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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, November 11, 1921, Image 2

Image and text provided by State Historical Society of Missouri; Columbia, MO

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Konkurrentin.
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(2. Fortsetzung.)
Ein Messingjchild mit der Auf
schrift Tr. rned. Ferdinand Bnnt
nieier, prust. Arzt und lMrnn:hel
fer, Äprcdjimuicn S 10 vorm, u.
3 4 nachm." wies Friedrich Vo
gclsang ßuicdjt. Er läutete und hal
te Mufce, das zweistöckige ichmucflo
je Gebäude iittt jeuieii ijeral'uelaije
neu Rolläden zu betrachten, um tut
ganzen ntajt unbefriedigl. zu jeiu
Ter breite Voi garte,, jau allerdings
arg verwildert aus' die Jiafcifrlä
djcit und die paar Tutzend hochstam
junger Rosen jchienen zeit $al)i und
Tag jeder Pflege zu entbehren. Hu
auch nach nneöerlwltern bauten nie
mand jichtbar ivurde und zum en
neu der Gartenpforte den grasuber
wucherten süe;-weej hmabfam, sah Itch
der Te-ftor catloo um. Man hatte
ihm doch gejagt, daß die atte iiit
jchajterin de verstolbenen Arztes
noch in dem Hause wohne, sollte
sie nicht anivejend fein V
Während er noch uiieittschtoiien
stand, traj vorn ttachbai-grundstüit
her eut merkwürdiges, wie ein bes
sern klingendes dachen sein ht.
Und eilte ähnlich meckernde stim
me wurde hörbar. Wenn Sie nicht
Sturm lauten, kommt der Trachea
nicht. Tieje Schulen, dieses Biest,
hat ducken wie der tollste Rentonie
bock."
Als der Tottor nach deut, der ihn,
den fluten Rat und von der Schul
den" die wenig vertrauenerweckende
Eharakterijlik gab, Umschau hielt,
sah er hinter den wüschen des Nach
valgartens einen alten Herrn, der
barhäuptig und in Henidsanneln ei
ue Heckenschere handhabte und eine
erkaltete, jchiejgebrannte Zigarre u
Mundwinkel hielt.
Verzeihen Sie," jagte Friedrich
Bogelsang, sich vorstellend, ich hat
u mir das Haus des verstorbenen
Toktors Brintmeiers gern angese
hen, da ich es mieten möchte."
Ter Manu mit der Heckenschere
und der schiesgebrannten Zigarre
schob die Zweige eines (Mdregeil.
inauches zur Seite und trat an das
(Lartengitter.
'-ehr nett", jagte er, ohne hin
zuzufügen, woraus er dieses Prädi
kat bezogen haben wollte, und lich
die Zigarre in den anderen Mund
Winkel wandern, was unter nicht nn
bedeutenden Ä'usfelverrenkungeii fei
rtes hageren, gelblich getönten Ge
sichts vor sich ging.
Sie gestatten." Tie Zigarre
sand vorübergehende Unterkunft zwi
schen Taumen und Zeigefinger dr
sinken. Thomsen." Eine flieg
pc Verbeugung. Also daö Haus
des verflossenen Genrmands wollen
Sie mieten? Sind Sie etwa der
neue Tottor, den der Apfelzüchter
Nil Zechliu vei schrieben hat?"
Friedrich Vogelsang nahm an, daß
Mit dem ..'Ip?elzüchter" nur der
Bürgermeister gemeint sein könne
und bejahte.
,&a, dann gratuliere ich. lieber
eine zu große Praxis werde,. Zu
sich nicht zu beklagen haben. Zech
lin und alles ringsum ist eine uu
heimlich gesunde legend. Brink
mcier hat vor Langeweile Kühe uua
Pferde, wenn's schlimm kam, auch
die Hunde mitbedoktert. Ja, und
was ich sagen wollte, wenn Sie mein
Nachbar werden sollten: können 2i.
Schach spielen?"
..eidlich", erklärte Friedrich Vo
gelsang, von dem vielen Gerede sei
ner neuen Bekanntschaft etwas ver
wirrt und mit einem verlegenen lä
cheln. Schliesslich auch Sechsundsech
zig?" AIS Junge mußte ich damit Be
scheid. Heute dürften meine Kennt
nisse darin etwas brüchig sein."
Na, das lernt man wieder,'
meinte Thomsen und klappte die Hck
keuschere mit einem vergnügten Jiä
cheln ein paarmal aus und zu. Wif
je Sie, da sehen Sie nur zu, dar,
Sie die Bude Ihres Borgängers
mieten könnet',, damit ich einen ver
uunftigen Nachbar bekomme. Mii
dem Brinkmeier war gar nichts los
Ter interessierte sich zwar für fetnn
Hammelbraten und allerhand ändert
fette Sachen, verstand aber vom
Schachspiel so viel wie ein Basuto
neger vorn römischen Recht, und von
Sechsundsechzig sagte er. das sei et
was sür Lausejungs. aber nichts fü'
Männer, lleberhaupt ein Nachbar
mit dem kein Auskommen war. Ein
Nörgler vorn reisten Waise,. Alles
wußte er besser, und wenn man ih
vom Gegenteil zu überzeugen ver
suchte, dann wurde er sacksiedegrob."
Ter erzählfreudige Thomsen zün
dete seinen zerkauten Zigarrenrcst
neu an und machte eine Kopfbewe
gung zum Nachbarhause hin. Dort
scheint niemand zu kommen. Ha
ln Sie Lmt. sich ?in fii&rfipii hpi
&
i
rntr iim.'ufenen'r v; i: r e;;,e rniuvr
j ganv? Ich Miue ein ran.ib.i
iv tra:t. Memmen Sit, ich oj?
ne Ilmeii die Gartentür."
2er Toktor meinte, es fi i'.mi ei
ttCiultch viel daran gelegen, das Nach
barhaus te::neii.m!eriieii, Hin bezüg
lin? feiner Unterkunft zu einem An
sang zu kommen, da aber äugen
ilictliu, seine Möglichkeit vorhanden
sei. mi der Schulzen in V,rb:,idii!ia
(,u treten, nähme er die Etnladitna
kantend an.
Tiefer erste Besuch Friedrich-Bo
gelsangs bei dem peniionierten
Amtsgerichtsrat Eduard Thomfeu
war so ziemlich das Vei"irnndertich
iie von dem was er bisher in Zech
im erlebt hatte.
Zunächst wurde er durch den iAu
ce,i geiührt, ivo er alles mögliche
bewundern mume: die Ziersträucher,
"i,- un lenten Flor prangenden Wo
seu, i'ii mit Klematis dicht bespon
neue anbe, die emuiebeeie unö in
londerheit die Bieli-neiitulnii, worin
der Aintsgerichtsral Spezialifl zu
Win vorgab, die Regentonne nd
?a. ertwürdigiie ein Beet mit
den veijchiedenite Unkräutern, an
dem der Besitzer Studien über Aus
rottungsiilöglichteiten trieb. Neben
her wurde er ans hundert ändert
Tiuge von geringerer ichtigkei:
aufmerksam gema!l.
Tarüber verging etwa eine Stnn
de, und als der kleine, bewegliche
Herr mit dem meckernden Aachen
und dem längst wieder erloschenen
Zigarrenstummel endlich in das Hau-;
nötigte, war es fast dunkel gewor
den.
Sie müssen wissen," sagte er, ab.
er ihn durch die dämmrige TieU
führte, in der es so aufdringlich nack
getrockneten Küchenkrantern duftete,
daf; inaii in einem WriinfumiteUei
zu sein wähnte, das; ich Witwe,
tut, fchon übei zehn Jahre, und zu
meiner Answarinng ein männliche-:
im Hanse habe. So eil,
Mittelding zivischen Tiener. Koch
und Hausmädchen. Anton versteh!
von allem etwas, aber stets so viel,
das; er sich immer zu helfen weif",
und nie ni Verlegenheit kommt, mag
es sich um das Wafchfafz oder den
MochU'vi handeln."
Aljo ein c'ädchen für alles?'
fragte der Tokior lächelnd.
Buchr als das. Buffer als eint
etii der Sippe mit dem bekannte
kurzen Verftande. lim tausend
Schock Sperlinge möchte ich kenn
von dieser Sorte in meinem Haust
haben . . . So, bitte, hier isi
nietn Zimmer."
Ter scheint troy seines einstige,,
Ehestandes ein Weiberhasser von de
lichlven Sorte zu sein, dachte Vo
.iflsang. während er in das Gemach
trat, um schon im nächsten Augen
blick seine Vermutung als doch wohi
nicht berechtigt anzusehen. Tem,
Thomsen mack'te ihn nach dem Aii
zünden der Lampe sosorl aus zwei
Fmueululouiije aufmerksam.
Sehen Sie", jagte er, die Laut
pe, ohne die grüne ojlocfe auszustül
peu, in die Rechte nehmend, um ei,
über seinem Schreibtise hängendes
elgemäloe z beleuchten, das isi
das Bild meiner verftorbenen Frau
Eine von einem Ihrer Berussgenof
fen nicht mit ge, tilgender Sorgfalt
oehftiuelte Infeitioit hat sie mir ge
nem..,en. Tantals fluchte ich Ihre,
g..u'-"i. Zunft." Thomjens Stimm,
zitteue, und seine Augen, von weh
,n.itign Eriniteruiigen redend, hin
gen ttii dem Bilde.
Tee Tottor betrachtete es mit vf
je i.cbtlncem Interesse. Ein seines.
,:.'t jugendlich erscheinendes ietcht.
:Vtu jeeieuuelle Augen einen eignen
Reiz verliehen.
lind min sehen Sie hier", sagt.
Thomsen mit wieder hell klingeudet
Summt', die einen gewissen llntcrtoi,
de. Stolzes auswies, in die Betrach
tung seines Saftes hinein und leuch
tete zu einer auf dem Schreibtisch.
Iiehenoen Photographie hinab, dac
ft mein Mädel, meine Sabine,"
Ah!" entfuhr es Vogelfang un
willkürlich in aufrichtiger Bewunde
rung. Er meinte, ein Geftchl vo,
;c tiassifcher Reinheit der Ztige uoa,
nicht gefehe zu habe. Ein volle,
Flechlenkranz fchmuckte den ops de-:
lieblichen Madaienbildnisses und ver
rieh ihm erhöhte Anziehungskraft.
So." sagte Xhouifeu in die Bei
lUuteuneu fernes Gaues hinein, da-:
.vaie die Vorsiellung der beiden
Menschen, die nur die teuersten find,
im Bilde gewesen. Mein Mädel
werde Sie iu gelegentlich auch tu
' erjou kennenlernen. Sie besucht
die Gartenbanschttle in Frankstirt
,,nd kommt an den Sonntagen nack
jechlm 'rüber "
Eine niitenbatifchnle fragt,
.-er Tokt0l überrascht.
Ja, daaiten Sie etwa die llnivei
ität? Teil nenmodischen ; um mr
..berfiuoierten uno zehmnaltlugei
Weibern mache ich nicht mit. Metin
Sabine isi nur zu schne-e. iim sie mai
a'.s Blaustrumpf in der Welt nun.
a fen zu lassen," Thomsen lächel
te bissig und trug die Lampe nach
Mi, in der Mitte des Zimmers sie
henden Tische hinüber.
Und nun kommen Sie, bester
Toktor. Hier ist Kraut aus Birgi
nie. Eine gut abgelagerte, volle
Äorte. Und dort habe mir mein
:t N!
t wahr. Sie I
find lein Simlr-eroeebe:
Ve.-ieiiat:,!. inei:;te, das; ei das in
keinem Falle fei, als.' auch : diesem
i'.i.It.
Wenige Minuten später war es
,,.inz ftill im 'inniner geworden.
T'.e beiden Herren hatten die Ge
pilegenlieiten des Sckiackifpielers an
ginoiiiinen: ein brütendes Starren
nnd versunkenes Weltvergessensein.
Selbst die dem edlen Siiaiü aus Vir
gitiien anfänglich geschenkte liebevol
le Ansmertsamkeit wurde von dem
Weltvergessensein aufgesogen. Ter
Amtsgerichtsrat hielt den erkalteten,
schiesgebrannten Zigarreurest im
Mundwinkel, und Toktor Vogelsang
hatte den seinen einer Aschenschale
anvertraut.
Es ging schon aus zehn, als Thom
sen seinen Partner matt sehte. Tr
lehnte sich aufatmend zurück und
strich sich mit der Hand über die
Stirn.
Sie find ein tüchtiger Gegner,"
sagte .Thomsen anertennend, man
iji bei Ihnen nie vor lleberraschun
gen sicher und ntiisz verteufelt auf der
Hut fei. Ich hoffe, noch manche
.Nlerefsante Partie mit Ihnen fpie-
ien zu können, und wünsche daher
in demselben Mane, daij Sie in tür
zesier (jeit mein Nachbar sein möch
ten." Ter Tettor sah ach der Uhr.
.eiite ist is nun zu fpät geworden,
i.:,i das Hans betiujti'geu zu können,
lei morgeii inufj uh . . ."
Ich will Ihnen was sagen", un
lervtach .homfett uno hatte eine
wegwerfende Handbewegung. Nach
meiner Meinung ift eine Befichligung
gar nicht nötig und eigentlich ziveck
los. Sollten Sie tatsächlich das
Glück haben, von dem Zerberus, det
famosen Therefe Schulze, eingelassen
iverden, so würde fie Ihnen im
Hanse selbst so gut wie nichts zei
gen, da das Weib mißtrauisch ist
und Anschläge ans ihr geschältes Le
ben vermutet, außerdem die ehemali
gen Wohnrüume des seligen dicken
Brinkmeier wie Tempelräiune hütet
mid vor prosanen Blicken zu schübe
sucht. Tas Wissenswerte kann ich
Ihnen kurz sagen: In federn Stock
werk sind etwa vier geräumige Zim
mer mit verschiedenen Ncbengelasscn,
Ter bauliche Zustand wird im allge
meinen befriedigend sein. Bieten
Sie den Erben für die Benuvung
des j,l.nzen Hauses ÜUU Mark Mie
te, für das Bewohnen eines Stock
werkes die Hälfte. Basta! Auf die
se We'.se kommen Sie am schnellsten
zum Ziel, lind nun essen Sie bei
mir :uch ein Butterbrot . . . Nein?
Ach, lieber Toktor, da können Sie
)icher sein: so spät wird niemand
m Zechliu krank. Tie paar Klei
:"!guiieu machen die guten Zechlinei
bet T ,ge ab." Thomsen verschnauf
te sich und benuhie die durch die lln
entschlessenheit des Toktors entstehen
de Gesprächspanse, um seinen Zigar
renresl anzuzünden. Zum dritten
Male seit Beendigung der .Schachpar
tie. Nun?" fragte er, während ei
angestrengt und mit hörbarem Paf
fen sog, ohne sich über eine Rauch
entwicklung freuen zu können. Er
laubt Ihr ärztliches Gewissen ein
längeres Bleiben oder wollen Sie
mir ihm zuliebe untren werden?"
Vogelsang lächelte. Ich will zu
meiner Beruhigung annehme, daß
iüiä- niemand braucht. Ta ich aber
durch den unvorhergesehenen Besuch
bei Innen gleichsam von der Bild-
fläche rerschwunden bin und mich,
falls .im mich suchen sollte, niemand
finden würde, darf ich höchstens noch
ei.r halbes Stündchen zugeben.
Tas genügt ja", sagte Thomsen
erfreut. Sie sind wirklich kein
Spielverderber. Kommen Sie, An
:on wird längst gedeckt haben."
Tas kleine, dünne Kerlchen mit
dem Spihbubengesicht und dem ver
schlageneu Blick in den grauen Au
gen Vogelsang wunderte sich im
stillen, dasz der Amtsgerichtsrat die
seit Menschen mit der wenig vertrau
eiicrweckendcii Physiognomie im Hau
se hatte und de-s Lobes über ihn voll
gewesen war legte ohne weiteres
ein zweites Gedeck auf und berei
cherte den Abendtisch mit einer unge
meinen Fixigkeit um eine Platte
Ausschnitt und ein halbes Tutzend ge
kochter Eier.
So, Anton", jagte Thomsen.
Und nun noch schnell ein paar Senj
,'urken, ein paar saure Gurken und
etwas Zuckerbohnen. Tenn," wand
te er sich zu dem leise lächelnde
Toktor, Sie sollen doch gleich die
Vorzüge, die mit 'dem Besihe eines
Gartens verbunden sind, kennenler
nen und daneben erfahren, wie weit
ich es in der Kunst, saure und ande
re Gurken herzustellen, gebracht ha
be. Tenn das Einmachen der Gur
,en ist mein Ressort."
Vogelsang nickte und hatte eine
verlorenen Gesiaitsausdruck. Er
mufzte voll heimlicher Belustigung
daran denken, wie viel man ihm nun
schon, seitdem er in Zechliu war,
vom Essen, Kochen und Einmachen
erzählt halte. Ganz zu schweige
von den Schiloerungen Jürgen
Völschs über seinen eenslüftere
Vorgänger, hatte der Wirt vom
Grünen Hecht" mi,t dein Loblied
,-bcr die Kochkünste seiner Seligen
aufgewartet und Fräulein Ida Bar
nekow des Rühmens vom Aviel
T.v.m-ett.
gclee nicht wenig gewußt. Und min
tat auch der Auttsgerkl.'.:rat das
seinige und lobte seine selbsieingeleg
ien sauren Gurke I
llebiigens lobte sie der Toktor
;'tichhT auch und versicherte Thom
sen, das: er noch nie so delikat
schmeckende saure Gurken gegessen
hätte, was dem Erzeuger ker ge
rühmten Telikatesse offensichtliches
Vergnügen bereitete.
Im ganzen war aber Vogelsang
trou der Liebenswürdigkeit feines
Wirtes und der Reichhaltigkeit des
Abetidtiscches nicht mehr recht -bei der
Sache, da ihn eine geheime Unruhe
erfüllte, über deren Ursprung er sich
leine Rechenschaft zu geben vermoch.
te. Noch vor Ablauf der von ihm
seslgesehteii Zeit bat er, sich empfeh
len zu dürfen.
Ter Amtsrichter war gerade im
Begriff, von der Schilderung einer
omposthaufenanlage zu Mitteilun
gen über die Vorzüglichteit eines
von ihm erfundenen Mittels für 11,1
trautvertilgung überzugehen, und be
dauerte den Anspruch seines im Zu
hören geübten Gastes ausrichtig.
Man trennte sich mit der beidersei
tig zum Ausdruck gebrachten Hoff-
nnng auf den baldigen Beginn einer
.mgenehmen Nachbarschaft.
II.
ie geheime Unruhe, die Toktor
Vogelfang während des Nestes seines
.'insenthalts bei .homfen gequält,
hatte, einem unsichtbaren Fluidum
gleich, ihre Wellen vom Grünen
Hecht" zu seiner Seele hinüberge
i 'agen. Tort wartete man mit sich
tändig steigernder Ungeduld seit
Stunden auf seine Rückkehr.
AIS er, mit haftigen Schritten
über den Marktplatz kommend, dem
Grünen Hecht" zustrebte, erkannte
er im ungewissen Licht der in der
Einsahrt unlustig schwelenden Petra
leumlaterne ein vor dem Hause hal
tendes Gesährt.
Unter den Torbogen stand je
mand, der wartend Ausschau zu
hatten schien und beim Klang der sich
.läherndeu Schotte dem Toktor ein
tuck entgegenlief. sind SieS,
Herr Doktor? Na, endlich, Gott sei
Tank! Wir haben überall nach Ih
nen gesucht: beim Bürgermeister,
beim Apotheker, beim Pfarrer,
jchließlich auch beim Salomon, aber
nirgends waren sie zu finden."
Heinrich Müller sprach in aufgeregter
Hast und fuhr sich mit dein Tuch
iter (Stirn und Wangen, als hatte
er e'iien Wcttlauf hinter sich.
Ja, aber um alles in der Welt.
was ist denn eigentlich geschehen?"
fragte Vogelfang, ärgerlich werdend,
daß man ihm nicht endlich sagte,
weshalb nach ihm gesucht worden sei.
Tas alte Fräulein von Brandt
aus Briesenbrück ist schwer krank und
i;at nach Toktor Brinkmeier geschickt;
renn sie hat noch gar nicht gewußt,
daß der schon lange tot ist. Der
T'ölsch hat den Kutscher dann hierher
:,u mir geschickt, damit er Sie mi
nehmen könnte. Nun hält er schern
zwei Stunden vor der Tür. Es ist
au gut, daß Sie endlich gekommen
sind.
Ter Toktor war längst haflig an
iX'u Wagen getreten und hatte dem
Kutscher'zngeruien, daß er gleich be
reit sei. Tann stürmte er ins Haus,
.im die nötige Vorbereitungen zu
treffen. Schon nach ein paar Mi
miken kehrte er zurück. So, nun
los!" rief er, in den Wagen stei
gend. Und dann schnellste Fahr
geschwindigkeit, damit wenigstens et
was von dem Versäumten eingeholt
wird."
Tas stille Zechliu lag längst we
oahinten. An abgeernteten Acker
breiten und von grauen Nebeln
übersponneiien Wiesen, die wie end
loses Meer anmuteten, war das Ge
fährt vorübergejagt. Baiimgrup-,-n.,
regungslos und spukhaft in der
Landschaft liegend, tauchten auf uno
verschwanden. Schon durch zweier
Tfer lichtlose, schlafende Stille
die Fahrt gegangen, und noch
m.mer schien Briesenbrück in weiter
Ferne liegend.
Friedrich Vogelfang yane oa ue
fütZl. einem geheimnisvollen Schick
sal ei'tgegengefiihrt zu werden, ein
wunderliches Erlebnis erwarten zu
m'öeu. Wer mochte das alte
Fräulein von Brandt, welches die
.l,k ihrer Krankheit sein? Er stellti
,:ch einen düsteren, altersgrauen Her
renfitz vor, dachte an weite, halb
dunkle Korridore und hohe Wohn
täume mit Gobelins und Ahnenbil
oeui. Ein quälendes Verlangen,
.r.dlich am Ziel zu sein, packte ihn.
rhöhte seine Unruhe und steigerte
zie Tätigkeit seiner erregt arbeiten
Jen Phantasie.
Schließlich ertrug ei diesen Zu
itüitd nta)t länger. Er ließ das
Feilster des Wagens herab, beugte
kh hinaus und rief den Kutscher an
öl) man bald am Ziele sei.
Ja, bald, nur eine kurze Weile
uochl" schrie der Gefragte zurück und
trieb die Pferde stärter an.
i,, ..kurze Weilt" hakte fich zu
mehr denn einer Viertelslnii.de aus
ledehnt, als das Gejähit mit einei
jcharscn Schwenkung in eine Allee
alter Bäume einbog und nach weni
aen Minuten ruckartig hielt.
Ein langgestrecktes, einstöckiges
Gebände, vor dem eine Doppelreihe
gesinnter Bäume stumme Wacht
hielt, narrte dem Toktor, der mit ei
ner Art verlegener Hililougleit ne
bett dem Wagenschlage stand, licht-
los emgegen.
Ja, was soll denn min werden?"
fragte Vogelsang schließlich zum Bock
.1'nanf, ivo der von Brandrschc Ge
waltige über Rosse in Gletjcherein-
samkeit und stoischer Gelassenheit
thronte. .Siomml denn niemand?"
Es wird schon wer kommen", be
ruhigte die Gelassenheit in Person.
Gleich darauf kam dann zwar nie
mand, aber eins der dunklen Fenster
wurde geöfsnet, und eine im Meisen
geübte jchreiende Stimme ließ fich
'-ernehmeii: Bei allen Briesenbrük
ker Hammeln, wo K'ibt Ihr, Glä
lermann! Es ist gleich Mitternacht.
Na, wartet, die Gnädige wird Euch
den Marsch blasen! Habt Ihr denn
liun weiiigsiSiis den Toktor Brink
meier mitgebracht?"
Nee!" sagte Gläsermann breit.
Seid Ihr verrückt, Gläser
mann?" Nee, Mamsell. Aber den Tol
len: Brinkmeier zu bringen, das ging
ich. denn der is schon längs! oot.
Tasü, bringe ich einen andern Herrn
Totior mit"
Ohne sich im geringsten um den
Ersatzmann zu kümmern, eiferte die
Tarne im Fenster: Na, Gläser
mann, das hättet Ihr man lieber
nicht gemacht. Ihr wißt doch, daß
die G, lädige mir das getan haben
will, N'as- fie besiehlt."
Zum Teubel," erbosie sich Glä
sernmnn, ich kann doch keinen Ge
storbenen nach Briesenbrück fahren."
Allerdings nicht, Gläsermann.
Aber ihr hattet nicht so eigenmäch
tig handeln dürfen. Na, ich werde
die Gnädige gleich fragen, ob sie den
andern Toktor haben will."
Tas Zensier wurde mit einem
energischen Ruck geschlossen, und Glä
seriuanu erlaubte sich einen beleidi
gen Ausdruck, der die Mamsell in
seiner Zusammenstellung mit einem
nützlichen Vogel verglich und ihre
Klugheit in Abrede stellte.
Ter Toktor pflichtete dem Erbo
stcn im stillen bei. Dieser Dialog
zwischen Mamsell und Kutscher von
Bncsenbrua unter völliger Nichtbe
achtung der Hauptperson war sozu
sagen eine Komödie, wie sie ihm als
etwas Aelmtiches in seinem Leben
.cch nicht begegnet war. Nun, ve-
uigstens hatie er nicht nötig, sich
Vorwürfe über seine Abwesenheit
und das dadurch herbeigeführte spa
te Eintreffen zu machen. Denn wenn
man von der Gnädigen erwarten
durfte, daß fie ihrem Kutscher den
Marsch blasen" würde, und wenn sie
erst gefragt werden mußte, ob ihr
an Stelle eines Arztes, der nicht
mehr kommen konnte, ein anderer
angenehm sei, dann konnte ihretrank
heit nicht zu den schlimmen gehören.
Uebrigenö schien über die Frage,
ob das Fräulein von Brandt den
nicht bestellte Toktor als Berater in
ihrer leibliche Not wünsche, eine
ausgiebige und eingehende Erörte
rung vorgenommen zu werden. Tenn
ebwohl seit dem refoluteu schließen
des Fensters eine geraume Weile
verstrichen war, beliebte noch immei
niemand zu kommen, um dem nun
bereits mit einer nicht geringen Mengt-
Zorn und Aerger erfüllten Tok
tor die Entscheidung der Kranken
mitzuteilen.
Ja, sagen Sie mal, mein lieber
Herr Gläsermann, so ist ja wohl Ihr
Name," wandte er sich nach dem Ver
mus einiger weiterer Minuten an
seinen gerade schwerfällig vom Bock
kletternden Leidensgenoffen im war
ten, wie langt soll denn diese blöd
finnige Geschichte eigentlich noch dau
.".m? Ich bin doch nicht ausgerech
net mitten in der Nacht nach Briesen
brück gefahren, um mir eine ver
schloffene Haustür anzusehen. Klop
fen Sie doch mal irgendwo, damit
itma.ld lommt und der Warterei ein
Ende macht."
I.h klopfe nirgendwo, Herr Tok
tor", '.e'.ute Gläsermann entschieden
ab. Tie Gnädige würde mir schon,
lind da kommt ja nun auch schon ei
ner den Flur mit Licht runter."
Gott sei Tank!" seufzte Friedrich
Vogelfang erleichtert und sah dem
tröstlichen Lichtschimmer, der wie ei
ne Erlösung anmutete, erwartungs
.'oll entgegen.
Tas gnädige Fräulein lassen bit
ten," sagte die vor die Tür tretende
Mamsell mit etwa-s schmiegsamerer
Stimme als vorhin und hielt das
Windlicht in die Höbe.
Ter Toktor solgke der kleinen,
zierlichen Persc.,,, die mit hastig tau
zt luden Schritten vor ihm her den
breiten, durch das ganze Haus lau
sende, geschmacklos nruuternen Flm
hinabeilte und eine fast tun Ende
dei Ganges befindliche Tür öffnete.
Friedrich Vogelfang glaubte in ei
ne einsach eingeei.meie W-'Undtitube
zu treten. Tie beiden in .lefen Nl
fchen liegende Fenster waren nicht
gardineitgejchiniicit, sondern trugen
nur Rollvorhange aus weißem .Kat
tun. Rings an den graugetünch
len Wänden standen Bänke ans Bu
chenbolz, nnd in der Mitte machte sich
ein mafsiger Eichenlisch breit, dem
ver hochlelmige Stühle aus dem
selben Holze Gesellschaft leisteten.
TaS alles drängte sich dem Tok
tor aus den ersten Blick auf. Als
ei dann die Tür lii.iier ii-l: gei '.-!
sen halte und zm Seite m. i
merlte ei den Cueil res :;u,;e., eer
dem Raume Wuiim und Hellig.eu
schenkte: ein he.lo er:,de.u.un nsem". ,
das an einem i,ocky,esch:chteteii Stoße
Buchenscheite mit Gier leckie und
den grellen Schein feiner spielenden
Lichter ans die bagere, knochige Ge
stalt 'einer Greisin warf, die hoch
aufgerichtet in einem ledergepolsier
teil Lehnstuhle saß und den Eintre
tenden mit einem harten Blick ihrer
grauen Augen musterte.
Vogelfang verbeugte fich. von den
unerwarteten Eindrücken etwas ver
worren, reichlich linkisch und sagte:
Ich wurde als Arzt gerusen."
Tie Greisin schüttelte den Kopf.
Eigentlich nicht. Ich wollte den
Brinkmeier haben. Tenn ich wußte
nicht, daß er schon tot sei."
Sie sprach eintönig und abgeris
jen und bewegte während des Spre
chens die aus den Armlehnen deS
Sessels ruhenden Hände im beglci
tenden Auf und Ab.
Als sie schwieg und verloren in
die zuckenden Lichter des Kaminfeu
ers starrte, hüstelte Vogelsang verle
gen und sagte: Toktor Brinkmeier
ist vor einem halben Jahre gestor
den. Ich übernahm kürzlich seine
Praris und glaubte daher, das; mein
Kommen an seiner Stelle erwünscht
sein würde, um so mehr, da man
mir von einer schweren Erkrankung
Fräulein von Brandts erzählte."
Tas ist auch richtig. Nur han
delt es sich nicht um mich, sondern
um die Erkrantiing meiner Gros
nichte."
Vogelfang fühlte einen heißen Un
iv.llen in sich hochsteigen. Wie war
es möglich, in diesem Falle eine der
artig unverantwortliche Langweilig,
keit und Gleichgültigkeit zur Schau
zu tragen! Er sah sich im Zimmer
um, als suche er nach dem Kran
kenlager. Und als feine Blicke
nur die spartanisch einsache Ein
richtung des Gemaches fanden, sagte
er, ein herrisches Aufbegehren in
feine Stimme bringend: Tarf ich
dann bitten, gnädiges Fräulein, zu
der Kranken geführt zu werden?"
Er beobachtete den von einer Ein
pörmig erzeugten Augenaufschlag der
Greisin und fuhr fort: Verzeihen
Sie, aber ich spreche in meiner Ei
genschaft als Arzt."
..Gemach, mein Freund!" Sie er
hob wie zu einer Beschwichtigung
die dürren, knochigen Hände, die
blangeädert waren. Nehmen Sie
bitte Platz, und hören Sie mir zu."
Ter Toktor kam der Aujforde
rung mit Widerstreben nach. Was
hatte diese Art und Weise zu be
deuten?
Ich persönlich halte das Eingrei
fen des Arztes überhaupt für über
flüssig. Ich schickte nach Brinkmei
er nur deshalb, weil die Kranke es
wünschte Weil sie den dringenden
Wunsch hatte. Und nun frage ich
Sie: Wie stehen Sie zum Gesund
beten?"
Vogelsang vermochte nicht sofort
zu erwidern. Tieje Frage hätte
ei nie erwartet. Er erschrak form
lich. Tie mit einem sanatijchen
Ausdruck auf ihn gerichteten grauen
Augen der Greisin zwangen zur
Antwort: AIs Mann der Willen
,chaft kann ich Ihnen nur eins Za
gen: das Gejundbeten ist platter lln
,in. Und diejenigen, die es als
Wunderkraft anpreisen und ausüben,
sind Betrüger und Eharlatane."
So?" Fräulein von Brandt hat
te ein höhnisches Lächeln aus ihrem
Gesicht. Ich denke anders. Ich
schwöre daraus. Mich hat der
Schäfer von Reetz vor zehn Jahren
gestim, gebetet, als ich an einer
Lnngenentzündiing auf den Tod lag.
brinkmeier hatte mich aufgegeben,
lind als er nach seinem letzten Be
li.ch in den Wagen stieg, sagte er zu
der Mamsell: Nun heißt es an
die Trauerfahnen denken. Morgen
früh ist die Alte tot. Ta kann
keiner mehr helfen." Nun, fie war
mcht tot, die Alte. Ter Reetzer
Zchäfer hat sie wieder gesund ge
betet, und sie lebt heute noch. Brink
inner hat Nachher gesagt, daß der
Reetzer Schäser mehr könne als
Vrot essen, lind wo er später an ei
nein Krankenbett achselzuckend keinen
Rat mehr wußte, da sagte er: Laßt
euch den Reetzer Schäser kommen"."
Auf Vogelsangö Stirn brannte
die helle Röte des Unwillens: Mein
Vorgänger hat damit etwas unver
antwortlich Törichte und Leicht
sinniges gesagt, gnädiges Fräulein.
Etwas Unverzeihliches." Tie Stim
me des Toktors zitterte.
Eigentlich müßte ich Sie jetzt ver
abschieden. Aber Sie sollen sich
überzeugen, daß es sich um keine
Torheit handelt. Seit drei Stun
den retet der Reetzer Schäfer. Er
hat mir gesagt, dasz, morgen srül
-im sechs, wenn die Schatten dem
Licht zu weichen beginnen und das
erste Morgenrot hinter dem Reetzer
Kirchturm ausslainiut, der Erfolg
feines Betens da sein wird. Kom
inen Sie, ich will Sie in das Kran
kenziininer führen."
lFortfetzniig folgt.)
Lakonisch. 31.: Nun. was
sagen Sie zu dem Kind meiner
iuse? .
B.: Armes Wurm!
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