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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, December 15, 1916, Image 6

Image and text provided by State Historical Society of Missouri; Columbia, MO

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MmlMdnn.
; - -.- '
' Roman von Clara NaLka.,
v H0 Rortftttuna.1
Lisa ekelte sich vor dem geputzten.
tirW.minUfn Hmrfifrt von noch nicklt
fünfzehn Jahren, daß sie kein Mit
, ikio empsmoen ivnnie. Zvenzioq gvg
fi ITMrtm tinn W9T?niir fort. inS
Dunkel hinein und hielt sie umfaßt.
; Melanie schluchzte ununkervrocyen
Lisa ging langsam mit ihr weiter.
hm W, ntlna hn Tkkvvk ZU.
Ehe sie in den Lichtkreis der La
innen traten, forderte Lisa daS
Wt)nfirt niif tfir rsln! IU itoA
,VM,V. , "j " - gwm -
Nkn und vernünftig mit nach Hause
zu gehen. .
Melanie tat, waS ,hr geheißen
wurde, aber sie warf Lisa einen 65
seit Seitenblick zu.
stfm Ym Wort in svrkckkn. kamen
sie in die stille Gegend der Gärten
uno Bluen.
Lisa dachte an daö ungeordnete
fin im .ftniiO hrr Cnmiit Kuici
v "i www - -r
an die disziplinlose Mutter, und daß
sie ja berufen , meses taocven.
hni in nrs,issnm ?rok nben ikk
herging, nach ihren besten Kräften
zu leiten, -i-
.Melanie sagte sie. .ich werde
mit Deinen Eltern nicht über diese
Angelegenheit sprechen, wenn Du vf
fen gegen micht sein willst und solche
Dinge ganz aufgibst."
. .Sagen Sie, was Sie wollen.
Fräulein van de Sandt, und ich tue,
was ich will. Es wird Ihr eigener
Schaden sein, wenn Sie ausplau
schen.'
Die unerhörte Frechheit des Mäd
chens empfand Lisa wie eine Ohr
feige. Sie packte Melanie am Arm,
schüttelte sie und sagte:
.Ja, ich werde sagen, was ich
will. Du schlechtes Ding. Morgen
gehe ich zum Kommandeur, und wir
wollen sehen, ob Leutnant Dobisch
die Unwahrheit sagt."
Melanie sah Lisa mit flackernden
Augen an. '
.Das werden Sie nicht tun!" stieß
sie leise hervor.
.Ich werde es tun. Ich bin nicht
gezwungen, im Hause Deiner Eltern
zu bleiben, aber ich bin gezwungen,
meine Pflicht zu tun."
Melanie blieb stumm.
Nach einer Pause, kurz ehe sie das
Hus erreichten, sagte Melanie:
.Fräulein van de Sandt, tun Sie
das nicht, ich werde mich nicht mehr
mit Leutnant Dobisch treffen."
Lisu s fühlte, daß Melanie nicht j
aafrichtig war, aber im Augenblick
genügte ihr diese Zusicherung.
Sie tahm sich vor, über Melanie
zu wachen, ihre Drohlkng war ohne
bin rnritt rmii nm'n nrtnrftn
7- 5,,.... g.iv.jt.t.
Erst wollte sie die Eltern näher
kennen lernen, ehe sie von d:m Er
lebnis dieses Abends sprach.
.Es ist gut, Melanie. aber glaube
nicht, daß ich Dich aus den Augen
ließe, und sobald ich wieder etwas
bemerke, spreche ich mit Deinem Ba
ter."
Melanie erwiderte nichts.
Sie gingen schweigend in das
Schlafzimmer und kleideten sich leise
aus. :
Lange konnte Lisa keinen Schlaf
finden. Die Erfahrungen dieses Ta
ges belasteten sie sehr.
Hans Gestedtner an Maria Bartel.
Viktoria! Wir haben gewonnen!
Professor Hofer hat Andras Im
als Schüler angenommen! Ich
weiß, Sie haben auch das Ihre
dazu beigetragen, wir alle haben
. das getan.' aber die Hauptsache
machte doch Andras selbst.
Ich begleitete ihn zum Meister.
Unterwegs mußte ich ihn immer
von der Seite ansehen. Er spricht
kein Wort, sein Gesicht war ge
spannt, der Ausdruck in. sich ge
kehrt, wie immer.
I Als ich mit hinein ging, sagte
' der Professor lackend: .Mit th.
uen haben wir nichts zu "tun,
' Hans." Ich bettelte aber, und er
, .erlaubte mir für .ein Stück lang"
,, zu bleiben.
Im Musikzimmer war nur noch
; Jngeborg HeSing. ' eine Nichte des
. Professors unj'feta Liebling. Sie
-', stand am Flügel und blätterte in
den Noten herum.
' - Da wußte ich gleich: Jngeborg
begleitet Andras. dann wird der
Anfang gut gehen. Es ist wun
derbar. Jngeborg Helling versteht
sich anzuschmiegen. Sie ist übn
Haupt ein wunderbare Mädchen,
mittelgroß. überschlank, ganz
schlicht im Wesen und im Aeu
' ßern. von einer seelischen Klarheit
- und einer Zartheit, die unerreich
.'. bar sind. So scheint es immer, ich
kenne Jnaebora ia sckon lana,
' aber schließlich bin ich ja noch ein
Schuljunge, wenn auch ein sehr
; ' ..?., jtr. .! i 7
uugciönajencr.
Jngeborg Helling und der Pro
sessor .sahen Andras Jmre erwar
. - tend an. hatte ich ihnen doch tag
".' lies) von ihm voraeick wärmt. An
; , . ,,vras vegrusjte veiöe, sehr ernst.
' --sehr zurückhaltend, ohne Spur
Befangenheit. , Sein feines.
-V ralsig'S Geficht entspannte sich ein
V ' tvcniz, . , ''.
, --'Ter Professor sagte nicht viel.
'. f.b,,.jchveme: Ut,y -daß -AndraS
t Zchreigehartige Schönheit , ihn
A- :y'r - ''r-' ,
. Dann feste Jngeborg sich an
den Flügel und fragte AndraZ. ob
er daö Beethoven-Konzert D..
Op. 61. mit ihr spielen wolle Sie
sagte es so einfach, als ob eine
Schwester im Kreis der Familie
den Bruder fragte.
Andras verneigte sich zustim
mend. ein froher Glanz flog über
fein Gesicht.
Erinnern Sie sich, liebe rau
Bartel. daß wir das Konzert da
mals in Lussin übten?
Die beiden huben an zu fpie
kn. Andras stand gesammelt da.
mit tiefen, in die Musik hinein
schauenden Augen. Wie immer,
wenn er spielt, vergaß er seine
Umgebung.
Die große.' glühende Andacht,
die er vor unsern Meistern emp
findet, -die unendliche Freude an
der Schönheit und Fülle der Mu
sik. die sich ihm jetzt erst erschlos
sen hat, durchdrang sein ganze?
Spiel.
.Ein Lieblingsjünger deS
)trrnr" sagte der Professor leise.
als das Spiel verstummt Tvar,-
und strich sich langsam über bat
Gesicht. Die Worte waren für
niemanden bestimmt, ich aber, der .
ich mit jedem Nerv wartete, fing
sie auf.
Jngebord Helling wandte sich
halb zur Seite und sagte:
.Wir wollen häufig zusammen
spielen."
Ihre weiche Stimme war wie
eine Wohltat.
De: Professor ging mit schwe
ren Schritten auf Andras zu.
.Sie haben da eine prachtvolle
Geige." sagte er, weiter nichts.
.Es ist ein Erbstück und schon
lange in der Familie meiner
Mutter." erwiderte Andras.
Der Professor wandte sich an
Jngeborg und mich:
.Nun kann ich Euch nicht mehr
gebrauchen. Kinder. Hinaus mit
Euch!" Und Sie. Andras. spielen
Sie mir mal die Chaconne von
Bach. Kennen Sie die?"
Ja. Herr Professor."
Jngeborg und ich sahen uns
bedauernd an, aber wir gingen
hinaus. Herrgott, hat der Mensch
gespielt! Wir standen draußen, wir
sagten kein Wort, dann schlichen '
wir uns davon. Wir wollten
nichts mehr hören. !
Nach einer halben Stunde etwa'
kamen der Professor und Andras
in den Wintergarten hinüber.
Jngebord Helling hatte für ein
Frühstück gesorgt.
Der Professor rief schon an der
Schwelle mit seiner mächtigen,
heiter erregten Stimme:
.Also, Ihr Freund wird mein
Schüler mein Spezialschüler, lie
ber Hans," dabei legte er seine
Hand auf Jmres Schulter.
Ich hatte gedacht. Andras Jmre
würde leuchten vor Glück, aber
nichts dergleichen. Er lächelte, als
Jngeborg Helling sofort auf ihn
zukam und ihm herzlich ihre Hand
hinhielt, uttd auch mir drückte er
kräftig die Hand, aber er blieb
still, ein wenig feierlich. i
Es ist mir überhaupt aufgefal
len, daß Andras niemals wieder
so froh und losgelöst war wie da
mals. als ihn die Krankheit ver
lassen hatte. Ob irgend etwas
zwischen ihm und Lisa van de
Sandt vorgefallen ist? Ich habe
niemanden über seine Beziehun
gen zu Lisa gesprochen, und ich
werde das auch in Zukunft nicht
tun. Andras Jmre ist die Haupt
sache. und nur er. und nichts gilt
daneben. Was ihn fördert, ist gut,
was ihn hindert und bedrückt,
muß fallen.
Dennoch lief ich auf dem Heim,
weg sofort zur Post und telegra
phierte an Lisa van. de Sandt.
Eins will ich noch rasch erzah
len. Wir hatten beim Frühstück
schweren Ungarwein getrunken.
Unser Professor war in guter. ,
nachdenklicher Stimmung und er '
zählte mancherlei auö seiner Stu '
dienzeit. .Ah," sagte er plötzlich'
und wandte sich an Andras Jmre. j
da war ein Lied. halt, wie fing 1
es an" und er fummte einige Ta-
kte. .ich hörte es unten in Temes :
var. Ach, das w eine Zeit." !
und er suchte wieder die Melodie.!
Da stand ,Andras auf. nahm seine
Geige und sang mit seiner seit ;
sinnen Stimme ein herrliches
Lied voll schwerer süßer Tränen.
Professor Hofer war ganz be
geistert.
WaS ist daö doch für ein
Mensch, dieser Andras! Da ist
niemand, der nicht nach ihm hin
schaut, niemand, der nicht Anteil
an ihm nimmt, und er bleibt im
mer derselbe, er bemerkt eö nicht
einmal.
Nun haben Sie und Herr Bar
tel eine lange, eingehende Schilde
' rung' von den Erfolgen Ihres
Schützlings, und ich habe meine
Arbeit versäumt, aber ich mache
mir leine eoanken oaruber; mei
ne liebe Mutter und unser Haus
arzt stecken kürzlich oft die Köpfe
zusammen, ich tjabe ; das köstliche
Vorgefühl kommender Freiheit, ich
glaube, man schenkt mir den Nest
Gymnasialbildung!".
Frau Bartel nahm den Brief und
lere ihn in, ein Schreiben ein, daS.
kür Lisa van de Sandt bestimmt.
noch ungeschlossen auf, ihrem Tisch
lag. Sie fügte eine Nachschrift hinzu,
die so lautete: .
.Noch ehe ich diesen Brief ab
sandte, kam HanS GestedtnerS auS
jährlicher Bericht. AndraS - Jmre
wird nicht so viel von sich selbst er
zählen. Wie fanatisch . unsern
Freund liebt, sehen Sie auö dem,
was er über Sie, , liebe Lisa, und Ihr
Verhältnis zu Andras Jmre schreibt.
Hans Gestedtner würde Sie unbe
deutlich auf dem Altar seiner Freun
desliebe opfern."
Neunzehnte Kapitel.
Dicke, schwere Nebel umzogen da
Haus, die Baumklumpen standen
wie ounkle Drohungen im Garten,
und es war, als ob sich immer neue
ichmelende Massen vom Meere heran
wälzten.
Lisa stand am Fenster und zog
den Mantel an. sie wollte Franz! bis
zur Fähre bringen: drüben in der
Ältstadt würde i besser sein.
Melanie hatte eö durchgesttzt. ein
eigenes Zimmer zu bekommen. Man
hatte das Schrankzimmer hergegeben,
und nun starrte Lisas Schlafzimmer
von Schränken.
Zwei rieser Ungetüme standen, die
Rücken aneinander gelehnt, quer inö
Zimmer hinein. Es war wie eine
Burg Immer mußte man darauf
gesaßt sein, daß einer der Dienstbo
ten v:e;: Burg stürmte, ab es war
doch besser als sie enge Gemeinschaft
mit Melanie, die sich mit lauernder,
schlecht verhüllter Feindseligkeit von
Lisa abschloß.
Zu Anfang der Woche hatte man
abends Gäste bei sich gesehen, zwei
Ehepaare mir Töchtern und einigt
junge Herren
Während Lisa dem einen der Ehe
paare, vas einige norddeutsche Städte
tonnte, Rede und Antwort stand,
hat.te sich die Tu: geöffnet und zwei
Leutnants kamen herein.
.Darf ich vorstellen, liebste Frau
Mitei.da". hortt Lisa Frau Buie
sagen: .Herr Leutnant Parar und
Herr Lltnant Dobisch."
Lisa warnte sich um und sah in
ein sorgloses Jungengesicht.
Herr und Frau Mikenda, Frau
lein van de Sanot."
Leutnant . Dobisch verbeugt sich
befangen. Lisas Blicke gingen zu
Melanie hinüber, die sah sie bos
haft lächelnd an, mit glitzernden Au
gen.
Lisa van de Sandt begriff, daß
sie dieses verschlagene, frühreife
Mädchen nicht zu halten vermochte,
sie fühlte, wie eine Leere, ihr eigenes
inneres Versagen. Unnütz und fremd
kam sie sich vor. Sie sah um sich.
Nirgends etwas -Heimisches, Wohltu
endes. ....
Von Empfangssaloon, einem
überladenen Raum in mißverstände
nem Rokoko, ging man . durch das
:alt wirkende, nie benutzte Musik,
zimmer und daö daran stoßende
Herrenzimmer in das Speisezim
mer.
Keiner der Räume hatte eine
Spur von Eigenart und Bhagen.
Man hatte es einem Mailänder Mö
belhändler überladen, die Villa ein
zurichten, und lies stand noch so,
wie tx Beaukttt.gte des Geschäfts
rs für das junge Ehepaar Vuic ar
rangiert hatte.
Nur einiges war hinzukommen:
auf dem massiven Büfett und dem
Kredenztisch des Speisezimmers und
auf dem Bord, der in halber Höhe
an den unten mu gepreßtem Linole
um bezogenen Wänden entlang lief,
standest Humpen uno Kannen, Trink
Hörner, bunt bemalte Gipsfiguren
und Makartbukctts, an den Wänden
des Salons spreiztm sich . Fächer
und blinkten Eoldrahmen um fabel
hafte Oelgemälöe, im Herrenzimmer
paradierten Jagdtrophäen, die dem
h.igeren, wvrtkaigen Hausherrn, der
niemals eine Büchse über der Schul
ter getragen hatte, einen gewissen
mart-alischen Anstrich gäben.
Dicje schmückenden Zutaten, die
über des Möbelhändlers Ideenreich
tum hinausgingen und der Gradmes
er des ästhetischen Empfindens der
glücklichen Besitzer waren, machten
Lisa den Aufenthalt in den, unteren
Prachlräumen des Hauses oft uner
traglich.
Es war die seelische Verftim
mung des feinneroigen Menschen,
die Lisa auch an dem Gesellschaft
abend überlaufen hatte, als sie in
das Speisezimmer ging, um den
gedeckten Tisch noch einmal zu prü
fen.
Sie hatte die Schultern leicht em
porgezogen. Wie immer, wenn ir
gend etwas sie deprimierte, fror sie
ein wenig, sie fah blaß aus. Das
goldige Haar war in lockeren Wellen
zurückgestrichen, die schmalen dunklen
Augenbrauen liefen klar in schönem
Bogen über die helle Stirn, die
weitgeöffneten, nervös blickenden Au
gen, der schön ' geschweifte Mund
schienen dunkler in dem bleichen Ge
sicht. " ;.
Als sie in dec Mitte des Herren
zimmers angelangt war, blieb sie
stehen und faßte schnell an ihre
Stirn. Was wollte ich nur dachte
sie; sie hatte plötzlich so deutlich den
Arbeitsraum ihres Vaters gesehen,
'mit den alten, schweren Mahagoni
.möbeln uno den hohen Reihen dun
kelf'zrbiger Buchrücken, daß sie ganz
verwirrt wurde. ' ' . -
Wie sie dastand, unter dem Krön
keuchter. umslossen von einem milch,
wclßen. weichen Seidenkleid, glich
sie einer herrlichen, leichtgetönten
Statue.
.Gnadiges Fräulein", hörte sie
eine verdeckte Stimme dicht hinter sich
sagen.
Lisa fuhr herum.
.Sie. Leutnant Dobisch! Wie
konnten Sie eö wagen. dfS HauS
zu betrete!"
Leutnant Dobisch senkte die Au
gen.
.Ich ging Ihnen nach, um Ihre
Verzeihung zu erbittere Ich
konnte nicht anders, glauben Sie eö
mir; Melanie Vuic war zu jeder
Unbesonnenheit fähig, wenn, ich, fort
blieb."
Und Sie. Herr Leutnant Do
bisch, haben das Kind dazu ge
bracht", sagte Lisa in aufwallendem
Zorn. '.Meine Bruder sind Offizie
re. Herr Leutnant, ich könnre Ihnen
daö Wort nennen, daö man für Leute
Ihren Schlages bei uns. in unsern
Kreisen hat!"
.Nein, gnädiges Fräulein", erwi
derte Leutnant Dobisch erblei
chend, .ich habe schweren Tadel ver
dient, aber ein Schuft bin ich
nicht. Ich gebe Ihnen mein Ehren
wort, ich war nicht der erste, der
Fräulein Vuic nahe trat,, und ich
habe gewisse Grenzen nicht überschrit
ten."
Sein einfaches, frisches Jungenö
gesicht sah sie bittend an.
.Ich glaube", sagte sie fest und
kurz. .Dennoch haben Sie keine
Entschuldigung. WaS Sie taten,
war frevelhafter Leichtsinn, von einer
Liebe zwischen Ihnen und Melanie
lann gar keine Rede sein."
Leutnant Dobisch schwieg, freudig
beruhigt über Lisas unbedingten
Glauben an sein gegebenes Wort.
Er verstand sie nicht ganz, er hatte
ein Gefühl , innerer Unzulänglichkeit.
Als Lisa den großen hübschen
Jungen so beschämt vor sich sie
hen- sah, wandelte sich ihre Stim
mung.
War er nicht ein gedankenloser,
leichtsinniger Bursche wie tausend an
dere? Konnte daö Leben ihn nicht
noch 'zu einem brauchbaren Menschen
machen? Und schließlich stand er
ihr. ihrer Gesellschaftsschicht noch nä
her als dieses widerwärtige Mäd
chen! Lieber ein gutes Wort, für die
fen Burschen als für das dreiste
Ding. -
Sie hielt Dobisch die Hand hin.
.Wir sprechen .uns noch, Herr
Leutnant, ich habe jetzt kein Zeit."
Sie eilte in daS Speisezimmer.
Als Dobisch zurückkehrte, kam Me
lanie dicht an ihn heran und zischte:
.Also so stehts!, .Wirklich ein,saube,
res Paar!"
Eh: Leutnant Dobisch, auch nur
ein Wort der Erwiderung sagen
tonnte, war Melanie weitergegan
gen, umfaßte eines der jungen Mäd
chen und schlenderte in das Reben
zimmer.
Der Diener kam und meldete, daß
angerichtet sei.
Frau Vuic, in einem erdbeerfarbe
nen Seidenkleid mit Goldspitzen, je
gelte am Arm des Herrn, Mitenda
voraus.
Lisa stand im Speisezimmer und
iah die Paare hereinkommen. Un
sagbar fremd, unsagbar häßlich
schien hr das alles; sie hatte einen
saden Geschmack im Mund. Einzig
die Uniformen der jungen Offiziere
brachten so etwas wie einen Zujam
menh.ing zwischen ihrem Einst und
Jetzt.
!fach dem Abendbrot, trank man
Bowle. Sie stand in einem mäch
tigen Gesäß im Wintergarten, und
oa Frau Vuic den Kreis für genü
zend klein und familiär hielt, hatte
ie Lila das Amt des Elnlchenlens
zugeschoben. ..
Im ausgeräumten Speisezimmer
spielte ein Grammophon,' die jungen
Paare tanzien. -
Lisa hatte von vornherein abge
lehnt zu tanzen.
Sie winkte Leutnant Dobisch zu
sich heran:
.Sie lönr.ten mir helfen. Herr
Leutnant, bitte trage Sie das Tab
let: mit Gläsern zu v?n älteren Herr
,'chaften ms Rauchzimmer hinüber,.
wollen Sie?"
.Aber mit tausend Freunden, mein,
gnädiges Fräulein!"
Sie schenkte langsam ein und sagte
dabei:
.Einö möchte ich noch von Ihnen
hören, ich möchte Ihr Wort haben,
daß Sie niemals mehr mit Melanit
Vuic unter vier Augen zusammen
treffen."
.Niemals, gnädiges Fräulein,
mein Wort darauf," beteuerte Do
bisch.
Er konnte eS leicht versprechen;
seit rem fatalen Abend im Stadt
park wünschte er Melanie weit fort.
' Gnädig ist das abgegangen, dachte
er und schon flog auch der Schalk
wieder über sein sorgloses Gesicht.
, Zu einem feierlichen Versprechen
gehört ein Handedruck", sagte er mit
orollig bittenden Augen. . - ,
.Die junge Lisa lachte, sie legte,
oen Boivlenlösfel fort und reichte ihm
:ie &aV ,
" .Also auf gute, sehr gute Besse
rung. Herr Leutnant." ,
.Ich schwöre", sagte er und legte
bis Hand ausS Herz, .und später
ein Walzer, ein einziger nur. bitte
schön!" . .
-.Vielleicht, y vielleicht, nun aber
schnell zu den alten Herrschaften."
Dobisch baianzierte gewandt durch
die tanzenden Paare,
WaS für ein Junge er noch ist,
dachte Lisa und iah ihm nach. -
Da trat Melanie in den Winter
garten, ging auf Lisa zu, sah sie
an und fpie vor ihr auf den Bo
den. ' '
. Lisa taumelte zurück.
Melanie hatte den Wintergarten
schnell verlassen.
Alle diese Eindrücke eilten an Lisa
vorüber, als sie in den rauchenden,
schwelenden Nebel sah.
.Wie häßliche, graue Tücher legte
er sich um , alles Farbige. , Lebende.
DaS ganze HauS, die Menschen wi
derten Lisa an, Unzufriedenheit mit
sich selbst, Unzufriedenheit mit ihrem
ganzen zerrissenen : banalen Leben
kroch an ihr empor. ; i.
Nicht einmal aufrecken konnte sie
sich, Atem holen, der feuchte dichte
Nebel zog alleö nieder, beengte die
Brust und erwürgte jeden tröstenden
Gedanken. .
Franz! rief auf der Treppe nach
ihr.
Ihn freute der Nebel. Er hängte
sich in ihren Arm und schwatzte, aber
etdst die helle Kinderstimme' klang
einer; der Nebel schluckte alle Laune
aus.
Als fit zur Fähre kamen, standen
die Menschen so seltsam gebückt m
dem grauen Schwaden, alles schien
stiller geworden, oder war es nur
Lisas trübe Stimmung?
Sie stand noch und schaute zu,
wie die Fähre sich in das Undurch
dringliche hineinarbeitete. Tief herab
hängende Pferdetöpfe vor einem un
förmlich!, beladenen Wagen, zusam
mengedrängten Menschen und zwei
Gestalten, die sich hin und her beweg
ten. " '
Alleö wurde unklarer, schattenhaf
ter. Charons Nachen, dachte Lisa
und wendete sich zur Heimkehr. ,
Seit dem Gesellschaftsabend der
Vuics war in Lisa der Entschluß ge
reift, zum Frühjahr ihre Stellung zu
verlassen.
; Fortgehen, wett ein unerzogenes,
nur seinen häßlichen Instinkten fol
gendes Geschöpf sie hatte beleidigen
wollen, nein das nicht, aber die oölli
ge Aussichtslosigkeit,' in diesem Hause
irgend etwas Gutes Nützliches wir
ken zu können, raubte ihr die Fähig
keit, auszuharren.
Nie mehr in einer Familie Unter
tunft zu suchen, lieber die letzte,
schlecht bezahlte Lehrerin an irgendei
ner Schule sein, ein kleine oürs
tige Kammer für sich allein haben
und Herr feiner freien Stunden
sein.
Sie mußte es, sie hätte schwerere
Ersayrungen machen können all die
in der Familie Vuic. Der sarkastisch
abwartende Hausherr, der an keine
Aenderung in seinem Familienleben
glaubte, und die gleichgültige Mutter,
die zufrieden war, wenn alles nach
ihren momentaven kindischen Wün
sehen ging, legten ihr keinen Stein in
den Weg.
Dennoch wollte Lisa fortgehen;
die ganze Atmosphäre des Hauses
war :hr zuwider.
Nichts in ihrem Innern war
ihr ein Schild gegen die tägliche Mi
sere.
Wie sie so in den schmutzigen
Gartenstraßeu dahin ging, wurde ihr
ihre ganze Umgebung zum Feind.
Die Hecken und' Gitter, an venen
das Wasser herabtroff. die Men
schen, die sich unvermutet aus dem
Nebel lösten, die lauten Stimmen der
Mägde, die m't den Lieferanten e
terten oder lachten, das Hundegebell,
der Dunst der Litdrfabriten, all daö
verletzte sie. ,
Vergebens versuchte sie sich einzu
reden, daß sonnige, frische Tage den
Trübsinn wegfegen würden; sie muß
te, es zu genau: nach GestedtnerS Te
legramm und seinem ausführlichen
Brief an Frau Bartel hatte sie an
Andras nach Wien geschrieben und
bisher keine Antwort bekommen,
und , je langer sie wartete, um so
mehr wich die Helligkeit in ihrem
Innern. '
In den letzten Tagen oeö Beisam
menseins, als sie Jmre äußerlich ver
lor, hatte sie tief innen gejubelt, weil
sie fühlte, wie teuer er ihr war, daß
herzwarme Gefühle sich in ihr reg
ten und ihn umzogen wie blühendes
Rankenwerk ein schönes Götterbild.
So innig freute sie sich ihrer aus
quellenden Sehnsucht, so sehr war sie
davon durchdrungen, daß Jmre zu
ihr zurückkehren würde, daß sie iroh
den Garten ihrer Liebe gepflegt
hatte. .
All dies würde ja vorübergehe,
dieses Heimatlose, deprimierend Häß
liche. dieses Fremdsein, wohin man
blickte. , Jmre würde seine Liebe be
wahren, er konnt ja nicht ausgeben,
was ihn'sterbensmund gemacht hat
te. in seinem Zorn funkelte ja seine
Liebe, und nun waren drei Wochen
ocrgangcn, und ihr Brief war unbe
antwortet geblieben.
i Ich habe den Bogen, zu straff g?.
spannt, dacht Lisa, damals, als ich
?in frisches, tlareö Leben beginnen
wollte, damals, ' als er zu mir ins
Zimmer trat wie ein Mann, ver Ue
". ..fi-..-ri iFr mar kür mich
cyen crMl rnu..- - ( nt;.
der treue Lübhadee. mem stolz sollte
Herrscher die m , ... sl
.. Aber der Bogen ivur , ''"2
spannt, die Sehne riß. Jetzt hat
r.. ..,-, iXfi. nd ern t balt er
rlttr iun 0-7 ' ,;,y
est diese ehrliche Geliebt, er wird
K5- . ffl..üjnl
UHU Ivic iq.iiv V-"- ,
- ica nKr rl1
Jngeborg Hcu'ng in n
rrs ;muuuym. . .
bk orat wird sie
' ?UH ju.-f --,--,-
sein, sie wird sich lN ,ein, Herz ern
schmiegen, in (ein Spiel.
Das ist eö. was er braucht; dfc
stille, oerstänonißvolle Gefährtin, d
nie sich selbst sucht. -
' - o;r hni4i An
Erschauerno ing
Nebet.
Verse zogen ihr durch t,
n. ir.Knnmn einmal, aelkikN
Ull lt
hatte; richtig, sie besann sich., in ;
nem Nooellenband von. Hnmanr
Hesse:
.Seltsam, im Nebel zu wandern.
Einsam ist jeder Bu,q uno,lu.
Kein Baum sieht den, andern,.
Jeder ist allein.
Voll von freunden war mir dieWelt.
Als noch mein Leb, licht war;
Nun. da der Nebel fällt,.
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,.
Der nicht daS Dunkel kennt,.
C ..-X I.ik
zva .UNrNlrlnlivut u,iv
Bon allen ihn trennt.
Seltsam im Rebel wandern!.
Leben ist Einsamsein.
Krin Mensch tenm den andern,,
Jeoer ist allein.
In dieser Stunde stand AndraS
Jmre oben in seiner Dachkammer am
Fenster und geigte. IM waun
sichle ragten Amens .urme zum yuu
mel empor, Wünschen. Pvsinuugcn,
Gebeten aleick. b sich aus dem Drän ,
gen der Stadt emporschwangen. Und
sein Herz klang mtt.
Hans Gestedtner an grau arui.
Dieses Mal war die chreidpause
etwas lang, und doch habe ich gerade
jetzt Zeit, denn es gib: nun , wirtlich
nur mehr ein idtudmm für muv: vic
geliebte Musik.
Andras und ich spielen um d
Wette, aber Andras leistet unendlich
viel mehr als ich.
kr ist übrigens, durch Bernutd
lung des Professors, Mitglied einer
neuen Mustter-Verelnigung geworden.
die lede Woche ein Konzert gibt.
Da muß er dreimal in der Woche
morgens mehrere Stunden , proben.
Er ist Primgeiger und verdient mo
natlich 130 Kronen. Der arme. Kerl
hatte sonst ia auch keinen, rolen. Hel
ler. Er will meiner Mutter immer
Pension bezahlen aber die ; würde ja
nichts von ihm nehmen. Wenn bie
mal erst das Gold scheffelweise, be '
kommen, sagt sie, dann, werde ich
mich tüchtig schadlos halten!
Ich fühle, daß es Andras. peinlich
ist, aber er mug sich eben, gedulden,
S?ine Zeit kommi eher, als er. glaubt.
Er stürmt nur so voran, der. Proses
sor hat ihn ganz in seine Hand, ge
nommen und erwartet groszes. von
ihm.
ES ist nur gut. daß die. Frau deö
Professors erst ju Weihnachten, von,
ihrer Konzertreise zurückkommt, ich
glaube, die rechner sehr genau, und
ixreischüler des guten alten, Herrn,
sind ihr ein Dorn , im . Auge. Sie
werden lachen, saß ich von, Audraö
Jmre erzähle, immer nur. von An
dras aber' ich kann nicht, auderö.
Für mich gibt es. keinen interessante
ren Menschen.
Denken .Sie nur, in, den. wenigen
Stunden, in denen er nicht geigt,
nimmt er systematisch meine Schulbü
cher vor, und Jngeborg Helling hilft
ihm bei dieser. Arbeit. Sie versorgt'
ihn auch mit. anderen guten, Büchern.
Sie und Lony Jezet,. ihr, Freun
din, studieren Literatur. die Mu
sik betreibt Jngeborg im Nebenamt,
und die beiden Mädel scheinen eS sich
in den Kopf gesetzt zu haben. AndraS
in alles, Schöne einzuweihen, waö er
uoeryaup: nocy aufnehme kann. ,
Was der Mensch leistet, daö ist ganz '
unglaublich; ich töiMe eö nicht. Aber
er hat, lange, gesunde Wanderjahre'
gehabt, da hat er wohl aufgespeicherte i
Kraft. ,
Ich muß Ihnen, noch etwaS Hüb ;
fches berichten.
Andras hatte dieses und jene bei
Tisch erzählt und nachher konnte ich i
nicht umhin, meiner Mutter zuzu
getan, daß A,draö Im lange mit -Zigunern
herumgezogen war. '
.Da wollen wir nur gleich unsere '
Wernen Löffel wegpacken." sagte sie
höchst indigniert, aber abends, als
wir gemütlich beim Nacbtmabl sb,
erzählte sie AndraS reizende, kleine
Geschichten aus der Zeit, als sie alS .
erwachsenes Mädchen nach Hause kam
und Verstöße gemacht hätte. Da !
Ä.!? stig und lieb heraus.
Kein Mensch hatte ahnen können, dak
sie ihre Geschichten nur erfand, um
WnfcrrtS ,. m: '
,",7. 0""l uiuir zu geoen. Ist
das nicht so reckt mein nlki m..t .. :
teil. """s -um ...
: (Fortsetzung folgt). '
Widerspruch. Reisten Sie
nicht , vor einigen Jahren mit einer
7'werg Gruppe?"
Ganz recht - mit der hab' ich '
crorten einen Riesenerfolg gehabt".
- ' . .i
(vf,.
- Am&iAir.a',iac5R
rr;X
'

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