OCR Interpretation


Detroiter Abend-Post. (Detroit [Mich.]) 18??-19??, October 15, 1914, Image 2

Image and text provided by Central Michigan University, Clark Historical Library

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn96076572/1914-10-15/ed-1/seq-2/

What is OCR?


Thumbnail for

Dollmond.
Novellette vonEduardGr.af
Keyserling.
Nach dem Diner versammelte sich die
Gesellschaft im Gartensaal des &äjlo)
ses. Die Glasthüren standen weit of
fen, über dem Garten lag die Helligkeit
einer Vollmondnacht. Es wurde rnufi
zirt. am Flügel saß der junge Ladis--laus
v. Radossky, seine Gestalt im
schwarzenAbendanzuz sah seltsam aus.
Den Kopf mit den dunklen, blanken
Locken wiegte er sachte hin und her. das
l-.üösche Gesicdt nahm einen Ausdruck
rerhaltenen Schmerzes an. die Wim
pern zuckten, die Augenbrauen zoaen
sich ein wenig zusammen, feine Hände,
schmal und wciß wie Frauenhände,
glitten übe? die Tasten, zuweilen er
griff sie eine Raserei der Geschwindig
seit, dann wieder wurden sie zögernd
oder sie schwebten beide zu gleicher
Zeit einen Augenblick über der Klavia
tur. um dann mit einer Geberde müden
Schmerzes oder leidenschaftlichen Pa
thos niederzufallen. Alles an dem jun
gen Manne war Ausdruck. Alles an
ihm schien den Hörern zuzurufen:
Bitte, ich spiele meine Seele!"
Die kleine Baronin Sidonie hatte
sich abseits von ihren Gästen in einen
großen Sessel gesetzt, ja sie hatte Nch
geradezu in ihn verkrochen, die Armee
über der Brust verschränkt, die Knie
ein wenig hinaufgezogen, kauerte sie
da in ihrem weißen Sommerkleide wie
in eine leichte Schneedecke gehüllt. Den
blonden Kopf stützte sie an die Lehne
des Sessels, das schmale Kinderaesicht
war blaß und abgespannt, die hellblau
en Augen wurden groß und rund und
starrten vor sich hin. Sidonie war
müde, diese langen Sommertage mit
ihrem steten Sonnenschein und ihren
grellen Farben, die vielen Menschen.
daZ viele Umherwandeln und Tennis
spielen, all' das machte müde. Si;
hätte auch gegen eine gute kinderhafte
Müdigkeit, wie sie sie früher kannte,
nichts gehabt, jetzt aber mischte sich in
ihre Erschöpfung ein quälendes, un
heimliches Fieber, das ihr alle Ruhe
nahm. Ueber ihr hübsches, sorgloses
Leben mit dem gütigen Gemahl und
den beiden Kindern, die sie für das
größte Glück der Welt gehalten hatte,
war in diesen Sommertagen ein Un
glück hereingebrochen, ihre Liebe zu
Ladislas v. Radofskg. Unverständlich
und unentrinnbar war diese Liebe da.
wie eine Krankheit, und Sidonie stand
hilflos und rathlos vor ihr. Alles an
dieser Liebe mißfiel ihr. ja, selbst La
dislas v. Radofsky mißsiel ihr. seine
weichliche Schönheit, die Schamlosigkeit
seiner süßen Blicke, das siegesbewußte
Pathos seiner geflüsterten Liebesworte,
sie hätte darüber lachen können, wenn
sie ihn nicht hätte lieben müssen. Aber
jetzt, wenn er sie nicht ansah, wenn er
nicht zu ihr sprach, war es ihr. als
müßte sie weinen. Seine Gegenwart
machte sie feige und willenlos. Gestern
au, einer späten Spazierfahrt hatte er
im Wagen die Dunkelheit deS Waldes
benutzt, um heimlich ihr Hand zu fas
sen. Sie war empört gewesen, sie fand
das gewöhnlich und geschmacklos, und
dennoch war ihre Hand in der seinen
geblieben und ihr Herz hatte zum 3er
springen geklopft. Sie schaute zu ihrem
Gemahl hinüber. Baron Rolf Soldeck
hatte seinen Stuhl an die offene Tbür
gerückt. Er saß da. groß und breitschul
iering, in vornehmer Behaglichkeit, das
Haar auf dem Scbeitel lichtete
schon, der braune Vollbart gab dem
Gesichte eine würdige Ruhe, und um
idie guten, grauen Augen legten sich
freundliche Fältchen. Die Musik mochte
sden Baron schläfrig, immer wieder
! schloß er auf Augenblicke die Lider.
'Reben ihm saß sein Freund, der Baron
Egon Storck. ein Junggeselle mit leicht
ergrautem Haarschopf und einem spi
tzen, lustigen Gesichte. Baron Eoon
Xoax der Freund des Hauses. Alle lieb
ten ihn. Alle nannten ihn .Onkel
Egon." Da", hate er eine hübsche Art.
Sidonie zu behandeln, als sei sie das
Heiligste aus der Welt. Auch er war
schläfrig und hielt seine Augen hinte:
den Gläsern des Kneifers geschlossen.
Die schöne Gräfin Gabriele saß nahe
dem Klavier, in ihrem malvenfarbenen
Sommerkleide. den Kopf mit demHelm
dunkler Haare zurückgelehnt, lag sie im'
Sessel, das Lampenlicht ließ das leicht
gepuderte Gesicht alabafterweiß ersckei
nen. die Augenlieder zog sie zusammen,
so daß die Augen wie blanke, dunkle
Striche hervorleuchteten. Ein Topas
schmuck legte sich um ihren Hals, wie
eine Reihe großer Tropfen eines golde.
nen Weins. .Natürlich." dachte Sido
nie. .sie thut so. als spiele Ladislas
für sie und als verstehe sie ihn." In
die dunkelste Sophaeöe hatte sich Ära
Hella, Sidoniens Schwägerin, gedrückt.
Das arme Mädchen hatte Kammer.
Der Referendar v. Hellmar wollte sich
noch immer nicht erklären und schien
jetzt auf dem besten Wege, sich in die
Grafin Gabriele zu verlieben. Er ftan'o
neben Arabella, an die Wand gelehnt;
er stand gern, denn er hatte eine schöne
Figur; er stützte die eine Hand in die
Seite und schaute zu der Gräfin Gab
riele hinüber. Am Tisch aber, an der
Lampe, saßen die Heiden alten Damen,
friedliche, faltige Gesichter, über ihre
Häkelarbeiten gebeugt, arbeiteten sie
eifrig fort, als sei Ladislas' leiden
schaftliche Musik nur dazu da. um den
Takt für ihre Häkelnadeln abzugeben.
Sidonie schloß die Augen, sie wollte an
das laue Kinderzimmer im anderen
Flügel denken, an den ruhigen Scdein
den Rachtlamp. an die weißen Bett
chen. in denen die Kinder schliefen. aU
lein wie fern schien das Alle?, wie un
zugehörig zu ihr. sie war aus diesem
stillen, heiligen Kreise ausgetreten. La
vislaS schlug die letzten Akkorde an und
erhob sich. Er zog ein Taschentuch auZ
seiner Manschette, fuhr sich damit über
die Stirn, mit der andern Hand griff
er nach der Stuhllehne, als fühle er
sich sehr schwach. Baron Rolf war
munter geworden und rief laut: Bra
vo!" Alich Baron Egon erwachte und
fragte: Von wem war das?"
.Lißt," antwortete Ladislas und zog
die Augenbrauen gelangweilt empor,
als sei er gezwungen geworden, auf
eine thörichte Frage zu erwidern. Dann
ging er zur Gräfin hinüber, stützte' sich
auf die Rpcklehne eines Sessels und
fchaute ihr in das Gesicht. .Lißt oder
ein Anderer," sagte die Gräfin. Sie
spielen ja doch nur sich selbst." Ha
ben Sie es verstanden?" fragte Ladis
las leise. Die Gräfin lächelte.' Eine
schöne Technik." sagte eine der alten
Damen, die Baronin Solneck, Sido
nicns Schwiegermutter, und die Baro
nesse Mathilde, ihre Schwester, stimmte
ihr zu. .Diese Fingerfertigkeit, die
Finger fliegen nur so." Ladislas mach
te eine ungeduldige Schulterbewegung
und verließ die Gräfin als hielte er
diese Unterhaltung nicht länger aus.
Er trat auf die Schwelle der geöffneten
Gartenthür zündete sich eine Cigarette
an und schaute in die Mondnacht hin
aus. Sidonie raffte sich auf. sie wollte
etwas sagen wie es der Hausfrau ge
ziemt. .Schöner Mondschein Herr 0.
Radofsky. .Sehr schön" erwiderte La
dislas und als er sich in das Zimmer
zurückwandte fuhr er fort .die Mond
nacht ist so schön daß es natürlich ist.
daß wir Alle im Zimmer sitzen. Vor so
viel Schönheit fürchten wir uns."
.Oho!" rief der Baron, .ich nicht, und
jetzt gehen wir gerade Alle hinaus.
Eine Mondscheinpartie bis in den
Wald hinein und trinken uns so ganz
mit Gefühlen voll, das thun wir."
.Ein guter Gedanke." meinte die Grä
fin. .Und die alten Damen gehen auch
mit." fuhr Baron Egon fort. Die Ba
ronin Solneck lachte. .Sie glauben
wohl, wir schlagen es Ihnen ab. Baron
aber nein, wir gehen mit. Außer für
Häkeln und Bridgespielen haben wir
auch etwas für die Poesie übrig, nicht
wahr, Mathilde?" .Ja." sagte die Ba
ronesse Mathilde, .wenn es nicht zu
feucht ist." .Die Nacht ist so warm."
berichtete der Referendar, daß kein
Thau gefallen ist." .Gut." beschloß
Baron Rolf, .ich schicke den Wagen
zum Waldrande voraus." Man rief
nach Mänteln und Tüchern und die
Gesellschaft begab sich in den Garten
hinaus. Baron Rolf und Baron Egon
führten die alten Damen, der Referen
dar ging neben Arabella her; die Gra
fin stand einen Augenblick wartend da.
als sich Ladislaus jedoch zu Sidonie
gesellte, zuckte sie die Achseln und schloß
sich Arabella und dem Referendar an.
Man ging den breiten Gartenweg hin
ab. das Mondlicht war so hell, daß die
Farben der Blumen deutlich zu unter
scheiden waren, das Rosenroth der
Levkojen, das Blau der Lobelien, allein
die Farben hatten keinen Glanz, es
waren schlafende Farben, nur um die
Lilien lag ein matter Schimmer, sie
standen da wie weiße Kriftallkelche.
Da Ladislas schwieg, begann Sido
nie zu sprechen: .Was sie spielten war
traurig." .Natürlich." erwiderte
Ladislas. .ich bin traurig." .Wa
rum müssen Sie traurig sein?" fragte
Sidonie. ein wenig Ungeduld in ihrer
Stimme. .Warum soll ich froh
sein?" antwortete Ladislas und gab
seiner Stimme einen weichen, singenden
Klang, .sich immer sehnen und nie er
reichen, das macht nicht froh. Was
giebt uns das Leben denn? Zuweilen
einen ganz kleinen glücklichen Augen
blick. Wenn ich einmal eine geliebte
Hand fasse und sie wird nicht zurück
gezogen, sie bleibt in der meinen, das
ist ein Augenblick, für den es sich zu
leben verlohnt." .Sprechen Sie nicht
davon," rief Sidonie erregt, es war
schlecht von Ihnen und schlecht von
mir." Ladislas lachte: .Ja. ja.
schlecht von uns Beiden, und wenn es
ein Verbrechen wäre. waS mich mit
Ihnen verbindet, ich würde es segnen."
.Warum sprechen Sie so?" klaate
Sidonie und ihre Stimme zitterte,
.wozu das Alles?" .Wozu das."
fuhr Ladislas fort. .das will ich Jh.
nen sagen; sehen Sie. mein Leben ist
dunkel, ganz dunkel, wie ein großer,
dunkler Wald, und in dieser Dunkel
heit steht eine kleine, weiße Lampe mit
einem kleinen, goldenen Lichtkreis.
Natürlich will ich zu der kleinen, wei
ßen Lampe, nur das. nur daö. Und
kann ich das nicht, dann soll die kleine
Lampe auch verlöschen, damit ich mit
ihr zusammen in der Finsternis bin."
.Nein. nein, nicht das." stöhnte Si
donie leise, sie fürchtete sich vor Ladis
las, vor der Dunkelheit, von der er
sprach, vor der Einsamkeit der kleinen
Lampe. Sie hatten die großen Alleen
des Parkes durchschritten, die Ahorn
bäume sahen im Mondlicht fast weiß
aus. dann gingen sie ein Stück die
hellbeschienene Landstraße entlang und
hogen in den Wald ein. Hier war es
dämmerig, das Mondlicht blitzte hie
und da durch die Zweige oder lag wie
ein Stuck bleichen Goldes auf dem
Moose. Sidonie und Ladislas gingen
schweigend neben einander her, die An
deren waren weit voraus. An einer
Stelle, ioo der Weg schmal Zwischen
großen Tannen hinging, blieb LadiS
las stehen, faßte Sidonie an denSchul
tern. zog sie an sich und preßte seine
Lippen fest auf die ihren. Heiß fubr
der Zorn Sidonie in die Glieder; si:
schämte sich, so gewonnen zu werden,
wie Einer die Dunkelheit benützt, um
ein hübsches Kammermädchen zu küs
sen. Und dennoch wurde ihr Körper
schwach und schwer in den Armen, die
sie umfingen. In dem Wipfel einer
Tanne erwachte eine Krähe, aus der
Ferne klang das Lachen des Barons
Egon herüber. Sidonie und Ladislaus
fuhren auseinander. Sidoniens Knie
ziterten so stark, daß sie sich auf Ladis
las Arm stützen mußte, als sie weiter
gingen.'
Der dichte Tannenbestand hörte hier
auf, eine Lichtung lag da, hell beschie
nen, mitten durch sie hin floß der
Mühlbach breit und leuchtend, ein
wunderbar silbernes Gleiten, in dem
zuweilen hellere Punkte aufsprühten.
Die' übrige Gesellschaft ging schon
am Ufer des Baches hin, sie schien je
doch aufgehalten zu werden, eine Men
schenversammlung befand sich dort.
Stimmen wurden laut, vor Allem eine
weibliche Stimme, die ununterbrochen
eine schrilllle Klage ausstieß.
, JE$aZ gibt es dort?" fragte Sidonie
erschrocken.
Ladislas zuckte die Achseln. .Leute."
sagte er. .In solchen Nächten sollte es
den Leuten verboten sein, ihre Häuser
zu verlassen, sie verderben Alles. Eine
Mondnacht ist denn doch ein zu vor
nehmes Lokal für solche Menschen."
Als sie näher kamen, fahen sie. daß
Männer und Frauen aus dem Dorfe
mit ernsten, betroffenen Gesichtern bei
einander standen, mitten unier ihnen
der Schullehrer, der eifrig auf sie ein
sprach. .Ist ein Unglück geschehen?" fragte
Sidonie.
.Ja, Frau Baronin." berichtete der
Schullehrer. .Die Hausler-Anna ist
in's Wasser gegangen, die dummeMar
jel. wir haben sie hier herausgezogen,
es ist nach dem Arzt geschickt worden,
aber sie ist todt, ganz todt. Des Krü
ger's Ede wegen hat sie es gethan, der
hat sie sitzen lassen. Was hat sie nun
davon? Jetzt ist sie todt. Die Mutter
hockt dort bei ihr und schreit. Das nützt
jetzt auch nichts mehr; hätte sie vorher
besser Acht gegeben
Traurig nickten die Bauern mit ih
ren Köpfen, und ein alter Bauer mein
te: .Arbeiten konnte die Anna, aber sie
hate ein zu hitziges Herz."
Sidonie drängte durch -die Leute
vor; sie wollte sehen. Da lag nun das
todte Mädchen auf dem Rasen, nur
mit einem Hemd und einem Röckchen
bekleidet, die schlaff niederhängenden
Arme, die Brust, das runde Dorfmäd
chengesicht mit dem halb geöffneten
Munde, eingerahmt von den schwarzen
Strähnen der feuchten Haare, die nack
ten Füße, vom Monde hell beschienen,
waren sehr weiß und hatten einen
bleichen Glanz wie Elfenbein. Neben
der Leiche kniete die Mutter und stieß
ihr schrillen Klagelaute aus.
Sidonie starrte das todte Mädchen
an, wie es da lag in seiner tiefen,
schweren Ruhe.
.Wie still ist sie," murmelte sie un
willkürlich, und es klang, als beneidete
sie die Ruhe des Mädchens. Dann aber
schauerte sie in sich zusammen, ein Ge
fühl der Traurigkeit und der Angst
schüttelte sie. Dieser schlaff daliegende
Körper in seiner bleichen Nacktheit
sprach von grausamen Besiegtsein und
furchtsamer Einsamkeit, und es schien
Sidonie, als ginge das sie, gerade sie.
an. als sei das Grausame, das nieder
wirft und besiegt, ihr ganz nahe, als
lauerte es auf sie und drohe ihr. und
sie dachte an die kleine, weiße Lampe
im dunklen Walde, die verlöschen
mußte.
Angstvoll schaute sie sich nm. Ladis
las war fort, aber dort bei der Mutter
des Mädchens stand ihr Gemahl und
redete der Frau zu. Sidonie ging zu
ihu hinüber, faßte seinen Arm. Rolf
wandte sich ihr zu. .Du bist es. Klei'
ne." sagte, .wie bleich Du bist. Das
hat Dich angegriffen, eS ist wohl besser,
wir gehen."
Er legte Sidoniens Arm in den sei
nen und führte sie über die Lichtung,
dem Walde zu.
.Eine dumme Geschichte." sagte der
Baron, .aber so sind die Mädchen
jetzt, wie etwas in ihrer Liebesgeschichte
nicht stimmt, gehen sie ins Wasser."
Sidonie wurde das Gehen schwer
und im Walde blieb sie stehen, lehnte
sich an ihren Gatten-und begann zu
weinen: .Hilf mir." stöhnte sie leise.
Besorgt umschlang Wolf sie und fante
freundlich: .Helfen, freilich, dazu bin
ich ja da, also es geht nicht mehr vor
wärts. nun dann machen wir das so."
und er schob Sidonie auf seinen Ar
men und trug sie leicht und sicher dem
Waldrande zu.
.Wie stark Du bist." flüsterte Sido
nie. .bei Dir ist es sicher, bei Dir ist
es gut."
.Sicher," erwiderte der Baron, .das
will ich meinen. Na, eS sind eben die
Nerven. Nun. wenn unsere Gäste fort
sind und wir wieder still unter uns
sind, dann wollen wir uns erholen
und wieder stark und heiter werden."
.Ja. still unter unZ." wiederholte
Sidonie.
AlZ sie an einem Tannendickicht vor
überkamen, sah der Baron dort Ladis
las und die Gräfin sehr nahe bei ein
ander stehen. Ein Mondstrahl beleuch
tete das weiße Gesicht der Gräfin und
spielte in den Topasen ihres Hals
schmuckes. Der Baron lächelte. Weiter
fort, als sie um eine Ecke bogen, gingen
Arabella und der Referendar vor ihnen
her, Hand in Hand.
.Gut." dachte der Baron, .die haben
sich gefunden. Seltsam, wie solch" ne
kleine, kühle Leiche die Menschen eng
zu einander treibt."
Nach einer Weile sprach er vor sich
hin: .Unserem schönen Ladislas. denke
ich, bestelle ich morgen zum Frühzuge
den Wagen."
Am Waldrande standen die Wagen.
In einem Landauer saßen bereits die
alten Damen und Baron Egon stand
vor ihnen und sprach eifrig.
.Solch eine Bollmoudnacht ist gera
dezu giftig," sagte er. .denn heutzutage
hat jedes Dorfmädchen Theater im
Blut, eine schöne Dekoration steigt ih
nen zu Kvpfe. Es denkt, wenn der Bach
hübsch blani ist. dann ist der.Tvd auch
hübsch und nicht bitter, als ob auch
die schönste Dekoration etwas hilft,
wenn der eiserne Vorhang herunterge
lassen wird."
Baron Rolf trat heran:
.Hier bringe ich Dir, Egon, ein
Opfer Deiner Mondscheinpartie." und
er hob Sidonie in den Wagen.
Die alten Damen waren sehr besorgt
und Baron Egon schimpfte leise auf
den Mondschein. ,
.So. Kutscher, fahr." rief Baron
Rolf. Sidonie drückte sich in die Wa
genecke, sie war jetzt ruhig und sehr
müde. Schläfrig schaute sie den silber
nen Staubwölkchen zu. die sich unter
den Hufen der Pferde erhoben. Die
friedlichen, mondbeglänzten Gesichter
der alten Damen thaten ihr wohl, es
war ihr. als sei sie aus einem Zimmer,
in dem giftige exotische Blumen wel
kend ihren schwülen Dust aushauchten,
hinausgetreten in eine reine, stille Luft.
Die alten Damen unterhielten sich
halblaut.
.Es ist sehr traurig." sagte die Ba
ronin Soldeck und schaute dem Voll
mond ernst in das runde Gesicht, .solch
eine dumme Person."
Ja. ja." stimmte die BaronesseMa
thilde zu, .und verlieben wollen sie sich
jetzt Alle, das ist wie eine Krankheit."
Diese Krankheit," meinte die Baro
nin. gab es zu unserer Zeit auch, aber
heutzutage sind die Madchen zu
schwächlich, sie überstehen sie nicht."
Sidonie schloß die Augen, sie konnte
wieder an das Kinderzimmer drüben
im Schlosse denken und an die leise,
heilige Musik der regelmäßigen. Athem
züge ihrer schlafenden Kinder."
Kriegsskizzen.
Bon Ernst Hammer.
Les Ulans.
Ein strahlender Herbsttag. Goldiges
Licht gleißt über der herbstliche Flur.
Tiefer stiller Friede athmet über dem
buntblätrigen Walde, der schläfrig dem
Abend entgegendämmert. Erst ein ein
ziges Mal hatten sich hier die Deut
jchen gezeigt. Ein Proviantzug war tl
gewesen, d zur Abendstunde von die
Mairie des Städtchens gezogen kam
und Nachtquartier heischte. In der
Nacht huschten dann allerlei Gestalten
durch die stillen, träumenden Gassen,
und im Morgengrauen jagte dann die
gewarnte Kolonne über das holprige
Pflaster davon. Als Abschiedgruß
klatschten aus Jagdflinten und Lebel
gerehren d?e Kugeln gegen die Plane
dc. Wagen. Und lachend hatte es hin
ter Mauern und Büschen hervorgeklun
gen: C'est pour les cochons!" La
chend war man zur Taverne gezogen,
um den Sieg dort zu feiern, und heute
war die Heldenthat schon vergessen.
Im Saume des Waldes ist Leben.
Ein Reh bricht heraus und man hör:
des Schnaufen von Pferden. Aus dem
hohen Waldgrase forschen ein paar
blaue Augen zum Stadtrand hinüber.
Dann huschen noch zwei Männer der
an in grauen Ulankas. Die Czapkas
tragen sie in der Hand und das blonde
Haar schillert im Sonnenstrahl. Sie
tuscheln miteinander, dann geht es ge
bückt zurück zu den Pferden.
Ein junger Leutnant gibt leise Be
fehle, die Fäuste umspannen die Lan
zen, dann traben sie an.
Ein Blusenmann sieht sie zuerst.
..Parbleu! Les prussiens!"
Und eiligst rennt er zur Stadt.
Aber des Leutnant Stute ist schneller.
.Halt, mon ami!" Ein Halfterstrick
fährt dem Entsetzten über den Kopf,
ehe er entschlüpfen kann. Bald klappern
die Hufe auf dem Pflaster, und die
sechs Ulanen halten ihren Einzug in
das entlegene Städtchen, den Blusm
mann in der Mitte.
Ueberall öffnen stch die Fenster und
Thüren.-Neugierige Augen bei der Tin--gend.
entsetzte bei den Alten, und bald
raunt man sich aufgeregt zu: Les
Ulans! Les Ulans!" Ein im An
fang des Krieges Bleflierter hatte es
zuerst gerufen: er kante die schwarz
weißen flatternden Fähnchen und tv.xt
ihrem dreikantigen Eisen nur knapp
noch entronnen. Jetzt bilden die Ulanen
einen Kreis um den Iaire. der breit
spurig für die Freiheit des Bürger?
der Republik plädirt. Aber der Leut
nant sagt nur ein paar Worte, spricht
von dem Ueberfall auf die Kolonne und
fordert Sühne.
Fünfhundert Frank monsieur Mai,
re! A I'inftant! Oder ", und
dazu knackt die Pistole höchst unheim
lich, und die sechs Ulanen drücken ihre
hohen, langbeinigen Gäule enger und
enger an das Stadtoberhaupt heran,
daß es erbleicht.
Eine Menschenmauer bildet '"''
ringsherum. Da gibt der Leutnant ein
Zeichen und die bäumenden Pferde ma
chen sich Bahn.
Ouvrez le tresor!" schreit der Mai
re in Todesangst, und seinWeib bringt
ihm Geld und Banknoten aus dem al
terthümlichen Geldschrank der Bürger
meistere!. .Merci beaucoup!" Höflich
verbeugt sich der Leutnant, schiebt' daS
Sühnegeld in feine Satteltasche hinein
und gibt wieder ein Zeichen. Im Nu
umfängt auch den Vater der Stadt ein
handfestes Halfter.
Zwei Geiseln," lachen die Ulanen.
Dann traben sie an. und der Blusen
mann und sein Maire traben mit. flu
chend und schimpfend zwar, aber sie
traben.
' Miten durch die gaffende Masse
führt der Weg. Die steht wie gebannt
und starrt auf die Reiter mit den stäh
lernen Lanzen, auf die Riesenflguren
I und die klapernden Säbel. Erst als die
Patrouille draußen ist im freien Felde
! kommt Leben hinein.
A bas les Ulans!". und die erste
Kugel schwirrt um die Köpfe der Rei
ter. Die lösen lachend die Stricke der
Geiseln.
.Vielen Dank für Ihre liebenswür-,
dige Gesellschaft!" grüßt höflich du
Leutnant.
Em Zungenschnalzen, und davon
stieben die Ulanen und verschwinden
im Walde.
Der freche Ueberfall auf die Pro
viantkolonne ist gesühnt.
Kriegsgefangene.
Nur dasHäufchen Genietruvven nh
' die Offiziere halten sich geschlossen ad-
tus. (&te beobachten schweigend, was
sich ereignen wird. Die wenigen deut
schen Bewachungsposten stehen mit auf
gepflanztem Bajonett und scharfgela
denen Gewehren in weitem Bogen um
die Kriegsgefangenen herum. Da naht
mir ningenoem epiel das Transport-
lommanvo. an scharfer Marschord
nung, in reinlicher blankgeputzter Uni
form bildet es einen starken Kontrast
zu der Masse der Entwaffneten. Ein
hochgewachsener Offizier reitet vor.
Marchez k quatre!" kommandirt
er mit heller Stimme. Allez donc!"
.Vorwärts Marsch!"
Aber stumpf sieht die gefangene
Menge ihn an. als könne sie nicht be
greifen, daß sie ein Prussien sie in ih
rer Muttersprache anzureden vermag.
Da springen die Unteroffiziere helfend
vor und ordnen den Anfang derTrans
portkolonne. Jetzt vermag man die Einzelnen zu
erkennen. Elende, abgemagerte Gestal
ten sind's. Finsterer Ünmuth auf allen
Gesichtern. Er läßt die Augen noch
hohler erscheinen und die Wangen noch
dleicher. Aber auch Stumpfsinn . auf
manchem Antlitz, tote wunschloseGleick
gültigkeit. wie sie nur das tiefe Elend
erzeugt.
Ja, Soldatenglück ist besser als
Nahrung und Schlaf, Soldatenschmach
schlimmer als Tod!
In langem, regellosen Zuge wälzen
sich die Dreitausend auf der Landstra
ße dahin, nicht eilig und fließend, wie
sonst Soldaten marschieren, fa wie
Spaziergänger, so langsam. Niederla
ge. Flucht und Gefangenschaft lockerten
schnell die Bande der Manneszucht.
Auch das Transportkommando hat ge
litten und entbehrt in der dreitägigen
Schlacht, aber der belebende'S ieg straffe.
Muskeln und Willen, daß der Körper
dem Dienste gehorcht. Ihrer Verant
wortung sich bennißt, hütet die kleine
Schar die Tausende, und man kann
ihr auch in schwierigen Lagen vertrau
en. .Achtung!" ruft ein Unteroffizier
mit dröhnender Stimme, und ein drei
maliges .Halt" gilt dem- Flüchtling,
der auf dem Waldweg zu entschlüpfen
versucht. Aber der Kriegsgefangene
stürmt in wildem Lauf davon. Da liegt
des Unteroffiziers Gewehr schon an der
Wange und ein Schuß streckt denSinn
losen nieder.
C'est la guerre! Das ist der Krieg!
Finstere Blicke treffen den pflichtge
treuen Schützen, und drohendes Ge
murre läßt sich hören. Einen Augen
blick stutzt die Kolonne. Aber die schar
fen Kommandos der Offiziere zwingen
zum Antreten.
Der Marsch führt durch bekannte?
Gelände, daö Schlachtfeld von gestern.
Heftig gestikulieren die gefangenen Of
fiziere an der Spitze des Zuges.
Ventre bleu!" flucht ein graubär
tiger Zuavenkapitän und schüttelt die
Faust nach der Höhe hinüber, wo er die
Schlachtenehre verlor.
Ein grauhaariger Kolonel stöhnte
vor Erregung, als' er die Stelle Pas
sirt, wo er die Feldzeichen des Regi
ments in Feindeshänden sah.
Und der Adjutant des orvensae
schmückten alten Kommandeurs greift
mit einem haßerfüllten Blick auf die
Sieger nach der Seite, wo sonst der
Degen hing, und erbleicht, als er ihn
nicht findet.
Weiter und weiter schiebt sich müde
die gefangene Masse. Nur noch Hunae:
u".d Durft treibt sie vorwärts. Endlich
ist die Etappe in Sicht. Aber da ftol
pert schon ein todtmüder Chauffeur,
taumelt gegen das schwache Geländer
der Maaöbrücke und stürzt in den
Strom. Le pauvre garcon!" schrei-
en feine Kameraden, aber sie rühren
sich nicht. Ein Leutnant der Trans
portkolonne läuft heran.
Was gibt's?" fragt er.
Aber kaum bat er den in Wellen
Ringenden erblickt, als er Helm, Sä
bel und Rock abwirft und dem Verun
glückten nachspringt.
Un beiden Ufern staut der Marsch,
(staunendes Bewundern überall.
.Ah c'est brave !'
Jetzt paa: die nervige Faust den
Versinkenden und zieht ihn ans Land.
Hundert Hände strecken sich helfend
dem Retter entgegen, alle wollen ihm
stürmisch danken. .Nichts da!" lack
te der Leutnant bescheiden, schüttelt sich
nach dem kalten Bade und sorgt zuerst
für den erschöpften Franzosen.
Aus der Etappe sind weitlausia;
Fabrikgebäude bereit zur Ausnahme
der Kriegsgefangenen. Stroh ist e
streut, und die Speifekessel sind geheizt.
Die armen, zermürbten und ebgerisse
nen Kerle sehen erstaunt mher. Ist es
nicht das erste Mal seit langer Zeit,
daß man für sie sorgt? Und daS that
der Feind? Der Prussien?
Bald herrscht Ruhe in den weiten
Hallen. Tiefer, traumloser Schlaf
senkt sich über die gefangenen Kriegs
leute der besiegten Nation, und nur
ab und zu erinnert das einer ordenge
schmückten Brust sich entringende Stöb
nen an die vergangene Qual und die
zukünftige Schmach.
Abgefallen.
Schreiber: .Mit dem Gehalt kann
ich aber keine großen Sprünge machen!
Chef: .Ich hab' Sie doch auch nicht
als Clown engagirt!"
Mißverstanden.
Haufrau: .Minna, meinem Manne
ist nicht wohl; legen Sie heute Abend
eine Flasche in sein Bett."
Minna: .Weiß- oder Rothwein?"
Die glatte Vechnuilg.
Die Geschichte einer Liebesheirath, von
Alexander Engel.
I.
.Also machen Sie nicht so viel Ge-'
schichten. Das Gescheiteste ist. Sie hei
rathen," sprach gemüthlich der Haupt-
gläubiger des Herrn Paul Werner.
.Ich heirathen hahaha." lach'
te aus vollem Herzen der rücksichtslose
Schuldner. Ich tauge absolut nicht
für die Ehe."
.Sie taugen nicht für die Ehe? Re
den Sie keinen Unsinn, junger Mann.
Schulden haben Sie mehr als eigem
lich nothwendig, Ihre Glatze ist auch
ganz respektabel entwickelt. Ihre Ver
gangenheit ist reich an interessanten
Momenten ja. was wollen Sie denn
noch mehr?"
.A. ich fürchte, ich bin unverbesser
lich, lieber Freund." seufzte Herr Paul
Werner parodistisch. .Na. übrigens,
wie denken Sie sich denn die Geschich
te? Was soll ich heirathen?"
.Ich hab' ein paar reizende Sachen
auf Lager. Unbesorgt. Sie werde ich
doch nicht hereinfallen lassen. Da wäre
gleich die blonde Meyer "
.Gegen den Namen habe ich ein
Vorurtheil."
.Wird gleich schwinden sie ist
Millionärin."
A so! Wissen Sie das bestimmt?"
Ich weiß Alles bestimmt. Meine
Informationen hol' ich mir selber. Ich
habe die verzweigtesten Verbindungen.
Was ich Ihnen sage, ist Alles heilig.
Darauf können Sie schwören. Und be
sonders, was das Baare anbelangt,
da kenne ich keinen Spaß. Ich kann
Jhne nur rathen, nehmen Sie die
blonde Meyer. Ich garantire für eine
geordnete Häuslichkeit. Momentane
Geldverlegenheiten bleiben dann für
alle Zeiten ausgeschlossen. Und das
Mädel ist nicht übel, sie ist gerade keine
Venus "
.Das kann man von einer Millio
närin nicht verlangen." warf Paul
Werner, der sich in Gedanken mit der
lucratwen Idee seines Gläubigers
schon befreundet hatte, trocken ein.
.Die Familie ist auch sehr anstän
big." fuhr der Agent in glücklichem
Tone fort. Ter Alte hat ein Mono
pol in einem Gebrauchsgegenstand,
und die Alte hat reiche Verwandte
da wird in einer Tour geerbt."
Na. die scheint so wirklich ein net
tes Geschöpf zu sein, sie gewinnt im
mer 'mehr. Nun gut, ich bin einverstan
den." .Bravo! Bravo!" schrie der Gläubi
ger und umarmte den Heirathskandi
baten mit einer Herzlichkeit, welche der
in Aussicht stehenden Provision voll
kommen entsprach.
.Die Verhandlungen führe natürlich
ich; denn Sie könnten in einem stim
mungsvollen Augenblick etwas von der
Mitgift nochlassen, wenn Ihnen das
Mädel irgend eine Sonate am Klavier
vorspielt."
..Sie sind ein Charakter!"
.In Geschäftssachen immer. Ich
wahre am besten die Interessen meiner
Kunden Sie brauchen dann nichts
Anderes zu thun, als am Altar .Ja"
zu sagen."
Nachdem der geschäftliche Theil die
ser Herzensangelegenheit in bestem
Einvernehmen erledigt war. entfernte
sich befriedigt der Hauptgläubiger des
Herrn Paul Werner.
II. '
Einige Tage darauf war auch das
Seelische dieser Eeschäftsaffaire glück
lich geordnet. Die Beiden sahen sich,
und die Ehe war im Himmel geschlos
sen. Der Schwiegerpapa breitete seg
nend seine Hände über das Paar und
richtete die Werthpapiere sammt den
fälligen Coupons zusammen. Die
Schwiegermama spendete ebenfalls ih
ren Theil am Familiensegen und wid
mete sich dann ganz den Ausstattungs
sorgen. Der glückliche Bräutigam hatte
vollauf Beschäftigung mit der Ord
nung seiner Privatangelegenheiten.
Jetzt erst sah er. wie sich diese in den
letzten Jahren gehäuft hatten. Denn
er wollte schuldlos" in die Ehe tre
ten. Nicht eine unbezahlte Rechnung
sollte ihm in sein neues Glück folgen.
Und er forderte die Gläubiger- seiner
Vergangenheit auf, sich mit ihren For
derungen bei ihm zu melden. Die Zahl
wuchs von Tag zu Tag. Er legte, in
plötzlicher Anwandlung vonOrdnungs
sinn, ein Notizbuch an und merkte sie
lle vor. Die Seiten füllten sich in
beängstigender Weise. Leute, deren
Guthaben er bereits als verjährt be
trachtet hatte, kamen freudig herbeige
laufen. Nichts erfreut ja den Menschen
mehr, als der Empfang verloren ge
glaubten Geldes. Und aPul Werner be
kam immer einen größeren Respekt vor
sich die Leute hatten in der Tbat
Vertrauen zu ihm gehabt und seine
Kreditfähigkeit nicht überschätzt. Und
einige Tage vor der Trauung nahm er
das verhängnißvolle Notizbuch zur
Hand und begann zu addiren. Die
Rechnungsoperation mit den höheren
Ziffern fiel ihm .ein wenig schwer, er
seufzte aus von Zeit zu Zeit und schüt
telte tief den Kopf mit den Resten ein
stiger Blondheit. Da erinnerte ihn eme
Rechnung an einen leichtsinnigen Tag.
dort eine Mahnung an verrauschte
Stunden voll Jubel und Champagner.
Pathetisch nahm er bei dieser Gelegen
heit Abschied von der Freiheit, der er
j nun endgültig den Rücken kehrte. Er
I log sich in die traditionelle Katzenjam-
merstimmung hinein. Dann klappte er
rasch das Notizbuch zu. schaute noch
einmal die Endsumme an. da er sie im
Trubel des ErinnernS vergessen hatte
und schrie plötzlich aus. Was war denn
das? Die Summe seiner Mitgift deckte
sich gerade mit seinen gesameltenSchul-
r:n. Er warf das unschuldige Buch zu
Boden. Er machte sich Vorwürfe. Wozu
die ganze peinigende Arbeit, wenn das
Resultat ein so klägliches? Ach. hätte
er doch früher gewußt, daß die Dinge
so kommen werden, es wäre ihm ein
gefallen, zu heirathen! Beim Himmel
niemals! Wozu? Damit seineGläu
biger eine Freude haben? Nein, die
verdienten es nicht. Wie ungern hatten
sie ihm geliehen, und wie oft hatten sie
ihn mit überflüssigen Mahnungen in
kommodirt. Ja. einzelne hetzten sogar
den Advokaten auf ihn. was seine
Schuldenlast noch erhöhte. Er heirathet
also aus Liebe. Er schämte sich. Ihm
bleibt ja nicht ein Pfennig übrig. Sol
chen Idealismus hätte er sich gar nicht
zugetraut. Er aus Liebe heirathen!
Was werden seine Freunde sagen! Si:
werden ihn als hervorragenden Esel be
wundern, der seine Freiheit opfert aus
edleren Motiven und nicht um schnö
den Mammon. Nun. es war geschehen,
er wird das Mädchen aus Liebe zum
Altar führen. Und mächtiger Stol;
zog in die Seele des jungen Mannes.
III.
Paul Werner machte seinem Schwie
gervater in stimmungsvoller Stunde
das feierliche Geständniß. daß er seine
Tochter aus Liebe Heirathe. Er streckte
ihm zum Beweise das Notizbuch ent
gegen. Der Schwiegervater prüfte Al
les und war schließlich sehr gerührt.
Eine hübsche Weile ließ er seinen zu
friedenen Vaterblick auf ihm ruhen . .
Dann umarmte er ihn heftig. Es
schmeichelte ihm in hervorragendem
Maße, daß seine Tochter keine Con
venienzehe eingehe. Das war denn doch
etwas Anderes um seiner selbst
Willen geheirathet zu werden! Daran
sollten sich die Anderen, die Nüchternen,
ein Beispiel nehmen.
Und er erzählte dies überraschende
Ergebniß seiner geliebten Ehehälfte.
Sie sank ihm gerührt an die Brust.
.Ich hab' immer gesagt. Adolph,
wir werden an dem Mädchen noch un
sere Freude erleben. Siehst Du. alle
Männer sind nicht so." und ein häß
licher Vorwurf spiegelte sich in ihrem
Antlitz. Schließlich flüsterte die Mutter
ihrer Tochter die erhabene Thatsache
zu:
.Er nimmt Dich aus Liebe." lispelt:
sie geheimnißvoll. Schluchzend umarm
te das glückliche Mädchen ihre Mutter.
Sie wußte den Ernst der Situation zu
schätzen, denn sie hatte soviel von dem
Egoismus der heirathslustigenMensch
heit gehört, und die Klagen über die
materialistische Zeit waren nicht unge-
hört an ihrem Ohr vorübergegangen.
Sie sah schwärmerisch ihren romanti
schen Bräutigam an und fiel ihm nach
einer kurzen Stimmungspause stür
misch um den Hals. Sie legte ihm ge
genüber alle Prüderie ab er war ja
eine Ausnahme mit seinen veralteten
Anschauungen, seinen schwärmerischen
Allüren, und daö mußte mit einem ehr
lichen Kusse belohnt werden, in welchem
sich die besiegte Schamhaftigkeit Luft
machte.
Und Paul Werner umstrahlt bi
zum heutigen Tag die Aureole des
Menschen, der in unseren heutigen
Zeitläufen aus Liebe heirathet
Der Zierat.
;n der Gesellschaft kommt das Ge
spräck aufs Landleben, auf die Felder
und Wiesen, auf den Hof mit den
Ltäücn voller Pferde. Kithe und
Echvcine. Ein Emporkömmling, der
fich nur ungern seiner niederen Her.
kunft erinnert, stimmt in das allge
meine begeisterte Lob der Borsten
thirc ein und meint: Zu Hause hat
tat roir auch stets Schnvine." Plötzlich
fällt it-M aber ein. daß diese Bemer
kuna ein ungünstiges Licht auf sein
irühercs Dasein werfen könnte, und cr
fügt noch rasch hinzu: .aber nur zum
Zierat."
Billiges Verlangen.
Arresthausaufseher: .Da kommt
wieder so'n Lumpenkleeblatt, und ich
hab' nur noch für einen einzigen Platz!
(Zornig) Könnt' Ihr Kerle Euch das
denn nicht eintheilen und einer nach
dem andern stehlen?"
Aha!
Gattin (an einem Schaufenster ste
hend): Sieh' nur. Männchen, dieses
kostbare Fichu."
Gatte: Komm', komm' ... Du
weißt doch, daß ich keine Fremdwörter
leiden kann!"
Je nach dem.
Gast: Ist das eine ganze oder eine
halbe Portion, was Sie da auf dem
Teller haben. Kellner?"
Kellner: .Sonntags eine ganze, in
der Woch' eine halbe!"
Allzu schnell.
'Onkel: .Na adieu, lieber Neffe,
wenn Du etwas Geld brauchen solltest,
dann schreibe mir. .
Neffe (Student): .Besten Dank, lie
ber Onkel. da ist der Brief!"
Pechvogel.
.Ich muß mich doch schrecklich derän
dert haben, seitdem ich mein Vermögen
verlor: die eine Hälfte meiner Freunde
kennt mich nicht wieder."
Und die andere Hälfte?"
.Die weiß nicht, daß ich mein Ver
mögen verloren habe."
Das Ende desMaurer
ft r e i k s.
A. : Donnerwetter, hab' ich aber
jetzt eine Wuth!"
B. : .So. hast wohl wieder Streit
gehabt?"
A.: .Nee. aber die Meester geben
nach, und morgen muß ich wieder an
die Arbeitt

xml | txt