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Deutscher herold. [volume] (Sioux Falls, Süd-Dakota) 1907-1918, September 05, 1907, Image 7

Image and text provided by South Dakota State Historical Society – State Archives

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ner der bedeutendsten öster
reichischen Tuberkulofefor«
scher erzählt, daß vor eint«
gen Jahren ein Assistent fei
net Klinik die Uebernahme
der ärztlichen Leitung einer
großen Lungenheilstätte
rundweg abgelehnt habe mit
der Begründung, die Tu
berkulose sei in allen ihren
Einzelheiten bereits zu ge
nau studiert, um einem
strebsamen jungen Forscher
i wm scher hinreichenden Stöfs zu
r- 1 |i w wissenschaftlichen Arbeiten
VlL" LS.& zu bieten. Dieser Arzt, des
sen Meinung sich in diesem
Punkte übrigens mit der
seiner meisten Betussgenos-
sen deckte, wird inzwischen Gelegenheit genommen
haben, seine Ansichten über die positiven Erfolge der
bisheriger. Tuberkuloseforschung einer gründlichen
Nerision zu unterwerfen. Die Aerzte sind nun ein»
mal, wie der geistreiche französische Kliniker Germain
5*e in heiterer Selbstironie einst gesagt hat, Men
schen „qui ehaIlgent souvrnt (Vitlt-vs fixes", unt) sie
beweisen dies neuerdings wieder in der Tuberkulose
frage. Aber wer die Bedingungen kennt, unter de
nen die medizinische Wissenschaft der Natur ihre Ge
Heimnisse abzulauschen genötigt ist. der wird niemals
vergessen, daß gerade der menschliche Mikrokosmos
allen unfern Versuchen, in sein ungemein verwickel
tes Getriebe einen klare Einblick zu gewinnen, tau
sendsältigen Widerstand entgegensetzt. Der Sach
kennet wird eL daher ganz natürlich, finden, daß es
in der Medizin leine Dogmen gibt. Bei den Fest-
err urrimsr
J?, lc Neurose ist feine Muse. Die
llcbcrempfindlichkeit seiner
Nerven preist er als ein rei
ches Geschenk der Vorfe
hung. Er sieht, hört und
und fühlt unendlich meht
als die gewöhnlichen Sterd
lichen. SiiCU: qjitern ein Ein
druck ist. das löst sich ihm
in tausend Eindrücke auf.
Er merit die feinsten Nuan
cen, die zartesten Uebergän
ge
er
hört die leisesten
Uebert'öne und erlebt Dra
men, wo' andere Episoden
mitmachen.
Er ist in allem und je*
dem der Stimmung unter
werfen. An manchen Tagen
verblassen ihm alle Farben
der Welt. Er sieht alleS
Er mochte gern schaffen und vermag
es nichi. Wie u leier ne Schwere drückt es ihn nieder.
Seine Gedanken kreisen immer um einen Punkt, und
er findet die Energie nicht, seine Aufmcrtjamfeit zu
sammeln. Er könnte in solchen Zeiten an sich und
feiner Kunst verzweifeln.
Dann urplötzlich überkommt ihn die sehnlichst
erwartete Stimmung. Jetzt verändert sich sein We
sen. Eine überquellende Begeisterung berauscht ihn.
Die Gedanken drängen sich in feine Feder, so daß et
Mühe hat, ihnen zu folgen. Er glüht wie im Fie
ber. Er ist sicher, daß et jetzt ein großes Kunstwerk
schaffen wird. Er fühlt die Gewißheit feines Sie
gcs, er kostet alle Freuden des Triumphes im vor
aus.
Wie lange? Bis er mit fernem Werke fertig ist.
Er kann es kaum erwarten, fein jüngstes Kind der
Öffentlichkeit vorzulegen. Nur flüchtig fliegt er zur
Kontrolle noch einmal über die Seiten. Schon hat
sein Entzücken ein wenig, ein klein wenig nachgelas
sen. Doch ein Meisterwerk bleibt seine Leistung trotz
alledem wenn er auch hier und da nicht das ausge
drückt hat, was er sagen wollte. Ach. es ist ja so
schwer, das Unsagbare in schöne Worte zu fassen.
Er will doch noch einige Tage warten, bevor et
das Manuskript aus der Hand gibt. Er will sich
von feinem ersten Eindruck emanzipieren und unbe
fangen urteilen. Et verbringt die Zeit in einer selt­
et heute Havana besucht, des
sen melodischer Name jedem
Raucher-Gourmet so lieblich
im Ohre klingt, findet in ei
ner der alten, engen, pitto
testen Straften ein großes,
reich mit Piiastern undBal
tonen gegliedertes Gebäude,
dessen Giebel hoch oben bte
Aufschrift trägt: Romeo y
Unwillkürlich rufen diefe
beiden teuren Namen dem
Besucher die größte Liebes
tragödie der Weltliteratur
ins Gedächtnis, und er er
kundigt sich, was denn wohl
dieses kubanische Bauwerk
mit den edlen Häusern der
Montecchi und Capuletti zu
tun haben. mochte? Dem
also Forschenden wird die
Auskunft, daß dieses hoch poetisch betitelte Haus
nichts anderes tft, als eine der größten Zigarrenfa
briken dec Insel und die Heimstätte jener Marke, die
den besonders in Nordamerika hochgeschätzten Namen
Romoo y julicta führt. Tableau! Denn wc.hrlich
an nichts läßt dieses eimm altspanischen Patrizier
Hause gleichende Gebäude weniger denken, als an eine
Fabrik, einen Arbciterpfcrch, dem man in Europa
überall dasselbe nüchterne, kahle Gepräge einer Ka
serne oder eines steinernen Riesenkäfigs zu geben
pflegt.
Und dock: ist btesef malerische Bau die Stätte
intensivster Arbeit, in der tausend fleißige Hände sich
regen. Durch "das hohe Tor treten wir in das In
nere des Hauses.
Der Bauart der meisten havanis^n Häufet ml*
sprechend, führt uns der Eingang auf den freien Itch
ten Hof, den das Gebäude von vierSciten umschließt.
Durch das Erdgeschoß zieht sich ein Säulengang, um
die höheren Stockwerke rund herum gedeckte Ballone.
Aver nun merken wir» doch sofort,.daß Ruhe von
außen nicht auch Ruhe con innen bedeutet. Hoch be­
pelwngen auf ihrem Gebiete handelt es sich immer
Nur eine relative Wahrheiten, die nur so lange Gel
fting haben, bis unsere bessere Einsicht sie durch neue,
besser begründete Theorien ersetzt.
Zu den scheinbar unumstößlichen Glaubens
sähen galt der ganzen wissenschaftlichen Welt bis vor
kurzem die Ansicht, daß die Lungentuberkulose in den
meisten Fällen durch Einatmung der durch den Aus
Wurf Schwindsüchtiger verstäubten Tuberkel Bazil
len entstehe. Nachdem Robert Koch die ursächlichen
Beziehungen zwischen "der Tuberkulose und dem von
ihm entdeckten Bazillus durch seine klassischen Unter
suchungen über allen Zweifel sichergestellt hatte, tag
diese Erklärung des Zustandekommens der Krank
heitsüdertragung ja auch aus den ersten Blick so nahe,
daß sie, von Autoritäten aufgestellt, in ärztlichen
Kreisen nur ganz vereinzelt und in sehr hypotheti
scher Form angezweifelt wurde. Das war die Zeit,
in der das Laienpublikum zum ersten Mal von jener
maßlosen Bazillenfurcht erfaßt wurde, deren Ur
sprung leider in erster Linie auf mißverstandene oder
direkt irreführende populär-wissenschaftliche Aufsätze
in der Tagespresse zurückgeführt werden muß. Un
reife Köpfe gaben iich der Vorstellung hin, als ob
die gefährlichen kleinen Keime gewissermaßen Überall
auf der Lauer lägen, um von dem wehrlosen Opfer
Besitz zu ergreifen und es schwerem Siechtum entge
genzuführen. Die unbefangene ärztliche Beobachtung
ließ sick freilich mit der Einatmungstheorie nicht ge*
rade leicht in Einklang bringen. Erperimentell eine
solche Inhalationstuberkulose zu erzeugen, war näm
Iich außerordentlich schwierig, und selbst wenn man
Kaninchen eine halbe Stunde lang einem Sprühre
gen von bazillenhaltiger Flussikeit aussetzte, so konn
ten die Keime noch nicht sofort nach dem Versuch in
der Lunge gesunden werden ein Beweis dafür,
wie ausgezeichnet die natürlichen Filter der ofcern
Atmungsorgane ihre Schuldigkeit tun. Eine weitere
Schwierigkeit ergab sich aus der eigentümlichen Tat-
samen Stimmung, als ob er auf sich selbst neugierig
wäre. Er zählt die Stunden bis zu dem Moment,
da er fein Werk i ieder in die Hand nehmen soll. Ob
er sich nicht über den Wert seiner Leistung getäuscht
hat? Db er nicht zu befangen ist? Cb er dt: Sache
überhaupt von der richtigen Seite angepackt hat?
Endlich nimmt er sein Manuskript wieder in
die Hand. Er liest es langsam gleichsam, als wenn
er ein fremdes Werk studierte. Gleich der erste Satz
kommt ihm so unbeholfen, so holperig vor. Je wei
kr er kommt, desto kühler wird seine Stimmung,
desto größer seine Enttäuschung.
Nein! In der Form ist sein Werk unbrauch
bar. Er muß es von Grund aus umarbeiten. Er
muß es frischer, belebender, entschiedener formen.
Vor allem einen ganz andern Anfang, der den Leser
sofort in das Thema hineinführt. Mit einem Griffe
muß das geschehen.
Wenn er nur den Anfang hätte! Das Weitere
machte ihm keine Sorge. Er läuft dem „Anfang"
einige Tage nach, fetzt sich an den Schreibtisch unb
findet nicht das Richtige. Beginnt einige Sätze und
sie kommen ihm schwächlich vor. Einfach mißlun
gen. Er knittert das Papier zornig zusammen unb
wirft es in den Papierkorb.
Wie soll man auch schreiben können, wenn ma«
keine Ruhe hat! Muß denn die Konservatoristin im
dritten Stock gerade jetzt die Waldsteinsonate üben?,
Gerade um die Stunde, wo et in Stimmung ist, zu
schaffen.
Er ist wie verhext. Ein eigenes Verhängnis.
Wann er schreiben will, wird er gestört. Bald er
scheint ein Freund, um ihn zi. besuchen, bald sind es
häusliche Ungelecienheiten, die ihm in die Quere kom
men. Soll er denn gar nicht imstande sein, seine
Arbeit ungestört zu Ende zu bringen?
Eines Abends fühlt er „bestimmt", daß ihm das
große Werk gelingen wird. Er setzt sich nach ver
schiedenen Vorbereitungen an den Schreibtisch, füllt
das Tintenfaß in umständlicher Weise, sucht sich vor
sichtig cine neue Feder aus. richtet sich die weißen Bo*
gen in gewohnter Weise zurecht und beginnt.
Unglaublich, wie schwer es ihm diesmal fällt,
den ihm vorschwebenden Anfang zu finden! Viel»
leicht zehnmal beginnt er und immer wieder wirst er
zornig und mißmutig ein zerknülltes Papier in den
Korb. Er verzweifelt schon, daß es ihm überhaupt
gelingen werde. -Er steht auf und läuft mit großen
Schritten erregt im Zimmer auf und ab, leise Worte
vor sich hinsprechend, fast singend.
her Üxanrltrr.
packte Karten drängen fch auf dem Hofe. Sie btin
gen in mächtigen Ballen ve-packt die Tabaksblätter
vom Lande herein, die nun, einer ununterbrochenen
Prozedur unterliegend, in nicht allzu langer Zeit als
mehr oder weniger köstliche Havanas wieder aus die
fem Hause hinaus ihren Weg in die weite Welt an
treten.
Da die Blätter viel zu feucht verpackt sind, müs
sen die Ballen sofort geöffnet werden und Dutzende
,von fleißigen Mädchenhänden machen sich ohne Säu
men daran, die groben Stengelanfätze zu entfernen.
Und nun wandert die Masse auf den Trockenboden.
Wie Heu aus dem Felde so werden die Bläitet
dort ausgestreut, und verschiedene Leute sind unun
terbrochen damit beschäftigt, sie mit einer großen
Holzgabel ganz ähnlich wie bei unserer einheimi
schen Heubehandlung zu lüften, zu heben und zu
wenden. Selbst eine bestimmte Temperatur ist in
diesen Räumen vorgesehen. Denn es liegt sehr viel
daran, daß das Material gerade die richtige Trocken
heit erhält. Ein penetranter, atemberaubender Dust
strömt von diesen Blättern aus, so stark, daß dem
Neuling beinahe der Atem vergeht und er so schnell
wie möglich wieder hinaus zu gelangen sucht.
Nachdem nun die Blatter gerade so weit getrock
net sind, als es zu ihrer Verwertung nötig ist, fangt
das Geschäft der Sortierer an, und es sind vorwie
gend Männer, die dieses Amt versehen. Gs erfor
dert sehr viel Uebung und Verständnis, denn hier
kommt es sowohl auf die Form, wie auf die Farbe,
die Größe und die Stärke des Blattes an. Wie ein
Stückchen Wäsche befeuchten sie es, glätten es vorsich
tig und häufen fein säuberlich eines auf das anbete
derselben Art. Die mehr Flinkheit und leichtere
Hände verlangende Aufgabe, aus den sortierten®Icfy»
tern die feinen Mittelrippen zu entfernen, fällt wie
der Frauen und Mädchen zu. Dann erst sind die
Blätter so weit präpariert, daß sie zur Zigarrenver
arbeitung gegeben werben können.
Tritt man in den Arbeitssaal bet Zigarrenma
die*, so könnte man sich im ersten Moment i eine
Schule versetzt glauben. In regelmäßigen Reihen
stehen die dichtbesetzten Bänke hintereinander, auf
merksam schaut jeder nut bot jjch hin, und nichts als
f-~ ~y-
Vf
fache, daß in den allermeisten Fallen die Lungen
spitzen zuerst von der Infektion ergriffen wurden.
Um diese Erscheinung in das Prokrustesbett jener
Theorie emzu »n, hat man zu Vermutungen
und Erkläru rissen, von denen wohl keine sich
die allgemein-. ..'nnung der Fachgelehrten zu er
ringen vermocht bat. Es ist darauf hingewiesen wer
ben, daß die Lungenspitzen wegen ihrer Lage im
obersten Abschnitte des Brustkorbs geringere Ein
und Ausatmungsbewegungen machen und daher
schlechter venti'iert werden als die übrigen Lungen
Partien so erkläre es sich, daß Staub und andere
Fremdkörper, die mit der Atmungsluft in die Lun
gen gelangen, weniger leicht durch Hustenstöße ent
sernt werden könnten. Man hat außerdem betont,
daß die Lungenspitzen verhältnismäßig schlecht mit
Blut versorgt sind, und daß diese relative Blutarmut
die Entstehung der Tuberkulose dort wie an manchen
andern Organen des menschlichen Körvers begün
stige. Ob die Insekten durch Einatmung von bazil
lenhaltigem Staub oder Einatmung der win
zigen Tröpfchen erfolge, die oci heftigem HustenLun
genkranker in die- Lust gelangen und dort eine Weile
schweben bleiben, darüber gingen wieder die Ansich
ten der einzelnen Gelehrten auseinander.
Daß indes zahlreiche Forscher die primäre Fra
ge, ob überhaupt die Einatmungstheorie zu Recht be
stände, noch keineswegs für entschieden erachteten,
das. beweisen die vielen wissenschaftlichen Arbeiten
der letzten Jahr: über die Entstehung des Tuberkels
in der Lunge. Wichtige Feststellungen verdanken wir
über diesen Punkt der systematischen mikroskopischen
Untersuchung feinster, im ersten Entwicklungsstadium
begriffener tuberkulöser Krankheitsprodukte. Eine
Reihe von zuverlässigen Gelehrten gewann daraus
die Ueberzeugung, darß die ersten krankhaften Berän
derungen, die in der Lunge auftraten, nicht mit der
Endausbreitung d-r Luftwege, sondern mit den fein
sten Blutgefäßverzweigungen in Verbindung stehen,
w
1
Plötzlich durchzuckt es ihn trie ein feuriger Ge
danke. Jetzt hat er den lang: gesuchten Anfang! Er
schreibt ihn in unleserlichen Zügen auf das Papier,
wobei et einzelne Worte, einzelne Buchstaben aus
laßt. Und nun geht es einmal wie in einem unauf
haltsamen Strome vorwärts. Seine Feder rast über
die weißen Bogen. Er wird müde, seine Finger
krampfen sich schon zusammen, fein Rücken schmerzt.
Er bört nicht auf. Er muß die Stimmung aus
nützen, so lange es nur möglich ist. Wer Miß, mann
et wieder so leicht arbeiten kann!
Es ist schon sehr spät, als et endlich infolge sei
ner physischen Erschöpfung aufhört. Aver er ist
Überglücklich. Jetzt ist er seiner Sache sicher. Jetzt
weiß er, daß sein neues Werk alle feine Leser besie
gen wird. Morgen will er noch die letzten Seiten
schreiben, in aller Ruhe unb nicht so gehetzt. Xaä
Werk soll mit einem vollen kräftigen Akkorde aus
klingen.
Et gönnt sich kaum einige Stunden der Ruhe.
Bis in den Traum verfolgen ihn die Gestalten seiner
Dichtung. In den ersten Morgenstunden eilt er wie
der an feine Arbeit. Er fetzt es fort, als hätte er gar
nicht aufgehört, zu schreiben. Dann legt er die Fe
der stolz bei Seite.
Das alte Spiel zwischen überschwänglicher Hoff
nung und zweifelndem Versagen beginnt aufs neue,
bis er endlich die Geduld verliert und das Werk bei
Seite legt. Aber et ist endlich mit sich zufrieden. Er
laßt in nervöser Hast die Reinschrift besorgen. Denn
seine flüchtige Schrift können kein Verleger, kein Re
dakteur, kein Dramaturg lesen. Und zu einer Rein
schrift reichen seine Spannkräfte nicht aus. Er lebt
schon in neuen Schöpfungen, ehe er mit den alten
fertig ist. Er drängt das Fräulein von der Schreib
maschine, die Arbeit so rasch als möglich zu erledi
gen. Es sei sehr dringend. Er dürfe keinen Tag
verlieren. Er ist deshalb der Schrecken aller Schrei
berinnen. Er yat es immer sehr eilig, als ob et
versäumen würde, den Ruhm zu erjagen, als ob ein
Tag für ihn die Entscheidung seines Glückes bedeu«
ten würde. Er vergißt die vielen Tage, die er im
Kampfe mit seinem Werke verbracht. E? lechzt nach
einer Entscheidung, nach der Anerkennung seiner Lei
stung durch einen andern.
Endlich hat er fein säuberlich geschriebenes Werk
in Händen. Er unterzieht es einer neuerlichen ge
naueren Durchsicht^' u Dann übersendet et ei dem
Richter.
Nun beginnen für ihn die Tage der Qual. Et
das leise Knistern der braunen Blätter ist zu herneh
men. Es scheint sogar, als ob wir gerade in einen
Vortrag kommen, denn von einem Podium, das un
gefähr in der Mitte der einen Seitenwand ange*
bracht ist, ertönt das wohlklingende Organ eines äU
teren Kubaners, mit ausgeprägtem Charaktertopf,
der unverkennbar einmal bessere Tage gesehen hat.
Auf unsere Frage gibt der Besitzer des Hauses, der
in freundlichster Weise unseren Cice.. spielt,, bie
Erklärung.
„Eine Einrichtung," meint er, „die schon feit
einiger Zeit besteht, unb sich vortrefflich be
währt hat. Jeder Arbeitsfaal hat feinen Vorlefer.
Er beginnt des Morgens mit Zeitungen. Später liest
er aus einem Roman. Früher unterhielten sich die
Leute untereinander. Da war es nicht zu vermei
den, daß die Unterhaltung manchmal mehr als leb
haft wurde und die Arbeit dabei stockte. Seitdem
der Vorleser eingeführt ist, herrscht Ruhe und Ord
nung. Die Leute selbst haben große Freude daran,
auf diese Weise alles Mögliche zu hören und zu ler
nen, wozu ihnen sonst und Gelegenheit fehlte.
Außerdem verdienen die meisten von ihnen durch das
intensive Arbeiten mehr als früher, manche sogar das
doppelte. Obwohl die Arbeiter den Vorleser selbst
bezahlen am Ende der Woche hat jeder ein paar
Pfennige beizusteuern würden sie sich diese Ein
richtung nicht wieder nehmen lassen."
Diesen Eindruck hatten auch wir. Weniger müde
und weniger apathisch als in anderen großen Fa»
brikräumen, sahen hier die blassen Gesichter drein, d«
nur die Hände mechanisch ihre Arbeit erfüllten, wäh
rend die angeregte Phantasie sie Über Zeit und Um
gebung hmwegtrug.
Im nächsten Saale war ein riesiger Neger, der
das Vorleferamt bekleidete. Et mußte gerade bei
einer sehr dramatischen Stelle angelangt sein, denn,
wie von der Tarantel gestochen, sprang er von feinem
Stuhle auf und schleuderte, mit Kopf und Armen ge
stikulierend. mit wahrer Stentorstimme die Worte
liber seine Hörer hin. Was er vortrug, schien sicher
der Wutau-rruch eines eifersüchtigen Liebhabers zu
sein, denn gleich darauf flötete er in den weichsten
Tönen bie Antwort der vermutlich treulosen, aler
:t
a
1 hie
daß «Kso der Keim der Tubertuwse mit beul Blut
ström und nicht durch die Wmung in die Lungen ge
langen müsse. Aber wie gelangt er ins Blut?' Die
Antwort auf diese Frage schien gegeben zu sein, als
man auf Grund von Fütterungsexperimenten die
Entdeckung machte, daß ..er Magert und der Darm
mancher Tiere, besonders neugeborener, für Bakte
rien und im besondern auch für Tuberkelbazillen
durchlässig sind. Kein Geringerer als Prof. Beh
ring hat daraus den Schluß gezogen,, daß für den
Menschen der Verdauungskanal die Eingangspforte
für den Schwindsuchtserreger bilde, und zwar stellte
er sich die Infektion so vor, daß die gefährlichen
Keime mit der Milch in den Magen des Säuglings
hineingelangten und nun im Körper des jungenMen
schen ein mehr ober minder langes Stadium der La
ietti durchmachten, um vielleicht erst nach Jahren
deutliche Krankheitserscheinungen hervorzurufen.
Behrings Ansicht, die in ihrer ursprünglichen Form
jedenfalls nickt haltbar ist, erfuhr von vielen Seiten
eine scharfe Zurückweisung ganz besonders wurde
die Behauptung, die Säuglingsmilch komme als In
fektionsträger in erster Linie in Betracht, mit zahl
reichen, durchaus stichhaltigen Gründen widerlegt.
Eine gewisse Bestätigung der Lehre, daß die Anstel
kung vom Magen aus erfolge, erblickte man eine
Zeitlang in den Versuchen von Schloßmann und
Engel, die jungen Meerschweinchen die Keime durch
eine JDperatiott von der Bauchhöhle aus direkt in den
Magen einrührten und sie in den ^eisten Fällen
schon nach wenigen Stunden in den Lungen der
Tiere nachweisen kennten. Aber auch die an diese
Experimente aeknüpiten Folgerungen erwiesen sich
als irrig. Andere Forscher machten nämlich bald
darauf die interessante Entdeckung, daß Bakterien,
die den Versuchstieren in den Mastdarm eingespritzt
werden, selbständig gewissermaßen stromaufwärts
bis in den Maaen und in die Rachenhöhle hinauf
wandern, eine Erscheinung, auf die man, nebenbei
zählt die Stunden, die ihn von der Entscheidung
trennen. Er wartet ängstlich auf den Briefträger,
der ihm die Antwort bringen soll. Wenn diese zu
lange auf sich warten läßt, so drängt er erst höflich,
dann immer entschiedener auf eine Entscheidung.
Jetzt müssen die „Kerle" schon längst seine Ar
teil gelesen haben. Am Ende ist sie gar verloren ge
gangen? Oder man hat sie einfach vergessen? Er
mutz sich nochmals in Erinnerung bringen. Er hat
doch ein Recht darauf, daß feine Werke schnell gele
sen werden. Er ist ja nicht der erste beste Schmierer,
dessen Ergüsse jahrelang in Schreibtischladen schlum
mern, ehe sie mit dem obligaten Vermerk: „SGßit be
dauern" usw. zurückgeschickt werden.
Während dieser Zeit des Wartens ist er zu jeder
neuen Arbeit unfähig. Et muß erst wissen, wie an
bete über seine letzte Leistung denken. Jedesmal wenn
es läutet, schrickt er zusammen. Sein Herz klopft so
heftig, als stünde ihm eine große Entscheidung be
vor.
Endlich kommt die Erlösung. Hat sein Werk
gefallen, fo jubelt er auf und macht sich gleich mit
tausend neuen Plänen zu schaffen. Erhält er fein
Manuskript zurück, so heuchelt er iich am liebsten
Gleichgültigkeit vor, oder er schimpft über die Kri
tiker, die nichts verständen. Es ist wirklich gar nicht
der Mühe wert, etwas Ordentliches zu leisten, zu fei
len, zu überlegen, feine Kraft im Kampfe mit feinen
Gedanken aufzureiben.
Einen „Schund" müsse er schreiben. Der wird
gewiß überall Enthusiasmus erregen. Er ist 'ein
Narr, daß er es nicht macht wie die andern, die
blindlings etwas herunterschmieren. Heutzutage gilt
nicht mehr das Kunstwerk, nur die Mache!
Er verfällt ins Extreme und hört auf zn feilen
und zu überlegen. Schreibt, wie es ihm gerade in
die Feder kommt. Allein es ist wider seine Natur.
Es geht nicht, beim besten Willen nicht.
Er weiß jetzt ganz genau, was an seinem Wir
de! schuld ist. Er hat sich zu sehr angestrengt. Er
hat feinem Gehirn zu viel zugemutet. Er ist über
müdet und abgefvannt. Sind ihm nicht in letzter
Zeit Worte entfallen, die ihm auf der Zunge gelegen
und die er trotzdem nicht finden konnte? Mit Sckrek
ken merkt er, daß fein Gedächtnis abgenommen hat.
Er fühlt es jetzt ganz bestimmt. Er wird geistes
(tank werden. Er wird das Los so vieler geistiger
Arbeiter teilen.
Diese Befürchtung wird ihm fast zur Gewiß
heit. Hat seine geistige Kraft nicht bedenklich abge­
ihrer Überredungskunst sicheren Geliebte». Und so
mit Leib und Seele war er bei der Sache, daß ihm
der Schweiß in Strömen über das glühende Antlitz
tonn.
Kaum konnten wir uns der Heiterkeit erweh
ren, aber feine Zuhörer standen vollständig in fei
item Banne. Und wir hörten, daß er sehr beliebt sei
und als einet der Besten in seiner Zunft gelte.
Hunderte von Arbeitern fertigten dieselben Sor
len von Zigarren an, d. h. eine billigere Art, bei der
es nicht absolute Bedingung ist, daß ein eiück wie
ein Ei dem andern gleiche. Jeder Arbeiter bat näm
lich seine kleinen Eigenheiten und fann auch bei dem
besten Willen eine Zigarre nicht ganz genau so her
stellen wie sein Nebenmann.
Diefe Leute arbeiten auf Stück und verdienen
ungefähr vierzehn bis fünfzehn Dollar die Woche.
Das Anfertigen der sehr guten und teuren Zi
garren wird immer wieder ausschließlich denselben
Händen übertragen. Es gibt Leute darunter, die
das ganze Jahr über nur ein und dieselbe Form her
stellen. Denn hier kommt es auf jedes Blatt an, das
dazu verwendet und wie es dazu verwendet wird, und
ein Stück muß dem andern aufs Haar gleichen. Diese
Leute sind die Künstler in ihrem Fache und ihr Wo
chenverdienst steigt bis zu dreißig und fünfunddrei
ßig Dollar.
Eine Treppe höher, nächsten Stockwerk, fia*
den wir die Packräume.
Tausende von Zigarren in den feinsten Schat
tierungen unb in den verschiedensten Forme, kurze,
wohlgenährte, andere von aristokratischer Schlank
heit und kleine, zierlich kokette Dinger liegen da in
Erwartung dwDinge, die noch kommen sollen. Nach
btm sie ihren Schmuck, die bunte, goldgestickte Leib
binde erhalten haben, wandern sie aus die Tische der
Packer und Packerinnen. Entzückende Geschöpfe fin
bet man unter diesen letzteren: junge, biegsame Ge
stalten, meist in helle Farben gekleidet, Hals und
Atme gewöhnlich frei, und die bunte Blume, die so
manche von ihnen scheinbar ganz legere und doch mit
unleugbarem Raffinement im dunklen Haar befestigt
hat., unterstützt den Glanz der lebenslustig funkeln
den Augen und den Reiz bei lachenden üppigenMun-
Wiü.w!
gesagt, auch den Zungen be leg Bei gewissen Magenstö
rungen zurückführt.
Da es nun aber ««zweifelhaft feststeht, HM
durch Serfütterung lebender Tuberkelbazillen Bei
empfänglichen Tieren ziemlich sicher Lungenschwind
sucht herbeigeführt werden kann, so lag es nahe, die
Halsorgane, besonders die Mandeln und die mii
ihnen in Verbindung stehenden Lymphdrüsen als
Eingangspforten des Giftes anzusprechen. Beso«
ders Prof. Aufrecht hat schon seit Jahren mit grg#
ßer Beharrlichkeit diesen Infektionsweg für den
wahrscheinlichsten erklärt und seinen Standpunkt
durch den Hinweis auf das Ergebnis seiner mikro
skopischen Untersuchungen und auf die allgemeine
klinische Erfahrung nachdrücklich verfochten. Nach
ihm gelangen die Bazillen von den Drüsen aus di»
rett in die Blutgefäße der Lungen und vollbringen
an deren Endausbreitung ihr zerstörerisches Werk.
Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß Aufrechts
Theorie, nachdem die EinatmungZhypothese so stark
ins Wanken getornrneu ist, heute wohl die annehm
barste und einleuchtendste Erklärung für das Zustan
dekommen der Lungenschwindsucht darstellt demge
maß findet sie auck in den Kreisen der Tuberkulose
forscher in jüngster Zeit immer rr.ebr Beachtung und
Anerkennung. Cb sie für alle Fälle primärer tu
berkulöser Lungenerkrankung zutrifft, unterliegt
freilich berechtigtem Zweifel. Jedenfalls haben wir
alle Ursache, mit Rücksicht auf die verhängnisvolle
Rolle, die den Halsorganen für die Entstehung zahl
reicher Infektionskrankheiten von namhaften Vertre
tern der Wissenschaft zugeschrieben wird, bei unsern
persönlichen hygienischen Vorsichtsmaßregeln ganz
besonders aus die Mundhöhle zu achten und nament
lich unsern Hindern, die so gern ihre unsauber«
5ände zum Munde führen, das Gebot der peinlich
sten Reinlichkeit immer wieder von neuem einzu
schärfen.
K'lolle 1
nommen? Wie wäre es son^t gefetittnen, befo man
eines seiner Werke nicht angenommen hat?
Doch schon am nächsten Tage ist er eitel Wonne
und Seligkeit. Sein Werk ist von einem andern Rich
ter geprüft und gut befunden worden.
Bald beginnen neue Dualen: Was die Kritik
dazu sagen wird? Wird man nicht ein Nachlassen
feiner Schöpferkraft konstatieren? So!! e: nicht in
letzter Stunde seinen Entschluß ändern und das
Werk zurückziehen?
Ach! seine ewige Sorge ist es, daß er nicht zu
rückbleibt, daß er von den „Jungen" nicht überflü
gelt wird, daß man ihm nicht vorwirft, er verstehe
seine Zeit nicht, et sei veraltet, er sei nicht modern!
Modern fein, das ist fein höchstes Streben. Mit je
dem neuen Werke feine Daseinsberechtigung als Dich
ter zu beweisen, ist seine unablässige Qual. Von den
andern nicht bei Seite gedrängt zu werden, ist bei
Angstschrei feines gefolterten Hetzens.
Dann kommen sie wieder über ihn, die Tage, da
et an sich verzweifelt und da ihm nichts einfällt, wo
ihm die Stimmung zum Schaffen nicht erscheinen
will, die er so fehnsüchtig erwartet.
So trägt er alle Symptome der Neurose in feine
Kunst: seine Zerfahrenheit, feine Ungleichmäßigst,
seine schweren Lebenskämpfe, in denen sich Begierden
und Hemmungen, Pflicht und Verlangen gegenüber
stehen. Et kennt nicht die Freuden des erkämpften
Sieges. Ruhelos hetzt et sich von. Sorge zu Sorge
von Qual zu Qual
Das ist nur eine Variation deS nervösen Dich
ters allerdings die am meisten verbreitete. Es gibt
deren zahllose, wie es zahllose Variationen der Neu
rose gibt.
Man könnte die Frage aufwerfen, ab die Neu«
rose nicht die Bedingung des Schaffens, fa überhaupt
das Schaffen selber wäre. Der Unterschied zwischen
dem nervösen und dem normalenDichter ist leicht zu
entdecken. Ein jedes Schaffen stützt sich auf neuro
tische Elemente. Aber der gesunde Künstler meint
sich von feinen L?bensaualen erlösen, gerade da
durch, daß er fie in Kunstwerke umgießt. Aus den
Untiefen seines Unbewußten schleudert et seine psy
chischen Konflikte wie ein Vulkan in die Außenwelt
unb befreit sich so von übermäßigen Spannungen.
Der nervöse Schriftsteller verstärkt seine Neurose
durch sein Schaffen, er trägt feine Krankheit in feine
Werke. Er ist eigentlich fein nervöser Dichter, son
dern ein dichtender Nervöser.
llfnlt
bei. Und das Herz lÄgt ihnen auf bet Zunge: noch
nicht zehn Minuten waren vergangen und wir wuß
ten schon, daß die ruhigere, mit dem sanften Gesicht
chen am Ende des Tiicyes einen Mann hatte, der
nicht arbeiten wollte und ihren Verdienst noch zum
größten Teil oerspielte und vertrank: daß die rassige
Gestalt ihr gegenüber Mutter eines entzückenden
Barnoinos war, für den sie den Vater garnicht for
gen ließ, weil es ihr Freude machte, es ganz und gar
als ihr alleiniges Eigentum betrachten zu können
und daß die etwas üppigere Kollegin nebenan abso
lut nicht heiraten wollte, trotzdem es ihr—und daran
brauchte man nicht zu zweifeln an Bewerbern
nicht fehlte, weil sie als Mädchen ein viel angeneh
meres Leben hätte und sich viel besser amüsieren
Wnnte....
Ach. Romeo und Julieta! Welch andere Ideale
herrschen hier, als dereinst in der Heimat der verone
sifchen Liebespaares, dessen Namen doch die ganze
Atmosphäre erfüllt! Aber gerade diesen Mädchen
wird es nicht allzu schwer gemacht, sich zu emanzi
pieren: Stellen sich doch ihre Einnahmen bei Fleiß
und Geschicklichkeit und darin leisten sie Erstaun
liches bis auf zwanzig und fünfundzwanzig Do!
Iat pro Woche. Es steht ihnen das Recht zu. ihre
Arbeitszeit felbst zu bestimmen. Manche kommen
erst morgens um 9 Uhr und machen nachmittags um
5 Ubr wieder Schluß. Auch die männlichen Arbei
tet können kommen und gehen nach ihrem Belieben
doch halten die meisten die gewöhnliche Arbeitszeit
iraie und nur einzelne von ibnen weichen davon ab,
die dank ihrer Geschicklichkeit in sieben Stunden fo
viel verdienen, wie andere in neun. Von dem Ak
kordlohn sind nur ausgeschlossen die Arbeiter und "V,
Arbeiterinnen, die die Blätter sortieren. Sie erhal
ten einen fixten Monatslohn, der zwischen 100 und
125 Dollar beträgt, je nach der Qualität, die ste zu
sortieren haben.
Ueber vierzehn Millionen Zigarren fertigt bie yf
Fabrik im Laufe emr" Jahres an, und dabei ist sie
nur eine der großen Fabriken, die ebenso wie „Bock" U-o
ber „llpman" und noch so verschiedene andere Ha
vanas Ruhm in der ganzen Welt, wo Raucherherzen
schlagen, verbreiten helfen»
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„deutscher Herold" Donnernoa. ben o. Tcviember 1907.

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