer, darüber äußerst aufgebracht, ließ
am Eingange eine große Tafel m:t
folgender Inschrift anbringen:
S e l b st m ö r d e r n.
ift der Eintritt auf das Strengste
untersagt! ,
Szene i n L i s s a b o n. Der
würdige Präsident der portugiesischen
Republik saß beim Morgenkaffee.
Da irat seine Haushälterin herein,
ein Paar altersschwache Stiesel in der
Hand. , Mürrisch sagte sie: Die
müssen nun endlich mal besohlt wer
den!"
Gewiß", erwiderte der Präsident,
ich werde sofort die Genehmigung
des englischen , Gesandten einholen!"
Wie bekommt man
schnell Butter? Man nehme
eineButterblume, lege sie neben sich und
lese Schillers Wallenstein" bis zu
der Stelle: .Die Blume ist .hinweg
aus meinem Leben!" Dann bleibt
oie Butter übrig.

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