OCR Interpretation


Deutscher herold. [volume] (Sioux Falls, Süd-Dakota) 1907-1918, October 03, 1907, Image 8

Image and text provided by South Dakota State Historical Society – State Archives

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn98069091/1907-10-03/ed-1/seq-8/

What is OCR?


Thumbnail for

8
*************1" •fr*****'*
(4. Fortsetzung.)
„Sit find ein besonderer Kauz!"
Macke lachte kurz auf. „Alle Welt er
wartet Ihre Verlobung mit der scho
nen Tarasowa. Wenn man jedoch in
Ihre Nähe komm: und Ihre Unter
Haltung belauscht, so hört man nichts
als philosophiren und politisiren. Sie
Deutschen bleiben selbst in der Liebe
doktrinär."
„Marja Sergejewna und ich haben
bisher wenig an Liebe undVerlobung
gedacht, mein Theurer."
„Aha, Sie retten Rußlands Zu
fünft spottete der Graf. „Auch eine
Verrücktheit der unbeschäftigten In
telligenz. Mich würde es nicht wun
dern, wenn die Tarasowa sich nach
stens als Studentin inskribiren läßt,
um den Bombenwerfern näher zu
sein. Ich hoffe nur, daß Sie vorher
den wilden Vogel einfangen!"
„Was berechtigt Sie zu dieser
Annahme?"
..Ihre und Marja Sergejewnas
Blicke und Behüben, mein Lieber!
Wie zwei Pole treiben Sie cuneinan
der zu, wenn Sie in einem Raum zu
sammen sind. Machen Sie schon ein
Ende, zum Teufel, die Partie ist nicht
schlecht!"
Bors sprang jäh empor und durch
eilte schweigend mit gerunzelten
Brauen sein Zimmer. Endlich blieb
er vor Macke stehen, der auch ihm
längst ein Freund geworden war. „Es
geht nicht!" sagte er heiser.
„Und warum, wenn man fragen
darf? Fehlt die Liebe?"
»Nein aber meine Ehre verbietet
CS mir!"
»So sind Sie anderweitig irgend
tote engagirt?"
„Nein: aber gerade nach dem, was
mir das Mädchen in vertrauten Ge
sprächen mitgetheilt. hat sie es mir
unmöglich gemacht," entgegnete Boris
schwer. „Und mit welchem Rechte
sollte ich wohl vor den alten Tarasow
treten? Woraufhin?"
„Erlauben Sie mal, theurer
Freund, ganz abgesehen von Ihrem
außergewöhnlichen Aeußeren sind Sie
doch für diesen Kupjez (Kaufmann)
immerhin ein Baron Raydell."
„Der zweite Sohn eines kleinen bal
tischen Adligen, von dessen Vermögen
selbst unter andern Verhältnissen nicht
allzuviel auf mein Theil käme, bei
dem Kindersegen unserer Familie!
Während dieser Kupjez sich mit seinen
Millionen einen Fürsten kaufen kann."
„Nun, die Begriffe von kleinen und
großen Theilen sind recht verschieden.
Friedrich lebt in Petersburg durchaus
als Grandseigneur," erwiderte Macke
ruhig.
„Mein Bruder war weiser in der
Wahl seiner Pathen, von denen der
eine ihm eine große Rente zum väter
lichen Zuschuß zugibt. Auch ich habe
leider als Grandseigneur gelebt und
setze dieses Dasein hier munter fort.
Da mein Berus mir aber vorläufig
noch nichts trägt, so
„So könnte Tarasow Sie in seinen
Fabriken anstellen oder durch seine
Beziehungen Ihnen sogleich große
Einnahmen verschaffen, welche aber
durch Marja Sergejewnas Mitgift
ohnehin gesichert sind. Das Mädchen,
welches ich scharf beobachte, zeigt zum
erstenmal warmes Interesse für ein
männliches Wesen. Noch mehr, es
Raydell stampfte ungestüm mit dem
Fuß auf den Boden. „Lassen wir das
Thema fallen," sagte er gequält, „was
Sie mir da noch zugeben, macht mir
ja eine Werbung erst recht unmöglich.
Als Mann von Ehre will ich weder als
Habenichts meinem Schwiegervater
alles verdanken, noch das Mädchen,
welches ich so hoch verehre, in seinem
heiligen Vertrauen täuschen. In Riga
wird eine Vakanz am Krankenhaus
eintreten. Ich werde mich um die
freiwerdende Assistentenstelle bemü
hen."
Der Graf entgegnete daraus nichts.
Auch er erhob sich und nestelte an sei
ner Uniform. „Ein jedes ist feines
Glückes Schmied, thun Sie also, was
Sie nicht lassen können, Raydell!
Aber noch einmal möchte ich Ihnen
die Vortheile dieser Heirath vor Au»
gen rühren, welche durch Marja Ser
gejewnas Jawort alle Schwierigkeiten
besiegt alle!!"
„Glauben Sie, daß erst Sie kom
men müssen, um mir diese Vortheile
zu erläutern?" fragte Boris mit bit
terem Spott. „Genügt es Ihnen
nicht, daß ich Ihnen meine Liebe für
Marja einfach, rückhaltlos bekenne?
Und dennoch würde ich niemals
Ehrenwort niemals um sie wer
den! Ich kann es nicht, ich darf es
und will es nicht, solange Las
sen wir aber nun das Gespräch, Macke,
und sorgen Sie sich nicht um mich.
Wenn die Wogen über mir zusam
menschlagen nub nur noch eine Heirath
mich rangieren kann, dann werde ich
eben die Scheratiewska heirathen. Ihr
Vater ist ein Millionär wie Tarasow.
Wo die Millionen herstammen, bleibt
sich ja schließlich gleich. Der eine ist
ein Genie der Arbeit, der andere ein
Genie der Schurkerei!"
„Pfui Teufel, Raydell, mit solchem
Pack amalgamirt man sich nicht!" rief
der Offizier.
„Warum nicht?" spotifte Boris
bitier. „Vor dem alten Scheratlewsky
brauche ist mich nicht zu geniren. I
Der muß selig sein, wenn er einen
einem Mann wie mir die Schulden
zahlen darf. Und seine edle Tochter,
die mich schon jetzt mit ihren Briefen
und Blumen und Fensterpromenaden
211or0cnrötl?e.
Russischer Roman auS der Gezrnwart—Bo» E. Georgy.
*1+4* 4* ^T**?**!**!**!**!**!**!**!**!**!**!**!* 4*4**^4* 4*4* 4* 4* 4*
4
«fr
4
verfolgt, wird schon mit dem glücklich
sein, was ich ihr gebe. Die verlangt
nur meinen Titel, meine Person nicht
mehr!"
..Und Ihre vornehme Familie?
Mensch, sind Sie toll? Wollen Sie
die Scheratiewska vielleicht nach Ray
dellhof bringen? Diese Bande wagen
Sie auch nur neben Ihre Eltern und
Geschwister zu denken. Pfui. Sie sind
ja verrückt!" Der Graf stieß diese
Worte im Zorn heraus. Sein Antlitz
hatte sich roth gefärbt.
Boris klopfte ihm auf die Schulter
unfc lachte bitter. „Noch brauchen
Sie sich nicht aufzuregen, Sie haben
recht, ich bin verrückt. Aber meine
Lage macht mich dazu! Kommen Sie,
mich verlangt nach Champagner und
Musik und Weibern! Ich habe Lust,
all das, was mich bedrückt, in wüstem
Gelage zu vergessen. Ist man erst so
weit wie ich, bann kommt es schon aus
eine Orgie mehr oder weniger nicht
an!" Er eilte auf feinen Schrank zu
und nahm Pelz, Mütze und Ueber
schuh heraus.
Wäbrend er sich umschaute, stand
Gras Macke in ernstes Sinnen verlv
ren. Die Kahlheit dieses Raumes mit
seiner verwohnten, schäbigen Eleganz,
das ganze „Nummernhotel", in dem
eigentlich neben Junggesellen nur noch
einige Damen eine sraawürdiae En
stern führten, bedrückte ihn. Sein ei
genes reiches Garconlogis: die altvä
tcrischc Eleganz, der solide, peinlich
saubere Haushalt von Raydellshos
Vontaunen stand vor seinen inneren
Augen. Und ein tiefes Mitleid mit
dem schönen jungen Arzte überkam
ibn. „Sie sind kein Lebenskünstler,
Raydell," sagte er plötzlich.
„Ich habe in meinem Vaterhause
und später in der Pension nur beten
und mich ducken kennen gelernt. Die
eiserne Disziplin lastete zu schwer
auf mir. Als ich meine Erziehung
zur Lebenskunst dann als Student in
die Hand nabm, fand ich wohl auch
nicht das Richtige. Ich fühlte mich
beständig zwischen Idealem und Bö
sem hin und her gestoßen. Wer weiß,
ob ich meinen Schwerpunkt je finde?"
Der Offizier schnallte feinen Säbel
um und lachte dabei. „Sehen Sie
einmal an, mein Freund, also auch
die Herren Studirten können an dem
gleichen Hebel kranken wie wir? Wie
viele meiner Kameraden laboriren bis
in die höchsten Chargen noch an dem
Leichtsinn ihrer Leutnantstage!
Aber nun einmal ernst gesprochen.
Doktor," fuhr er bedeutsam fort, „ich
bin in ganz geordneten Verhältnissen,
wenn es sich bei Ihnen nur um lum
pige Geldsorgen handelt, so stehe ich
zu Ihrer Verfügung. Ehrenwort, ich
fasse eine Ablehnung meines freund
schaftlichen Anerbietens als Beleidi
gung auf!"
In dem Arzte entspann sich Plötz
lich ein jäher Kampf. Die Sorgen
verzehrten ihn fast. Die Schulden
und die Wucherzinsen wuchsen rapide.
Schon hatte er neue Quellen suchen
müssen. Aber auch diese hatten sich
ihm nur erschlossen auf seine in ganz
Moskau besprochenen Beziehungen mit
Marja Sergejewna hin. Der Geld
verleiher halte es ihm deutlich genug
zu verstehen gegeben, daß fein Kredit
unbeschränkt wäre, sobald er den Ter
min der Verlobung bekanntgeben
würde. Boris hatte ihn zornig und
hochmüthig angefahren. Sollte er
Mackes Anerbieten benutzen? Schon
wollte er sich dazu entschließen, da siel
ihm das letzte Schreiben seiner Mutter
ein:
„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie
glücklich es Vater und mich machen
würde, wenn Macke sich endlich um
Olga bewerben wollte. Friedrich ist,
wie er uns mittheilt, überzeugt, daß
der Graf auf jede Mitgift verzichten
könnte. Das wäre ein Segen unseres
Herrn und Heilands! Die Landwirth
schaft geht jährlich zurück. Karl Heinz
kostet Vater auch noch enorm viel, weil
er Vontaunen nicht ameliorieren kann,
ohne daß große Kapitalien in den
ausgesogenen Boden gesteckt werden.
Die Ernten waren unter dem Durch
schnitt. Die Brennerei und die Zie
gelei leiden durch schlechte Konjunk
turen. Die Ställe müssen ausgebes
srrt werden. Wir haben einen
Dampfpflug und eine neue Lokomo
bile angeschafft. Vater schläft oft des
Nachts nicht, sondern sitzt am Schreib
tisch und rechnet und stöhnt, weil er
nicht weiß, wie er die Zulagen für
Euch schaffen soll, ohne neue Belastung
der Güter. Darum schränke Dich
recht ein, mein Boris, suche Praxis zu
bekommen! Und wenn Du etwas thun
könntest, Gras Macke zu einer beschleu
nigten Heirath zu veranlassen, so the
test Du ein gutes Werk."
So klangen* alle Briese in, den letz
ten zwei Jahren, nur daß die Klagen
sich mehrten. Und er hatte einst den
Reichthum der Eltern für unerschöpf
lich gehalten. Nein, seinen zukunfti
gen Schwager durfte er nicht in seine
Misere mit hineinziehen und dadurch
die Heirathsaussichten der lieblichen
Schwester vermindern.
Ich danke Ihnen," sagte er noch
kurz und schwer athmend, „vorläufig
habe ich mich erst wieder versorgt.
Aber kommen Sie. meine Kollegen
warten bei Philippow."
Sie durchschritten den Korridor.
Aus den verschlossenen Zimmern er
klang Lachen. Plaudern, auch wohl
Musik. Ein Kellner kam ihnen mit
einem Tablett Weinflaschen und einem
Weinkiihler entgegen. Ein anderer
schleppte einen Samowar fort. Am
Treppenausgang begegneten ihnen
zwei iiefverschleiefte weibliche Wesen.
Selbst ihr Wuchs war durch die Ro
tondenpelzmäntel nicht zu erkennen.
„Sie sollten hier fortziehen, sich eine
Wohnung möblieren und als prakti
scher Arzt niederlassen, Doktor!"
meinte der Offizier.
„Meine Eltern wünschen nicht, daß
ich dauernd hier bleibe. Mich lockt es
auch nicht weiter! Und ich habe mich
nach Riga gewandt, wie ich Ihnen er
zählte. Aber kommen Sie denn nicht
mit?" Boris blickte den Grafen über
rascht an. „Ich dachte doch
„Ich komme nach, lieber Doktor, da
ich es vorziehe, an Ihren Exkursionen
in Zivil teilzunehmen. Auch möchte
ich mit Wittel telephoniren, ob er sich
anschließen will! Wo treffen wir
uns?"
„Ich denke, man sprach von Au
mont. Schulpugin hat eine Loge ge
nommen. DaS neue Vaudeville soll
gut sein!"
„Charascho, also auf Wiedersehen!
Jswoschtschick!" Macke rief einem ei
ligst heranjagenden Kutscher seine
Adresse zu und fuhr davon.
Boris von Raydell schritt, in
schwere Gedanken versunken, über die
belebte Tverskaja. Plötzlich wurde er
angerufen und sah sich um. Ein hei
ßer Schreck durchzuckte ihn. denn auf
dem Damm hielt jetzt ein Schlitten, in
welchem Fräulein Haßling und Fräu
lein Tarasow saßen. Hastig eilte er
hin und begrüßte die Damen, welche
ihm herzlich die Hand schüttelten.
„Wir haben im Straßtnoikloster
die wundervollen Akapella-Chöre be
wundert und für Marjas Krippe und
Kleinkinderschule in der Fabrik Auf
träge gegeben," plauderte Margot se
lig. „Die Matuschka kennt Marja
schon lange und hat uns das Kloster
gezeigt. Nein, wie interessant! Und
wie die Nonnen stricken und näher!
Dies Moskau ist einzig! Heute Vor
mittag waren wir mit großer Beglei
tung auf dem Trödelmarkt am Ssu
charewer Wasserthurm."
Marja blickte forschend in Boris'
Augen. Ohne auf die sprudelnde Be
redsamkeit der schwatzenden Freundin
zu achten, fragte sie ihn: „Sie sind
heute auch zum Konzert im Adels
klub, Herr Doktor?"
„Nein, gnädiges Fräulein, ich habe
mit meinen Bekannten eine Verabre
dung. Und ich dachte, die Damen
sind heute zum Ball eingeladen?"
„Ja, wir fahren direkt vom Kon
zert aus hin. Sie haben sich schon
einige Tage nicht sehen lassen. Wa
rum kommen Sie nicht zum Diner?
Ich habe mir schöne Stiche bei
Avanzow gekauft, die ich Ihnen zei
gen möchte. Es sind englische Origi
nale."
„Ich werde mir in den nächsten Ta
gen die Ehre geben, gnädiges Fräu
lein!" entgegnete Raydell, sich tief ver
beugend.
„Und dann verabreden wir endlich
den Tag, wo Sie uns das Findel
Haus zeigen werden. Nicht wahr,
Herr Doktor?" bettelte Margot.
„Die Damen haben nur über mich
zu befehle«. Ich habe ja täglich
Dienst!"
„Das wird auch mich außerordent
lich interessiren," warf Marja ein,
„wir rechnen auf das Einhalten Ih
res Versprechens. Aus Wiedersehen!"
Sie nickte ihm lebhaft zu und rief dem
Kutscher, der wie der Diener regungs
los auf dem Bock verharrte, ein schar
fes „Damoi!" (nach Hause) zu.
Der Schlitten sauste davon.
Raydell war auf den Bürgersteig zu
rüdgekehrt. Er seufzte tief. Seine
Liebe zu dem schönen ernsten Mäd
chen überwältigte ihn wieder und ver
mehrte seine Seelenqual. Seit kur
zem empfand er ihre Nähe, den lie
benden Blick ihrer Augen als körper
lichen Schmerz, ohne doch die mora
lifche Kraft zu haben, ste zu meiden.
„Es geht nicht! Es darf nicht sein,
sie würde mich verachten!" grübelte er.
„Sie wird mich zu den Mitgiftjägern
rechnen, und mit Recht."
Tie beiden jungen Damen fuhren
schweigend weiter. „Ich möchte
wissen, was Raydell gegen mich hat!"
jagte Marja plötzlich und nagte tief
verstimmt an der Lippe. „Er hat
sich in feinem Benehmen seht ver
ändert!"
„Was Du Dir alles einredest! Er
ist noch genau so verliebt in Dich
wi: am ersten Tage. Fortwährend
wechselt er die Farbe. Wenn Du je
doch nichts weiter mit ihm zu ver
handeln hast, als Deine garstige Po
litik und Deine Wohlfahrtsanstal
ten, dann traut er sich natürlich
nicht, von Liebe zu sprechen."
„'Glaubst Du denn wirtlich, daß
er mich liebt?" Die Frage kam so
angstvoll, daß Margot Haßling hell
aus lachte.
„Ach, Mgrja, wie es mich freut,
daß Du nun auch endlich Feuer ge
fangen hast, das kann ich gar nicht
sagen. Jetzt bist Du erst ein rich
tiges junges Mändchen. Jantchen
freut sich mit mir."
„Ja. ich liebe ihn", gab Marja
ties athmend zu. „Es hat mich selbst
überwältigt. Und glaube mir, es ist
wirklich nicht seine Schönheit und
seine Liebenswürdigkeit allein, die
mich so entzücken. Ich liebe sein
gutes klares Antlitz, das schon von
so viel inneren Kämpfen, von Ernst
und Nachdenken fpricht. Ich fühle,
wie er über die andern fortragt an
innerem Werth. Nein, er ist nicht
wie die andern! Ich vertraue ihm,
ich achte ihn!"
„Mir gefällt er auch sehr gut, und
Gras Macke erzählt so viel Liebes
und Gutes von seinen Eltern und
Geschwistern. Das Leben auf Ray
dellhof-Vontaunen muß ganz deutsch
und patriarchalisch sein, ich habe ihn
tüchtig ausgeforscht."
„Auch mein Vater spricht mit
großer Hochachtung von allen Ray-
d-lls. Er kennt den alten Baron von
früher her und schätzt ihn", entgeg
nete Marja erregt und froh. „Man
merkt bei Boris die gute Kmderstube
iii jeder Bewegung. Dem Himmel
sei Dank, der ist nicht wie unsere
Russen. Kannst Du Dir vorstellen,
?aß Dokotor von Raydell wie mein
Bruder lebt und Karten spielt und
Schulden macht? Ach, Seelchen, wie
mir das alles verhaßt ist! Wie ich
das wüste Bummeldaftin, die ver
praßten Nächte unserer Herren hasse!
Nach all dem Schweren, was ich
schon durchgemacht, ist es mir, als
1 et für mich wieder Frühling ge
worden.
Margots Hand suchte die Marjas
unter der Pelzdecke. „Ich kann nicht
f.":gen, wie ich mich mit Dir freue,
liebstes Herz! Ich habe es auch so
fort gemerkt. Schon am ersten Tage,
wo er bei Euch Besuch machte, trotz
dem Du sehr trotzig unti kalt tbatest.
Nun reise ich auch nicht eher ab, che
Tu Verlobung feierst!"
Marja lächelte verträumt. „Denkst
Du, daß ich Dich fort lasse, Täub
dien? Du und Tantchen, Ihr habt
es früher gemerkt als ich selbst. Ich
ahnte, was in mit vorging, als wir
zum Ball bei der Kalakowa waren.
Die Eifersucht erwachte in mir,, als
er so viel mit der verführerischen
Fürstin plauderte. Ich wollte nicht
noch den zweiten Mann an die Frau
verlieren, darum
„Darum nahmst Du den schönen
Doktor etwas fester in die Zügel.
Wir amiisirten uns, als Du ihn vier
mal mit in die Werfe schlepptest und
ans die Fabriken. Eure Konferen
zen über Krippen, Volksküchen und
Schulen nahmen ja kein Ende. Und
doch waren sie nur ein Vorwand. Du
Racker!"
..DaS waren sie nicht! Ich schwöre
es Dir zu, or got! Und auch ihm
nicht! Ich kenne ihn jetzt wie mich.
Das Wohl unseres Volkes liegt uns
beiden^ gleich am Herzen wie der
Kamps um die geistige Freiheit und
unsere Ideale. Glaubst Du. Raydell
wäre durch Zufall gerade Arzt ge
worden?"
»Ich glaube alles ohne Vorbehalt,
weil Du es so willst. Du Dummes."
Margot gewann durch ihre Objekti
vität ein förmliches Uebergewicht
über die so viel bedeutendere Freun
din.
Seit Marja Sergejewna sich ihrer
Gefühle bewußt geworden, war sie
vollkommen verändert. Sie selbst
aab es lachend zu und ließ sich von
Frau von Jagow und Margot lie
bcnswürdig necken. Selbst ihre
Eltern und die Dienerschaft Profi
tirten davon, denn das hochmüthige,
eisig kalte,, herrisch Wesen hatte sie
abgelegt. Noch mehr als sonst
widmete sie sich ten von ihr ins Le
ben gerufenen Wohlthätigkeitsanstal
ten für ihre Arbeiter und deren Ktn
der. Sie fuhr täglich selbst aufs
Land, um ihre Angestellten, die aus
Popen. Krankenpflegern, Lehrern und
Lehrerinnen, sowie aus geprüften
Kinderpflegerinnen sich rekrutirten,
zu kontrolliren. Nur kam sie jetzt
nicht mehr als strenge, prüfende Her
rin, fondern als freundliche, hilfsbe
reite Mitarbeiterin.
Ganz Moskau fühlte die Um
Wandlung der Tarasomschen Toch
ter und errieth den richtigen Grund
dafür. Alles sprach von der bevor
stehenden Verlobung, von ihren Fol
gen. Und Doktor von Raydell hätte
den Wechsel der Leute ihm gegen
über längst bemerkt, wenn er nicht
so durch nnere Kämpfe und äußere
Sorgen in Anspruch genommen ge
wesen wäre. Nur zuiveilen wun
derte er sich, wenn große Geschäfte
ihm Kataloge zusandten oder ihm
durch Agenten unbeschränkten Kre
dit anbieten ließen.
Als die beiden Damen daheim an
langten, empfing sie Frau von
Jagow. üfctich einem besorgten flüch
tigen Blick auf die Dienerschaft nä
herte sie sich Marja und flüsterte ihr
in deutscher Sprache einige Worte
ins Ohr.
Ueberrascht trat diese zurück. „Wo
sind sie?"
»Oben in meinen Zimmer, Kind.
Fertige sie rasch ab, gib Geld, diel
Geld aber laß Dich um Gottes
willen aus nichts ein! Du bist in
solche Schlingen verwickelt, ehe Du
Dich versiehst, und ein Loskommen
ifi dann schwer!" Sie wandte sich
an Margot Haßling und fragte diese
noch dem Gesehenen. Während Fräu
lein Tarasow eiligst die Treppe hin
ausstieg, folgte sie mit dem Gaste
langsamer nach.
»Was ist denn geschehen, Tant
chen, Sie sehen ja ganz blaß und er
regt aus?" fragte die junge Deutsche
neugierig.
Frau von Jagow drückte ängstlich
ihren -Arm. „Ach, Kind, wenn Du
wußtest, wie ich mich sorge. Gegen
meinen Wille» und trotz meiner sie
hen lichen Bitten schloß Marja in
Paris mit einigen russischen ausge
wiesenen Revolutionären Freund
schaft. Sie besuchte viele Versamm
lunger, und zeichnete stattliche Sum
men für Propagandazwecke. Auch
in Genf traten Mitglieder des
Komitee sofort an sie heran, als sie
ihren Namen in der Fremden liste des
Hotels lasen. Und nun, denk? Dir
mein Entsetzen, lassen sich heute zw:i
Personen, ein Herr und eine Dame,
bei mir melden unter dem Vorwan
de, ihr Grüße aus Paris zu brin
gen. Ich empfange die Besucher
und erkenne sofort in ihnen zwei
Leute, die ich schon in Paris lieber
gehen als kommen sah. Es ist doch
fraglos, daß sie Marja in ihre nihi
listischen Umtriebe verwickeln und für
ihre Zwecke mißbrauchen wollen.
Was mache ich bloß? Ob ich mich
an Herrn Tarasow wende?"
„lim Gottes willen, Tantchen, ba
hnt er sie der Polizei übergibt. Wvl
len Sie die armen Menschen verra
then und unglücklich machen?" wider
sprach Margot.
„Ehe ich Marja in Gefafo tiefte,
ja!"
(Fortsetzung folgt.)
15.
„Wl. ich komme ja schon!" erwiderte
jvrau Monika, heißt die Dorl auf die
Suppe achten, und folgt dann dem
Detektiv.
Zuerst führt er sie zu dem fragli
chen Fenster, und nun begann er sein
Examen.
„Können Sie sich erinnern, wie
lang dieses Fenster amAbend vor dem
Tode Ihres Hecrn offen blieb?"
„Das ist bis gegen halb zehn offen
geblieben," antwortete die Frau so
fort.
Müller mußte lächeln. „Wie kön
nen Sie das nach einem Vierteljahr
noch so bestimmt wissen?"
„Mein Gott, wenn gleich danach so
etwas vorkommt, so bleibt einem doch
flies, was damit zusammenhängt, im
Gedächtnis}!"
„Es ist Ihnen also im Gedächtniß
geblieben, daß dieses Fenster am 14.
Juni bis gegen halb zehn Uhr Abends
offen geblieben ist."
„Ah was sind denn das fiirFuß
itapsen?" sagte die Wirtschafterin,
sich über das Sofa beugend.
„Reden wir jetzt erst von dem Fen
ster."
„Bitte."
„Haben Zie selbst es tt» jene Zeit
geschlossen?"
„Nein, der Herr Rohling hat es zu
gemacht."
„So der Herr Rohling? Der
Herr Notar hat mir erzählt, daß die
ser HerrRöhling in der letzten Lebens
zeit Ihres Herrn viel hier verkehrt
hat."
„Das ist richtig. Wir haben ihn
alle gern kommen sehen."
„Er ist also ein lieber Mensch?"
„Na das möchte ich nicht direkt
behaupten. Es war etwas in ihm,
was man nicht sagen kayn, was mich
cber abgestoßen hätte. Nur weil er
zu unserem guten Herrn so lieb war,
habe ich ihn auch gern kommen sehen,
und freilich, wenn er Violine gespielt
bat. das war auch für mich ein Ge
nuß."
„Wir werden später über Herrn
Rohling noch weiter reden," bemerkte
Müller.
„Ja. der hat das Fenster damals
zugemacht. Und dabei hat er gelo
aen."
„Wieso?"
„Er hat gesagt, daß er bemerkt
Hube, daß es tröpfelt, weswegen ich
ihm einen Schirm bringen solle."
„Und es hat nicht getröpfelt?"
„Keine Spur. Erst nach elf Öhr
Hai dann das Gewitter angefangen,
von dem er schon um halb acht Uhr
gefaselt hat. Um diese Zeit Hab' ich
mit der Dorl im Pavillon den Tisch
decken wofllen. —Der Pavillon,Gas
ist nämlich
„Ein große?, gelbgestrichenes Lust
fvus mit einem Kuppeldach, einer
Freitreppe und Palisandermobeln."
„Das wissen Sie auch schon?"
„Also wie war es mit dem Tisch
decken?"
„Nun, gehen haben wir wieder
müssen. Hier haben wir dann auf
decken müssen, denn der Herr Rohling
hat unserem gnädigen .Herrn eingere
det, daß das Wetter gleich losbrechen,
und er naß werden könnte."
„Also Herr Rohling hat Herrn
Moorland bestimmt, hier im Hause
das Nachtmahl zu nehmen?"
„Ja."
..Bitte denken Sie genau nach!
Ist Ihnen sonst noch etwas bezüglich
Herrn Rohlings aufgefallen?"
„Von den Zigeunern hat er ge
redet."
„Waren also damals Zigeuner
hier?"
„Ich ha? so was gehört. Bestimmt
weiß ich es nicht. Ich weiß nur, daß
der Herr Rohling gefragt hat, ob ich
denn den Pavillon gut abgesperrt
habe, es seien nämlich Zigeuner in der
Nahe."
„Haben Sie vielleicht nachgeschaut,
ob er selbst dieses Fenster gut ver
schlossen hat?"
Jetzt stutzte Frau Monika. jEBcts
wollen Sie denn damit sagen?" er
timdigte sie sich und sah ungemein
gespannt in des Detektivs Gesicht.
Aber dieses Gesicht war ganz unbe
wegt. „Haben Sie deswegen nachge
sehen wiederholte Müüer seine
Frage.
Die Frau verneinte. Sie war ficht
lich bestürzt und verwirrt.
„Herr Rohling ist dann sogleich
fortgegangen?" examinirte Miller
weiter.
„Sogleich nicht. Aber bald. Wie
ich mit dem Schirm wieder insZim
nier gekommen bin, hat er gerade dem
gnädigen Herrn, den gefroren hat,
noch ein Glas Wein gegeben."
Ueber des Detektivs Gesicht huschte
ein Lächeln, während er wiederholte:
„So so. ein Glas Wein hat er dem
alten Herrn gegeben! Er war also
sehr vorsorglich, dieser Herr Röh
iijig?"
Frau Monika schaute ihn noch im
mer verwirrt an. Sie war. das zeigte
sich jetzt, gerecht. Trotzdem sie Röch
ling eigentlich abgeneigt war. ihm
zum mindesten keine Sympathie ent
gegenbrachte, nahm sie sich jetzt seiner
an.
Ganz eifrig sagte sie: „Er wgr frei
lich vorsorglich, sehr besorgt war et
sogar um unseren gnädigen Herrn.
Sie müssen nur wissen, der Herr war
herzkrank und schon so alt, und es
war ihm so mancherlei zu essen und
zu trinken vom Doktor verboten
und et war recht unfolgsam. Er hat
trotzdem gegessen und getrunken, was
und so viel er eben wollte. Viel zu
viel jedenfalls für seinen Zustand
und sein Alter. Der Herr Doktor.
Stöger hat es ihm mehrmals gesagt.
Kriminal-Roman von Auguste ©roner.
Fortsetzung.)
daß er einen Schlaganfall zu fürchten
habe, wenn er sich so übermäßig er
nähre und so wenig Bewegung mache.
Na, da ist er denn freilich manchmal
spazieren gegangen. Und auf so einem
Spaziergang hat er Herrn Rohling
fernen gelernt. Der war nämlich
auch ein leidenschaftlicher Käfer
sammler und
Der Detektiv hatte krampfhaft auf
gelacht. „Was war er?" fragte er
noch immer lachend.
„Na, ein Käferfex halt, gerade so
wie unser Herr," antwortete dieFrau,
ein bischen beleidigt wegen des ihr
unverständlichen Heiterkeitsausbru
ches. „Auf das hin sind ja die zwei
Herren so schnell bekannt worden."
„Ein Käser sex also ist Herr Röh
ling!" lachte Müller noch immer.
„Also deshalb die Ischler Studien!"
Nach einer Weile setzte er hinzu:
„Meine liebste Frau Haberleitner, aus
alle Falle ist .Herr Rohling ein Men
setenknner und ein Mann von kla
rem Zielbewußtseilt. Und nun, bitte,
sagen Sie mir, wie zeigte sich denn
seine Sorge für Ihren Herrn?"
„Er hat ihn oft gebeten, daß er sich
beim Essen und Trinken zurückhalten
soll, und darauf geschaut, daß sich der
alte Herr nicht erkältet. Gar damals
war er sehr besorgt. Et wollte schon
nicht, daß der gnädige Herr schwar
zen Kaffee trinke wegen der Auf
regung."
„Aber Wein hat et selber ihm nach
her zu trinken gegeben?"
„Es war halt dem Herrn kalt. Er
muß sich überhaupt schon nimmer
recht wohl gefühlt haben, denn der
Wein hat ihm auch nicht mehr ge
schmeckt."
„Der Wein hat ihm also nicht ge
schmeckt?" wiederholte Müller lang
fem. „Woher nahm denn Herr Röh
iing diesen Wein?"
„In der Kredenz dort steht die
Flasche noch. Auch das Glas steht
noch dort. Ich Hab' ja keine Zeit mehr
gehabt zum Zusammenräumen."
Tie zwei standen jetzt an der Kre
denz.
Diese war ein mächtig großes Mö
bel mit etlichen verschlossenen Fachern
und drei Borden, auf denen altes, ge
triebenes Silbergeräth und mancher
lei .Krüge und Flaschen aus feinge
schlifftnem Glas standen. Aus der
Platte der Kredenz befanden sich noch
etliche Gegenstände, die vor einem
Vierteljahr zum augenblicklichen Ge
brauch hingestellt und dann nimmer
weggenommen worden waren: ein
Salzfaß, ein Gefäß mit Zahnstochern,
ein silbernes Brodkörbchen, darin ein
paar zusammengeschrumpfte Brödchen
lagen, und et liehe ^ti
Iber ne Eßbestecke.
Auch eine Weinflasche stand da. Sie
war halb voll und mit einer Etikette
ner sehen. „Böslauer Ausbruch" stand
da in rother Schrift, die von blau
schwarzen Tauben umrahmt war.
Ob der Wein stark und vyn seiner
Blume gewesen, das war jetzt nicht
mehr nachweisbar, denn seit einem
Vierteljahr war die Flasche unver
iotkt gewesen. Der Stöpsel, in eine
silberne Hülse gefaßt, lag daneben,
und daneben stand auch ein Glas, ein
gebrauchtes, zum Theil triibeworbe
nes Glas, das eilig und unachtsam
hingestellt worden war, denn ganz
ichies stand es da. Die Halste seines
Bodens ruhte auf einer Messerklinge.
Es war einer von den feinwandigen.
ganz unoerzierten farblosen Römern,
davon mehrere auf einem der Borde
standen.
Müller nahm ihn zur Hand. Da
wo der Stiel sich ansetzte, befand sich
die trübe Stelle, war ein kreisförmi
ger weißlicher Schein.
Als der Detektiv das Glas zu sei
ner Nase erhob, wich Frau Monika
einen Schritt zurück.
„Sie glauben doch nicht, daß er—"
flüsterte sie entsetzt.
Müller antwortete darauf nicht. Er
stellte das Glas wieder hin, nahm die
ftrau an der Hand und führte sie an
das Fenster.
„So jetzt wären wir wieder da,"
sagteer ruhig. „Die Fußstapfen haben
Sie schon bemerkt. Es hat also da
mals gegen elf Uhr zu wettern ange
fangen?"
„Ja, und mit dem ersten Blitzschlag
hat gleich der Regen eingesetzt. Es
hat tüchtig gegossen, und gegen halb
zwölf hat es ganz in der Nähe eingr
schlagen. Ich bin durch ganze Haus
gegangen. Auch zum Herrn habe ich
bmeingeschaut und habe mich noch ge
wundert, daß ihn nicht einmal dieses
Wetter im Schlafe störte im ewi
gen Schlaf! Denn er war wohl da
mals schon tobt. Hätte ich das ge
wußt, ich wäre bann nimmer so ruhig
ine Bett gegangen. So Hab' ich mich
zehn Minuten vor zwölf Uhr wieder
hingelegt. Ganz ruhig war ich. Hab'
ch es doch gewußt, daß auch der
Gärtner draußen überall nachgeschaut
hat."
„Und wie denken Sie über diesen
blauen Fleck und diesen und diesein?"
fragte Müller, nachdem die Wirth
schafterin ihren Wetterbericht beendet
hatte.
Er führte sie zum Ofenschirm, dann
•um Sekretär, zum Schreibtisch und
endlich in das Schlafzimmer und zu
dem Nachtkästchen.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß
nicht, was ich darüber denken foil.
Ich weiß nur, daß ich diese Flecke jetzt
ci'in ersten Male sehe. Aber wa
rum schaut es denn da so aus? Ich
Hab« Abends doch alles ordentlich her
gestellt, genau so, wie alle Tage. Der
gnädige Herr war ja so peinlich. Al
le- hat immer auf dieser Tasse sein
müssen. Und wo ist denn feine
Schachtel mit den Hustenpulvern?
Daß mir das alles damals nicht auf
{Heilen ist! Aber freilich, wir Hüben
ja alle den Kopf verloren gehabt
auch der Herr Rohling. Der fürchtet
sich überhaupt vor Leichen. Nur von
der Thür dort hat et einen Blick her
ein gethan, und wie er den Kranz ge
bracht hat, ist er überhaupt gar nicht
ins Haus hereingegangen."
„Und beim Leichenbegängnis?"
„Dabei war er nicht."
„Nicht?"
„Nein. Am Tag vorher hater ötfc
reifen müssen."
..So so."
„Seine Frau Schwester hat am
nächsten Tog in Linz ihr Haus ver
lauft, und da hat er dabei sein müs
sen."
„DaS glaube ich weniger."
JD ja, das ist wahr."
„Weil er es gesagt hat?"
„Ich Hab' es sogar gelesen. Er hat
mir den Brief von feiner Frau
Schwester gezeigt. Sie ist eine Wtttwe
und Kordula heißt sie, und am 27.
Juni hat ihre Tochter in Linz gehei
rathet da ist er also gleich dort ge
blieben."
„Und nachher?"
«Ist er nicht wieder hierhergekom
men. Er hat feiner Hauswirthin, der
Frau Magauer, einen vollen Monats
zins ausgezahlt und ist mit Sack und
Pack abgereist. Er hat ja hier schließ
ltd auch keine Bekannten gehabt außr
unserem gnädigen Herrn. Was Hätte
er 'denn also da noch thun sollen?"
„Ja freilich Hat er Hier nichts mehr
zu thun gehabt," erwiderte Müller
ernst, „nachdem er gestohlen und
Aber was haben Sie denn? Sie wer
fen ja den Sessel um!"
Die Frau war unwillkürlich jäh
zurückgetreten, so daß sie an denStuhl
stieß, daß sie die Wand berührte. Mit
ihren dicken Zöpfen wischte ste an der
Tapete hin, als sie den Kopf wie in
Grauen abwandte. Auch ihre Hände
hielt sie an die Wand gepreßt, während
ihr Mund stammelte: „Mein Gott
umgebracht wird et ihn doch wenig
stens nicht haben!"
Der Detektiv starrte nach ihr hin,
und dann murmelte er: „So geschah
es! Ja so ist es geschehen!"
Die Frau bekam jetzt eine neue
Angst.
Von dem Schrecken der Vorstellung,
daß Moorland ermordet worden sei,
sich erholend, kam ihr jetzt der Ge
danke. daß dieser Herr Müller viel
leicht ein Verrückter sei.
Aber auch von diesem neuen
Schrecken sollte sie sich bald erholen.
Der Detektiv war schon wieder so
nihia, wie er früher gewesen, und sie
furchtet- sich jetzt nicht mehr vor ihm,
wiewohl sie auch jetzt seilte Rede nicht
verstand.
„Sie haben da sehr gut nachgespielt,
was in jener Nacht in diesem Zimmer
vorgekommen ist," sagte Müller.
„Sehen Sie, werthe Frau Haberleit
ner, gerade so, wie Sie es jetzt mach
ten, gerade so hat es Herr Rohling
am 15. Juli zwischen zwölf und ein
Uhr Nachts atmacht. Er aber hat
irgend etwas Blaues und sehr Nasses
um den Kopf gehabt und das hat
er dort an die Wand gepreßt, als er
gerade fo, wie Sie, in großem
Schrecken zurückwich."
„Aber, Herr Müller!"
„Nun, Frau Hab?rl?itner. der
Mann kann sich bei Ihnen bedanken,
denn auf Ihre gelungene Vorstellung
hin möchte ich beinahe daraus schwö
ren, daß er damals einen Mord nicht
beabsichtigte, daß er vielmehr bis zur
Fassunglosigkeit erschrak, als er den
alten Herrn, dem er nur zu einem tie
fen Schlaf verheben wollte, um unge
stört stehlen zu können, tobt fand.
So, liebe Frau und nun gehen Sic
wieder in Ihre Küche und kochen Sie
etwas recht Gutes für Ihre gnädige
Frau. Ich meine, die wird heute einer
ausgiebigen Stärkung bedürfen. Und
sagen Sie der Dame, daß ich im Laufe
des Tages wiederkommen werde."
Mit diesen Worten führte Müller
die halb Betäubte zur Thür und schob
sie hinaus.
Er selber blieb noch eine geraume
Zeit in den beiden Zimmern allein,
untersuchte noch da und dort und no
tirte noch einige?.
Und als er bann auf den Flur und
ins Freie hinaustrat, war das Wohn
zinttiter wieder gut verschlossen, und
der Schlüssel in.. Müllers Tasche.
Auch der benutzte Römer stand jetzt
nicht mehr auf der Kredenz, den hatte
der Detektiv auch in die tiefe Tasche
seines Havelocks geschoben.
14. Kapitel.
Frau Elise Magauer bekam eine
halb« Stunde später einen Besuch,
über den sie nicht wenig erschrak.
Es kam nämlich ein Gendarm mit
einem Herrn, den sie nicht kannte, zu
ihr.
„Mein Herr und Gott, was ist
denn?" stammelte sie erregt.
Da klopfte ihr der Gendarm be
ruhigend auf die Schulter und et
Harte ihr, daß er gar nichts mit ihr
selbst zu thun habe, daß aber der
Herr, der mit ihm gekommen sei,
einige Fragen an sie zu richten habe,
und baß sie diese ohne Rückhalt und
nach bestem Wissen und Gewissen be
antworten solle. Müller dankte dem
Mann und entließ ihn, da er feiner
nicht mehr bedurfte.
Als Frau Magauer dieThür hinter
dem Gendarmen geschlossen hatte und
sich wieder Müller zuwendete, nickte
dieser ihr freundlich zu und sagte:
„So jetzt führen Sie mich einmal
in das Zimmer, das Herr Rohling be
wohnt hat."
„Geht's also den Herrn Röhling
an?" fragte die Frau schüchtern.
..Ja."
Frau Magauer hatte Müller auf
den Flur hinausgeführt und dort eine
Thür geöffnet. Müller betrat ein net
tes, freundliches Zimmer, das die
Aussicht auf einen großen Garten
hatte.
Er schloß, nachdem auch die Frau
eingetreten war, die Thür, setzte sich
auf das ein wenig harte Sofa und
zeigte auf den nächsten Stuhj.
Als auch Frau Magauer etwas
umständlich Platz genommen
begann Müller zu fragen.
(Fortsetzung folgt.)

..Deutscher Herold", Donnerstag, den Okiober 1907.
All Aim mil Den nieten Humen.

xml | txt