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Detroiter Abend-Post. (Detroit [Mich.]) 18??-19??, January 23, 1915, Image 4

Image and text provided by Central Michigan University, Clark Historical Library

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Detrolter Abendpofi, Samstag, den 2Z. Januar 1918.
l ,
Detroiter
Abend-Post.
Entered t the Fotofflce 5 Detroit
i Second dass Matter.
SfirJfUi4e MittöeiluZ'een beliebe mal
zu asrrsstren: . '
Aug. Marxhausen. Abendpost-Gehäude
Office: Ecke Sroadiva und Qtt.Grand'River
Avenue (nahe Gratiot Sldenue).
(j TR ADES lr7 1 CQUNCQ 6
LrWgS
Euglijäe Nahrsugssorgei
Gestern bravl. das siabd die
ct.üide, daß das deütj.Ix llnlerj.c.
boot U 1U Dci !k.i:ci! brillZchrn
Tampfer Turward, der 5!ahrungs
Mittel an Bord hatte, durch Torpe
dos zum inkeu gebracht hat. Tie
Turmard ist ein kleines Fahrzeug ge
Wesen, zählte nur 1800 Tonnen, und
es märe über die Zache weiter nicht
viel Aufhebens gemacht worden,
wenn nicht London die Zerstörung
des kleinen Schiffes zum Ausgangs
Punkt einer merkwürdigen Erörtc
rung gemacht hätte. London sprach
nämlich die Besorgnis aus, dag die
Versenkung der Turward den Ve
ginn eines Krieges deutscher .Nriegs
schiffe gegen britische Handelsschiffe
bedeute, der inauguriert wurde, um
England auszuhungern.
Vielleicht werden die Londoner ila
beljungen es heute schon sehr be
bedauern, daß sie in solcher Weise
aus der Schule geschwatzt und die
Welt darauf aumerksam gemacht ha
ben, das; England wirklich ??ah
rungssargen. hat. Wir wollen daher
das Zugeständnis ein wenig näher
beleuchten, ehe noch London wieder
in der Lage ist, die Aufmerksamkeit
darum abzulenken.
England hat nämlich Nahrungs
sorgen und Kenner der englischen
Landwirtschaft blicken nicht ohne gro
ße Bedenken in die Zukunft. Tas
beweist ein Aufsatz des bekannten
englischen )!ationalökonomen Prof.
James Long, den die große Londo
ner Tageszeitung Taily Mail ver
öffentlicht bat und in dem sich der
belehrte an die englischen Landwir
te mit sehr ernsten Worten wendet.
'?r sagt:
Heine Klasse besitzt größeres Zu
.rauen zu unserer Fähigkeit, unseren
kahrungsbedarf zu decken, als die
"itischen Landwirte. Sie find sehr
i frieden, daß die Flotte den Ozean
.'herrscht, und meine, daß damit
leS getan ist. Wir liegen aber im
neg mit einem mächtigen Feinde,
nd die Landwirte könnten, jetzt ih
cm Lande einen sehr großen Ticnst
eisten, wenn sie ihre Ernteerträge
leizern würden, die für unser tag.
iichcs Brot so wesentlich sind. Ties
kann durch eine intensivere und bcs
fere Bewirtschaftung geschehen, und
deshalb sollten unsere Gutsbesitzer
all ihre Tatkraft aufwenden, um bei
der Aussaat, Bestellung und Ernte
alles so einzurichten, wie es Wissen
schaft und Erfahrung für notwendig
halten. Tie Getreidepreise nach der
Ernte von 1913 werden so hoch sein,
daß allein schon der gute Verdienst,
der ihnen winkt, sie zu dm höchsten
Anstrengungen anspornen, müßte.
England wird jedes Körnchen der
Erde brauchen, für die Truppen und
für ihre Pferde ebenso wie für die
Ernährung des Landes, mögen nun
unsere Krieger schon in Berlin sein
oder nichts!). Was auch mit Teutsch,
land geschieht, eins ist klar: seine
bisherige Ausfuhr an uns fehlt dies
mal. Tiefe Ausfuhr von Teutsch
land nach England betrug im Jahre
1913: Weizen 1 ,080,65 Ewts. ( 1
Ewt. 5,088,24 Kilo),Gerste 35si,
600 Cwts., Hafer 3,422,300 Cwts.,
Roggen 68,810 Cwts.. Bohnen 40,
450 Cwts.. Erbsen 313,980 Cwts..
Malz 18,831 Cwts., Kartoffeln 2,
309,057 Cwts. und Hafermehl 56,.
195 Cwts. Ohne Aussaat, Früch.
te. Gemüse und anderes zu rechnen,
was ebenfalls in beträchtlichen Wer
ten aus Teutschland bei uns einge
führt wurde, wurden schon die ange
führten Mengen zu ihrer Produktion
in unserem Lande ein Gebiet von ge
gen 332,000 Acres verlangen, also
fast das ganze unangebaure Land,
das in England und Wales im )ah
rc 1913 vorhanden war. Tie deut
Ausfuhr betrug jedoch nur einen
Verhältnis kleinen Teil der Nah.
rungseinfuhr aus fremden , Ländern.
An erster Stelle, stand da Rußland,
von dem wir 1913 allein 5.014.000
Cwts. Weizen bezogen: aus der Tür
sei erhielten wir 2,232,000 Cwts..
Gerste, au 8 Rumänien 1,388,000
Cwts. Gerste, u. s. w. Eine Vorfiel
lung von der- Größe dieser Zahlen
kann man erhalten . wenn man die
gesamte Einfuhr aus den anderen
Ländern mit der gesamten Ernte in
dem Vereinig Königreich 1913 ver
gleicht." Nach einer sehr komplizier
tenNechnunz kommtLong zu dem Re
sultat, daß sich der Fehlbrrrag der
Einfuhr, mit dem für 1915 aus den
Staaten der Kriegführenden, der
Neutralen und Verbündeten gerech
net werden muß,, zu der, gesamten
Enue 1913 in England folgender
maßen verhält:
Englischer - Ernteertrag :'
Weizen .... . 30,372.000 Cwts.
Gerste ....... 29,300,000 -
Hafer . . . . . . , . 57,532,000 "
Kartoffeln .... 152,080,000
Wahrscheinlicher Fehlbetrag.
Weizen ..... 6,905,000 Cwtö.
Gerste 10,917,000 "
Hafer 7,012,000 "
Kartoffeln .,. . 7,775,000 "
Wir ist nun dieser zu erwartende
Verlust einzubringen? fragt Long.
und er meint, daß man fich von der
Einfuhr aus Amerika , nicht allzu
viel versprechen dürfte, denn sie sei
schon im Jahre 1913 außerordentlich
viel größer gewesen als in. den vor.
hergehenden Jahren. So schicken die
Vereinigten Staaten 42 Millionen
Cwts. nach England, 1912 nur
2öVz Millionen und 1910 nur 18
Millionen Cwts. Weizen. Mit Ger
ste verhält es sich ähnlich und der
Verlust wird hier nur durch die nach
drückliche Hilfe von Kanada und In
dien ausgeglichen werden können.
Auch von Rußland soll man fich nicht
zu viel versprechen. Während man
mit dem verwüsteten Belgier! und
dem schwer darnicöcrlicgcndcnIrank.
reich garnicht rechnen kann, wird auch
die russische Ernte sehr viel geringer
ausfallen, da die eigentlichen Bestel
ler des Landes an der Front stehen
und die russische Landwirtschaft noch
nicht auf der Höhe ist. um die fehlen
den besten Arbeiter zu ersetzen. Mit
einer Ausfuhr über das Schwarze
und das Weiße Meer ist nicht viel zu
rechnen und, ob die russischen Gctrei
deschiffc die Ostsee benutzen können,
hängt sehr von der Kriegslage ab.
Auch aus dem Balkan ist nicht viel zu
erhoffen, denn die rumäische Einfuhr
hat bereits nach dem Ausbruch des
Krieges sehr nachgelassen und die
bulgarische völlig aufgehört. So blei
ben als wichtige .Zufuhrländer ei
gcntlich nur die Vereinigten Staaten
und die britischen Kolonien, und, der
große Fehlbetrag wird nur schwer zu
ersetzen sein.
Teutschlauds finanzielle und techui
uische Bewährung.
Tie Süddeutsche Zeitung schreibt:
Vor dem Kriege rühmte sichFrank
reich als Bankier der Weltbund sah
geringfügig herab auf das angeblich
bettelarme Teutfchland. Frankreich
und Eegland waren die Herren des
Wcttmarktes und nutzten ihr.' Vor
Machtsstellung in rücksichtslosester
Weise aus für die Zwecke ihrerWelt
Politik und Weltwirtschaft, überall
bestrebt. Teutschland in beiden Bc
Ziehungen an die Seite zu orücke.t.
Tie Welt horchte auf, als das er
nieintliche arm? Teutschland im vori
gen Jahre ohne Zögern eine Son
derstcuer in Höhe einer runden Mil
liarde willig auf sich nahm. Wie aber
mußte ihr Erstaunen wachsen, ais
nach Zahlung des ersten Teile di'?.?
Steuer das deutsche - Volk Inmitten
des Krieges mit - Begeisterung 2
Milliarden aufbrachte für die Z."'cke
der Kriegsanleihe! Ganz aus Ig
ncn Mitteln, ohne jede fremde Hi'.
fe! Ter - Eindruck war so :roß,
daß das sogenannte Weltblatt an bn
Themse sich darüber nur himgzu
helfen vermochte durch einen Druck
fehler, der eine Null von dec G?
samtsumme abstrich.
Frankreich aber hatte sich mit sei
ner , Weltbankierpolitik vor tviwirie
ge finaizicll übernommen: und auck:
das stolze England mußte zu dem
Aushilfsmittel eines Moratz-iums
greifen und erleben, daß der deut
schcn Reichsbank mehr Vertrauen
und Anerkennung gezollt wurde als
der Bank von England.
Ter finanziellen Bewährung
Teutschlands stellt sich die t?chnl,ch.
industrielle vollwertig an die Seite.
Hatte die französische Kreditgeberpo
litik den verschiedensten Mächten
Schneider Crcusot Geschütze auf
gedrungen, so herrscht' heute nir
gendS mehr der geringste Zweifel an
der, Uebcrlegenheit Kruppscher Ar
beit. Die deutschen Zeppeline bilden
den Schrecken ier feindlichen Haupt
städte und rauben der Bevölkerung
Londons die Ruhe, lange bevor sie sie
überhaupt gesehen.
Technische 'Leistungsfähigkeit und
geschickte Nutzung der technischen
Hilfsmittel werden auch erwiesen
durch die Arbeit der deutschen Unter
secboote, Ueberscekreuzer und Flug
zeuge. Tie anfänglichen Vorsprün
ge franzosischer Flugzeugtechnik, ha
ben wir nicht eingeholt, sondern so
weit überholt, daß bei aller Achtung
vor . der Aufklärungsarbeit französi
sischer Flugzeuge die Welt doch er
heblich mehr in Atem gehalten wird
durch die Arbeit der deutschen Flie
ger. uns bei der ersten Be
setzung von Reims dreißig französi
sche Flugzeuge in die Hände fielen,
übergaben wir diese für deutsche
Kriegszwcccke sehr wenig geeigneten
Flugzeuge eines artistischen Sports
den Flammen.
Alle Flotten der Welt wandten sich
vor dem Kriege mit ihren Aufträgen
an die englischen Werften; es war
der englischen Politik gelungen, den
deutschen Werften nahezu restlos al
le ' fremdländischen Bestellungen ab
zugraben. Nach den Erfahrungen,
die der Krieg in bezug auf die Lei
stungsfähigkeit der deutschen Flotte
bereits gezeigt hat, vor allem aber
nach den Erfahrungen, die fremden
Auftraggebern durch England direkt
bereitet wurden, dürfte nach dem
Kriege jede Neigung geschwunden
sein, englischen Werften Kriegschiffs,
be'stellungen anzuvertrauen. Hat
England fich doch richt gescheut, für
fremde Rechnung auf seinen Werften
gebaute Kriegsfahrzeuge . ohne weite
rcs für die eigene Flotte zu rauben!
Hat es sich doch nicht gescheut vor der
unsagbaren Perfioie, die der Füh
rung englischer Offiziere unterstellte
türkische Flotte durch allerlei Kunst
griffe in ihrer Manövrierfähigkeit
zeitweise bedeutend herabzusetzen, bis
deutsche Fachmänner die künstlichen
Schädigungen entdeckten und bese:
tigten!
Tie finanzielle und technische Be
Währung Teutschlands im Kriege
und die Bewährung deutscher Ehr
lichkeit gegenüber britischer Perfidie
versprechen insbesondere für die deut
sche Industrie, nach Beendigung des
Krieges die segensreichsten u. snicht
barsten Wirkungen. Tiese sichere
Aussicht wird es der deutschen Indu
strie wesentlich erleichtern, die großen
und schweren Opfer deS Krieges wil
lig zu tragen und unter keinen Um
ständen in der Erbringung dieser
Opfer zu erlahmen. Sie werden fich
setzten Endes in aller und jeder Hin
ficht reichlich lohnen, sobald die geg
nerischen Lügengcspinste zerrissen
sind und das Ausland volle Klarheit
gewinnt über den ganzen Umfag der
industriellen lleberlegeheit Teutsch
lands.
Feuilleton.
Kriegsnivelletten.
Von Fritz Kahn (z. Zt. im Felde).
D er S o h n d e s F e i n d es.
Es war in einem französischen
Torf am Abbtng eineZ Vogesenbcr
gcs. Ich hatte einen Truppenver
bandplatz aufzuschlagen: für die Ar
tillerie. Rings um das Dorf standen
die Batterien - und schössen ins Tal
hinein, in die tiefer gelencn Stel
lungen des Feindes. Ueber die Da
cher hinweg donnerten unsere Ge
schütze mit hohlem, heulenden! Sau
scn und hallten in allen Winkeln
wider: über die Dächer zurück kamen
die Granaten des Gegners pfeifend
und langfam fallend langsam, als
suchten sie noch im letzten Fluge ihr
Ziel und explodierten dann mit
gewaltigem Krach.
Um 9 Uhr wurde ich zu einer jun
gen Frau gerufen, die in Kindesnö
ten lag. Tas Häuschen stand drau
ßen am Weg. ganz in der Nähe der
Batterien, die schössen und beschossen
wurden. Tie Fenster zitterten, das
ärmlichen Geschirr imSchranke klirr
te. das Haus krachte in allen Fugen.
In das Wimmern der Frau mischte
sich das unheimliche Pfeifen der flie
genden Granaten.
Tie Geburt im Donner der Ge
schütze war vollzogen: ich badete das
Kind und wickelte es ein. Um mich
standen die beglückten Frauen, die
ncucGroßmutrer weinte vor Freude;
auf, dem Bett lag im ersten Mutter
glück die junge Frau.
Ta krachte es in gewaltigem Ge
töse, als fiele das Häuschen über
uns ein; die Frauen stoben verstört
in die Ecken. Tie Fensterscheiben
sprangen, klirrend fielen dieSchcrben
zu Boden, die Wände bebten und die
Möbel knarrten. Drüben am Weg
sah ich eine Mauer stürzen und rn
einer Wolke dickenStaubes zerstieben.
iurch das gebrochene Fenster wehte
der gelbliche Mörtel hinein. Ich dielt
das Kind im Arm, um es vor dem
Staub zu schützen, und sah hinaus
ins Tal. an dessen anderem Ende
unsere Gegner standen.
Jetzt hörten wir den neuen Ab
schuß drunren. In 30 Sekunden
war die Granate hier. Was würde
dieses Mal ihr Ziel und Opfer sein?
Um die lähmende Stille der hal
ben Minute zu bannen, fragte ich:
.Wo ist der Vater?"
Er ist Soldat."
In welchem Regiment?"'
Bei der Artillerie." '
' Wo ist er jetzt?"
Tie Alte wies hinaus ins Tal:
Tort unten!"
Ich wandte mich ab und drückte
das Kind fester an mich heran.
E i n e H e l d i n.
Seit Wochen geht es um das Torf
W. Anfang Septenlber lagen wir in
ihm, dann rückten die Franzofen ein.
Ende September wurde es ihnen im
Sturm entrissen, im Oktober nah-
mcn wir es wieder, nud nun teilen
wir es uns. An dem einen Ende lie
gen die Franzosen, in dem anderen
haben wir unser Quartier. In der
Mitte des Torfes, in einem der be
stcn Häufer, wohnt ein Fräulein,
Mitte 30. nicht unschön zu nennen.
Sie ist fast die einzige Bewohnerin
des halbzcrfchossenen Torfes. Als
wir einzogen, nahm fie als einzige
edlere Vertreten: des weiblichen Ge
schlechts sich unser an. und ihr Tor
weg diente unsin Ermangelung ei
nes besseren Raumes als Offiziers
kasino". Ein großer , runder Tifch
füllte ihn fast völlig aus. Vorn über
dem Eingang wehte die weiße Fah
ne mit rotem Kreuz.
..Ich bin neutral!" sagte sie.
Sie war als - Krankenpflegerin
ausgebildet und hatte unter den
Franzosen hier ein kleines Lazaret
eingerichtet. Auf unsere Frage, ob
sie sich nicht fürchte, zumal ncucKäm
pfe zu erwarten seien. Pflegte sie auf
die Flagge zu weisen und zu sagen:
Ich bin neutral!"
Sie hatte schon Kanonaden und
Straßenkämpfc hier erlebt.
Wo waren Sie während dieser
Zeit?"
Sie zeigte mir den fcstgcwölbten
Keller: Bett und Tisch waren hier
ausgestellt, Lcbcnsmittcl aufgefta
pelt.
Jetzt war fie von früh bis in die
Nacht geschäftig, um uns zu vcrfor
gen vom ersten Morgenkaffee bis
zum letzten Glühwein, mit dem wir
uns fröstelnd um Mitternacht vom
Kasinotisch" zu trennen pflegten.
Als wir uns aus dem Torf zu
rückzogen, wollten wir fie mit uns
nehmen.
Wir werden das Torf vielleicht
beschießen müssen", sagte wir.
Sie ging nicht mit.
Ich bin neiltral", sagte sie und
zeigte auf die Flagge.
Tie Franzofen zogen ein. fie nahm
sie auf, fie pflegte ihre Kameraden.
Tas Torf wurde beschossen, iHrHaus
blieb verschont. Es fanden Straßen
kämpfc statt, fie ging nicht fort.
Nun gehört das Tarf zur Hälfte
uns, zur Hälfte den Franzosen. Sie
wohnt in der Mitte. Bor demHaus
eingang weht zerlöchert die weiße
Fahne mit dem roten Kreuz. Zuwei
len, in dcrMittagstundc, in der meist
Waffenruhe herrscht, kommt in ein
Tuch gehüllt, eine Frau, mit einem
Körbchen in der Hand, heraus und
trägt es heute an dieses, morgen an
das andere Ende des Torfes und
alle Waffen schweigen. Jeder kennt
fie.
Sie ist neutral.
Und wenn der Krieg zu Ende ist,
erhält sie von Frankreich das Band
der Ehrenlegion und von Teutsch,
land das eiserne Kreuz.
Ein Tag der Thränen in Frank
reich. Aus den Erlebnissen . eines Kriegs
berichterstatters. Kürzlich habe ich in einer von uns
besetzten französischen Stadt einen
Tag der Tränen erlebt, der lange
im Gcdächtlls der Frauen bleiben
wird. Auf meinem Wege durch
die SHdt begegneten mir überall
Gruppen weinender Frauen; mir
schien es. daß hier kein weibliches
Wesen mehr cinherging. dessen Ge
sicht nicht in Tränen gebadet war.
Ich glaubte anfangs, die Kunde von
der Niederlage eines frinzösischen
Regimentes wäre eingetroffen, wel
ches fich aus dieser Gegend rekru
ticrtc.
Endlich aber fiel mir auf, daß ich
keinen Mann nichr in den gestern
noch sehr belebten Straßen sah und
als ich dann an eine der ivcinendcn
Fraucngruppen herantrat und nach
dem Grund der Tränen forschte,
erfuhr ich, was vorgefallen war. An
jenem Morgen waren zwifchcn 3 und
7 Uhr die sämtlichen männlichen
Einwohner der Stadt und der Um
gcbung von unserer Besatzung ver
haftet und abgeführt worden; alle,
ohne Ausnahme, die in waffenfähi
gem Alter waren. Aber meinen
Mann hätten sie unter keinen Um
ständen verhaften dürfen, er war
reforme" (ausgemustert), er brauch.
te überhaupt nicht Soldat zu sein
und war froh, daß er nicht in den
Krieg mußte. Ich werde den Kaiser
Wilhelm wegen Brilchs des Völker
rechts verklagen", beteuerte mit schö
nem, aber erfolglosem Eifer eine ele
gante, junge Tame.
Und mein armer Marcel ist erst
17 Jahre alt. Er hat niemals an
den Kriegs, gedacht. Wenn er wenig
stens einen warmen Mantel angezo
gen hätte, als er heute morgen in
die Fabrik ging, aber er hat ja ge
glaubt, daß er zum Mittagessen wie
der zu Hause sein würde. Und nun
ist er weg, ganz ohne Abschied",
klagte eine alte Mutter.
Tenken Sie, wie es uns gcgan
gen ist", mischt sich die bchäbigeFrau
eines Kaufmanns in die Unterhal
tung. Mein Mann geht heute
morgen um halb 7 Uhr in den Hof,
um die Kaninchen zu füttern. Tas
tut er immer selbst, es ist sein Ei
gensinn, obwohl er es doch gar nicht
nötig hat. Ich höre fremde -im
mcn im Hofe, deutsche, mir ahnt
nichts Gutes, und wie ich nach unten
komme, sche'ich, daß mein Mann
durch einen von dieser deutschen
Landwehr" verhaftet ist. Ich fage
zu dem Teutschen: Mein Mann ist
unschuldig, Sie dürfen ihn mir nicht
wegnehmen." Ter antwortet mir
französisch: Er müsse seine Pflicht
tun, und mein Mrnn sei Kriegsgc
fangener." Tas war ein ganz freund
lichcr Herr, der Teutsche; er hat so
gar gestattet, daß sich mein Mann
noch reisefertig anzog und daß ich
ihm einen kleinen Koffer packte. Aber
das mußte in drei -Minuten gesche
hen, und nachher ist mir erst einge
fallen, was ich alles vergessen habe
einzupacken."
Besonders groß war das Gedrän
ge der Frauen vor der deutschen
Kommandantur. Ta hielt eine klei
ne, schmutzige Frau von höchstens 19
Jahre; die ein Kind am Schürzen
zipfel hängen hatte, ein zweites auf
dem Arme trug und ein drittes wohl
bald erwartete, wilde Reden an die
übrigen. Tie Frauen hätten ein
Recht zu wissen, wohin man ihre
Männer gebracht habe. So sollten
sich alle vor den Eisenbahnzug stcl
len. der die Gefangenen nachTeutsch
land führen werde, und fich eher
überfahren lassen, als die Wegfüh
ning zugeben.
Arme Leute! Man konnte ihren
Schmerz und ihre Verzweiflung
wohl begreifen. Viele hatten Bün
dcl bei fich, Habseligkeitcn, notwen
dige und ganz unnütze, die fie ihren
Männern noch geben wollten. Und
so hart diese Massenvcrhaftung aller
Männer einer ganzen Gegend den
Betroffenen erscheinen mußte, sie war
in Wirklichkeit eine sehr menschliche
und notwendige Maßregel. Hatte
man doch festgestellt, daß französische
Umtriebe stattgefunden hatten, die
gegen die deutsche Besatzung gerichtet
waren. In einem entlegenen Ge
bäude wurde des Nachts eine gehei
me Beratung belauscht und sämt
liche Teilnehmer festgenommen. Ta
bei zeigte fich, daß unter den übrigen
Bewohnern fehr viel unzuverlässige
Leute waren. Ta man gleichzeitig,
ähnlich wie seiner Zeit in Belgien,
in dem von uns besetzten Gebiete Er
satzmannschaftcn zu rekrutieren ver
sucht hatte, so mußte durchgcgriffen
werden. Und mit aller Ruhe und
Umsicht sind dann in den beidenMor
genstunden die sämtlichen waffen
fähigen Männer der Stadt und der
Nachbarschaft aufgehoben worden.
Als sich die Kunde hiervon allgemein
verbreitete, waren sie schon weit weg,
auf dem Wege nach Teutschland.
Tas Jammern der Frauen dauer
te den ganzen Tag. Tie tollsten Ge
rüchte gingen um; so hieß es, daß
sämtliche Gefangene erschossen wür
den. Andere erzählten: Tie Tcut
schcn würden sie in feldgraue Uni
formen stecken und zum Kampf gegen
die Russen benutzen. Trci Tage spä
ter bekamen die Frauen schon Briefe
von ihren Männern, in denen ihnen
mitgeteilt wurde, daß sie in Teutsch
land gut untergebracht seien, und
daß ihnen nichrs feblc. Tie Frauen
durften ihren Männern durch Ver
mittlung der deutschen Kommandan
tur schreiben, sie durften ihnen so
gar. was vielen die größte Sorge
war, Geld und kleine Packetc schicken.
Ta sind denn die Tränen wieder
versiegt.
In dem ganzen französischen Gc
biete aber, das wir besetzt halten, hat
die so kräftig und geschickt durchge
führte Maßregel tiefen Eindruck ge
macht und die Lust, sich an Verschwö
rungcn zu beteiligen, ist den Be
wohnern ebenso vergangen, wie es
die französische Regierung aufgege-
ben hat. im Okkupationsgebiete Rc
kruticrungcn zu unternehmen. Und
wer weiß: vielleicht, wenn die Zeit
den Schmerz über den notwendigen
harten Eingriff heilen wird, werden
zuletzt die Frauen den Tag der Trä
nen nvch einmal segnen, der ihre
Männer vor Unklughcitcn bewahrt
und ihre schöne Heimat vor dem
Schicksal der in warnende Brand
ruinen verwandelten belgischen
Franktinrcurgcbictc behütet hat.
Kriegsgefangev.
Eine schlichte und doch, wenn man
will, vielsagende Geschichte von ei
nem von den Ungarn kriegsgefange
nen russischen Offizier berichtet der
bekannte ungarische Schriftsteller
Mit
sZ
H
fl
j. CAkVERT'S SOETS
Haupt-Office: 145 Griswold Str.
Felepkon Main 5198.
C Gtft Stllk ercheval SU. (fgt er Mtr ,. Vchft.
5 Ptfe CfllrnSI. nb Braubirftrße. R. 1420 ranltaftr., Eke tt 8U
Cbart & Mlaig, S,uhn 5abn.
VüNll
Geld nach Em'Vpa
Geld-Änweifunqen nach Ocsterreich.Ungarn und ande
ren Ländern besorgen wir jetzt wieder stets aufs Punkt.
!ich..c wie bcrnts seit 10 Jahren.
rschfeld
Offen täglich bis Uhr
mittags
Hober t j7. föartenstein
Zimmer 202 Wreitmcy?r ? Heöäuöe.
Fe. stchernngs', Motariat und Hrundeigen
tums Geschäft.
Telephon Main 2409.
A. KüHUlAN &
ranz Molnar: HeuteVormittag be
fand sich unter den 1200 Gcfange
neu auch ein Oberstleutnant. Ter
Wirt ist ein Wiener und er bat ei.
nen kleinen sechsjährigen Sohn,
der sich immer unter den Soldaten
henlmtreidt. Er hat einen Säbel
umgcbulldcn und eine Husarcnmütze
ans dem Köpfchen. Er trat' an den
Oberstleutnant heran, der eben Kaf
fec trank, und fragte ihn: Bist du
ein Offizier?" Ter Oberslleutnant
cz-'.twozte lächelnd: Ja." Ta
deutete das Äind auf seinen kleinen
Blcchsäbel und fragt: Warum hast
du dann nicht einen solchen?" Weil
man ihn inir weggenommen hat."
antwortete der Oberstleiltnant ,irnd
beugte sich tief über seine jZasfee
tassc. Er hat mit beiden fänden
sein Gesicht bedeckt und geweint, be
teuerte mir der Erzähler dieses Zval
les. Glauben Sie mir. ich wußte
nur nicht, was ansangen , ein
Oberstleutnant weinend!
Lügen um jeden Preis.
llntcrm 11. Tczcmbcr meldete das
Reuter - Bureau aus Paris: Ein
neuer Beweis dafür, daß die Tcut
schcn beim Einbruch in Belgien mit
Vorbedacht zu Werke gingen, wird
dadurch crbracht.daß fich eine schwär
ze Liste vorfand, worauf die Namen
bekannter Belgier vorkamen. Tiefe
Liste war vor einem. Tiabrc durch den
Ecntrumsabgeordncv Trimborn
aufgestellt worden ,der gegcnwärti?
der deutschen Civilverwaltung in
Brüssel angehört. Hierzu erklärt
?viifii rat Trimborn folgendes:
freilich machte ich vor etwa Jahres
frist anläßlich des Todesfalles mei
nes Schwiegersohnes eine ?usam
mcnstellung der Adressen meiner in
Belgien wohnenden zahlrcichenBer
wandten und näheren Bekannten
mt Versendung von Todesanzeige.
Einen anderen Zweck hatt? diese Zu
sammenstellung niemals, eine an
dere Liste stellte ich niemals auf, na
mcntlich keine schwarze Liste", die
ich an irgendeine Person oder Stelle
hätte gelangen lassen.
Trimborn,
Ncichstagsabgeordneter.
?luch eine Aufklärungsarbeit in
Fciudcslaud.
Schon mehrere Tage lang", so
schreibt ein Kriegsfreiwilliger aus
Frankreich, bemerkten wir. daß in
der Mitte 'zwifchcn den fcind l)Z.i
und unferen Schützengräben cii:j
weiße Fahne aufgesteckt war. deren
Bedeutung wir uns nicht erklären
konnten, vlm dritten Tage erbat sich
ein Kriegsfreiwilliger die Erlaubnis,
bei Nacht an die Fahne heranzukric
chen, um in Erfahrung zu bringen,
was für eine Bewandtnis es damit
habe. Tie Erlaubnis wurde ihm er
teilt, und lach hcrcingcbrochencr
Tämmcrung kroch er ohne Gewehr
auf allen Vieren auf die Fahne zu,
wo er einen Brief mit folgendem
Inhalt fand: Tie französischen Offi
ziere könnten nicht verstehen, wes
sfl
b
-
i
F'
U'
von
Bros.?,I,ncriish
-v u.iiciicisvuai.
abends, sowie Sonntag Vor
von 8 bis 12.
M
IV
)
, vi f
W" l
j,U
Bruchbänder, die neuesten
Mnsr zu den niedrigsten
Priesen: Passen garl..tirt.
ßchultnhalter, ' elastische
Strümpfe. Unterleibs Sm
porters. Küchen elastisch,'
Bttrien,Gummnoaaren etc.
Invalid Stühl ze brrmtel$en dr u ba
laufen, jtianfenjtmtnft Utensitte. Xatgritu
Rfleöiment ton rch bindern in Mtchigan. .
CO. 203 Jeflerson Ave.
halb die Teutschen ihre Stellung hier
(bei Reims) so hartnäckig hielten,
wo ihnen (den Offizieren) .doch be
konnt wäre, daß die Russen schon im
Anmarsch auf Berlin wären. Sie
können es demnach nicht begreifen,
weshalb die Tcutfchen nicht ihre
Stellungen hier, ausgaben, m die
Truppeil den Russen ' entgegenzuwer
fcn. Sie bäten nun die deutschen
Offiziere, um Aufklärung zu crhal
ten, an der weißen .Fahne deutsche
Zeitungen niederzulegen, - damit !?
(die französischen Offiziere) fich sie
forrholcn könnten; sie wären selbst
lange in Berlin gcnvescn.. liefern
Wunsche wurde sofort Folge ' gelei
stet, und seitdem erhalten die franzö
fischen Offiziere möglichst jeden Mor
gen ihre Zeitung und sind jetzt Hof
fentlich besser unterrichtet über die
Erfolge ihrer Bundesgenossen im
Osten."
Bayern gegen Engländer.
Aus dem Feldpostbrief eines frei
willigen Lazarcttpflegers an ' seine
Eltern teilt die Schief. Ztg." mit:
Eourtrai. ,5. Dez. Ein' Bayer er
zählte hier in einem Lazarett folgen
des: Eine Abteilung Banern. darun
ter auch er. lagen in Dpern dicht ge
genüber franzöfifcheil Schützengrä
ben. Tie Franzosen warfen einen
Zettel herüber, daß sie sich ergeben
wollten. Wir Bayern hatten natür
lich nichts dagegen. Aher kaum hat
ten die Franzosen die Schützengräben
verlassen, erhielten sie von' den Eng
ländcrn heftiges Feuer. Tie Bayern
gerieten darüber in große Wut und
gingen aus den Gräben raus, auf die
Engländer los. mit ihnen die Fran
Zofen. Es gelang ihnen auch, einen
großen Teil gefangen zu nehmen.
Hk.rnse! ,
Zur Heldentat des deutschen
Unrcrsecbutes II 9".
E englisch Kreizer-Trifolium
Das gondelt in der Nordsee rum.
Ta kommt woql ni ' von ohngefähr
E klccncs deikfäcs 11" daher.
Tie Kreizer seh'n und untertauchen
Und unter Wasser vorivärtSfauchen,
Tas war Tie ecns. und bums fytx
auch
E öl reizer scho e och im Bauch.
Tcin ganz Verdichter Kommandant,
Tlit Namen W. S. Tclls genannt.
.vuppt über Bord und schwimmt, im Nu
Uff den ihm näch'ien 5lreizcr zu.
Tort ward er schleunigst hoch genommen,
Tom als er ?lkcm kaum bekommen.
Ta bumsr es wieder, und o- weh
Futsch is ooch jireizer Num'ro zwee,
Un Tells huppt wieder
ns Wasser nieder
Uno rettet unker .i!fsgeschrci
Tich uff den jlreizer Num'rg drei.
Toch ach. nach eener Börtelstunde
Empfängt ooch der die Todcswunde
Und Tells . . er hatte schon den Tchnü
ven
2JI115 abermals ins Wasser huppen.
Und wär' nich Luziker" gekommen
Und hätte ihn mir fortgenommen.
T huppte TellS gewiß wie dumm
Noch heile in der Sordsee rum.
Traugott Wärschtcbesser.
. in den Dresdner Nachricht

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