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Deutscher herold. [volume] (Sioux Falls, Süd-Dakota) 1907-1918, September 05, 1907, Image 8

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4*
Z o e n ö e
Das riefige Moskauer Opernhaus
war bis zuw letzten Platz gefüllt, trotz
dem man am Vormittag das neue,
abendwährende Ballett abgesetzt hatte,
töie man borte, hatten die hohen Gäste
des'Großfürsten Sergius um die Auf
fiihtung einer echt russischen Oper ge
beten, und so ging Tschaikowskys
„Eugen Onegm* in erster Besetzung in
Szene.
Die leichte Enttäuschung der Besu
cher. welche diese Oper schon oft ge
hört hatten, wurde bald wettgemacht
liurch den prachtvollen Anblick des
Zvunderschönen Baues, durch den un
erhörten Toilettenaufwand, den unbe
schreiblichen Juwelenprunk der Da-
Alle Ferngläser richteten sich viel
inehr nach der Hofloge als nach der
teiihne. Man erblickte dort ein ebenso
ßnerkwürdiges wie seltenes Schau
spiel: der allgemein gefürchtete und
viel gehaßte Großfürst plauderte lä
chelnd mit seinem Nachbarn, und sein
strenges, hockmüthig kaltes Antlitz
zeigte sich dem Volke heute fchön und
liebenswürdig wie sonst nie. Man
tah das bleiche Gesicht der deutschen
Großfürstin mit den bitter geschürz
ten Lippen heute zart geröthet. ange
regt und lachend, wenn es sich in der
Unterhaltung den verwandten hohen
Gästen zuwandte.
Auch in den anderen Logen des er
ften Ranges gab es genug zu sehen.
Sie waren von dem hohen Adel und
der Hochfinanz der Stadt bis zum letz
ten Stuhl besetzt. Selbst in den durch
Vorhänge abgeschlossenen Avantlogen
herrschte reges Leben und Treiben.
Man widmete dort der Musik wenig
Aufmerksamkeit. Der Hof und die
Politik, die Börse, der Stadtklatsch
und die Nachrichten der Abendzeitun
gen wurden in leisem Geflüster be
sprochen, während von gewandten
Theaterdienern Tabletts mit Cham
pagner, Konfekt, Kuchen und Früchten
vorsichtig lautlos servirt wurden.
Russischer Rom»« an# der Gegenwirt—B«» E. Gcorgh.
In einer Eckloge des zweiten Ran
ges saßen mehrere Herren beieinander.
„Ich dächte, Sie haben auf Ihren wei
ten Reisen schon mehr solcher Schau
spiele genossen, Herr Baron?" fragte
ein jüpgerer Herr einen Hochgewachse
nen Mann mit kühnem, ernstem
Kopfe.
Der Angeredete fuhr wie aus einem
tiefen Traum empor und schüttelte
seine weiße, buschige Haarmähne aus
der stolz geschnittenen Stirn. „Das
wohl?" gab er zu. „London, Wien,
Berlin, Paris, die Skala in Mailand,
ich besuchte sie ja alle, die großen
Opernhäuser Europas aber ich muß
Ihnen gestehen, daß ich nichts Annä
herndes kenne, was an Großartigkeit
eine Galavorstellung im Petersburger
Marientheater oder dem Anblick des
heutigen Abends hier gleich
käme!"
„Ach was Sie sagen?" ««inte
der andere ungläubig.
„Mein lieber Vater ist zwar Balte,
aber doch ein begeisterter russischer
Patriot und innerlich, obgleich er es
nicht zugibt, doch ein richtiger Auto
trat. Wir wollen bloß froh sein, daß
er nicht Sitz und Stimmen am Zaren
Hofe hat!" sagte leise ein auffallend
schöner Mann, an dessen Wange zwei
rothe, schlecht vernarbte Durchzieher
"dpn Studierten verriethen. Er lächelte
bitter und wirbelte feinen starken
blonden Schnurrbart wie in geheimer
Nervosität. „Vater war ein Mann
nach dem Herzen Alexanders des
Dritten."
Die Zuhörer blickten etwas verlegen
drein und hofften, daß die gerade be
ginnende Pause dem Gespräch ein
Ende bereiten würde. Während im
Hause ein Beifallssturm losdröhnte
vnd enthusiastische "Bis"rufe Wieder
holung der letzten Arie wünschten,
legte Baron Raydell die Arme oer
schränkt über die hünenhafte Brust.
„Hätte ich die gefährlichen Anlagen
meines Boris rechtzeitig erkannt, so
hätte ich ihn Offizier oder Landwirth,
aber nicht Arzt werden lassen," sagte
er ruhig und ernst. „Sie sind zwar
alle Studierte, meine Herren, Sie nen
nen sich selbst oder lassen sich die „In
telligenten" nennen. Das ist ja recht
schön! Aber antworten Sie mir auf
richtig: heißt Intelligenz heutzutage
etwas anderes als Revolution, als
Umstoßen und Angreifen alles Beste
hcnben, als verächtliches Bespötteln
alles Gewohnten?"
„Für uns Russen heißt Intelligenz
der Schrei nach Freiheit, nach Men
fchenrecht Vater! Sage nicht wieder,
daß mich London, Paris und Berlin
Verrückt gemacht haben, daß ich auf
Abwege gerathen bin. Hier, frage die
Herren Kollegen, ob
„Wohl, wohl, mein Boris, ich
Brauche nicht erst zu fragen," erwi
derte der Alte, „ick lese die Zustim
mung auf den Gesichtern dieser Her
ten. Ich verstehe manche, sogar viele
Shrer Wünsche, gewiß! Aber ich
frage mich, ob unser russisches Volk
Weis ist für Ihre Pläne? Die Russen
find Kinder, die Peitsche und Zuckl
tzrot brauche«." /v*
4 4* 4* 4* 4* 4* 4* 4* 4* 4^4* 4« 4* 4^4* 4* 4* 4*4« 4* 4* 4* 4* 4* 4* 4»
Man hat ihnen bisher nur die
1.
men und die vollbesetztenHoflogen. Die {ere Polizei 6aben[ Noch ist es nicht
fremden Fürstlichkeiten mit ihrem Ge-'
folge, die Diplomaten mit ihren or
ienebcdedten schwarzen Fracks, die
Ahofherren und Offiziere in ihren bun
ten, goldstrotzenden Uniformen boten
den Neugierigen ein Theater im Thea
tcr und ersetzten die feenhafte Aus
stattung des nicht zur Darstellung ge
langten Balletts.
•fr
4
.1
nur
Peitsche gegeben."
„Weckt diese Kinder auf mit Eurem
Reformgeschrei, und paßt auf, die Zeit
wird mir recht geben: sie werden sich
die Magen verderben, die Köpfe ein
schlagen, und Mordbrennerei, Anarchie
wird herrschen, ehe sie wieder passiv zu
Kreuze kriechen."
„Leider werden weder Blutvergie
ßen noch Märtyrer zu vermeiden sein,
Herr Barons entgegnete Doktor Schel
pugin achselzuckend, „die Aussaat wird
blutig werden aber der Erntesegen
wird die Mühe lohnen!"
Sie sind alle Schwärmet!^ Krach
Raydell zornsprühend aus. „®ott sei
Dank, daß wir noch unser Heer, un-
so weit, wie Sie denken, noch halten
ernste, erfahrene Menschen die Massen
nieder, welche Sie verhetzen, Sie jun
gen, jungen Heißsporne!"
„Ja, Vater, noch habt Ihr Eure
Kanonen und Knuten aber laß nur
gut sein, wenn ein Krieg kommt, so
fliegt Ihr auf."
„Hoffentlich verliert Rußland den
Krieg, denn sonst der Sprecher
konnte nicht ausreden, denn Baron
Raydell sprang jäh empor.
Auf seiner Stirn schwollen dro
hende Adernstränge. Seine Augen
lohten. „Meine Herren, ich bin ein
Balte, ein Deutscher, unter Ihnen,
den Stockrussen: aber mir scheint, ich
bin unter die ärgsten Feinde unseres
gemeinsamen Vaterlandes gerathen.
Lassen Sie sich in Ihrem Vergnügen
nicht stören aber erlauben Sie mir,
daß ich mich verabschiede. Wir passen
nicht mehr zusammen Turgenjew
hat recht in seinen „Vätern und Söh
nen", wir Alten und Sie Jungen.
Ich bin müde und fahre in mein Ho
tel. und morgen früh reife ich über
Pieter (Petersburg) heim auf mein
Raydellhof. Mir wird Angst vor zu
viel Intelligenz!"
Die Herren widersprachen lebhaft
und versuchten, ihn zu halten. Aber
ihre Bemühunge scheiterten an seinem
Eigensinn. Er gestattete auch dem
Sohne nicht, ihn zu begleiten. Kurz
küßte er ihn auf beide Wangen, verab
schiedete sich von ihm und den übrigen
und verließ die Loge.
Die Zurückbleibenden schauten sich
etwas verlegen an und wußten nicht
recht, was sie sagen sollten.
„Ich fürchte, wir haben die Achil
lesferse Ihres Herrn Vaters getrof
fen, Raydell?"
„O nein, ich habe Sie um' Entschul
digung zu bitten, meine Herren, ich
allein bin der schuldige Theil denn ich
schürte den Brand, der unter der Asche
glüht. Mein Vater ist daheim für un
sere Familien, für unsere Besitzungen
der unumschränkte Herrscher. Seit
dem ich aber aus dem Auslande zu
rückgekehrt bin, tobt der Kampf. Ich
bin ein Mann, kein Kind mehr, wenn
auch ich kann mich nicht schwei
gend kuschen. Und vorläufig noch
mehr verblüfft als zornig sieht mein
Vater neben sich zum erstenmal unter
allen Gleichgesinnten einen Mann mit
andern, mit eigenen Ansichten auftau
chen." Der junge Arzt sprach verbit
tert. und man fühlte, wie tief er unter
diesem Spalte zu leiden schien.
„Geht es mir denn anders?" sagte
jetzt Scharjow, ein Ingenieur, der in
einer bedeutenden Fabrik seit kurzem
angestellt war. „Ich fange jetzt erst
an aufzuathmen, seitdem ich meinem
Alten nicht mehr auf der Tasche
liege, Bei uns war beständig Krieg,
und wenn man mich wegen politischer
Umtriebe zeitweilig vom Gymnasium
oder der Universität ausschloß, so
na, nitschewo. die Zeiten unbeding
ter Abhängigkeit sind vorbei und lie
ber bei meinen hundert Rubeln hun
gern und Schulden machen, als das
noch einmal durchkosten!"
„Was heißt hungern, solange man
Menschen findet, die einem borgen?"
rief Philivvowitsch lachend. „Wozu
find wir Russen und haben unsere
schirokaja Natura. Ich pumpe und
lebe wie ein Gott. Die Schulden lau
sen nicht fort, und wenn es zu toll
wird, tieirathe ich das schönste und
reichste Mädchen Moskaus. Ich bin
jung, bübsch. Volontärarzt in gänzlich
unauskömmlicher Stellung in hochge
achtetem Beruf. Mich nimmt doch je
der Millionenkupjez?"
„Diese Hoffnung blüht uns allen
am Ende noch, um von Gläubigern
und tyrannischen! Vater frei zu wer
den!" scherzte" Raydell bitter und
zwang sich gewaltsam, sein verfinster
tes Gesicht aufzuhellen. „Im Nothfaö
finde ich vielleicht auch noch eine stein
reiche Kupschicha (Kaufmannstochter),
die sich meiner annimmt."
Scharjow blickte ihn prüfend an
und lachte: „Sie finden zehn für eine.
Sie mit Ihrem Aeußercn, Ihrem Na
men. Sie, der Sohn des reichen Ba
ron Raydell!"
Boris schnippte verächtlich mit der
Hand. „Auf meinen Adel pfeife ich,
und was den Reichthum meines Va
ters anbetrifft, so sind wir neun Ge
schwister. Mein Erbtheil ist ungefähr
die Hälfte meiner Schulden."
„Donnvrwetter, Mensch, Raydell, ist
das denkbar?!"
„Lieber Gott, ich war zu Hause un
tcr eiserner Fuchtel und hatte nie über
einen Kopeken zu verfügen. Und nun
kam ich mit meinem bestknmten Mo
natswechsel hinaus ins Leben. Da
sollte ich eben los, „denn die Frauen
sind dort so jung und schön"—
„Na, lieber Kollege, um schöner
Frauen willen brauchen Sie nicht
ins Ausland reisen. Sehen Sie sich
mal um, waS haben wir hier für eine
Auswahl!"
„Legen Sie los, Schelpugin, weihen
Sie mich ein. zeigen, erklären Sie.
Ich bin kein Moskowiter und will die
Flora und Fauna der Siebenhügel
stadt Moskau, von der man so viel er
zählte, erst an Ort und Stelle swdi
reit. Ich hoffe, meine so glänzend un
besoldete Assistentenstelle wird mir
dazu Gelegenheit geben!" sagte Boris
Raydell lachend.
Alle vier Herten waren froh, daß
der unangenehme Vorfall mit des al
ten Barons plötzlichem Abgang ver
gessen war. Das Glockenzeichen für
den letzten Akt ertönte. Das Publi
kum begab sich wieder auf feine Plätze
und harrte auf das nächste Zeichen.
Dieses verzögerte sich aber sehr, weil
die Hofloge noch leer blieb, und die
Herrschaften augenscheinlich mit den
gereichten Erfrischungen noch nicht fer
tig waren.
„So, nun sitzen ja alle recht nett auf
dem Präsentierbrett," erklärte Doktor
Schulpugin, „nun halten Sie Augen
auf und das Herz fest.' Ich beginne!"
Boris hatte auf die begeisterten
Worte nicht geachtet. Er hielt sein
Glas vor den Augen und betrachtete
interefsirt eine Loge neben dem Par
kett. „Ach, bitte. Scharjow, wer ist
diese Familie da unten rechts von der
Bühne?" Er beschrieb die von ihm
Bezeichneten so deutlich, daß ihm alle
Antwort geben konnten.
„Sie haben einen guten Blick
alle Wetter, Kollege Raydell!" sagte
vergnügt der leichtsinnige Philippo
witsch und schnickte mit den Fingern.
„Wissen Sie, daß Sie da nicht nur
das schönste Mädchen Moskaus, son
dern auch die vielbegehrteste und beste
Partie ber Stadt entdeckt haben?
Das ist ein wundervolles
«Pst'"
„Ruhe!" So erklang es aus der
Nebenloge, denn das Orchester setzte
rauschend ein. Das großfürstliche
Paar und feine Gäste hatten ihre
Plätze wieder eingenommen.
Der lebhafte junge Arzt ver
stummte und lehnte sich in seinen
Sessel zurück. Sein Fernglas war in
beständiger Bewegung, weil er sich
fortwährend umschaute und bald hier
bald dort Bekannte durch Kopfnicken
oder Winken mit der Hand begrüßte.
Auch die andern Herren waren nur
zerstreute Zuhörer. Das Gespräch
mit dem alten Baron und die kurzen
politischen Ausblicke lenkten sie von der
Oper ab. Boris Raydell, ein lei
denschaftlicher Musikfreund, konnte sich
jetzt auch nicht mehr tonzentriren.
Auch in ihm gährte die Aufregung
nach, und die Gedanken stürmten in
feinem Hirn. Die vollständige peku
niäre Abhängigkeit von seinem El
ternhause, die auch noch die nächsten
Jahre andauern würde, kränkte ihn in
seinem Stolze doppelt. Besonders da
sein Gesichtskreis ein so anderer war
als der seiner stockreaktionären und
säst bigotten Verwandten. Noch ahnte
der Vater nichts von der Höhe seiner
Schulden, die ihn selbst bedrückte. Er
hatte das Geld unter seinen Händen
da draußen im Auslande wie Spreu
zerrinnen sehen. Achtlos, leichtsinnig
hatte er es vergeudet, weil sein Ban
kier ihm einen unbeschränkten Kredit
gewährt hatte. Sein alter hochgeach
teter Name, der solide Wohlstand
seiner altangesessenen Familie waren
dem Bankhause wohl Gewähr genug
für eine spätere Schuldentilgung ge
wesen.
Boris unterdrückte ein Seufzen.
Seine deutsche Schwerfälligkeit kam
nicht so leicht über die Sorgen fort
wie der der russischen Kollegen. Erst
vor kurzem hatte er erbleichend, ent
setzt die Höhe der verschwendeten
Summen erfahren. Wie sollte er sie
tilgen? Er konnte den Vater nicht um
Hilfe bitten, der durch seine andern
Kindern ohnehin stärker belastet, als
es für die Güter vorteilhaft war.
An rechtes Verdienen war vorläufig
noch lange nicht zu denken und an
Einschränkung-auch nicht, da er durch
seine Einführungen und Beziehungen
nur mit der eleganten Welt der altert
Zarcitstadt verbunden war. Schon in
den wenigen Tagen seines Aufenthal
tes hier sah er, daß das Leben mehr
Geldaufwand gebrauchte als in Lon
don oder Paris. Selbst Bekannte,
deren Besitz und Einnahmen er genau
kannte, lebten weit über ihre Verhält
msse.
Wie sollte er hier, sparen, wenn er
nur ein wenig mit den andern gleichen
Schritt halten wollte? Noch mehr
Schulden machen? Nervös spielte
seine Linke mit der Uhrkette. Unru
hig schweiften feine Blicke durch das
Haus und blieben sorgenvoll auf der
Parkettloge haften, wo die schöne junge
Dame ihm vorher ausgefallen war.
Ihre marmorweißen entblößten
Schultern und' Arme leuchteten aus
dem Halbdunkel. Wenn sie sich zufäl
lig bewegte, erstrahlten bläuliche Lich
ter, flammten Blitze aus ihrem
Schmuck, der augenscheinlich von dem
Lichtschein eines Beleuchtungskörpers
in der Apartloge getroffen wurde.
Wie schön sie war! Und jung und
reich! Vielleicht die beste Partie der
Stadt, wie Philippowitsch ihm zuge
raunt.
Plötzlich, fielen ihm die Worte die
ses leichtsinnigen, aber unwidersieh
lichen Mannes ein: „Die Schulden
laufen nicht fort, und wenn es zu toll
wird, heirathe ich das schönste und
reichste Mädchen Moskaus." Doktor
Raydell erschauerte. Diese Art, sich
zu rangtren,
Widerspruch
seinem Ehr­
gefühl durchaus. Und dennoch
vielleicht war es die leichteste und be
qukmste! Es war doch mehr als
möglich, daß man das schönste Mad'
chen, welches man heirathete, auch
wirklich lieben und glücklich machen
könnte. Ein tieft Ekel erfaßte den
jungen Mann bei diesen Betrachtun- i
gen. Er hatte die Geduld verloren, I
noch,länger hier stillzusitzen. Er fühlte
das Bedürfniß, mit den Kollegen über
diesen Punkt zu Philosophiren. Zu I
hören, ob sie, die doch gleich ihm Eh
renmänner waren, nicht seine Empfin
hingen theilten?
So neigte er sich seitwärts und
fragte feinen Nachbar, ob sie die Oper
bis zum Schlüsse anhören wollten.
Dieser gab die Frage weiter, und
nach wenigen Minuten erhoben sich die
vier Herren torsichtig und verließen
die Loge.
„Gott sei Dank, daß Sie auf den
vernünftigen Gedanken kamen, auf
zubrechen, lieber Raydell," '.igte
Scharjow unten im Vestibül des
prachtvollen Hauses, „ich habe -inen
fabelhaften Hunger, und ich bekenn?,
daß mir die Längen des guten
TschaikowSky fast unerträglich wer
den."
„Nein, das kann ich nicht sagen,"
widersprach Schulpugin, „ich liebe die
Musik. Die Schwäche liegt höchstens
im Libretto. Eine Novelle eignet sich
eben nicht für eine Oper."
„Lassen wir unsere kritischen Be
trachtungen bis nach Tisch, meine
Herren!" tief Philppowtsch. „Zwei
Lickatschi (Schnelldroschken) her!" so
herrschte er einem ber Schweizer zu.
„Wohin entführen Sie uns, Kol
lege?" fragte Raydell.
„Natürlich in bit Eremitage," ent
gegnete er. „Brr, ist das kalt!"
Sie traten ins Freie und schlugen
die Sturmkragen über ihre Pelze hoch,
zogen die Klappen ihrer Mützen über
die Ohren, denn ein eisiger Wind pfiff
und erstarrte sofort jeden Athemzug zu
einer Rauchsäule. Schnell kletterten
sie in die vom Theaterdiener herbeige
pfiffenen Wagen, warfen dem sich ehr
erbietig üöemeigenben sein Trinkgelb
zu unb lehnten sich zurück. In we
nigen Minuten fausten sie nach dem
Neglinny Projesb unb betraten das
elegante, gemiithliche Restaurant.
Die vielen Diener in ber warmen
Garberobe befreiten bic ihnen längst
bekannten Herren gewandt von ihren
Umhüllungen unb Galoschen. Vor den
hohen Spiegeln kontrollirten sie noch
einmal ihre Erscheinungen, steckten
frische Blumen in ihre Knopflöcher
unb eilten in bic großen Säle, die noch
nicht allzu besetzt waren. Der Zu
strom erfolgte erst, wenn bie Theater
schlössen. Der Geschäftsführer wies
ihnen einen freien Tisch unb gefchäf*
tige Kellner eilten herbei.
2.
In leichtem Geplauder faßen die
Herren beieinanber. Scharjow, ein be
sonberer Weinkenner, hatte bie Aus
wähl ber Getränke, Philippowitsch,
ein bekannter Gourmet, bie Zusam
menstellung des Soupers übernom
men.
Die Kellner in ihrer schneeweißen
Tracht, die rothen Schärpen kunstvoll
um bie Hüften geschlungen, waren
nach russischer Art in Ueberzahl vor
hanben. Unaufdringlich überwachten
sie bie Tafeln. Lautlos glitten sie
hinzu unb wechselten bie Teller unb
Bestecke, erriethen förmlich bie Wünsche
ber Gaste und kamen ihnen oft zuvor.
Das prachtvolle Lokal glänzte in Be
leuchtungsfülle. Rothbeschirmte Ker
zen stauben in silbernen Leuchtern ne
ben gefüllten Blumenvasen auf schön
gebeckten Tischen. Ein Ventilator
sorgte für gute Luft. Unb bie schnell
gewechselten Rollen in bem elektrisch
betriebenen Orchestrion brachten eine
von den Russen schwärmerisch geliebte
Tafelmusik, die für jeden Fremden
durch das stete schnarrende Nebenge
räusch der sich drehenden Walzen auf
die Dauer unerträglich wird.
Doktor von Raydell hatte seine
Blicke durch das Restaurant schweifen
lassen und schaute jetzt sinnend auf die
ihnen servierten Sakuskatcibletts.
welche die erlesensten Delikatessen der
Saison unb bie theuersten Likörsorten
enthielten. Das, was ihnen hier als
Magenwürze unb Appetitanreiz dar
geboten würbe, machte in anbern Län
dern ben Höhepunkt aller Gastmähler
aus. 11
nb boch verspeisten es seine
Kollegen mit einer fast gleichgültige#
Nonchalance wie etwas Alltägliches.
Er konnte sich nicht enthalten, feinen
Gebanken Ausbruck zu geben. ..Ruß
lanb ist das Land ber Gegensätze,"
sagte er. „Wer würde mir wohl im
Auslanbe glauben, mit welch raffi
niertem Luxus man hier lebt, wie man
sein Gelb verschleubert?"
„Ja, wir verstehen es, breit und
mit Grazie zu leben!"
„Nein, Scharjow," wiber sprach
Raybell, „breit vielleicht aber
bie Grazie fehlt einschieben. Große
Orgien, Schwelgereien unb Spiel ver
schlingen Unsummen. Das Gelb ist
fort, ohne haß bas Amüsement beson
bers war."
„Erlauben Sie, lieber Kollege, das
kommt auf bie Auffassung an. Wir
Russen sinb eben n^ht so berechnet und
ängstlich wie bie Deutschen. Wir phi
losophieren und bozieren weder vorher
noch nachher. Gibt ber Deutsche von
hunbert Rubeln zwanzig au», so quält
er sich wochenlang mit Selbstvorwür
fen, weil er ein Fünftel seines Vermö
gens verjubelt hat. Wir Russen sinb
anbete! Haben wir hunbert Rubel, so
amüsiren wir uns für hunbertfünfzig
unb freuen uns über bas gehabte Ver
gnügen. Ich zum Beispiel bin so ver
anlagt."
„Ich auch, ich scher' mich den Teufel
um die Rechnung, wenn es mir
schmeckt!'1 bestätigte Schelpugin la
chend.
„Wenn mein im Leben immer rech
net, dann ist der Reiz fott
(Fortsetzung folgt.)
Gerechtigkeit kostet viel (9tfb thfgt*
rechtigkeiten kann man umsonst haben.
{XU tfüttietzumj.
„Unb gar so fleißig ist der Herr
Dietze gewesen," bemerkte Frau See
wieser und legte noch ein Stück Fleisch
auf Müllers Teller. Die gute Frau
glaubte, daß jeder eines so gesegne
ten Appetits sei, wie sie selbst.
Müller interessirte sich indessen weit
weniger für Doppelportionen als für
Herrn Dietze, über ben er gar nicht
genug erfahren konnte. Deshalb be
eilte er sich, zu fragen, wie beim bie
ses angeschwärmten Mannes Fleiß
sich geäußert, ob er viel geschrieben
habe?
Nein, geschrieben hatte Herr Dietze
fast gar nicht, aber in einem „Käfer
buche" hatte er immer ftubirt unb eine
Menge solcher „Viechetln" hatte er im
mer von seinen Spaziergängen mit
heimgebracht unb hatte sie mit den
Abbilbungen in seinem großen Buche
verglichen. Er hatte auch viele latei
nische Namen gewußt und immer neue
laut auswenbig gelernt.
Diese Eigenheit Fritz Diehes über
rarchte ben Detektiv nicht wenig. Feh
let hatte ihm Dietze keineswegs als
einen Mann geschilbert, ber irgend
welcher Wissenschaft ergeben sei. Als
einen echten Genußmenschen hatte er
ihn hingestellt, als einen, ber nur eine
ganz seichte Bilbung besitze unb nur
an Spiel unb Sport Interesse habe.
Unb nun mußte Müller vernehmen,
baß Dietze ein bescheibener, stiller Herr
gewesen, ber, gerabeso wie er, keines
wegs das Hotelleben bevorzugt, son
btn sich auch in stillen Gassen, bei
einfacher Hausmannskost wohl befanb,
unb auch so wie er ben intimen Schön
heiten unb kleinen Wundern der Na
tur nachging.
Also ein Grntomoloae war Fritz
Dietze ein Mann, ber sich in ben In
halt eines Käferbuches vertiefen
konnte, der viel lateinische Namen
wußte unb bie, welche ihm noch fremd
waren, mit Schülerfleiß auswendig
lernte.
Müller hätte bei dieser Vorstellung
am liebsten hell aufgelacht, aber er
unterbrückte bie Heiterkeit, welche ihn
ergriff, unb veranlagte bic beiben
Tischgenossinnen auf seine kluge, un
merkbare Art, weiter über ben lieben
Herrn Dietze zu berichten. Wenn ber,
ben sie da schilderten, thaisächlich und
immer so war, wie er sich diesen bei
den Frauen gezeigt, bann wäre er ein
fach der Typus eines angenehmen, stil
len, bescheidenen Manne» gewesen.
„Ein geriebener Bursche!" mußte
Müller wieder denken. „Er will wie
ein Chamäleon wenn er nicht aus
fallen will, wird er wie seine Um
gebung."
Es war am zweiten Tage feines
Aufenthalts in Ischl, als Müller mit
seiner Zigarre recht gemiithlich bei
Fräulein Leni saß, die rasch Zu
trauen zu dem neuen Mether gefaßt
hatte.
Fräulein Magdalene Seewieser
war mit einer Näherei beschäftigt.
Draußen nickten die Blätter des wil
ben Jasmin, der bas Fenster um
rahmte, fortwährend xunter bem Re
aen, der sie schon seit bem frühen
Morgen wusch. Es war ein richtiger
Gebirgsregen, ber mit Kälte unb Nebel
herangezogen, unb ber, so schien es,
entschlossen war» nie mehr aufzuhö
ten.
Umso gemütlicher war es in ber
großen Stube mit den uralten, schö
nen Zirbelmöbeln, mit dem grünen
Ofen, in dessen glänzenden Kacheln
feine Lichter faßen, und mit dem
mächtig großen Lehnsessel, darin
Mullers hagere Gestalt fast ver
schwand.
Er. der für Gemüthlichkeit merk
würdigerweise einen ganz ausgespro
chenen Sinn hatte, fühlte sich außer
ordentlich wohl in bieler altväterlichen
Umgebung, in welche bieses verblühte
Mäbchen, bas noch immer Vergiß
meinnichtsträuße banb unb Kanarien
vögel pflegte, so recht hineinpaßte.
Unb auch bie leise Schwärmerei unb
die leij^ Sehnsucht, bie immer mitge
redet hatten, so oft sie von Dietze ge
sprochen, auch die paßten gar gut zu
bem blaßblauen Strauß, mit bem sie
ihren Nähtisch geschmückt, und zu bem
gelben Vöglein, bas vom schlechten
Weiter verstimmt, in feinem Bauer
leise piepste.
Es schien, als ob ber trübe Tag so
gtu zu Fräulein Magbalene Seewie
ser passe, baß sie sich jetzt mehr in ih
rem Elemente fühlte, als bei Hellem
Sonnenschein.
Müller bemerkte wenigstens, daß sie
heute gesprächiger war, a.s dies bisher
ber Fall gewesen. Sie erzählte ihm
von ihrer Jugend, und sie that bies
in einer Weise, als wären es schon
hunbert Iahte her, seit sie jung gewe
sen.
Leni Seewieser hatte also doch, trotz
Vergißmeinnicht unb Kanarienvogel,
schon vollständig resigmrt. Das be
rührte ihn wehmiithig, und er fühlte
sich geradezu gezwungen, ihr etwas
Liebes zu sagen, ihr eine kleine Freubc
zu machen.
Er stand auf, ging in sein Zimmer
hinüber und holte ein Päckchen schö
net Ansichtskarten, die er bei feiner
Ankunft in Ischl einem etwas zu
dringlichen Händler abgekauft hatte.
Er hatte sie eigentlich für einen far
tenfammelnden Gymnasiasten feiner
Bekanntschaft erstanden. Aber weil
darunter sich mehrere Bilder von Ge
benden. die Lent schon einmal gesehen
hatte, btfastixii, wsllte a jk chx
schenke«. /,
Kriminal-Roman von Auguste Groner.
Stotean
nahm sie denn auch ncytttcy er­
freut und holte eine große ge
schnitzte Schatulle herbei, um die Kar
ten sogleich zu verwahren.
„Da haben Sie ja schon eine reiche
Sammlung!" meinte er. „Lassen
Sie doch schauen!"
Sie überließ ihm gern die Scha
tulle mit ihrem bunten Inhalt. Ich
Hab' die meisten von den Leuten be
kommen, die bei uns gewohnt haben."
erklärte sie.
„Nun, da wird ja auch Herr Dietze
welche geschickt haben."
Fräulein Leni bejahte erröthend.
Ihr Gesicht wurde fast wieder jung.
Sie brauchte Dietzes Karten gar nicht
zu suchen, sie lagen in einem beson
deren Umschlag beisammen, was allein
schon ein Beweis dafür war, daß sie
den anderen, die lose in der Schatulle
lagen, nicht gleichgehalten wurden.
„Diese hat er geschickt," sagte das
ältliche Mädchen, ein bißchen ver
schämt lächelnd. „Die letzte habe ich
erst vor ejn paar Tagen bekommen."
„Die letzte erst vor ein paar Ta
gen!" hallte es in Müllers Geist nach,
und es zuckte in feinen Händen.
Aber er hatte es schon längst ge
lernt, sich zu beherrschen. Er schaute
die Karten genau in der Reihenfolge
an, in welcher sie tagen, und sie lagen
genau in der Reihenfolge, in welcher
sie eingetroffen waren.
Die erste war vor zwei Jahren in
Aussee zur Post gegeben worden. Sie
trug den Stempel vom 17. Septem
ber und enthielt nur eine Begrü
ßungsphrase. Die zweite Karte, vom
22. Oktober desselben Jahres, zeigte
in Buntdruck eine Praterpartie: ein
5öettrennbilt, und enthielt nebst vielen
Grüßen auch die Bemerkung: „Habe
soeben verloren. Thut aber nichts.
Das Glück ist kugelrund."
„Ist Herr Dietze öfters in Wien?"
erkundigte sich Müller anläßlich die
ser Karte.
Fräulein Leni schüttelte den Kopf.
„Nein," sagte sie mit einer gewissen
Wichtigkeit, „et geht nur im Herbst
unb im Frühling hin, wenn die gro
ßen Rennen sind. Jetzt wird er auch
wieber hingehen."
Müller horchte hoch aus. „Tschap
perl!" bachte er dabei. „Hast ba ein
vornehm klingendes Wort aufge
schnappt. Hast keine Ahnung, was
bie „großen Rennen" sind. Aber frei
lich, ein Fritz Dietze weiß schon, was
imponirt."
Die britte Karte wies bas Bilb ei
ner Kirche auf, die sich an einem Fluß
hllgel erhebt. „Paura" stand batun
ter. Diese Karte war am 7. Oktober
vergangenen Jahres aufgegeben wor
ben unb enthielt auch nur bas Wort:
„Gruß: D."
Nun kam eine ungewöhnlich schön
ausgeführte Karte an die Reihe. Sie
hatte nur ben Fehler, baß sie nirgenbs
Platz zum Schreiben bot. Sie stellte
bas Brandenburger Thor in Berlin
im Schnee bar. In den Wolken stanb
„Prosit Neujahr!"
„Er benkt boch oft an uns!" sagte
Fräulein Leni in glücklichem Tone.
„Et muß sich eben hier auch sehr
wohl gefühlt haben," entgegnete Mül
ler. „Er will vielleicht auch wieder
kommen."
Noch hielt er drei Karten in der
Hand, davon die letzte erst vor ein
paar Tagen in Fräulein Lenis Besitz
gelangt war. Die llngebulb bohrte
schon in ihm, bic Ungeduld, endlich
dies letzte Karte zu sehen. Aber äu
ßerlich ließ er sich nichts anmerken.
„Ah die ist hübsch! Ein echtes
Frühjahrsbild. Wie schon das Laub
werk behandelt ist, und die Blürhen
duften schier."
Das alles sagte er mechanisch, wäh
rend er las: „Diesmal komme ich
schon im JUli. Mein Zimmer ist doch
frei?"
Und nun noch eine Karte. Sie
trug, gleich derjenigen mit dem Kir
chenbilde, den Stempel Lambach und
war am letztvergangenen 5. Juni in
Ischl angelangt. Sie stellte das In
nere des dortigen Benediktinerstiftes
dar. Wieder enthielt sie nichts als ei
nen Gruß.
Nun, textlich hatte sich Dietze ja
überhaupt nie angestrengt. Er hatte
die Karten wohl nur geschickt, um diese
beiden Frauen sich zu irgend welchem
Zwecke warm zu halten, das war der
Eindruck, den Müller durch die sechs
Karten bekommen hatte.
Endlich hatte er die siebente, die
letzte, vor sich. Einen Augenblick lang
mußte er die Lippen aufeinanderpres
sen dann hatte er seine Fassung
schon wieder, konnte schon wieder sei
nen Worten gebieten.
„Die kommt ja von weit her!"
konnte er in ganz ruhiger Weise sa
gen. „Karten aus Athen, noch dazu
so ausgesucht schöne, werden nur we
nige Sammlerinnen haben. Wie
lange die wohl bis nach Ischl unter
wegs war? Aha. Vier Tage. Am
ersten September ist sie aufgegeben
worden, und am vierten ist sie hier an
gekommen. Wirklich, eine sehr hübsche
Karte! So also sieht das Haus
Schliemanns aus!"
Das Schliemann'sche Hous inAthen
interefsirte Herrn Müller recht wenig.
Er verbrauchte seine Zeit keineswegs
damit, es zu betrachten, sondern um
die paar Worte zu lesen, die darunter
standen: '„Komme über Wien zu Ih
nen Ende dieses Monats Brauche
Ruhe. Viele Grüße aa Stem
wieser und Sie. D."
1V
f?*
„Daß doch jeder, auch bet Durch
triebenste, irgend eine Dummheft
macht, die ihn bann trotz aller Vor»
ficht an den Galgen bringt!" dacht!
V tiller, währenb er die sieben für ihn
so überaus interessanten Ansichtskas»
ten wieder in ben Umschlag schob unh
diesen ber ganz beglückten Leni mit
galanter Verbeugung überreichte.
Einige Stunben später hatte dt*
Regen so weit nachgelassen, baß er sich
auf ber Efplanabe ein bißchen Bewe
gung machen konnte. Er dehnte sei
nen Spaziergang bis zum Postgebäude
aus. Dort gab er an seine Wirth
fchafterin ein Telegramm auf. Es
lautete: „Wie gewöhnlich. Sofort."
Diesen Worten war seine jetzig
Adresse angefügt.
Er wußte, baß bic gute Frau über
biefe, für anbete ein bißchen rätsel
hafte Depesche keineswegs erstaunt sein
würde. War es doch nicht bas erste
Mal, baß sie ein Telegramm mit sol
chem Wortlaut erhielt. Sie wußte,
baß sie ihren Herrn aisbann telcgra*
phisch heimzuberufen hatte.
Dann ging Müller an den Brief
schalter unb fragte an, ob nicht ein
posilagernber Brief für ihn angekom
men fei.
Es war dies thatsächlich der Fall.
Natürlich kam bas Schreiben von
Feßler. Es wußte ja sonst niemand,
daß Müller sich in Ischl befinde.
Er steckte ben Brief ein und ging
trieber auf bie Esplanade, unter de
ren noch dichtem Blätterdache etliche
wetterfeste Leute in Regenmänteln und
Gummifchuhn spazieren gingen.
Als Müller bas menschenleere Ende
ber Esplanade erreicht hatte, öffnete er
den Brief.
Als et ein paar Zeilen gelesen hatte,
blieb er stehen. Das, was ihm da ge*
meldet wurde, mußte in Ruhe gelesM
werden.
Und als Müller mit dem Briefe zu
Ende gekommen war, stand er noch
lange auf demselben Fleck und dann
nun bann ging er, in tiefes Nach
sinnen verloren, weiter. Er war ii*
irgenb eine Straße gerathen. (ft
wußte gar nicht, was für einen Weg
er unter ben Füßen habe, wußte nicht,
baß er über eine tropsnassc Wiese
ging, über ein Kleefelb, dessen schwere
Blüthenköpfe sich träg im Winbe neig
ten, über einen Brachacker, bessett
feuchte Schollen sich an feine Schuhe
klebten.
Erst das Rauschen des Wildwas«
fers, in das er fast schon hineinge
tappt war, erweckte ihn aus feinem
Brüten. „Na, ich schau' gut aus!"
Das war das erste, bas er dachte, for
sogar laut sagte, nachbem er sich eine
Weile gesammelt hatte. Er streckte
einen Fuß nach bem anbeten in ben
Bach, ber benn auch so gefällig war,
ihm Schuhputzetbienste zu leisten,
bann sprang er von Stein zu Stein,
von Grasbllschel zu Grasbüschel, bis
er bie nahe Straße erreicht hatte, auf
welcher er nach seiner Wohnung zu
rückkehrte.
Daheim angekommen, tos den
Brief noch einmal genau durch:
Feßler schrieb: „Geehrter Herr!
Seit kurzem häufen sich bie Ereig
nisse in meinem fönst fo still gewese
nen Leben. Leibet sind es, metttt
Verlobung ausgenommen, lauter tray
tige Ereignisse. Nun, bie wichtigste
bavon kennen Sie ja. Es hat sich,
seit Sie mich verließen, dbermals
Trauriges ereignet. Diese Zeilen
schreibe' ich Ihnen neben bem Bette
meiner Mutter. Sie ist krank gewor
ben. Noch weiß ber Arzt nicht, wo*
werben wirb, ob bie Nerven der Ar
men sich wieder beruhigen werbe«,
ober ob die Krisis erst vor uns licgß»
Jebenfalls kann ich meine arme Mut
ter jetzt nicht verlassen. Sic ängstigt
sich schon, wenn ick nur aus bem Zim
mer gehe. Da ich leibet so viel gß
than habe, um ihre Nerven zu beun
ruhigen, muß ich jetzt alles thun, um
ihr wieber 3uhc zu verschaffen. Also
ich bin bis auf weiteres nicht- in
der Lage, auch nur aus dem Haufe zu
gehen. Unb ich- sollte eben jetzt frei»
ganz frei fein, um meiner Braut M*:
stehen zu können. Auch ihr ist näm
lich bas Unheil genaht. Sie kündigte
dies mir per Draht an. Daß sie bis
vor kurzem außer ihrem Bruder noch
einen Verwandten, einen Großoheim,
besaß, wissen Sie schon. Ich hahe
Ihnen ja die Geschichte der Geschwi
fter erzäblt. Joseph Moorland ist am
14. Juni dieses Jahres gestorben sein
Testament wurde, laut seiner Willens
äußerung, drei Monate nach seinem
Tode, also heute, am 14. (Septembeg,
eröffnet. Meine Braut ist gestern in
Lambach dort nämlich war ihr
Großohetm ansässig angekommen.
Der sie empfangende Notar fcut sifc,*
nicht sogleich nach ihrem Besitz zu fah
ren, sondern in feinem Haufe zu übet*
nachten. Notar Klinger sollte näsch
lich am 14. September, also heute, in
einer wichtigen amtlichen Sacke Mit
tags in Linz eintreffen. Da wollte et
bie Testarnentseroffnung schon bot
neun Übt Morgen? vornehmen, und
ba der Linbenhof so heißt det'
Mootland'sche Besitz ziemlich weit
weg von Lambach ist, wollte et Hedwig
die Unbequemlichkeit des Frühauf-^
stehens nicht zumuthen.
Hedwig hat denn auch Me Einla
dung angenommen und hat den Abend
gemiithlich in Klingcts Familie
gebracht unb heute, vor neun Uhi»
wurde in Klingers Kanzlei vor einem
Gerichtsbeamten und vor ben zw6
Testamentszeugen welche Herren
auch Zeugen waren, wie Klinger nach
dem Tode des alten Herrn ben uohti
versiegelten Pack seiner Wertpapiere
mitnahm das Testament eröffnet.
Es verhielt sich ganz so. wie wir
alle erwartet hatten. Hedwig ist Jtj*
seph Moorlands alleinige Erbin. Ab
gesehen von ein paar Legaten, bit ii*
aus^v.Men hat, geht sein ganzer Bs?'
sitz
\\t
über.
(Fortsetzung folgt)

.Deutscher Herold*. Donnerstag, den 6. September 1907.
e i i i o i n i i n i i

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