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Hermanner Volksblatt. [volume] (Hermann, Mo.) 1875-1928, September 15, 1922, Image 2

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- )
1
fsry)
M
Der Mann von
der Strasse.
Roman von j
Van! Oskar s)öriirr.
WM
(12. Fortsetzung.)
Die Wockenschrist berichtete .in
art lind Bild von den neueste
Vorgängen in , äWtel&eiitjchlsliiö:
Streik, Vaiidcnherrschaft, eiseiibaljn
ausstände. Aber auch von den in
Thüringen wieder nett auftretenden
TaiMaren" zeigte sie ein paar
Aufnahmen. Sie waren nach den
im Tcrt gemachten Angaben -am
Erfurter Tag" aufgenommen. Met,
rcre Bilder zeigten ungehenrc ä'iaf
senversamnilungen von Bindern und
Hallcrwachsenen im Wandervogelan
zug, im Dirndl". Tcr Friedrich.
WilhcliN'PIal; war in seiner ganz.,,,
weiten unabsehbaren Fläche mit tau
zenden Anhängern der Schar" über
sät, auch die Stufen die zur Tom
Höhe führten, auch die Breite zwi
schen Tom und Scvcrikirche. Und
ein paar einzelne Gruppen hatte der
Photograph aus feiner Wefnmtani
nähme ausgeschnitten und vergrö
ßert: die Leiter mit ihren Stäben,
jungen, kaum zwanzigjährigen Hcl
fern in Feldgrau oder im Sporicin
zug. Da war daö Bild des Schloff
ergesellen Orje, von dem berichtet
ward, ein Trupp junger Männer
und Helferinnen die in Erfurt zu
seiner Schar grsioszen waren. Wn'a
sab auf der Aufnahkne die fanati
schen Augen eines fangen Lehrers
mit dicken Brillengläsern, sah die an
mutig.frischcn, nicht übermäßig be
deutenden Gesichter von jungen
Gärtnerinnen aus Erfurt, von Lei, I
rerinnen, die ihre Ersparnisse mit !
Orje geteilt hatten.
Und mitten in der Schar um Or
je herum stieb sie auf ttlis Bildnis, j
ü3 war rein Zweifel, oa er oa?
war. Er trug noch denselben
Epartanzug. den von Arnold, in
dem er ihr damals in der Wohnung
der Thüringerin am, Friedhofswoge
von Weftend begegnet war. ?!ur
noch elender sah er aus, die Schlä
fen waren schmal, die grauen Au
gen düster umschattet.
Sehnsucht, Angst stritten nun in
ihr. Aber als sie an der Grenze
sich entscheiden .mußte, wohin sie
fhr gab es itm? noä) das eine Ziel :
Erfurt.
Sie muffte llli sprechen. Sie
nutzte ihn helfen.
XX.
. . . .Ein Spätsommertag im
Thüringer Wald . . .
Hinter der Fasanerie, am Wald
lee, hat sich eine Gruppe der Tanz
schar zum Abkochen gelagert. Tie
Toni hat ihren Bnider, den Unter
sorster, herumbekommen: stillschwei
gend duldet er das Feuermachen am
Us?r. Diese jungen Leute sind ja
keine Wandalen wie sie ost die Grosz
städter; die meisten Helfer der Schar
haben von Kindheit an den Wander
vogrl, den Pfadfindertrupps ange
hört und sind dort erzogen wor
den, keinen Flurschaden, keinen Wild
schaden, keinen Waldbrand, keine
Verwüstungen der Forst zu verursa-
chc.
Und wo sollen sie jetzt sonst hin.
wenn nicht in die ganz abgelegenen
Waldnester? Das ganze Thüringer
Land ist diesen Sommer ein ein
ziges jwrbad geworden. Im Ver
laufe weniger Monate sind überall
die Preise für alle Lebensmittel so
hoch gesprungen, das; die Anhänger
der Tanzschar sie nicht nichr er
schwingen können. Und für das
richtige, ernste Einüben der mehr
stimmigen Lieder und der alten deut
schen Rcigm braucht man Zeit und
stille. Nun find Orzes Gemeinden
aber schon eine Sehenswürdigkeit ge
worden. Wo er selbst sich zeigt,
da richten sich alle Kodaks der Som
merfrischlcr auf ihn.
Hier am Waldsee hinter der Fa
sanerie herrscht Frieden. Meilen,
weit zieht sich der ehedem sürstliche
Wildpark hin. Die Gruppe wird
hier wohl ungestört ein Weilchen
bleiben können. Es find neue An
hänger gewonnen worden, die den
nausschätzbaren Reichtum der Volks
lieber, der Tanz, und Reigenliedcr
kennen lernen müssen. Man hat sie
aus die einzelnen Trupps verteilt.
Unter den älteren Helfern befinden
- sich ein paar Studenten und Volts
schullohrer aus Jena, die das Stu
dwm der Volksgesange wissentschaft
lich betrieben haben. Sie sind an!
den Kreuz, und Ouerziigen dnrcl
das ' Thüringer Land cisrig als
Sammler tätig gewesen, haben du
verschiedenen Lesarten nd Spiel
arten der alten Neigenlieder vergli
chm, schlechte, mißverstandene Wen
düngen ausgrschiede, die beste Form
festgestellt nno diese den lernbcgie
. rigen, tanz, und singsroheit 5iindcr
scharen beigebracht. In Hunderten
von Dörfern. Flecken und Städtchen
fmgcn heute Zehntausende neben den
'4,kin allgemeiner bekannten Wander
vee.Iiedern neue i,d
XM);;vu'i leil, dü -l !
var
.',,.iii hat.
Die Freude a:i dieser ec!,:
ii
!o!:v;ti:iM i!.tt Vrn.'ii .Vrtu:u'lr.'i i?
iii.vü v'i'uoer Arnold lan-'.e Zeit
iUim i;;rd iri.illt. luO die
tiv.i ZiV 'ich rettiefene Fnn ,d
jchrist mit llli h.'.l e alle Slnucl
veraesfen lassen. Die wnüdervoNen
alten Heiinatlied.-r rühren ilmen an?
Herz: gerade je'tt, wo sie die et
iiun verloren Ijnbi'iu Tan.st das
Volk im Streik', Rnndinella nilUv'
(rntjuatcr will tanzen"
W.m sock ich noch Rosen schufen"
c- liegt bezwingender, ersrischen
der Zauber über diesen alten Wei
seit. Hannelore und Arnold, die
bisher nie mit dem '-voll Berührung
gehabt baben, geben siä, diesem stmi
Merlinen Wanderleben mit einer
finqfrohen Seligkeit hin, die weiter
strahlt, die ihren ganzen Uiiiftet
in Sonne taucht.
Uli bat nicht das Talent, an den
ringen nur zu naschen. Er musz
alles ernsthaft tun, mus: allen Tin
gen auf den Grund kommen. Eine
neue Weltanschauung ist ihm hier
entqegengetreten, die ihn befremdete
'ja fast ängstigte. Er bat sich zu
erst mit vielen eigene inneren Zwei
feln auseinandersetzen müssen. Tau,:
sind die Anfeindungen von fremden
Seiten gekommen. In einzelnen
Ortschaften sind die Gegensätze in hit
zige Streitigkeiten ausgeartet. Eini
ge Gruppen 'mußten vor den An
griffen flüchten. Orje hat nicht
überall fein können, um zu erklären,
,z ftl.IiÄten, zu werben. So find
die Helfer nach den gefährdeten
stellen ausgezogen, auch llli. M Ici
iic Gruppen sind ihnen beigegeben
word.n. Von dem Augenblick an.
da Hannelore und Arnold bei der
Schar aufgetaucht sind gleich nach
dein nnvergeblichen Erfurter Tag
hat llli eine größere innere -icher
h.'it gefühlt. Mit ihrer ganzen herz
lidicu frische haben sich die Geschwi
ftr der anmutigen Aufgabe gewid
mct, die Torstinder, die ihnen über
all zugelaufen sind, durch praktisches
Beispiel zu belehren. Keine Stun
de währt's und auf dem Spiel
platz herrscht Glück und Lachen.
Man hört die Kinder singen, ein
Lied ums andere, erst falfch, dann
iveniger falsch, späterhin schon leid
lich wort, und tonreich, man hört
daö Händeklatschen im Reigen, man
hört Lauten, und Geigenspiel. Und
immer frohes Lachen, das sich zum
Zubcl steigert.
Nirgends sind die 5iinder in der
Schule oder in der Arbeitsswbe zu
halten, tvenn am Torfrand die Tanz
schar das erste Liedchen singt. Und
ost müssen anch die Fabriken, in de
nen die Halberwachsenen beschäftigt
sind, eine Arbeitsruhe eintreten las
sen. ttewaltmabnahmcn, Aussper
xmigen haben da und dort die Sache
nur verschlimmert.
llli Hai mit Fabrikleitern, mit
Lehrern und Gemeindevorständen in
Orjes Auftrag verhandelt. Wo Be
Horden dein Schlossergescllen mit
Ausweisung, mit Anklage, mit Stra
fe gedroht haben, ist llli auf die
Aemter gegangen und hat den Be
amten in ruhiger, würdiger Form
zugesprochen. , Die Gegenseite hat
bis dahin den Hetzreden geglaubt:
nur Landslrcicherpack sei es, das sich
der Tanzschar zugeselle, entartetes
Wandcrvogelgesindel. Nun niacht
es ihnen einen starken Eindruck, dk
an der Spitze der Bewegung Stc
heudeii als ruhige, seine, stille Men
schen Jemen zu lernen.' Die bisher
Gegner waren, kommen und wohnen
den Uebungen bei. Und viele er
greift der Zauber, sie vergessen der
eigenen Geschäfte, der eigenen Dienst
sliindcii, wenn sie wahrnehmen, w:i
in den schmalen Kindergcsichtcrn di,
Wangen sich zn röten, die Augen zu
leuchten beginnen, wie die Kinder
herzen erwachen, mit ihiicil die Stini
men und langvergeisenen Weisen.
In einzelnen Landgemeinden hal
man der Gruppe, die llli zcht fuhrt
die Ausnahme verweigert, sie mus:.
te noch spät am Abend slndenweil
über das Gebirge marschieren, um
ein Unterkommen zu finden. Aber
die .Kinder der Ortschaften, ans de-
nen inan nc auswies, find ihnen ge
folgt, llnd so hat mau die Rück
kehr der Schar noch erbeten. 2c
war's in Enncdorf. Da sind dann
Hannelore und Toni, die Erfurter
Gärtnerin, von der Pjarrersjran b
hervergt worden, llli, Arnold, del
Lehrer Magnus und die beiden jun
gen Arbeiter der Sonncberger Spiel
;eugsabrik. Edu und Hans, haben
beim Gntsvorsteher, der ein hitzköp
iiger Politiker ist, Aufnahme gefun
den. Mit dem Gesinge und e
tanze, mit dem Wandern und Ka.
chni sind die ernsten Leute schliedli.l
einverstanden. Sie haben ja das
Glück ihrer Kinder miterlebt. Aber
ist es ein Lebenszweck, in diese
furchtbaren Zeit das Volk in singen
oe, tanzende Städte und Dörfer zu
uerwandcln? Vielleicht ist es ein
.'llt der Verzweiflung gewesen," er
widert llli dem eifernden Gntsvor
steher. ich entsann mich zuerst ja
auch der mittelalterlichen Tanzepidr.
mien, wie sie die Geschickte ennfiit
aber danials war eZ Wohl relmiiiip
! Ekstase, heute ist es ,.ur der Aufschrei
Volkes, endlich einmal wieder
...... i.vii Grau des Alltag
'"" , lllld
lllld
ttrl.'asnot .in
JvfUldi
lllld i
n:,d ,V-riv 5 kommen."
blonde, firablende Hanne-
hne, die sirfi
INI -lttlil! iHlv -yi-i;,
der Parrers'rau errungen wi, um:,
ilirer Wirtin ans dem Gächtnis
die Worte iviedergebeil. die Orje da
aui der Er'urter grohe oexet
ativretim Hai. Der Psarrherr Hai
Orjes Rede eine Kapnzinade aus
Wallensleins Lag.r genannt. ?c'ichl
Kirä'N'eihstimilinng brauche das zer
treleiie deutsche Volk, um slch von,
Veriailler Vertrag zu neneu, A::i
stieg zu erheben, sondern harte Werl
tasarbeit. llnd die Leitung, die
iilvr OrjeS Aufruf geschrieben hat,
ist zelriifen'in den Papierkorb der
P'arriiube geflogen. Hannelore hat
mit Mi manches Mal über Orjes
Abficiiten, seine innere Berufung,
sein äusteres Geschick, auf die Mas
sei, zu wirken, gesprochen. Was den
gröbten Reiz an diesem schlichten
Tbiiringer ausmacht, das ist seine
llrsprünglichkeit. Wissenschaft be
sitzt er nicht, will er sich auch gar
niät aneignen. Aber er versagt
darum oft in den Auseinandersetzun
gen mit scharszünaigen, spitzfindigen.
kenntnisreichen Bannern von, ent
fach. Hannelore schildert der Psar
rerssrau, wie mächtig es damals aus
sie eingewirkt hat, als sie sah, dav
Tausende von Menschen dein eiusa
chcn Arbeitsmann das Ehrengeleit
bis vor die Tore der Stadt gaben.
Bon seiner Rede am blnineiige
schmückten, von Kerzen glänzenden
b
Pult in der alten Ersurter ttirche ist
Hannelore besonders die Stelle im
Gedächtnis geblieben, in der er lei
ne Aufgabe mit der eines Johannes
des Täufers verglich. Hch bin nicht
den Menschen verantwortlich," sagte
er, sondern dem, der mich gesandt
I)at. Ich komme im Namen Gottes
und bereite nur einem die Liseac
der nach mir kommt. Und wenn wii
uch beute mit umerem Horn aus
den Märkten und Plätzen zusainmen
rufen und lärmen, so tun wir es,
weil ihr den leisen Rufen noch nicht
folgt, erst lebendig werden mum und
euch zusammentun. Seid ihr erst
wach, brauche ich kein Horn mehr.
Es kommt dann vielleicht einer, der
euch in der Stille stärker vereint und
mich ablöst."
Hannelore ist inzwischen schon
manchem Zweifel in sich selbst begeg
net. Sie hat auch bald erkannt,
das; die Schar Anhänger mit sici.
chleppt, die durchaus nicht von dem
Idealismus des Führers erfüllt find.
Auf den Things, die fern von Städ
ten und 'Dörfern, ganz altzein unter
den Genossen, als eine Art Kirche
und Gerichtstag abgehalten werden,
sind heftige Anklagen gegen einzelne
Verräter erhoben worden. Jeder
Anhänger hat der Schar ausgeliefert.
was er besitzt oder von seinem Hab
und Gut erlangen kann, und wll
nun eine Art Kommunismus mit
den anderen eingehen. Das aus
Lebeil ist Armut das' innere kann
nm so reicher und freudiger sein.
wenn der ernste Wille alle eint. da-.
schlechte zu inciden. Davon i
Hannelore noch heute bis in den letz
ten Winkel der Seele erfüllt: , das;
Orje ein reiiier, gläubiger Mensch
ist, dasz ihm alles, was cr sagt, bitter
ernst ist, das', er die Heuchelei nicht
kennt.
Indem sie alle ihren Führer über
zeugt verteidigen, wachsen sie alle
immer inniger mit ilnn zusammen
In der Gruppe, in der llli für
die 'schar kämpft und wirkt, haben
die aus gebildeten Kreisen stammen
den Genossen das Uebergewicht. Hier
stnd auch die auszeren Lebensformen
erfreulich geblieben, so drückend oft
die Mittellottgkelt gcwewn ist. E
hat Zeiten gegeben, wo sie als Hilfs
arbeite? auf den Gütern einstanden
uid im Heu schliefen. Hannelore
hat dann nicht geduldet, dasz ihr
Bruder nachts in ihrer Nähe weilte.
Lachend meinte sie: die Bauern
könnten sonst denselben Verdacht ha
ben wie damals die Erfurter Hotel
angestellten. Tcr Toni Sitten sind
freier. Sie ist jünger als Hanne
lore. folgt willig ihren Weisungen
oder Bitten, am liebsten ihrem Bei
spiel ; aber sie ist, ein Sinnenmensch
und von einer so heftigen Leiden
schaft für Orje erfüllt wie übri
gens noch andere aus der Schar ,
dasz Hannelore daraus schwere Kon
slikte erwachsen sieht. Orje hat er
klärt, dij cr sür sich kein Recht er
blicke, je eine Heirat einzugehen, er
sei seinem Amt seiner Aufgabe oer
Pflichtet. Wie lange dies alles noch
so geschwisterlich, so lindlich-rein blei
ben kann, das weif; Hannelore nicht.
Alles ist Bruder und Schwester in
der Schar, nennt sich Tu, kennt kaun,
den Zunamen, es gibt keinen Unter
schied zwischen denen, die ein Kapital
mitgebracht haben, und denen, deren
Hab und Gut nur in den, besteht,
was sie am Leibe und in, Rucksack
tragen, llnd es fragt keiner den
andern nach seinem bisherigen Lie
ben. So ist auch Uli den Geschwi
stcrn zwar innerlich von Tag zu Tag
nahtrgeruckt, aber von seiner frühe
ren Stelln,! in der Welt, von sei
uem Beruf, seinem Stand, seiner
Avnammung haben sie immer noa
nichts erfahren. - '
- Nur eins hat Hannelore mit dem
sicheren Gefühl deö Weibe? erraten:
das: Uli unter einer unglücklicher
Liebe scbwer. schwer leidet.
Die ganze strahlende Fröhlichkeit
b.seelt Hannelore seitdem nicht mehr.
Arnold fällt es aus. das-, sie schmal
an den Schläfen wird. Oit sind ih
re Augen
Morgens trüb', als
liät'.e sie schlecht geschlafen, wohl gar
geweint. Aber daran mag auch das
inangelha'te Unterkommen, die
schmale Kvst. die Zwölfstuiidenarbeit
schuld sein, die sie in der Erntezeit S
den armen Bauern der vausindu
üriegegeud von Sibirien" geleistet
Haben, wie diese kärgste und nn
fruchtbarste Hochebene Thüringens
im Volksmunde heikt. lluunterbro
chen ist das wochenlang so gegangen,
llli ist immer der Vorarbeiter gewe
sen. In keiner Handfertigkeit vcr
sagte er je. Und Magnus, die bei
den jungen Industriearbeiter und
Arnold haben ihren ganze Ehrgeiz
dareingesetzt, es seinem Beispiel
gleichzutu. Solche Erntehelfer ha-
den die Perlismacher da oben in
Sibirien" noch llie gehabt. Auch
die beiden Stadtmädchen find muster
gültig bei der Erutearbeit gewesen.
llnd in den wenigen Freistunden ha
en sie dann .och immer die Kinder
geholt und haben mit ihnen im Cho
re gesuiigen, haben ihnen schöne, al
te Lieder beigebracht, bei bereu
Klang die Aellesten im 'Dorfe bese
igt aufhorchten: langverklungene Lie
der aus einem verschütteten Born
ind da als frischer Strahl ins ton
nige Leben gesprungen.
chwere, aber reiche Tage für die
leine Schar!
Nun ist die Gruppe dein. Wunsch
der Toni gefolgt, die ihren Bruder
auf der andern Seite des Thüringer
Waldes, im chenialigen Fürstentum,
wo er als Unterförster lebt, hat be
uchen wollen.
Das Mannövolk ist beim Wild
meiftcr, Hannelore ist mit Toni und
Trude im Häuschen des Bruders
untergekommen: Tnldi, die neueste
Anhängcrin, ist eine kleine Perlis
macherin, eine Waise, die in dem
ärmsten Torf von Sibirien" noch
nicht viel Lustiges erlebt hat.. Ihr
Herz ist während der Anwesenheit
der schar in einem einzigen zittern
den Freudentaumel gewesen. So
viel Gelang und Lachen, so viele scho
ne Reigen, so viel herzrührendes
GeigenZpiel gibts drauszen in der
Welt und all' die Märchenherr
lichkeit kommt nun als Sommerge
chenk daher in ihr hungerndes Dorf.
in dem die letzten Kartoffeln mifge
gesfen sind und das neue Korn noch
nicht gemahlen ist. In der Nacht
nach dem Abzug der Schar folgen
ängstlich tappende Kinderfüfze aus
dem alten Nernisteifr den fremden
Zauberern, und andern Tags tritt
Trudi in die Gemeinschaft ein, der
sie nichts bieten kann als ein sehn
süchtiges 5linderherz und bittende
Kinderlippen, die, gern fingen und
lachen möchteii.
Die Mahlzeiten bereiten sie sich
selbst. Wenil's nicht regnet, ko
.Yen sie im Freien vb. .
Diese Lagerstelle am Waldsee hin
ter der Fasanerie ist solch ein gott
geliebtes Fleckchen, wie geschaffen für
Ulis kleine Gruppe. Es heiszt, das;
Orje Mitte September alle Gemein
schaftcil noch einmal irgendwo im
Saaletal versammeln will. Viele
Trupps lösen sich dann aus. Die
Arbeiter kehren in die Industrie
städte, die Kausleute, die Lehrer, die
Handwerker, die Gärtnerinnen, die
schüler und Schülerinnen in ihre
Heimat, die Studenten nach ihren
Hochschulen zurück. Auch Uli hat
die Absicht geäußert, wieder als Au
toschlosser sein Heil zu suchen, ir
gendwo, diesmal vielleicht am Rhein.
Hannelore mag an den nächste
Winter nicht denken. Sie kann fich
gar nicht vorstellen, dan oiefe wun
dervolle Gemeinschaft selbstloser Brü
derlichkeit je einmal wieder aufhören
solle. Es bangt ihr vor der Zeit,
in der sie Uli nicht mehr als tägli
chen Kameraden sehen wird. Und
die Verantwortung sür Arnold legt
- Y 1 w C Ii dtnirniiHrl
isl) NUN laiieno aus lVr ..mmu.
is satt nach öriurt. das verfügbar
gewordene Kapital für die Gemein
schaft abheben.
Aber diese lebten oinniertage vor
oer Wiedervereinigung mit den an-
deren Gruvpen will sie noaz in auer
Seliakeit aeuieken. Dazu mu,z ste
sich freilich ein Herz sassenund Uli
erst ernnid' ihre geheime teorge um
... . Kr liohf Mir.
den ynioer verrat,,.
0.0, das weif! sie. Wer könnte dem
forschen, ehrlich,, lieben Bur,chen
auch gram sein? Uli Zoll ihr ehrl-ch
seine Meinung sage, soll entschei
,en. ob sie ein Recht habe, über Ar
nolds Besitz zu bestimmen.
Nach den schwere Arbeitswoche
und der lange Wanderung ms Re
.w toa llnterförjters haben alle
wie tot geZchlase. Tannhat's ein
?. (riisi wird es jetzt duilkel. Al
Ics' ist müde und will zur Rul.
Aber man umsteht noch das heiler
chen dessen Glut sich im, warze
Wasser spiegelt. ' Die Ge,ichter nd
-aiZin Klamme, rot bemalt.
tuun ;v q r
Wie erleuchtete Lainpioils wirken sie.
lustiges SchwimniU'it n u yu-U'
Den. ,m Anschluß daran Wa,ch une
Zlicksuiuden im Freien, oa iwioa,tm
ii:..,- lÄhoiiiju'.cii, Tanzspie.e
Ein paar Lieder werden zum Ab
schied gesungen. Ma "iclit schon
m .vaiith i der Ab ildki'.hle. De'
Herbst rauscht leise i den fallenden
Blättern.
Hannelore ve'rmistt llli unter den
Säiern. Sie, fragt beim Feuer
löschen Arnold nach. ihm. Der ist
seltsam besorgt und bewegt. Er
hat den Freund vorhin i dein
Schlafraunt getroffen, der ihnen
beim Lildmeister angewiesen ist.
Seit langen Zeiten hat keins von
ihnen mehr eine Tageszeitung gele
fen: Beim Auspacken der' Geräte
aber fällt Ulis Blick aus eine ZeU
tlingsuberschrift er fahrt zusam
uieu, eilt aus Licht, um sie nochmals
zu lesen, auch den Aufsatz darunter,
und da er aufstölDit, folgt ihm
Arnold,. schlingt den Arm um ihn,
fragt ihn . . . Uli liest eine Nach
ruf: ..Professor Tr. Broos j-."
Dir ist ei Freund gestorben?"
c i. af yv o . .2
uuiu ;'in,uiu iaiaiii langen-
Schweigen. Endlich erwidert Uli:
E'r hat mir einmal ein zweiter Va
ter werden sollen: aber es ist nicht
dazu gekommen."
Hannelore ist sehr blag geworden.
als sie aus Arnolds Mund diesen
kurzen Bericht hört. Sie ahnt,
nein, sie weifc, das; diese Todesnach
richt irgendwie mit Ulis Liebes
schicksal in tieferen! Zsammehang
steht.
Aber nun sindet sie den Mut nicht
mehr, sich ihm zu offenbaren.
So endet dieser Spätsommertag
mit einer innerlichen Frösteln für
sie alle drei . . .
XXI.
Der Referendar Hans I. Kraust'
hatte es schwerer, als er stch das vor
gestellt, sich seine ersten Sporen als
findiger jkriminalist zu verdienen.
Der Justizrat lächelte schon ein we
nig über ihn, wenn er von seinen
Thüringer Fahrten ergebnislos nach
Berlin zurückkehrte.
Die Tanzschar hatte sich in unend
lich viele Gruppe und Grüppchen
getrennt, die heute hier, morgen dort
weilten. Wo sich der Führer auf
hielt, konnte Krause nirgends in Er
fahnmg bringen. Einzelne Helfer.
an,, die er sich wendete, wirnten es
sicherlich, verrieten es ihm aber nicht.
Orje sei kein Schaubudengegenstand,
den man aufsuchen könne, wann es
einem beliebe, sagte einmal einer der
iilnaen- Leute fast erbittert. Den
Namen Kleist als den eines Mitglie
des der Gemeinschaft kannte keiner;
auch von einem Neubabelsberger Ge
schwisterpaar kchettler wollte nie
mand etwas gehört haben.
Die sind eine Gefahr für das
ganze Land geworden, ' sagte der Re
ferendar, als er wieder einmal nach
einer vergeblichen Thüringer Reise
dem Justizrat Bericht erstattete, wie
die Heuschreckenschwärme fallen sie
da oder dort ein, zerstreuen sich eben
so rasch wieder in alle Winde, poli
zeiliche Anmeldung gibt es sür sie
nicht, gewiß steckt eine ganze Masse
verdächtiger Leute darunter, und
wenn man einmal eine planmaszige
Razzia abhielte, würde man nette
lleberraschnngen erleben."
Wieviele Polizeitruppen brauchen
Sie, Herr Referendar Krause, um
den ganzen Thüringer Wald zu
umzingeln?" fragte der Justizrat
mißgestimmt. Wir können eben
kein Rechtsstaat sein, wo uns alle
Gemaltmittel genommen sind, dem
Gesetz die Hekrschaft zu sichern."
Als von der Erfurter Bank die
Nachricht kam, Fräulein Hannelore
Schettler wolle neue Abhebungeii
von den Depots machen und werde
sich an einem bestimmte Tage an
der Kasse einsinken, setzte sich Hans
I. Krause sofort wieder aus die
Bahn. Arnolds Depot war übri
geus durch Einspruch des Vertreters
seines Vormundes längst gesperrt.
Hannelore verzichtete diesinal auf
die Einkehr im Hotel. Sie kam auch
ohne Gepäck. Bis an den Zug hal
ten llli und Arnold sie begleitet ;
sie sollten sie a demselben Bahn
Hof zum Abendzug wieder abholen;
in der Zwischenzeit nahmen sie teil
an einem Thing, das Orje nach ei
nein Waldberg bei Äornachegruud
einberufen hatte. Hannelore ging
in ihrem unverwüstlichen LportSau-
zug, den vrauuen mien, oer
frifchgewafchenen .'semdbluZe. Was
die Stadter ausblicken machte, war
nur das im Kranz gewundene über-
volle hellblonde Haar, das von dem
braungebrannten Gesicht und Hals
so überraschend abstach; alle Wan
dervogelbundheit hatte sie für die
Fahrt selbstverständlich vermiede.
Sie war ein Bild strahlender In
geud und Gesundheit.' Mit ihren
braunen Augen sah sie sich auf dem
Weg nach der Bank hell und munter
um. Sie erkannte die malerische'!
Gasjen, die Türme, die herrliche
alten Patrizierhäuser wieder. ' Jetzt
freilich erfüllte , die Sl-adt nur de
nüchterne Alltaasverkehr. Man
lonnte Hannelore für, ein Landfräu
lein von einem der Güter der Rach
barschast ansehen, vielleicht anch sü,
ein Lehrfräulein ans einer der gro-
sten Bliimeilsämereien. ,mr eim
Genossin der Tanzschar hielt sie wohl
keiner der ihr begegnenden Erfurter,
die m den Zeituiigen , neuerdlng:
so unerhörte Dinge über diese Land
plage", gelesen hatten. Verbrecher,
Landstreicher? Dirnen hätten sich der
temeinschaft aiigeschlosten. schrieben
da einzelne, ein Geinidel, das jedem
behördlichen Zugriff auszuweichen
wisse, indem es in den abgelegen
sie Waldwinkeln des Gebirges ge
Heime. Schlupfwinkel aussuche.
Auf der Bank wurde Fräulein
f. . l i r . -3 -7 . . j..; v..a
ajenuT in-j tspmijziuuiui vrs
Bankvorstehers gebeten, der ihr die
MaKnahmen von Arnolds Vormund
mitteilte, sie auch über den Stand
ihres Kontos aufklärte. Die Ab.
rcchnung, die vom Jnstizrat ringe
laufen war, erschreckte sie. AIs sie
noch mit der Durchsicht der Aufstel
lung beschäftigt war. trat Hans I.
Krause ein.
'er
Bankvorsteher
war in alles eingeweiht nnd lies; das
junge Paar allein.
Der Referendar hatte schon durch
die Spiegelscheiben Hannelore auf
der Straße daherkommen sehen. Ei
ne gewisse Gereiztheit hatte sich da
gleich in ihm geregt. Er fand sie
verwahrlost. Also so müs
sen wir unö wiedersehen!" sagte er.
in seinen etwas näselnden Ton eine
Art väterlich gekränkten Tadels le
gend, der Hannelore sofort zu einem
herzlichen Lachen zivang.
Ich finde, Sie haben sich gar
nicht verändert, Hans Jott. Die
schöne Krawatte, die Phantasieweste
und die Bügelfalte verraten den ge
pflegten Lyriker von Berlin W., das
linke, etwas zusammengeknisfette Au
ge den angehenden Staatsanwalt
und das rechte mit dein Monokel
den müde überlegenen Mann von
Welt. So eine Patschhand sollen
Sie trotz allem haben, und nun sei
zen Sie sich. Teiln die Entrü
ftungsrede, auf die Sie sich vorbe
reitet haben, wird doch sicherlich ge
räume Zeit in Anspruch nehmen."
Ihr Spott. Ihr Hohn. Fräulein
Hannelore, macht es mir leider ganz
unmöglich, Ihnen von der Verwun
derung und dein Schmerz zu reden
Entruittlng ist wohl nicht der be
zeichnende Ausdruck
die Ihr
Anlchtusz an die kommurnulmie M -sellschaft
dieses Schlossergesellen in
weiten Kreisen . ausgelöst hat. Ich
kann mich daher ganz kurz sassen.
Sie wissen, daß ein Motorradfahrer
namens . Fritz Bahlke. Werkführer
in der Autoreparaturstätte, die Jh
rem Neubabelsberger Nachbarn, dem
Holzhändler Helincke gehörte, von
der Staatsanwaltschaft steckbrieflich
verfolgt wird."
Sie war bei .Krauses Anblick so
fort auf eine Bosheit gefaßt gewe
sen und hatte sich gleich vorgenom
inen, ihin nicht den Gefallen zu tun,
zu erschrecken, oder sich zu ärgern.
Da sie in dem mächtigen Klubsessel
mit dein Rücken gegen das Fenster
saß, lag für den Referendar ihr
Gesicht in tiefern Schatten. ..Wäre
er als Jnrist nur einigerniafzen be
fähigt", dachte sie bei sich, so hätte
er seinen Standpunkt am Fenster ge
nommen." Tie letzte Wendung, von
der er sich offenbar eine starke Wir
kung versprochen hatte, nahm le
überhaupt nicht erlist. Sie hatte
noch die großen Bogen der Abrech
nung auf dem Schoß liegen; in die
blickte fie von Zeit zu Zeit flüchtig
hinein, während er weitersprach, so
daß. ihre Zwischeufragen etwas Ab
wesendeö. Zerstreutes annahmen.
.Dieser Bahlke hat sich ii Krieg
ganz gut geführt, heißt es. Den
Pour le M?nte besitzt er freilich
nicht. Er ist im Baltikum gewesen,
dann angeblich in Gefangenschaft.
wn hitn (MriHtr'rrthsiiih nn hmn im
fer Motorboot durch meine Unge
Ichicklichkeit ins Havelschilf geriet, iiat
Bahlke seinen Chef von Babelsberg
im Auto abgeholt. Die Hausda
ine hat beide abfahren sehen. Das
war kurz vor acht Uhr. Etwa sünf
zehn Minuten später, dicht bei
Schwanenwerder. hat Bahlke mitten
im Gewitterregen das Auto über
stark gebremst, ist über seinen Brot
Herrn hergefallen, hat ihm mit einer
Eisenstange den Schädel zertrüiu
inert, hat sich die Ledertasche ange
eignet, in der Helmcke größere Sum
men bet sich führte, hat ihn ausge
plündert, Ringe, Busennadel, gol
denes Zigarettenetui, alles an sich
genommen und hat den größeren
Teil der Beute irgendwo in der dor
tigen Gegend versteckt. Die Nach.
forschungen der Kriminalpolizei sind
mehrfach wieder aufgenommen war
den. Bahlke ist am anderen Mor
gen, zu einer Stunde, als der Ue
berfall in der Werkstatt noch nicht
bekannt war, in seinem Quartier er
schienen, das er bis zum Frühjahr
mit de thüringischen Schlosserge
selten Orje geteilt hat, -und zwar zur
lleberraschuug seiner Wirtin in ei
nem frisch gewechselten Anzug: er
ging nicht mehr . feldgrau wie bis
zu dem Abend der Tat, sondern er
trug einen englische Sportanzug
mit farbigem Selbstbinder und Schil
lerkragen. In seinem Quartier
hatte er eine geheimnisvolle Unter
redung mit einer Fremden. ' Die
Wirtin hörte Schluchzen, Weinen, of
teilbar einen überstürzten Abschied.
Wie vor der Flucht. Ihre Spur ist
der Kriminalpolizei leider Völlig ver
lore gegangen. Aber die des Fritz
vayue wem deutlich nach Thürin
gen: er ist in der Schar feines frü
heren ' Arbeitsgenosscn Orje unter
getaucht. (Fortsetzung folgt.)-

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